„Ich bin sozialisiert im Linkskatholizismus“

Interview Josef Hader mag es dort, wo Leute aus allen Schichten zusammenkommen, und wenn die Stadt eine Stadt ist

Die Umstände, unter denen das Interview geführt werden muss, halten mit meiner Bewunderung für den Schauspieler und Kabarettisten Josef Hader nicht Schritt: Ein slot von 20 Minuten, klar, alle lieben den Hader eben ganz besonders, da gibt es keine Extrawurst. Und dann auch das noch: Der Raum im Literaturhaus ist groß und leer, und es hallt. Aber dann kommt Hader und sagt dir mit einem Hader-Grinsen, ein komischer Raum ist das, und alles wird gut.

der Freitag: In Ihrem neuen Film „Wilde Maus“ haben Sie das erste Mal auch Regie geführt. Es geht um die Rachegedanken eines gedemütigten Journalisten. Ich kenne diesen Gedanken sehr gut! Aber wie sind Sie darauf gekommen?

Josef Hader: Die erste Idee war, dass ein Mann seine Arbeit verliert und sich wehrt. Ich habe mir gedacht, das ist eine gute Idee, weil es nicht das klassische Setting für eine Tragikomödie ist. Ich dachte an einen Film, bei dem die Leute zwischen den komischen Momenten immer Angst haben, dass es ganz schlecht ausgehen könnte. An dieser Idee habe ich zweieinhalb Jahre weitergeschrieben. Wichtig wurde dann, dass der Mann seiner Partnerin nicht sagt, dass er entlassen wurde, da wusste ich, es wird eigentlich ein Beziehungsfilm. Dann ist der Prater dazugekommen, aus der Überlegung heraus, dass ich unbedingt einen Film ohne Score (Filmmusik) machen wollte und Ton brauchte, erst dann habe ich gedacht, fürs Bild ist’s auch super.

Die Zeitung war zu der Zeit noch nicht im Spiel?

Doch, recht bald. Auf die Zeitung kommt man, wenn man relativ viele Journalisten trifft, die einem erzählen, wie das Gewerbe in Schwierigkeiten steckt, und wenn man dann überlegt, dass man einen braucht, der mit seinem Beruf in so inniger, auch narzisstischer Weise verbunden ist, dass der Jobverlust massive Dinge auslöst. Und der Kritiker ist in Wien natürlich noch ein bisschen ein Gott, er kann ganz tief stürzen, gleichzeitig wollte ich auch die klassische Musik in den Film einführen.

In Wien gibt es immerhin noch Kritiker der klassischen Musik.

Ja, sie haben sich wie unter einer Glasglocke gehalten, verlieren an Bedeutung, aber es gibt sie noch.

Der Prater ist ja auch so ein wenig ein aus der Zeit gefallener Ort, mir scheint, dass Sie dafür eine Vorliebe haben, auch für das sogenannte Milieu.

Man kann sagen, dass ich Orte mag, an denen verschiedene Milieus in Berührung kommen. Ich finde zum Beispiel interessant, wenn jemand aus dem Mittelstand einen aus dem Proletariat trifft, das erzeugt Reibung, weil da natürlich die allergrößten Vorurteile herrschen.

In Wien treffen die Milieus noch eher zusammen als hier in Berlin.

In einer etwas kleinteiligeren Stadt gibt es mehr Schnittstellen. Ich habe schon als Student so gewohnt und tue es noch immer, dass die Leute miteinander in Berührung kommen. Ich gehe auch am liebsten in die Wiener Vorstadtcafés, da sitzen die Pensionisten, spielen Billard und essen zu Mittag, es gibt die Studenten, die Berufstätigen, auch Leute von der Straßenreinigung, die reinkommen und das Menü essen.

In Ihrem Film kommen ja auch zwei Milieus zusammen. Der Prolet Ernst und der Kulturschaffende Georg, der sich erst gar nicht als solcher zu erkennen gibt.

In Wirklichkeit lebt der Georg schon in seiner Blase, der geht ja nicht raus aus seinem Bezirk, aber nun, da er arbeitslos ist, muss er halt, weil er irgendwie seine Zeit verbringen muss, und dann geht er in den Prater, und es ist ein bisschen so, als würde ein deutscher Aussteiger auf einer griechischen Insel ankommen. Er muss sich nicht beweisen, er kann den Fragen entkommen, vor denen er davonläuft.

Ja, aber dann lügt der Georg und sagt nicht, dass er arbeitslos ist, als er allein in dieser Kindereisenbahn sitzt und Zeitung liest und vom Erich angesprochen wird.

Er lügt kurz aus einem Reflex heraus, aber dann ist der Erich der Erste, dem er es sagen kann. So wie man einem griechischen Bauern vielleicht leichter sagt, dass man arbeitslos geworden ist, als zu Hause dem Nachbarn.

In Ihrem ersten Film „Indien“ findet sich auch so eine griechische Insel. Es sind die Gaststätten der niederösterreichischen Provinz, in die zwei Großstädter auf einer Dienstreise kommen, tief in den 1980ern. Das bringt mich auf Thomas Bernhard, der auch zwischen der Provinz und der Stadt gependelt ist. Müssten Sie nicht mal einen Bernhard verfilmen?

Ich hab meine erste Begegnung mit Bernhard so gehabt, dass ich ein Theaterstück im Fernsehen gesehen habe, Über allen Gipfeln ist Ruh. Ein deutscher Dichtertag um 1980, mit Traugott Buhre. Ich saß da als Abiturient und habe mich so amüsiert. Dann habe ich begonnen, ihn zu lesen. Die Texte, in denen er seinen retardierenden Stil vollständig entwickelt hatte, waren mir zu hermetisch abgeriegelt, aber die Texte, die ein wenig rauer waren, wie der erste Roman Frost und die biografischen Texte, habe ich wahnsinnig spannend gefunden. Die große Frage von Bernhard bezüglich der Orte, an denen er lebte, war ja, wie schließe ich mich ab von der Umwelt, dann aber bin ich einsam, muss sie also immer auch ein bisschen hereinlassen.

Ist Ihnen das Thema vertraut?

Sehr. Aber wie man das lösen könnte? Bernhard selbst hat ja geglaubt, er könnte es so lösen, dass er auf einen Bauernhof zog, aber auf einem Bauernhof stören einen auch Leute, und klopfen und sagen, Herr Bernhard, ich möchte Sie besuchen. Dann hat er einen zweiten Bauernhof gekauft, wo er noch tiefer im Wald ist. Aber dort ist die Störung zehnmal so groß, wenn einen einer besucht. Dann ist er wieder in die Stadt gegangen und drauf gekommen, glaube ich zumindest, dass man am ungestörtesten eigentlich in der Stadt leben kann, weil die Leute einen doch irgendwie in Ruhe lassen, auch wenn man ein bekannter Autor ist. Ich bin ja vom Land in die Stadt gekommen, weil man da am besten leben kann.

„Wilde Maus“ ist ja auch ein Wien-Film …

Ich wollte unbedingt einen Wien-Film machen, und ich wollte nicht diese abgezirkelten Sets haben, wo man oft im österreichischen Film ein paar Meter absperrt und ein paar Komparsen in die Gegenrichtung laufen lässt. Ich wollte ein bisschen so drehen, wie ich es von alten französischen Filme kenne, dass man halb dokumentarisch im Raum bleibt, so dass die Autos vorbeiflitzen und die Passanten unscharf bleiben, das war mir wichtig, weil ich so ein überzeugter Stadtbewohner bin.

Das merkt man dem Film ja auch an. Eine Sache noch zu Bernhard. „Wittgensteins Neffe“, das wäre doch ein Stoff! Paul war ja auch ein Wiener durch und durch.

Jetzt frage ich aber Sie. Sollte man nicht viel mehr mal Markus Werner verfilmen? Zündels Abgang?

Peinlich, eines der sogenannten Kultbücher, das ich nie las.

Das ist lustiger als die späteren Sachen, als Am Hang, saukomisch, aber auch sehr tragisch. Ein Schweizer Lehrer, der in Genua umherirrt, in dieser deprimierenden Hafenstadt damals, es kommt sogar ein Selbstmordversuch vor, der kläglich scheitert ...

... ein Selbstmordversuch, wie in Ihrem neuen Film auch.

Und es ist ja auch eine Beziehungsgeschichte. Jetzt, da wir darüber reden, merke ich, dass das viel zu tun hat mit meinem Film! Zündels Abgang war das erste Buch, das ich von Markus Werner gelesen habe, und es hat mich sofort darauf gebracht, alles von Werner zu lesen.

Ich werde es nun endlich lesen. Gut, ich sehe, Sie machen immer auch Beziehungsfilme, und da ist bei Bernhard nicht viel zu holen.

Überhaupt bei Beziehungen ist bei Bernhard nicht viel zu holen.

Bei Frauen vielleicht nicht so sehr, aber die Freundschaft zu Paul Wittgenstein?

Das Problem ist, dass der Paul zwar wunderbar beschrieben wird, aber der Bernhard verschanzt sich ja gern hinter der Sprache, in Interviews ist er dagegen sehr gut zu greifen.

Sie sind ja nun auch Kabarettist. Was ist da Ihre politische Haltung? So irgendwie links?

Na ja, ich bin sozialisiert in einer Art Linkskatholizismus. Im Stift Melk, einer Schule, die sehr offen war, sehr sozial, eine gemischte Schule. Wir haben das Kommunistische Manifest gelesen, aber nicht, weil der Lehrer ein Kommunist war, nein, weil der Lehrer ein Konservativer war, der gesagt hat, wir müssen uns damit auseinandersetzen. Er war offen und neugierig. Dann kam die politische Sozialisation in der Friedensbewegung. Neben den Sozialdemokraten und den Kommunisten war dann halt auch die katholische Jugend da. Wir sind zusammen marschiert, da wurde keiner zurückgepfiffen, da musste man sich nicht genauer verorten.

Und dieses Gefühl ist geblieben.

Ich möchte nicht schon wieder, nachdem ich dem Katholizismus entkommen bin, bei einer anderen Religion landen. An der Uni lernte ich eine marxistische Art von NLP kennen, also ganz ruhig an einem Thema, das einem unangenehm ist, vorbeidiskutieren, als würde man den anderen nicht verstehen. Das hat mich zur Raserei gebracht.

Was kann man „in diesen Zeiten“ dagegensetzen?

Im entscheidenden Moment waren mir die Menschen immer wichtiger als die Ideologie, und ich habe immer versucht, etwas Gemeinsames zu finden, auch in meinen Kabarettprogrammen. Die bewegen sich so im privaten Bereich, wo man das Politische finden kann. Wie bei Polt und Qualtinger. Das geht dann ein wenig auf Kosten der inhaltlichen Schärfe. Da kann es schon passieren, dass ein junger Mann nach der Veranstaltung zu dir kommt und sagt, guter Humor, und es stellt sich heraus, dass er den Norbert Hofer gewählt hat. Dann spricht man mit dem und zahlt dem ein Bier.

Das macht Sie natürlich auch zu jemandem, der keine Feinde hat.

Ja, so einen konfliktscheuen Menschen wie mich. Das ist nicht mehr ganz so, ich habe mich in letzter Zeit schon klar positioniert, es gibt nun schon Leute in Österreich, die mich nicht mehr so mögen, aber es sind nicht so viele, das stimmt.

Info

Wilde Maus Josef Hader Österreich/ Deutschland 2017, 103 Minuten

06:00 09.03.2017
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