„Es knarzte schön“

Interview Kevin Kühnert über seine zweite Leidenschaft: das Groundhopping
„Es knarzte schön“
Valencia! Wer seinen Schädel in den Schatten schafft, kann die Steilheit der Architektur sorgenfrei genießen

Foto: Getty Images

Groundhopper sind Sammler. Sie wollen möglichst viele Spiele in möglichst vielen Stadien (und Ländern) besuchen. Kevin Kühnert macht nicht eigens Groundhopping-Touren, aber er kombiniert seine Reisen wenn immer möglich mit einem Stadionbesuch.

der Freitag: Kevin Kühnert, wann waren Sie das letzte Mal auf einem Ground?

Kevin Kühnert: Ich habe zuletzt nicht so viel Urlaub gemacht.

Im Wahlkampf ging gar nichts?

Doch, die Wahlkampftouren haben wir auch mit Groundhopping verbunden. Im August haben wir im NRW-Wahlkampf das Spiel Vfl Bochum gegen St. Pauli mitgenommen. Am nächsten Tag dann Bielefeld gegen Regensburg. Die Alm ist ein megatolles Stadion. Schön eng, gute Stimmung.

Wichtig ist ja auch, wie ein Stadion mit der Umgebung harmoniert. Schön, wenn es in die Stadt eingebaut ist.

Eines der krassesten Beispiele steht in Valencia: Das Estadio Mestalla. Es liegt mitten in der Stadt. Ganz steile Ränge, sehr platzsparend gebaut. Wenn man dort oben auf der Gegengerade im Rang sitzt – die Gegengerade ist höher gebaut als die Haupttribüne –, dann schaut man übers Stadion hinweg auf die Stadt. Ein starkes Bild.

In Deutschland wird dagegen fast nur noch auf die grüne Wiese gebaut.

Wir haben mal einen Kongress im Stadion von Mainz 05 veranstaltet, das gerade neu gebaut worden war. Da habe ich das erste Mal gemerkt, was das bedeutet. Am Bahnhof ankommen, mit der Straßenbahn durch die Stadt, dann an einer Wiese aussteigen und noch über 100 Parkplätze hinwegschreiten. Irgendwo im Nirgendwo...

...Hoffenheim...

...an der Autobahn. Regensburg genauso. Auch an der Autobahn. Plötzlich diese Hütte.

Könnte man Stadien an Autobahnen nicht verbieten?

Hahaha. Schön wär‘s.

Zur Person

Kevin Kühnert wurde 1989 in Westberlin geboren. Er gilt als Hoffnungsträger seiner Partei, der SPD. Seit November 2017 ist er Vorsitzender der Jusos. Im Jahr davor wurde er Mitglied im Aufsichtsrat des Fußballvereins Tennis Borussia Berlin (TeBe)

Foto: Imago

Schön fügt sich der Jahnsportpark in Berlin in die Umgebung. Waren Sie da mal?

Ja, im ViP-Sportbereich. In der Mielke-Loge oben. Der volle DDR-Charme.

Das Beste an diesem Stadion sind die Flutlichtmasten. Ein Wahrzeichen!

Diese Masten verschwinden leider auch. Im Osten wurden sie oft sehr massiv gebaut, mit starken Betonelementen. Was Sie beim Jahnsportpark haben, hatten Sie auch beim alten Rudolf-Harbig-Station in Dresden. Richtig krass ist es in Brandenburg an der Havel. Stadion am Quenz. Von Stahl Brandenburg, ein Betriebsverein. Da hat der Betrieb mal gezeigt, was er so kann. Was für ein Klopper. Heute wird das Licht leider integriert. Das hatte im Münchner Olympiastadion angefangen. Da sind die Lichtanlagen am Dach angebracht.

Werden sich die Stadien nicht sowieso immer ähnlicher?

Das ist eine Kostenfrage. Das Baukastenprinzip. Schwierig, da noch was Individuelles anzubringen. Klar, die Entscheidung, ob der Gästeblock im dritten Rang untergebracht ist wie in der Allianz Arena, oder wenigstens eine Ecke hinter dem Tor bekommt, kann dann wichtig werden.

Lieblings-Ground in Berlin?

Das Hans-Zoschke-Stadion in Lichtenberg ist toll. Ein richtiger englischer Ground.

Das kann man ja nun vom Mommsenstadion, wo Ihr Verein TeBe spielt, nicht behaupten...

Nein. Aber zum Stadion des eigenen Vereins hat man einen anderen Bezug. Die vielen Erinnerungen ... Das Mommsenstadion hat seinen eigenen morbiden Charme. Wir haben ja eine Anzeigetafel. Sie hat kaum noch Power, aber es war eine der ersten Videowände der 90er Jahren.

Sie waren mit TeBe auch bei vielen Auswärtsspielen. Viel in Ostdeutschland. Rechtes Land?

Wenn man Babelsberg, Chemie oder Jena wegzählt, ist vieles ziemlich trist. Viele der Dorfvereine haben ja gar nicht wirklich eine Fan-Kultur. Aber bestimmte Leute kamen, weil wir TeBe-Fans einen politischen Ruf hatten. Auf dem Weg zum Spiel haben wir dann eher ein Bierchen weniger getrunken, weil man einen klaren Kopf bewahren musste. Es war dann so, dass die Leute, mit denen wir über Jahre zu tun hatten, irgendeinmal den Ordnungsdienst übernommen haben. Echt unappetitlich.

Welches ist das am weitesten entfernte Stadion, das sie bisher besucht haben?

Daressalam, Tansania. Da haben wir uns das Derby angeschaut, zwischen Yanga und Simba. Da herrscht eine ganz andere Fußballkultur, spielunabhängiger. Eine 90-minütige Party. Ein afrikanischer Rave.

Lauter Stehpätze?

In den Kurven ja. Aber wir saßen. Es war unfassbar heiß. Es gab ein Stadiondach und alle haben versucht, auf Schattenplätzen zu sitzen. Das ging nur sehr bedingt.

Merken Sie sich Zuschauerzahlen? Wissen Sie noch, wie viele da waren?

Die Hütte war voll. 50.000 bis 60.000. Ich kann ganz gut schätzen.

Welche Rolle spielt das Klima? Muss es nicht in England regnen und in Afrika sehr heiß sein?

Nein, ich mag Hitze nicht, das versaut mir das Erlebnis, man verträgt das Bier schlechter.

Aber der Beton wird so schön heiß!

Also ein besonders inniges Verhältnis zu Baumaterialien habe ich nun nicht.

Holz? Der Geruch der alten Holztribüne?

Da haben Sie recht. Ich erinnere mich an einen Besuch bei den Hearts in Edinburgh. Auf drei Seiten ist das ein relativ modernes Stadion, aber es gab noch die Haupttribüne aus Holz. Es knarzte so schön. Und es regnete auch.

Sie sind ja ein Teilzeit-Groundhopper. Kennen Sie auch die Fanatiker? Die jeden Urlaub nutzen, um Länderpunke zu sammeln.

Ja, ich kenne solche Leute. Es wandelt sich ein wenig bei den jüngeren Leuten. Die sind nicht mehr ganz so auf das reine Sammeln aus und nehmen auch neue Aspekte mit rein. Einer hat einen Blog, wo er dann die Bratwurst mit abbildet, die es im Stadion gibt.

Sehr gut gefallen mir auch die Seiten bei den 11 Freunden, wo Leute aus ihrem Urlaub die Fotos von ihren Spielbesuchen einsenden und kurz berichten. Ob das jetzt im tiefsten Uruguay ein Erdplatz ist, Zuschauer 33, oder ein großes Spiel.

Sammeln Sie die Tickets von ihren Besuchen?

Ja, aber ich katalogisiere sie nicht.

Das ist dann vielleicht eine Rentneraufgabe. Wie viele haben Sie?

Quer durch die Sportarten 500-600.

Wann sind Sie auf das Groundhopping gekommen?

Zu der Zeit als Sport1 noch DSF hieß, gab es kaum Programm und einige Reportagen liefen als Dauerschleifen. So sah man endlos eine Groundhopping-Reportage, muss so um 2000 gewesen sein. Über eine Truppe aus Hessen, Jens-Uwe Hanssen hieß der Anführer, weiß ich noch. Die sind Freitagabend in einen alten Corsa gestiegen, nachdem sie sich noch ein Landesliga-Hessenmitte-Spiel in Alsfeld angeschaut haben, und nach Tschechien gefahren. Hradec Králové gegen Opava. Da steht ein Typ und zeigt zum verrosteten Zaun zum Spielfeld runter und sagt: Sowas gibt es in Deutschland gar nicht mehr. Dazu der Kommentar aus dem Off: „Groundhopper brauchen einen Stadioninstinkt“. Diesen Film muss man Leuten zeigen, die nicht wissen, was Groundhopping bedeutet.

06:00 18.06.2018

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