Michael Angele
30.11.2011 | 11:00 45

Guttenberg, di Lorenzo oben, Redakteure unten

Medientagebuch Was darf eigentlich Realsatire? Eine kurze Rekapitulation der Guttenberg-"Zeit"-Farce mit einem Ausblick und einer Moral der Geschichte

In der Berichterstattung um Karl-Theodor zu Guttenbergs Rückkehr in die deutsche Öffentlichkeit spielte auch die Leipziger Volkszeitung einen Part. Die LVZ war es, die beim Oberstaatsanwalt Reiner Laib in Erfahrung bringen konnte, dass das Ermittlungsverfahren gegen Guttenberg vor dem Abschluss stehe und es zu keiner An­klage komme. Vielmehr sollen die Verstöße gegen das Urheberrecht mit einer Spende an eine gemeinnützige Organisation abgegolten werden. Sollte sich der Bericht der LVZ bewahrheiten, schlussfolgerte die Zeit in ihrer Online-Ausgabe vom 14. Oktober, „wäre der Weg frei für ein Politik-Comeback“. Mag sein. Aber erst einmal wurde durch die von der Hofer Staatsanwaltschaft am 23. November vermeldete Einstellung des Verfahrens der Weg frei für die Veröffentlichung eines Gesprächs, das der Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit Guttenberg geführt hatte.

Realsatire

Dieser müsse eben schon länger ­geahnt haben, wie das Verfahren ­ausgehen würde, schreibt Alard von Kittlitz in derFAS, und hatte so alle Zeit der Welt, „die übrigen Schritte ­einzuleiten“ – bis zu jenem Gespräch in Buchform, das laut Herder-Verlag „um den 20. Oktober stattgefunden“ hat und in Auszügen in der Zeit einen Tag nach Bekanntgabe der Einstellung des Verfahrens veröffentlicht wurde. Ein beigestellter Text informierte über den Rahmen: Drei Tage lang hatte Guttenberg in einem „Londoner Hotel“ Rede und Antwort gestanden, „die meiste Zeit ohne ein Lächeln, oft mit verschränkten Armen. In sein Gesicht hat sich ein harter Zug eingegraben.“ Solche Nahbeobachtungen zeichnen ein Bild der Seriosität, aber noch seriöser wäre es vielleicht gewesen zu erwähnen, wann das Gespräch geführt und unter welcher Conditio sine qua non es nun veröffentlicht wurde.

Nicht wenige Leser der Zeit sind ja Akademiker, und die hätten da, wo von harten Gesichtszügen die Rede ist, bestimmt auch ein paar harte Fakten ertragen. Die Zeit tut ja erfreulich viel für den akademischen Nachwuchs, da wundert es schon, dass sie einem akademischen Hochstapler und Schwindler ein Forum gibt, denn ein solcher bleibt Guttenberg auch nach dem eingestellten Verfahren, bei dem einfach kein „wirtschaftlichen Schaden der Urheber“ feststellt werden konnte (was ist eigentlich mit dem ­‚ideellen Schaden‘ an der Wissenschaft? Wer bilanziert den?). Nicht nur Jürgen Kaube konnte sich – im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur – gut vorstellen, dass die „Wissenschaftsredaktion oder die Hochschulredakteure“ der Zeit über dieses Interview erbost waren.

Damit genug, zu der Geschichte scheint alles gesagt. Man darf gespannt sein auf die Guttenberg-Satire, die Filmproduzent Nico Hofmann angekündigt hat, aber eigentlich sind die 80 Disketten und vier Computer, auf denen der Unselige laut Gespräch seine Doktorarbeit gespeichert und zusammenmontiert haben will, kaum zu toppen. Fragt sich nur: Was darf eigentlich Realsatire? Auch ­alles?

Vorerst nicht gescheitert

Die Leipziger Volkszeitung ist ­übrigens gerade wieder in den Nachrichten. Dieser Tage wurde bekannt, dass die Madsack-Mediengruppe bei ­ihren Lokalzeitungen einen gemein­samen Mantel in Berlin anstrebt. In der Folge sollen 53 Stellen bei der LVZ ­abgebaut werden, davon 20 bis 30 in der Redak­tion. Natürlich soll es sozialverträglich zugehen, notfalls aber sollen auch betriebsbedingte Kündigungen vor­genommen werden. Und noch eine Nachricht erreichte uns, sie betrifft das Buch, in dem das Gespräch zwischen di Lorenzo und zu Guttenberg vollständig gelesen werden kann: Die Start­auflage von Vorerst Gescheitert sei so gut wie ausverkauft. Fällt einem halt wieder einmal nur ABBA ein: The Winner takes it all. The loser is standing small.

PS: Gestern (27.11) vermeldete Zeit online mit Bezug auf die FAS, Guttenberg habe "die zeitliche Nähe zwischen der Einstellung des Plagiatsverfahrens und der Veröffentlichung seines Buches möglicherweise selbst bestimmt". Und: "Nach Informationen des 'Focus' arbeitet Guttenberg seit geraumer Zeit intensiv an einem politischen Comeback". Nach "Informationen des 'Focus'". Freunde! Warum nicht einfach im eigenen Haus nachfragen, da gibt es doch einen, der das ganz genau wissen müsste?

Kommentare (45)

Amanda 30.11.2011 | 15:22

Die Medjen holn sich ihrn Gutti-Gschmusi wieder, das ist keine Realsatire, sondern höchst ekelich.

Aber wie Gloria gestern bei Pelzig so launig anmerkte: Ja mei, wenn er sei Frau umbrächte, dann tät mern vielleicht ausschließen ausm Adelsgedöns...

Und wieso "ideeller Schaden für die Wissenschaft"? Weiß eh jedes Kind, dass für Gedöns andere Regeln gelten als fürn Plebs.

Und nun frage sich jede/r, was er/sie sei: Gdönsl oder Plebsi.

Michael Angele 30.11.2011 | 16:23

Mir war bisher gar nicht so klar, dass ein solcher Artikel ja heutzutage auch auf Facebook kommentiert und diskutiert wird. www.facebook.com/derfreitag?ref=ts

Das sieht dann so aus:

"Ich hab die Zeit im Abo! Mann, war ich böse!!! Kündigung ist immer noch ein Gedanke! Ich dachte wirklich, dass di Lorenzo mehr Schneid hat. Und nicht jedem scoop hinterher eilt. Das grenzt schon fast ans Konspirative! Mann, ich bin immer noch stinksauer!!!

kmv 30.11.2011 | 17:04

Schade, den Beitrag habe ich zu spät gesehen. Aber zur Prämisse 'Ihr da oben, wir da unten' fällt mir der Witz vom Wunderrabbi ein:

"Niemand ist meinem Rabbi vergleichbar! Nicht nur, dass er direkt mit Gott spricht, aber stellt euch vor, Gott spricht auch direkt mit ihm."
"Das glaub ich nicht: Hast Du Zeugen? Wenn dein Rabbi das erzählt - nicht nur, dass er übertreibt, nein, ganz einfach: dein Rabbi lügt."
"So? der beste Beweis: meinst du, Gott spreche mit jemanden, der lügt?"

ed2murrow 30.11.2011 | 17:07

Vor eineinhalb Jahren erschien in der ZEIT ein Artikel mit dem beziehungsreichen Titel „Gefährliche Nähe zwischen Politik und Medien“. Leif Kramp und Stephan Weichert gingen dabei den Fragen nach: „Wie viel Nähe darf es geben zwischen Politik und Medien? Wie sollen Journalisten damit umgehen, dass sie ihren Lesern einerseits exklusive Informationen von Politikern bieten wollen, andererseits aber ihre Unabhängigkeit ihr größtes Kapital ist?“ Aufhänger waren dabei die sogenannten Hintergrundkreise wie „Gelbe Karte“ oder der „Wespennestkreis“.

Das Urteil der beiden Medienwissenschaftler war nicht schmeichelhaft. Allerdings weniger Richtung der zu großen Nähe, sondern: „Weniger als zehn Hauptstadtjournalisten haben informellen Kontakt zur Spitzenpolitik. Alle übrigen müssen sich anderweitig bemühen.“ Eine Steilvorlage für Herrn Di Lorenzo, könnte man nun sagen, fast wie bestellt. Wenn da nicht wäre, dass Herr Guttenberg auf keinen Fall Spitzenpolitiker ist, selbst wenn er wieder nach Berlin käme und der ZEIT-Chef eben kein Hauptstadtjournalist. Treffen sich zwei …

Einer „der letzten Gründerväter des freien Journalismus“, wie er bei seiner Beerdigung gewürdigt wurde, auch er mit Hamburg verbunden, schickte einen gestrauchelten Politiker mit einem einfachen Titel in die Versenkung: „Wo Barzel den Most holt“. Mit „Vorerst“ schafft Di Lorenzo nicht einmal den schlechten Wirtz. „Gescheitert“ passt, und das bleibt das Einzige, worüber sich Gutes sagen lässt.

aleata 30.11.2011 | 18:32

Il Principe
Vorab: Ich finde es nicht gut, jemandem seine Herkunft vorzuwerfen. So tat es auch ein WDR- Kommentator, als der Skandal um zu Guttenberg aufflog. In dieser journalistischen Tragödie- dies ist es für mich, keine Realsatire- ist das "Hinten und Vorne ZU" völlig irrelevant.
Es gibt mehrere Journalisten, die gut, güter, am guttenbergsten mit Politikern können, sie auch nach Hause einladen und sogar spezielle Stühle für sie reservieren.
Giovanni di Lorenzo hat sich och ranjepirscht. Der ZEIT- Mann hat sich nach HM, den rauchenden Colts einer in ihrem Ursprung nicht mehr existierenden Volkspartei, auch noch den Schwiegermamma- Lookalike- Ich wollte das alles gar nicht-ich bin dann mal (kurz) weg- Politblender KTzG einverleibt, (zum Glück raucht er nicht, ob sich aber das journalistische Gesundheitsrisiko verringert, sei dahin gestellt). GdL klebt daran, verdient womöglich daran. Ist im wahrsten Sinne des Wortes Meinungsmacher UND Rehabilitationshelfer.
Schlimme ZEITen sind das. Und ich bin davon überzeugt, dass Guttenberg für das Buch ein Honorar bekommt, von öffentlichen Terminen (Lesungen etc.) einmal abgesehen. Worauf die beiden Jungs wohl geachtet haben: Dass es kein Verlag von Holtzbrinck ist, der das Buch herausbringt. Zu Herder (schön katholisch) gehört die theologische Fachzeitschrift "Stimmen der ZEIT". Wie klingen die Worte der beiden Interlokutoren di Lorenzo und zu Guttenberg im Vorabdruck des Buchs? klebrig.
Jetzt am Ende denke ich, daß es doch keine Tragödie sein kann, da der Held Guttenberg den politischen Tod bereits überwunden hat und die verwundbare Stelle am Rücken längst verheilt ist. Vielleicht ist die Affaire eine "Opera Buffa".

lebowski 30.11.2011 | 19:40

"..80 Disketten und vier Computer.."

Für so einen Blödsinn gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder der Mann ist ein Lügner oder unglaublich dämlich. In beiden Fällen sollte man ihn von der Politik fernhalten.

Ein prominentes Mitglied des Geldgesindels ist zu blöd, sich einen vernünftigen Computer zu kaufen und die Daten auf CDs zu speichern.

"Nach Informationen des 'Focus'"

Wie? Im Focus gibts Informationen?

doc-rofl 30.11.2011 | 23:19

Ich hatte dazu in nem andern Thread schon mal ne Rechnung aufgestellt, da war ich aber etwas spät dran - deshalb hier nochmal n Repost:

80 Disketten ... so so

"Das Studium der Rechtswissenschaft schloss er 1999 mit der Ersten Juristischen Staatsprüfung ab (...) Im Anschluss begann Guttenberg eine Promotion bei Peter Häberle. (...) Die Dissertation wurde 2006 durch die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Bayreuth angenommen."
(Wiki)

Da gabs wohl nicht mehr viele, die zu der Zeit (1999 - 2006) noch Disketten benutzt haben. Halte ich für wenig glaubwürdig zumal die Floppycontroller innerhalb dieser Periode (ab wann genau weiss ich leider nicht mehr) nicht mal mehr auf Motherboards verbaut wurden.

Und zu der Aussage, er habe die Arbeit auf 80 Disketten verstreut:

Kapazität 3,5" HD Diskette: 2000 KB = 2.000.000 Byte

Kapazität von "Guttenbergs" Dissertation: 393 Seiten x ca. 4000 Zeichen = ca. 1.572.000 Zeichen = ca. 1.572.000 Byte
(Es wurde mit DinA4 Seiten gerechnet idR passen auf Buchseiten weniger Zeichen, die erklären wir mal einfach zur Sicherheitswahrscheinlichkeit)

Die ganze Arbeit hätte also auf _eine_ HD Diskette gepasst und der Guttenberg hat die lieber auf ... ähm ... 80 verschiedenen gespeichert? Ahso. Schon klar.

Darüber hinaus werden die "Schnipsel" doch wohl Dateinamen gehabt haben, oder? Und Metadaten, die über das Kontextmenü sichtbar werden. So völlig im Dunkeln sollte er in diesem Zusammenhang also auch nicht gewesen sein.

Fazit: das war mal wieder nur "Neues aus Nebelkerzenhausen " vom Baron ...

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Ehemaliger Nutzer 01.12.2011 | 10:14

Bei der "Zeit" laufen viele merkwürdige Dinge ab. Es wurden z.B. mehrere Leute aus dem Forum von "Zeit-Online" rausgeschmissen, weil ihre Beiträge zu kritisch für die sogenannten Moderatoren waren. Man darf dort nur positiv über bestimmte Themen schreiben, sonst unterliegt man der Zensur der "Zeit"! Kritik an Guttenberg war jedenfalls nicht angesagt und erlaubt oder erwünscht!

aleata 01.12.2011 | 10:34

eine sehr interessante Information bezüglich des Forums von "Zeit online". Das Problem für den Leser ist es ja, daß er solche "Maßnahmen", zu denen auch Entscheide über Artikel gehören, gar nicht auf dem Schirm hat. Warum bestimmte Artikel verfasst, andere wieder nicht gedruckt werden, kann der normale Leser, der im Glaube ist, ein seriöses, unabhängiges Blatt zu lesen, nicht nachvollziehen.

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richard-der-hayek 01.12.2011 | 13:44

Ich bin sehr froh über dieses Buch.
Damit hat er seine weiteren Chance sehr eingeengt.
Viel geht da nicht mehr.
Das war eines der Besten, was der Republik geschehen konnte.

Man stelle sich vor, er wäre schlauer gewesen und dann nach ein oder zwei Jahren mit gespielter echter Reue zurückgekehrt.

Das war fast ein Blattschuss so, er hat keinen Rückhalt mehr in der CSU.

Einzig Bild gibt nicht auf.

Michael Angele 01.12.2011 | 14:07

@antares56
Ich habe mich durch die fast 1000 Kommentare zum ZEIT ONLINE-Nachdreh des Interview gewühlt, und kann ihren Eindruck nicht bestätigen. Da wurde sehr viel und sehr harsch Kritik geübt, vor allem auch an der ZEIT und ihrem Chefredakteur. Ich finde den Artikel gerade nicht mehr. Hat man ihn rausgenommen?

Eine Auswahl der Kommentare findet sich allerdings auf einer Doppelseite der aktuellen Printausgabe der ZEIT. Jedoch findet man hier fast nur Kritik an Guttenberg, ein wenig an der ZEIT und kaum an DiLorenzo. Die Auswahl spiegelt damit nicht den Tenor der Kommentare bei ZEITonline wieder. Die Linie war wohl: Den Chef nicht (noch mehr) beschädigen. So ist das eben. Kann man vielleicht auch verstehen.

Was mich dann aber doch verwundert, ist der Text von Di Lorenzo, der den Kommentaren beigestellt wird "Warum dieses Interview?" heißt er. Warum ein Vorabdruck in der ZEIT; angeblich war das eine der Bedingungen, die Di Lorenzo dem Verlag gestellt hat? Unter den Gründen wird der naheliegendste leider nicht genannt: Weil das Werbung für ein Buch ist, für sein Buch.
Das ist der Zweck von Vorabdrucken, was alles sie sonst noch sein mögen. Ich weiß nicht, ob es klug ist, mit dieser Grundtatsache aus dem Verlagswesen so verschämt umzugehen. Die Leute sind einfach nicht mehr so dumm und blind für das Funktionieren von Medien, wie Teile der ZEIT offenbar immer noch glauben.

Dass die ZEIT und di Lorenzo in der Sache Guttenberg nun so viel Fett abkriegen, hängt m.E. also auch damit zusammen, dass es kurz davor im "Dossier" einen ausufernden Vorabdruck des Buches von Steinbrück und Schmidt gab. Der mündige Leser erkennt eine Kampagne als Kampagne. Und merkt, wenn es klebrig wird.

Schön finde ich übrigens, dass diesmal im "Dossier" die neuen DVD-Seminare der ZEIT Akademie beworben wird: "Erleben Sie herausragende Professoren..."
Das ist natürlich kein Zufall.

tlacuache 01.12.2011 | 14:52

Richard der Hayek
Kurzer Hinweis:

...It was the United States' first model of television (and radio) during the 1920s, in contrast with the public television model in Europe during the 1930s, 1940s and 1950s which prevailed worldwide (except in the United States) until the 1980s...
en.wikipedia.org/wiki/Commercial_broadcasting

Was da Mickey Mouse-mässig so rauskommt, kann man ja an den Republikaner - Vorwahlen sehen...

...Mit der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler im Jahre 1982 wurde der technische Ausbau der Breitbandverkabelung unter dem damaligen Postminister Christian Schwarz-Schilling vorangetrieben...
de.wikipedia.org/wiki/Privatfernsehen

Das trägt jetzt Früchte beim Wähler, nach 3zich Jahren !!! ...

Hitler hätte ohne Radio den Kram auch nicht gewonnen...

..."Um alle Bevölkerungsschichten mit der nationalsozialistischen Propaganda zu erreichen, wurde 1933 der Volksempfänger entwickelt, ein einfach konstruiertes Gerät, das zu einem Preis von 76 Reichsmark verkauft wurde (entspricht nach heutiger Kaufkraft und inflationsbereinigt 300 Euro"...
de.wikipedia.org/wiki/Radio

;-) :-(

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helena-neumann 01.12.2011 | 16:17

@ dHayek

Damit hat er seine weiteren Chance sehr eingeengt.
Viel geht da nicht mehr.

Ich stimme Ihnen zu und habe schon an anderer Stelle angemerkt: " Der Freiherr ist erledigt".
Dafür sprechen allein das Timing seines Wiederauftauchens und dann dieses Interview. Dass noch ein Buch hinterher geschoben wird, macht alles nur noch grotesker.
"Wer lässt sich so etwas unter den Gabentisch legen?" Doch nur Leute, die ihre Vorurteile über den Wissenschaftsbetrieb, Doktoranden, bedient haben wollen.

Nun, das "Gute" an Guttenberg war allerdings, dass die Fakultäten mit ins Blickfeld gekommen sind, wenn auch nur schleppend und längst nicht in allen Medien.

Aber vielleicht kopiere ich mich hier nur selber mit meiner Meinung.

Mei Nung 01.12.2011 | 16:39

Guttenberg hat die zeitliche Nähe zwischen der Einstellung des Verfahrens und der Buchveröffentlichung selbst bestimmt? Nicht ganz - di Lorenzo stand mit der Stoppuhr daneben.

Übrigens war zunächst ein anderer Buchtitel geplant,angelehnt an di Lorenzos Gespräche mit Schmidt: "Auf eine Pirouette mit Karl Theodor." Mein persönlicher Vorschlag: "Auf einen kalten Kaffee mit KTvzG."

Und hier exklusiv möchte ich noch das Geheimnis von Guttenbergs neuer Frisur lüften: Die entsteht,wenn man sich immer à la Münchhausen selbst aus dem Sumpf ziehen muss.

lisi stein 01.12.2011 | 17:46

Ergänzung zur Guttenberg`schen Realsatire: er kann dann seinen "aufgemotzten" Lebenslauf vielleicht um ein Praktikum bei der ZEIT ergänzen und ab jetzt darf er sich offiziell Autor nennen. Das Kalkül ist aber ein anderes: er weiß genau, dass die Position der CSU als Ministerpräsidentenpartei durch Ude erheblich ins Wanken kommt. Also spielt er die Parteigründerkarte aus und davor muss die CSU zittern. Aber viell. sollte man das Wahlvolk in Bayern nicht unterschätzen. Vorsichtshalber schon mal Söder in Stellung bringen!!!

blog1 01.12.2011 | 20:43

Guttenberg hat es "geschafft". Seite Erstauflage ist fast vergriffen und er ist in aller Munde. Die Zeit hat zwar ihren Nimbus als seröse Zeitschrift endgültig verloren. Das stört dort niemand, weil man neidvoll auf den Spiegel geschaut hat, der schon seit geraumer Zeit genauso eine Boulevardisierung durchlebt. Besser eine schlechte Schlagzeile als keine Schlagzeile heißt die Devise.

Guttenberg ist nicht blöd, sondern er hat bewusst in Kauf genommen, dass er medial angezählt wird. In den Augen der Bevölkerung hat er zwar eine Dummheit begangen, mehr aber auch nicht. Die meisten Leute wissen doch gar nicht, welche Kriterien für die korrekte Abfassung einer Doktorarbeit gelten.
Guttenberg spielt die Karte der Polarisierung. Das gelingt ihm perfekt. Wenn er jetzt zu Kreuze gekrochen wäre und seine Verfehlung zutiefst bereut und um Verzeihung gebeten hätte, hätten ihm seine Gegner vorgeworfen, nicht die Wahrheit zu sagen und aus reinem politischen Kalkül gehandelt zu haben.

Ich bin wahrhaftig kein Anhänger von Guttenberg, weil ich ihn schon frühzeitig als Blender eingestuft habe und das schon während seines kometenhaften Aufstiegs, als viele glaubten, er würde zum Bundeskanzleramt durchmarschieren. Das Problem der Linken in Deutschland ist, dass sie sich in einer Art Beißreflex aus Personen stürzen, die aus meiner Sicht nicht einmal ein Subline wert sind.

Je mehr Aufmerksamkeit ich einer Person entgegenbringe, desto mehr rückt diese Person in das öffentliche Interesse. Augstein hat Recht mit seiner These, dass Guttenberg narzisstische Züge hat. Gerade deshalb sollte man ihn ignorieren. Das wäre für ihn die Höchststrafe.

kmv 01.12.2011 | 21:35

Di Lorenzo war mir nie aufgefallen durch journalistischen, sprich: hinterfragenden Biss. Das Buch "Wofür stehst du? Was in unserem Leben wichtig ist - Eine Suche" das er mit Axel Hacke geschrieben ist nicht gerade tiefgründig. Ergo erwarte ich von ihm nicht besonders viel.

Journalistisch hat er dem "Vorerst gescheitert" Buch keinen Stempel aufgedrückt. Ich befürchte das kann er einfach nicht. Als Chefredakteur hat er natürlich die Auflage im Kopf. Und was das Autorenhonorar anbelangt, da wiederum traue ich ihm durchaus Verhandlungsgeschick zu.

Erstaunt war ich schon, ob dieser Kombination. Es ist und bleibt eine fragwürdige Vermischung von Interessen. Vor die Entscheidung gestellt; ein "no go".

... war er Herder's "first choice"? Und: hat jemand das Angebot abgelehnt?

Zu G. habe ich genug gesagt: www.freitag.de/community/blogs/kmvotteler/broken-heroes--fallen-angels--kaessmann--guttenberg

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helena-neumann 05.12.2011 | 14:09

Nun, dass der Herder-Verlag, renommiert wegen seiner Verlegertätigkeit vor allem von theologischen Publikationen von hoher wissenschaftlicher Qualität, sich dieses Freiherrn annimmt und seiner, freilich andere für dumm verkaufende, Rechtfertigungslitanei, dies ist eine Sache. Die andere Sache ist doch die, dass er selbst das nicht einmal alleine zustande bringt! Es bedarf diesmal des Krans Gianni die Lorenzo, um Guttenberg ins vermeintlich „rechte Licht der Öffentlichkeit“ zurückzuhieven. Sicherlich wird sich der eine oder andere Wissenschaftler und Hochschullehrer, dessen Arbeiten bei Herder verlegt werden, darüber auch die Augen reiben müssen.
Dass dieses Machwerk gerade im Weihnachtsgeschäft promotet wird, hat in der Tat einen üblen Beigeschmack. Allerdings ist es ist kaum anzunehmen, dass die ausgewiesene Gemeinschaftsarbeit unter dem Weihnachtsbaum von allzu vielen Intellektuellen/Innen liegen wird. Das Gros der Promotionen wurde und wird doch im Vertrauen auf den eigenen Hirnschmalz geschrieben, nicht selten unter hohem persönlichen Einsatz, da bedarf esin der Tat einer anderer Lektüre, um die Gesichtszüge wieder entspannen oder gar glätten zu können.
Es ist ja die eine Sache, ein Faible für Menschen in gut sitzenden Anzügen zu haben, was Gianni di Lorenzo zweifelsohne hat, doch –auch ohne die Gemeinschaftsarbeit gelesen zu haben - frage ich mich, welche Zielgruppe di Lorenzo erreichen will, an welchen Rändern möchte der Chefredakteur Der Zeit fischen?

paulart 05.12.2011 | 16:46

Die SCHÖNEN und REICHEN und GUTTEN
kommen immer besser über den BERG
als die Armen und Redlichen. Es wird ZEIT,
dass dies in Deutschland einmal genau analysiert wird.
Hier hätte, mit und ohne Godfather Helmut, die SPD
ein Feld, was sie ausdauernd und erfolgreich
bearbeiten könnte... wenn sie es denn mit ihrer
angestammten Klientel wirklich ernst meinen
würde.

lebowski 06.12.2011 | 17:53

Werliest eigentlich den ganzen Krempel, den unsere Promis und Politiker zwischen zwei Buchdeckel pressen? Ich mag mir einfach nichht vorstellen, dass es Leute gibt, die sich Bücher von Guttenberg, Philipp Lahm oder Kai Diekmann freiwillig durchlesen.
Entweder man kann mit Literatur etwas anfangen, dann hält man sich von solchen Elaboraten fern oder man hat keine Ahnung von Literatur - solche Leute lesen dann meistens überhaupt nicht. Ich frage mich immer, wer die Leserschichten für solche Bücher sind.

Sinbelre-Aha 07.12.2011 | 17:26

Lebowski, ich vermute, dass diese Bücher verschenkt werden. Sie dienen also einem Zweck, der nichts mit dem Inhalt zu tun hat, sondern mit dem aktuellen Anlass und dem aktuellen Titelbild.

paulart, ja.
Und das da:
"In sein Gesicht hat sich ein harter Zug eingegraben" ist natürlich ein großes Unglück, denn der Charme ist nun geschmolzen. Der Lack ist ab, heißt dieser Vorgang im allgemeinen-
(Vielfach wird Charme mit Charisma gleichgesetzt. Das ist immer dann der Fall, wenn die Leute vom Charisma einer Person schwärmen, aber gar keine Inhalte dazu nennen können. Drum haben wir gar so viele "Charismatiker".)