Furcht und Zittern

Kulturkommentar Wenn Botho Strauß eine Glosse schreibt, fühlen sich viele provoziert und einer missverstanden
Michael Angele | Ausgabe 41/2015

Nach dem Anschwellenden Bocksgesang von 1993 veröffentlichte der Spiegel nun also wieder einen Essay von Botho Strauß, der für heftige Reaktionen sorgt. Der letzte Deutsche heißt er. Der Slogan ist natürlich die halbe Miete, er stammt aus den Unbeholfenen. Mit einem (Selbst-)Zitat aus diesem Band hebt der Text an, allerdings ist das Bild dieses letzten Deutschen so heiter-frei gezeichnet – „ein Strolch, ein in heiligen Resten wühlender Stadt-, Land- und Geiststreicher“ –, dass die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zu Recht fragte, ob der Rest der "Glosse", wie Strauß den Spiegel-Essay genannt haben will, wirklich vom selben Autor stammt. Denn der Rest ist dunkeldeutsche Rede. Wir haben erfahren: Der Text ist schon von Botho Strauß. Aber uns liegt ein Brief vor, in dem er sich erklärt:

„Liebe Redaktion, ja, es ist wahr, ich habe die Glosse Der letzte Deutsche geschrieben, genau so, wie sie im Spiegel abgedruckt wurde. Aber manchmal formuliert man in seiner Einsamkeit die Dinge eben etwas drastischer, als man sie tatsächlich meint. Was ich sagen wollte: Ich mache mir Sorgen, ob wir das mit den Flüchtlingen hinbekommen. Ich meine, wer hat sie nicht? Und ich frage mich eben auch, ob wir unsere Willkommenskultur nicht gerade etwas arg forcieren, irgendwo, ich glaube sogar im Freitag, habe ich gelesen, dass dahinter eine ,Furcht‘ stecke. Also habe ich das so geschrieben. Oder die Sache mit der ,Schwulenehe‘. Es ist doch klar, dass viele, die jetzt zu uns kommen, damit ihre Probleme haben. Das wollte ich sagen, wenn ich schrieb, dass die Einwanderer damit nur klarkommen, wenn ,sie sich von ihrem Glauben und Sittengesetz verabschieden und also eine weitere Entwurzelung hinnehmen müssen‘.

Klar klingt das etwas geschraubt, aber ich sitze nun einmal hier und lese meinen Hölderlin und die Griechen, da bleibt etwas in der Sprache hängen. Und ich lese die Zeitung. Da lese ich dann von diesem Lynchmord an einer tief religiösen afghanischen Frau. Die Menge johlt und filmt die Tat. Ich meine, ich habe gefragt: ,Wie soll ich das verkraften?‘ Ist doch eine legitime Frage. Aber gut, es geht ja um den Schwurbelsprech, der mir vorgeworfen wird. Hier: ,Die Sorge ist, dass die Flutung des Landes mit Fremden eine Mehrzahl solcher bringt, die ihr Fremdsein auf Dauer bewahren und beschützen.‘ Hätte ja auch schreiben können, wir müssen aufpassen, dass bei uns keine Parallelgesellschaften entstehen. Dann hätten von links bis rechts alle genickt. Will ich das? Nein! Da muss ich dann eben aufpassen, dass ich es dem Leser nicht zu einfach mache. Ich kann doch nicht zum Widerstand gegen Meinungsterror und Konformitätswahn aufrufen (quasi) und dann selbst konformes Zeugs schreiben, Mainstream. Das wäre irgendwie paradox.

Und so mache ich mir das Leben selbst schwer, sonst wäre ich ja auch nicht Schriftsteller, sondern, ach, egal, auch ich habe meine ‚künstlichen Paradiese‘ (Baudelaire), flashe mich in ländlicher Abgeschiedenheit manchmal in das gute alte ,geheime Deutschland‘ und sehe mich als den Letzten der Verschwörer. Fühlte ich mich in Berlin noch heimisch, würde ich in gleicher Stimmungslage vermutlich Drogen nehmen und ins Berghain gehen. Aber das Beste ist der Schluss. Ich schreibe da von den ,Verantwortlichen‘, die ,in täuschenden Beschwichtigungen ausweichen. Die Schwäche zeigen‘. Hallo, wenn einer Schwäche gezeigt hat, dann wohl ich mit meiner Glosse. Fällt mir gerade ein, dass glossa auf Lateinisch Sprache und Zunge heißt! Könnte es nicht sein, dass es das ist, was ich Ihnen allen gezeigt habe?

Es grüßt, Ihr B. S.“

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06:00 21.10.2015

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