Harte Bretter allerorten

Kapitalismus und Gefühle Über die SPD-Minister ist alles gesagt. Zeit, sich anderen Problemen zu widmen – Kindergeburtstagen zum Beispiel. Sogar das hat etwas mit den Sozialdemokraten zu tun

Das naheliegende Kommentarthema hier und heute wäre: Die neuen Minister der SPD. Dumm nur, wenn einem dazu nichts einfällt. Ist dazu nicht alles schon gesagt worden, wenn auch nicht von allen?

Wozu mir gerade etwas einfällt: Kindergeburtstage. Wenn das Kind zu einem Kindergeburtstag eingeladen wird, schafft das ein Problem. Was soll es schenken? Egal was es schenken wird, es darf nicht unter zwanzig Euro kosten. Das erwarten die Kinder, das erwarten vor allem die Erwachsenen, und weil es die Erwachsenen erwarten, erwarten es die Kinder und die Kinder der anderen Erwachsenen, die ja auch nur... Ich glaube, die Weltöffentlichkeit ist noch nicht hinreichend über diese fatale Schenkspirale informiert. Sie ist ein weiteres Kapitel im großen Buch der Kapitalisierung der Gefühle, das, so höre ich, Eva Illouz in den Grundzügen schon geschrieben hat. Diese Spirale schreibt sich bis zum Abi fort. Man liest von Abibällen, die 25.000 Euro kosten.

Was kann man gegen diesen Terror tun? Nun, man kann die Erwartungen unterlaufen, auch wenn das schwer fällt, weil Gefühle und Erwartungen, weil Zuneigung und Freundschaft im Spiel sind. Also auch mal eine gebrauchte CD der drei ??? verschenken, den Umschlag hübsch bemalen und gut ist. Die anderen Eltern werden dich dafür teils verachten (es sind die mit dem SUV, also geschenkt) und teils bewundern (die, die am Stand den Glühwein mit ausschenken). Aber klar, die Schenkspirale zu durchbrechen ist ein hartes Stück Arbeit.

Jetzt fällt mir doch noch was zur neuen Ministerriege der SPD ein: Max Weber hat gute Politik einmal als „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ beschrieben. Dieser Spruch fällt im politischen Feuilleton immer wieder als Bonmot, dem die Zustimmung sicher ist. Kill me darling, aber aus der Riege der SPD fällt mir keiner ein, auf den dieses Bonmot zuträfe, sondern... ich sag's besser nicht.

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Geschrieben von

Michael Angele

Ressortleiter „Debatte“

Michael Angele, geb. 1964 in der Schweiz, ist promovierter Literaturwissenschaftler. Via FAZ stolperte er mit einem Bein in den Journalismus, mit dem anderen hing er lange noch als akademischer Mitarbeiter in der Uni. Angele war unter anderem Chefredakteur der netzeitung.de und beim Freitag, für den er seit 2010 arbeitet, auch schon vieles: Kulturchef, stellvertretender Chefredakteur, Chefredakteur. Seit Anfang 2020 verantwortet er das neue Debattenressort. Seine Leidenschaft gilt dem Streit, dem Fußball und der Natur, sowohl der menschlichen als auch der natürlichen.

Michael Angele

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