Ist der Prism-Skandal ein guter Romanstoff?

NSA Wie soll man vom Sammeln von Milliarden von Datensätzen erzählen? Ein paar Heldengeschichten bleiben aber doch noch übrig
Michael Angele | Ausgabe 25/2013 28
Ist der Prism-Skandal ein guter Romanstoff?

Foto: Jessica Hromas / Getty

Bekanntlich steckt in jedem Feuilletonisten ein verhinderter Schriftsteller, und so denke auch ich immer mal wieder an die Verfertigung eines Romans, in dem Unterhaltung, literarischer und literaturtheoretischer Anspruch eine so glückliche Ehe eingehen wie zuletzt in Umberto Ecos Erstling Im Namen der Rose.

Bei der Wulff/Betty-Geschichte war das so, und auch beim NSA-Abhörskandal juckt es schon sehr, den Stoff in ein Buch zu pressen und mit einem Blurb des verstorbenen Medientheoretikers Friedrich Kittler zu zieren. „Dieser Roman erzählt das Unerzählbare der Jetztzeit“. So oder ähnlich würde er, der letzte Woche 70 geworden wäre, sich von seiner Wolke vernehmen lassen.

Denn wie soll man vom Sammeln von Abermilliarden „Daten“ (Faz), „Datensätzen“ (Spiegel), „Info-Einheiten“ (Bild) durch die National Security Agency noch erzählen, wenn nicht einmal klar ist, wie die entscheidenden Dinge heißen? Ein Numinosum, dem Regenmäntel, Glienicker Brücke und schöne Kommunistinnen eines John Le Carré gründlich ausgetrieben worden sind. Und dann ist ja auch kein Subjekt mehr da, das sammelt. Kein Informeller Mitarbeiter wie in Wolfgang Hilbigs Ich, der morgens schöne Literatur verfasst und abends Stasiberichte, und so ein kleines „Aufschreibesystem“ (Kittler) bildet.

Data-Mining, sagt auch der Science-Fiction-Autor Daniel Suarez im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, hat mit den Abhörszenarien aus dem Leben der Anderen nicht mehr viel zu tun und ist „viel viel gefährlicher“. Aber mal ehrlich: Stimmt das? Wir denken darüber nicht als SF-Autor nach, sondern als progressiver Romancier mit leicht reaktionärer Schlagseite und fragen also, was man derzeit besser nicht fragt: Wer sind denn nun die Opfer in dieser Sache?

„Wir alle“, die wir telefonieren und im Internet unsere digitalen Spuren hinterlassen, heißt es. Aber wie soll man einen Schaden beziffern und bewerten? Hat ihn nicht doch eher der Al-Qaida-Terrorist, auf den komischerweise keiner kommt, oder umgekehrt der Geheimdienst, dem die Arbeit nun erschwert wurde? So ähnlich sieht das auch David Simons, der die fabelhafte TV-Serie The Wire konzipiert hat, in seinem Blog.

Andererseits kann man die Aufregung schon verstehen. Wie hat Edward Snowden geantwortet, als er nach dem Motiv seines Geheimisverrats gefragt wurde? „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich mache und sage, aufgezeichnet wird.“ Ich auch nicht, und sei es nur, weil die Theologie in dieser Sache nicht das letzte Wort haben sollte.

Aber ich drifte ab, denn eine Figur wie Snowden ist ja das, was an den Rändern des Unerzählbaren noch erzählbar ist, ein klassischer Held, vom Gewissen diktiert, nun verfolgt und in Bündnisse mit finsteren Mächten wie China getrieben. Ebenso reizvoll der „Gegenspieler“, der in so einem Roman natürlich nicht Obama hieße, sondern bei der Firma Palantir, die die Prism-Technologie entwickelt hat, zu suchen wäre; vielleicht gibt deren Gründer, Facebook-Investor und CIA-Partner Peter Thiel, gebürtiger Frankfurter und Ex-Philosophiestudent, ja etwas her. Schön wäre auch ein Hacker, der die Seiten gewechselt hat, eine klassische Trickserfigur, wie es sie schon in der Antike gab. Jemand, der die Regeln bricht, um Gutes zu tun, sie aber auch ignoriert, um Zwist unter den Göttern zu sähen.

In diese Richtung wird sich das Romanprojekt bewegen, ja, das kann man sagen. Jedenfalls, bis die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Dann muss man neu justieren.

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