Garantiert intrigenfrei

Nobelpreis und Co Die Literaturpreise haben es nicht leicht, die Jurys werden kritisiert. Nun gibt es einen originellen Vorschlag
Garantiert intrigenfrei
Der Nobelpreis ist immer auch eine Gelddruckmaschine, in letzter Zeit vor allem aber eine Geschichtenmaschine

Foto: Vilhelm Stockstad/AFP/Getty Images

Der Literatur-Nobelpreis wird in diesem Jahr nicht vergeben. Eine schlechte Nachricht ist das besonders für die, die ihn sich erhoffen, und damit sind nicht nur Schriftsteller oder Schriftstellerin gemeint, sondern ebenso die Verlage, die einen potentiellen Preisträger im Sortiment haben. Der Nobelpreis ist ja immer noch eine Gelddruckmaschine.

Aber er ist natürlich auch eine Geschichtenmaschine, wie die Vergabe des Preises an Bob Dylan im vergangenen Jahr gezeigt hat. Für das Publikum ist es darum vielleicht nicht ganz so schlimm, in diesem Jahr auf einen Literaturnobelpreisträger verzichten zu müssen – der vor drei Jahren gleich noch mal wie hieß? –, wird es doch durch enorm unterhaltsame (bestürzende) Geschichten um das Jurymitglied Katarina Frostenson und ihren Mann entschädigt, den bis dato nur Insidern bekannten Kulturschaffenden Jean-Claude Arnault, der auf neueren Fotos so geckenhaft aussieht, dass er sich in einer Verfilmung unbedingt selbst spielen müsste. Und diesen Film wird es geben, denn die Verdorbenheit, die vom Grund des Nobelpreises ihren süßen Gestank in alle Welt verbreitet, braucht sich hinter einem Oeuvre wie Liasons Dangereuses nicht zu verstecken und das ausgerechnet in Schweden. Jetzt soll sogar die Prinzessin ein Opfer der Belästigungen geworden sein!

Dergleichen Abgründe sind von den hiesigen Literaturpreisen nicht bekannt. Aber im Gerede stehen natürlich auch sie. Jedenfalls in der Branche. Und vermutlich seit es sie gibt. Denn einen Preis zu vergeben, heißt ja eine Wahl zu treffen, und andere Kandidaten leer ausgehen zu lassen. Da ist die Kritik dann nicht weit: Warum dieser? Warum nicht jene, die es weit mehr verdient hätte? Das muss doch Gründe außerhalb der literarischen Qualität des Werks haben!

Glaubt man dem Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch wird eine solche Kritik, man könnte sie die Verdachts-Kritik nennen, in jüngster Zeit von Entwicklungen im Jurywesen befeuert, die ihrerseits gesellschaftliche Änderungen widerspiegeln. Es geht kurz gesagt darum, dass sich Jurys diversifizieren. Man muss beachten, dass Migrantionshintergrund erkennbar wird, oder dass genügend junge Frauen dabei sind, oder nicht nur Mitarbeiter beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk usf. „Die Jurys werden deshalb auch immer größer, auch immer unüberschaubarer, und je gremienhafter sie sind, desto intrigenanfälliger sind sie ja.“, sagte Hörisch im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Ob die Jurys tatsächlich „immer größer“ werden? Müsste man mal nachzählen. Hörisch jedenfalls bevorzugt die „Ein-Mann-Jury“, wie es sie etwa beim Kleist-Preis gibt, der dieses Jahr vom ungarischen Essayist László F. Földényi an Christoph Ransmayr vergeben wurde. „Da kann man Ross und Reiter nennen, es kann keine Intrigen geben.“

Das vielleicht nicht, aber undurchschaubar bleibt das Urteil natürlich trotzdem. Dabei hat der über hundert Jahre alte Kleist-Preis klare Richtlinien. Er hat „Ehrengaben aufstrebenden und wenig bemittelten Dichtern deutscher Sprache, Männern und Frauen, zu gewähren“. Schaut man sich die Preisträger der letzten Jahre an, ist von diesen Richtlinen wenig zu spüren. Es gab deshalb auch Kritik. Jede Jury hat eben ihre eigenen Probleme. Sie allesamt abzuschaffen, klingt verführerisch, wäre aber auch keine Lösung. Und eine Welt ganz ohne Intrigen wäre vielleicht besser, aber leider auch langweiliger.

06:00 04.05.2018
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