Gewalt und Charakter

Debatte Lutz Taufer saß als RAF-Terrorist 20 Jahre in Isolationshaft. In seinem Buch beschönigt er nichts. Und bleibt sich trotzdem treu – in den Favelas
Michael Angele | Ausgabe 29/2017 1

Der Name Lutz Taufer stand schon einmal prominent in unserer Zeitung. Im November 1992 druckte der Freitag einen offenen Brief des Publizisten Lothar Baier an den „RAF-Häftling“. Taufer saß damals in Celle in Isolationshaft. Im April 1975 hatten Taufer, Karl-Heinz Dellwo und fünf weitere Terroristen des Kommandos Holger Meins die deutsche Botschaft in Stockholm gestürmt, zwölf Geiseln genommen und zwei von ihnen ermordet, als sich der deutsche Staat weigerte, auf die Forderungen nach der Freilassung von 26 inhaftierten RAF-Mitgliedern einzugehen. Zwei Jahre später wurde Taufer zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Über seine konkreten Taten in Stockholm schweigt er bis heute, über seine Schuld nicht. 1995 wurde er begnadigt. Aber schon davor hatte er sich „weit aus dem verbalen Mikrokosmos der RAF“ entfernt, wie Lothar Baier in seinem offenen Brief fand. Taufer hatte in einem Aufsatz das Widerstands-Pathos der militanten Linken hinterfragt. Das machte ihn nicht gerade beliebt bei den Genossen. Aber wohlgemerkt: Er schrieb seine Kritik an den Verstiegenheiten des Linksterrorismus nicht aus der Position des Renegaten. Und er tut dies, anders als andere, auch heute nicht.

Lutz Taufers Weg aus der Militanz ist ein anderer. Diesen Weg beschreibt jetzt sein schnörkellos, stellenweise packend geschriebenes Buch Über Grenzen. Vom Untergrund in die Favela. Und es versucht eine Antwort auf eine Frage zu geben, die sich damals auch Lothar Baier im Freitag gestellt hatte: „Wir kommen beide aus dem gleichen kleinbürgerlichen Milieu der gleichen süddeutschen Stadt, sind in den fünfziger Jahren, als wir uns kennenlernten, von ähnlichen Lehrern unterrichtet worden, diesen verbitterten Kriegsheimkehrern, ‚schlechten Pädagogen‘, wie Du schreibst, von denen aber ‚gute Lektionen zu lernen waren: Krieg ist schlecht‘. Unpolitisch, allenfalls vage pazifistisch gestimmt, hast Du nach der Ermordung von Benno Ohnesorg das erste politische Flugblatt in die Hand bekommen, bei mir war es ähnlich. (…) Was also ist letzten Endes verantwortlich dafür, dass Du, bei so ähnlichen Bedingtheiten, in einer Gruppe gelandet bist, die sich dem bewaffneten Kampf verschrieben hatte, ich meinerseits das Leben eines unauffälligen Literaten führte?“

Die Antwort, die Taufer gibt, mag nicht erschöpfend sein, aber sie zeigt, dass es Gründe für die Radikalisierung gab. Das ist natürlich nicht unbedingt eine Neuigkeit. Wie viele Regalmeter, nein: Kilometer füllt die Literatur über den deutschen Linksterrorismus? Wie oft wurde das alles durchgekaut? Aber wurde es auch „durchgearbeitet“, im Sinne der Psychoanalyse? Wohl kaum, sonst würde man sich nach den Krawallen in Hamburg nicht in den Deutschen Herbst zurückversetzt fühlen.

Der Vietnamkrieg

Es macht also Sinn, an diese Gründe zu erinnern – gerade auch dann, wenn ihre Benennung die historische Distanz zur heutigen Militanz kenntlich machen sollte. Natürlich stand am Anfang der Politisierung das Nachwirken des Nationalsozialismus, auch bei Taufer, der ein interessantes Elternhaus skizziert: Weit davon entfernt, im Widerstand gewesen zu sein, waren Vater und Mutter antinationalsozialistisch eingestellt, ohne ihre autoritären Prägungen ablegen zu können. Vaters Imperativ an den Sohn: „Sag nie wieder Jawoll!“ bringt das Paradox auf den Punkt.

Radikalisiert wurde Taufer wie seine Generation durch den schmutzigen Vietnamkrieg. An die vielen gefallenen Vietcong-Kämpfer habe man damals allerdings nicht gedacht, schreibt Taufer, der sich diese Sensibilität für das Fortleben des kolonialen Blicks selbst im antiimperialistischen Milieu abseits der „westlichen Metropolen“ erworben hat. Der Vietnamkrieg sensibilisierte und desensibilisierte zugleich; nicht zuletzt wirkte er auf die RAF enthemmend. Andererseits brachte die breite Front gegen diesen Krieg eben auch einen „Internationalismus“ hervor, den die Linke heute schmerzlich vermisst.

Vollends radikalisiert wurde Taufer wie andere RAF-Mitglieder schließlich an den Rändern der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Bekanntlich hatte Ulrike Meinhof sich in der Heimerziehung aufgerieben und mit Bambule einen aufwühlenden Film über rebellierende Mädchen im Erziehungsheim gedreht. Bei Taufer war es das Überwachen und Strafen in der Psychiatrie. Er engagierte sich im Heidelberger Sozialistischen Patientenkollektiv (SPK), das die herkömmlichen Vorstellungen von Arzt und Patient außer Kraft setzte und Ausdruck einer „Übergangszeit“ war, wie Taufer nüchtern schreibt.

Die Verdammten dieser Erde

1971 wurde das SPK zerschlagen. Solche Erfahrungen im „Hinterland des Imperialismus“ führten dazu, dass der eigene Gang in die Militanz direkt auf den weltweiten Befreiungskampf zuzulaufen schien. Als Taufer am Ende seiner Haft steht (die in eindrücklichen Vignetten beschrieben wird), ist von diesem alten Evidenzzusammenhang nichts mehr übrig. „Die Zeit der revolutionären Zielsetzungen, die den Alltagsbeweis nicht mehr antreten können, ist vorbei“, schreibt Taufer in dem Essay, der Baier zum offenen Brief drängte.

Aber die Verdammten dieser Erde – wie das von Frantz Fanon verfasste Standardwerk jener vergangenen Zeit heißt –, die gab es immer noch. Taufer findet sie in den Favelas von Brasilien. Seiner Arbeit in den Elendsvierteln von Rio de Janeiro ist der zweite Teil seines autobiografischen Buchs gewidmet. Es zeigt, wie einer versucht, sich auch nach dem Ende der großen Idee treu zu bleiben. „Dekolonialisierung der Köpfe und Herzen“ lautet die Chiffre hierfür.

Es ist eine neue vita activa, eine ohne Verklärung. Zumal nicht der Zustände und Mentalitäten in einem Land, in dem es für die linke Mittelschicht ebenso normal scheint, ihre Bediensteten aus den Favelas zu rekrutieren, wie es schwer ist, einen der dortigen Jugendlichen zu überzeugen, dass es Besseres gibt, als ein narcotráfico, ein Drogenhändler zu werden. Taufer beschreibt das mit Herzblut und einem für einen ehemaligen Linksradikalen ungewöhnlichen Humor, der auch vor der Einsicht nicht haltmacht, dass ihn erst einmal nicht der „Alltagsbeweis“ der revoutionären Gewalt nach Brasilien trieb, sondern eine „ganz andere Alltagsatmosphäre“ mit allem (Lust am Kontakt, Humor, Erotik), was „seit Stefan Zweig“ unendlich oft geschrieben wurde.

Lutz Taufer hat diese Momente gefunden, aber mehr noch eine Gesellschaft in einer „Erstarrung“, die ihn an die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft erinnerte. „Jeder an seinem Platz“ lautet die zeit- und ortsübergreifende Formel, die einen Kreis zu schließen scheint. Das bedeutet umgekehrt, wer sich aus der Erstarrung lösen will, muss seinen Platz verlassen. Über Grenzen gibt eine ganz gute Vorstellung, wie das gehen könnte.

Info

Über Grenzen. Vom Untergrund in die Favela Lutz Taufer Assoziation A 2017, 288 S., 19,80 €

06:00 23.07.2017
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