Flüchtlingspolitik mit Kant

Helfen Es ist schon ein verdammt gutes Gefühl, Gutes zu tun: Über den Enthusiasmus als ästhetisch-moralische Kraft
Michael Angele | Ausgabe 37/2015 29
Flüchtlingspolitik mit Kant
Wer Flüchtlingen hilft, wärmt nicht nur deren Herz, sondern auch das eigene

Bild: Joe Klamar/AFP/Getty Images

Norbert Mappes-Niediek ist ein unverdächtiger Zeuge. Der österreichische Journalist und Balkan-Experte, der auch für den Freitag schreibt, hat in vielen Beiträgen seine Sympathie für bedrängte Minderheiten gezeigt. Nun hat er auf Facebook eine irritierende Beobachtung vom Wiener Westbahnhof mitgeteilt. „Aufgefallen ist mir dort die merkwürdige Euphorie bei den Helfern. Strahlende Augen, Klatschen, Schulterklopfen, Rührung – von Helferszenen anderswo kenne ich das so nicht. Was ist da los?“ Später wurde er deutlicher: „Schön, dass so viel geholfen wird.Aber ich habe jetzt schon mehrere Helferszenen erlebt, auf dem Balkan und am Brenner, und da war die Stimmung eine ganz andere. Freundlich, aber viel nüchterner.“

Als ich seinen Eintrag las, stimmte ich sofort innerlich zu. Ich glaubte zu wissen, was er meint: dass außer dem Gefühl der Empathie noch etwas anderes in den Handlungen und Gesten mitschwingt. Dass sich im Strahlen, Klatschen und Schulterklopfen etwas zeigt, das nicht die Flüchtlinge meint, sondern uns. Aber was genau?

Narzissmus

Wer mit dem bösen Blick durch die Welt geht, wie der konservative Moralist Jan Fleischhauer vom Spiegel, neigt dazu, die Motive der Helfenden an sich in Frage zu stellen: Schaut her, ihr tut anderen Gutes, weil es euch guttut. Ihr nennt euch Altruisten, aber in Wirklichkeit seid ihr Egoisten, und wehe, das Objekt eurer narzisstischen Liebe verhält sich nicht so, wie ihr wollt, wehe, der refugee ist dann auch nur ein Mensch, vielleicht noch nicht einmal ein sympathischer. Dann wendet ihr euch rasch ab.

Da ist was dran. Und doch sind die Motive des Helfens nicht so einfach zu diskreditieren, selbst für den nicht, der den narzisstischen Anteil an ihnen nicht gering veranschlagen möchte. Ja, es ist ein gutes Gefühl, mit vielen etwas Gutes zu tun. Und ja, wer Flüchtlingen hilft, wärmt nicht nur das Herz der Bedürftigen, sondern auch das eigene. Aber man muss gar nicht in ein Lob der Eigenliebe zum Nutzen aller verfallen, es reicht ein Blick auf Immanuel Kants Überlegungen zum Enthusiasmus. Enthusiasmus nannte der gerade oft zitierte Philosoph in der Kritik der Urteilskraft die „Idee des Guten mit Affekt“.

Und er präzisierte: „Wie jeder Affekt ist dieser Gemütszustand blind, er kann also der Vernunft nicht wohlgefallen. Ästhetisch aber ist er erhaben, weil er eine Anspannung der Kräfte durch Ideen ist, welche dem Gemüte einen Schwung geben, der weit mächtiger und dauernder wirkt als der Antrieb durch Sinnenvorstellungen.“ Ohne hier auf die knifflige Ästhetik des Erhabenen eingehen zu können, kann man Gefühle, die nachhaltiger wirken als Affekte, die auf Sinneseindrücken basieren, als Stimmung bezeichnen.

Revolutionär

Der Enthusiasmus, den Norbert Mappes-Niediek am Wiener Westbahnhof wahrgenommen hat, ist eine Stimmung, die im Moment ja nicht nur das halbe Land trägt. Kollektive waren auch in der Geschichte schon beflügelt von der "Idee des Guten". Edmund Burke etwa, ein Zeitgenosse von Kant, hat beschrieben, wie die französische Revolution von einem weit verbreiteten „Enthusiasmus der Freiheit“ und einem der „Gerechtigkeit“ geradezu ermöglicht wurde.

Gut, danach kam der Terror, aber um seine Psychologie zu charakterisieren, muss man auf ganz andere Begriffe zurückgreifen. Die "Idee des Guten" ist es jedenfalls nicht, die den Jakobinismus beflügelte, eher die Idee des Reinen (und die Paranoia). Und überhaupt, was wäre die Alternative zum Enthusiasmus und seinen projektiv-narzisstischen Anteilen? Beim Preußen Kant natürlich: Helfen aus einem Pflichtbewusstein heraus. Wer das besser findet, bitte schön.

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