Gute Deals, schlechte Deals

Polit-TV Die dänische Serie „Borgen“ begeistert in ihrer Verbindung von Unterhaltung und Anspruch. Was genau kann man von ihr lernen?

Es wird ja gerade viel von einer „Erzählung“ geraunt, die eine Regierungspartei wie die CDU finden muss, aber man sollte ob dieser neu entdeckten Liebe zum Narrativen nicht vergessen, dass das Regieren selbst streng genommen wohl nicht erzählbar ist. Jedenfalls ergibt die Summe aus Sitzungsprotokollen, Aktenstudien, Gremienarbeit und Presseterminen auch bei schönstem Kunstlicht keine Fernsehserie, die man schauen will. Am anderen Ende der narrativen Skala ist eine heroische Erzählung übers Regieren nur in Diktaturen möglich.

Klug ist es in unseren Breitengraden, eine mittlere Lage einzunehmen: Zeige ein wenig Aktenstudien und etwas mehr Tatkraft, vor allem aber: Stelle das Regieren als eine Kunst des Kompromisses dar. In dieser Lage lassen sich Unterhaltungswunsch und Bildungsanspruch ideal verbinden. Das beweist der Erfolg der dänischen Serie Borgen, deren erste Folge in Dänemark mit 1,5 Millionen Zuschauern pro Folge ein regelrechter Straßenfeger war und das Interesse der Dänen an Politik messbar steigerte sowie europaweit gelobt und preisgekrönt wurde. Auch der US-amerikanische Sender NBC hat sich vergangenes Jahr die Rechte gesichert, wenngleich die Arbeit am Remake etwas in Stocken zu geraten scheint. Wer weiß, vielleicht steckt dann doch zu viel europäisch-dänischer Parlamentarismus in der Serie?

„Borgen“ nennen die Dänen umgangssprachlich ihren Regierungssitz Christiansborg, das vermittelt sich in Deutschland nicht, Gefährliche Seilschaften heißt die Serie bei uns. So plakativ der Titel klingt und Politik als per se schmutziges Geschäft nahelegt, so zielt er doch auf den Grund, warum der Kompromiss eine Kunst ist: Weil er stets mit der Intrige rechnen muss, die ihn zunichte machen will. Das muss Brigitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) von der Partei der Moderaten schon während des Wahlkampfs lernen, aus der sie als neue Ministerpräsidentin ohne stabile Mehrheit hervorgeht.

Sie lernt es aber auch sehr bald von ihrem Medienberater und Spindoktor Kasper Juul (Pilou Asbæk), der notfalls Nyborgs Mann fürs Grobe ist. Juul ist ein Zyniker, der freilich so ist, wie er ist, weil er als Kind vom eigenen Vater missbraucht wurde. Offenbar ist Zynismus als reine Folge von Medienberatung dem TV-Zuschauer nicht vermittelbar.

Das Boulevardblatt

Aber wir wollen nicht mäkeln, der Zuschauer kann selbst bei diesem Thema aus Borgen lernen. Wir schreiben Folge drei: Juul ist nun auch für Nyborg so unerträglich geworden, dass sie ihn entlässt und einen Rhetorikdozenten einstellt, der alles ganz anders machen will, aber es gleich mit seinem ersten Fernsehauftritt vermasselt. Er begeht den Fehler, den Politiker und Anverwandte bei Strafe ihres Untergangs vermeiden sollten: Er legt sich mit der Boulevardpresse an. Sein Angriff gilt dem Blatt Ekspres und ihrem Chefredakteur Michael Laugensen (brillant: Peter Mygind), der als Vorsitzender der rechtspopulistischen Arbeiterpartei zwar einen schmutzigen Wahlkampf gegen den Ministerpräsidenten führte, letztlich aber gegen Nyborg verlor.

Dass Politikerkarrieren, wenn sie scheitern, häufig in erfolgreichen Medienkarrieren münden, zeugt davon, dass das Autorenteam um Adam Price das Wesen der Mediokratie verstanden hat. In Borgen sind Massenmedien so wichtig wie Regierende. Nyborg holt Juul wenig später nicht zuletzt deshalb zurück, weil er durch eine alte Liaison zu der ebenso ehrgeizigen wie engagierten Journalistin Katerine Fønsmark (Brigitte Hjort Sørensen) exzellente Kontakte zum Staatssender TV-1 besitzt. TV-1 berichtet exzessiv über die dänische Politik, häufig in Form des Liveinterviews. Etwas überspitzt könnte man sagen, dass jede Handlung der zehn Episoden der ersten Staffel ihre Spieglung und Verdichtung in einem oder mehreren Fernsehauftritten des politischen Personals erfährt.

Am Donnerstag startet auf Arte nun also die zweite Staffel der Serie, und man muss bedauern, dass der Sender nicht auch die ersten Episoden noch einmal zeigt. Die erste Folge der zweiten Staffel dreht sich um den dänischen „Einsatz in Afghanistan“. Nachdem in der ersten Staffel innenpolitische Themen leicht im Vordergrund standen, geht es nun also entschlossen aufs Terrain der Außenpolitik. Brigitte Nyborg ist auf Besuch bei den dänischen Truppen, muss jedoch Hals über Kopf das Lager verlassen, weil unmittelbare Gefahr durch die Taliban droht. Katerine Fønsmark hingegen, die nach ihrer Kündigung bei TV-1 für Ekspres vor Ort ist, entscheidet sich zu bleiben – aus Angst vor einem Konflikt mit ihrem Chefredakteur Michael Laugesen. Ehe sie sich versieht, muss die Journalistin miterleben, wie ein Soldat stirbt.

Borgen ist an dieser Stelle ein weiteres Beispiel dafür, dass die Progammverantwortlichen des dänischen Fernsehens dem Zuschauer offenkundig mehr zutrauen als ihre Kollegen in Deutschland. Bemerkenswert, dass sich gleich zwei der zehn neuen Folgen um einen Bürgerkrieg in einem fiktiven afrikanischen Land drehen. Dänisches Fernsehen, du traust dir bekanntlich mehr zu: In der ähnlich erfolgreichen Krimiserie Forbrydelsen, die in Deutschland unter dem Titel The Killing ebenfalls bei Arte und als Kommissarin Lund – Das Verbrechen imZDF lief, nahm man sich sogar fünf Folgen Zeit für eine Mordserie an dänischen Elitesoldaten, die im Afghanistan-Krieg im Einsatz gewesen waren.

Auch die zweite Folge „Wer wird EU-Kommissar?“ muss nach deutschen öffentlich-rechtlichen Maßstäben als gewagt bezeichnet werden. Es gelingt Jannik Johansen, der diese Folge inszeniert hat, jedoch das seltene Kunststück, EU-Politik als mitreißende Sache zu erzählen. Nyborg will zunächst ihren Mentor Bent Seiro berufen, einen Freund der Familie, mit dem sie parteipolitisch immer öfter überkreuz liegt. Der väterliche Freund zeigt sich empört über den Vorschlag, er unterstellt Nyborg, sie wolle ihn aufs Abstellgleis schieben.

Kurs in Realpolitik

Damit greift diese Folge ein weiteres Lehrstück der Serie auf. Brigitte Nyborg muss lernen, die schwierige Balance zwischen Privatem und Politischem zu halten. Das ging in der Anfangszeit ihres Regierens gründlich schief. Ganz darum besorgt, ihre brüchige Macht nicht gleich wieder zu verlieren, unterwarf sie ihr ganzes Tun dem Primat des Politischen. Die Folge: Zu wenig Zeit für die Kinder und in Philip Christensen (Mikael Birkkjær) einen Ehemann, der in seiner dänisch-liberalen Toleranz aufs Äußerste herausgefordert wurde. Bis der Professor für Ökonomie dann ein lukratives Vorstandsmandat aufgeben soll, weil das Unternehmen Zulieferer für einen Kampfjäger ist, dessen Ankauf nicht ordnungsgemäß verlief. Für ihn ein Kompromiss zu viel. Die Ehe hängt nun an einem seidenen Faden.

„Manchmal muss man Dinge tun, die einem nicht gefallen“, lautet das Motto der ersten Folge der neuen Staffel, und mit diesen Worten versucht auch Philip darauf zu drängen, dass Brigitte endlich die Scheidungspapiere unterschreibt. „Manchmal muss man Dinge tun, die einem nicht gefallen“ – als Maxime zog sich das schon durch die erste Staffel. Ob es um illegal abgehörte Gespräche der linksalternativen Partei Solidarische Sammlung oder eben um die Frage ging, ob ihr Ehemann eine Firma beraten kann, die Zulieferer eines Rüstungskonzern ist: Brigitte Nyborg muss stets zwischen eigenem Ermessen, Loyalitäten, taktischen Zwängen und ihrer Verantwortung gegenüber dem Wähler und der Staatsräson einen Weg wählen.

Und stets wird der Zuschauer gedrängt, einen guten von einem faulen Kompromiss zu unterscheiden. Oder vielmehr, er lernt es, denn man macht durch diese Serie ja selbst einen kleinen Kurs in realpolitischer Bildung mit und kann es Nyborg dann noch nicht einmal wirklich übel nehmen, wenn sie in der Afghanistan-Frage taktisch handelt. Zwar ist sie prinzipiell dagegen, dass ihre Landsleute in Afghanistan kämpfen, und fordert, dass die Soldaten rasch nach Hause müssen, nachdem bei ihrem Besuch mehrere dänische Soldaten umgekommen sind. Doch letztlich entscheidet sie sich auf Anraten des Spindoktors dafür, die Truppe sogar noch aufzurüsten, weil ein Rückzug nach starken Verlusten in der dänischen Öffentlichkeit womöglich nicht gut ankäme.

Man kann Nyborg solch taktisches Verhalten auch deshalb nicht wirklich übel nehmen, weil sie eine Idealistin geblieben ist, obwohl sie doch so viele Illusionen verlieren musste. Wie sehr sie in ihren Handlungen immer noch von Idealen geleitet wird, zeigte sich nie deutlicher als in ihrem Kampf für die Frauenquote, in der sie auf Konfrontationskurs mit der Industrie ging, alles riskierte – und gewann. In ihrem Idealismus steht Brigitte Nyborg damit ungefähr auf gleicher Ebene wie Präsident Josiah „Jed“ Bartlet aus der US-Serie Westwing, dem erklärten Vorbild von Borgen, deren eigentliche Hauptfigur allerdings der Beraterstab ist. Die also, wenn man so will, ein wenig mehr wirkliche Politik als Borgen erzählt. Aber wir wollen nicht mäkeln. Es kann keinen Zweifel geben, dass auch die zweite Staffel dieser vom Danmarks Radio (DR) produzierten Polit-Serie als ebenso unterhaltsamer wie lehrreicher Vorwurf ans hiesige öffentlich-rechtliche Fernsehen verstanden werden muss.

Borgen – Gefährliche Seilschaften ab 22. November an vier Donnerstagen in Folge auf Arte, jeweils ab 20.15 Uhr

Mitarbeit: René Martens
13:06 22.11.2012
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