Hass und Liebe zur Suhrkamp-Kultur

Kommentar Der Suhrkamp-Verlag ist nicht mehr der einzige Stichwortgeber zur geistigen Lage der Republik. Aber er ist immer noch mehr als nur ein Verlag
Hass und Liebe zur Suhrkamp-Kultur
Es hat sich eine neue Suhrkamp-Kultur entwickelt, weniger raumgreifend, weniger auratisch
Foto: Steinach/Imago

Es ist noch nicht ganz klar, was es für den Suhrkamp-Verlag bedeutet, dass Ulla Unseld-Berkéwicz vom Berliner Landgericht als Geschäftsführerin abgesetzt wurde. Sicher, nun ist der jahrelange Streit zwischen ihr und dem Minderheitengesellschafter Hans Barlach eskaliert, und die Experten können nicht ausschließen, dass es den Verlag in der bestehenden Form bald nicht mehr gibt. Zu lesen ist von einem der Anwälte auch, dass Barlach von einem „tief sitzenden Hass gegen die Suhrkamp-Kultur“ getrieben sei. Das ist geschickt gemacht: Hass gegen die Suhrkamp-Kultur – da läuten die Alarmglocken.

In ihrer alten Form war die "Suhrkamp-Kultur" (Georg Steiner, Exponent der Hanser-Kultur) singulär in der deutschen Nachkriegswelt. Man denke an die Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft, jeder Student kannte sie. Neulich landete auf meinem Schreibtisch so ein schwarzes Ding. Band 2056. Pierre Bourdieu: Politik. Einen Tag später sah er aus, wie ein stw immer ausgeschaut hat, mit Eselsohren und vielen Anstreichungen. Man muss vorne nachschauen. Tatsächlich: 2013 erschienen, wenn auch mit Schriften aus dem Nachlass des 2002 verstorbenen französischen Soziologen. Bourdieu, der Name stand für eine Erweiterung der Suhrkamp-Kultur, die davor eng an die Kritische Theorie eines Adorno oder Habermas gebunden war. Bourdieu ist ein inspirierender Denker des „man müsste mal“.

Symbolisches Kapital

Man müsste mal das „journalistische Feld“ untersuchen, heißt es in einem seiner nachgelassenen Texte. Ich denke, man müsste bald auch mal das literaturbetriebliche Feld in Deutschland untersuchen und die besondere Rolle, die der Suhrkamp-Verlag darin spielt. Mit seinem imposanten Autorenstamm hat er echtes, aber auch ein beträchtliches symbolisches Kapital angehäuft. Lange Zeit war ein Buch aus dem Suhrkamp-Verlag eben mehr als nur ein Buch, es hatte eine, um mit Walter Benjamin einen anderen legendären Suhrkamp-Autoren zu zitieren, besondere Aura. Diese Aura wurde verstärkt durch die spezielle Rolle des Verlegers, der bis 2002 Siegfried Unseld hieß. Ein charismatischer Mann, wie man liest. Ihm folgte die Witwe, eine Hexe, wie man bis vor Kurzem mehr oder weniger explizit las.

Historisch gesehen wurde weibliches Charisma sehr oft als Hexentum beschrieben. Frau Berkéwicz wird ein Hang zur Esoterik nachgesagt. In einem irre guten Text von 2003 hat Harald Martenstein das Gewese beschrieben, das im Verlag um Siegfrieds Erbin gemacht wurde. „Man möchte andauernd rufen: Es ist doch nur ein Verlag, um Himmels willen!“

Kein Internetanschluss

Ist es eben nicht, und man muss sagen, dass die Verlegerin und ihre Getreuen offenbar doch ganz gute Arbeit geleistet haben, auch der erst so harsch kritisierte Umzug von Frankfurt nach Berlin scheint den Verlag belebt zu haben. Es hat sich eine neue Suhrkamp-Kultur entwickelt, weniger raumgreifend, weniger auratisch, das verlegerische und das literarische Feld haben sich nun einmal verändert; aber ein Rainald Goetz, eine Sibylle Lewitscharoff, ein Dietmar Dath, oder ein Buch wie Kongo von David Van Reybrouck geben dieser Kultur ein Gesicht.

Und wenn man nun liest, dass Herr Barlach mit all dem nichts anfangen kann und auf die imposante Backlist setzt, wofür er aus ökonomischer Sicht vielleicht sogar gute Argumente hat, dann kann man schon verstehen, dass die Sympathien jetzt gerade der oft belächelten Verlegerin zufliegen. Nur eins müsste man bei einer Analyse der neuen Suhrkamp-Kultur auch beachten. Mit dem Internet hat sie noch so gar nichts gemein. „Was läuft da eigentlich bei euch ab mit diesem Herrn Barlach?“, irrlichtert ein Kommentar auf Facebook zwischen den Verlagsannoncen herum. Die Antwort steht aus.

13:57 12.12.2012
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