Jetzt verteidigen wir Hengameh Yaghoobifarah

Medien Eine „taz“-Kolumne soll skandalös sein. Das ist sie nur, weil ihre Deuter das so wollten
Jetzt verteidigen wir Hengameh Yaghoobifarah
Horst Seehofer befand, die Kolumne führte zu den Ausschreitungen in Stuttgart. Das Partyvolk wird sie kaum gelesen haben

Foto: Thomas Kienzle/AFP/Getty Images

„Mithilfe der Askese soll es manchen Buddhisten gelingen, eine ganze Landschaft aus einer Saubohne herauszulesen“, witzelte Roland Barthes. Die Saubohne ist hier eine in der taz veröffentlichte Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah über die Polizei. Asketisches Verhalten wäre, nicht auf der Empörungswelle zu surfen, die sie verursacht hat, bis zu Horst Seehofer, der den Erdoğan gab und Strafanzeige androhte.

Und die Landschaft? Eine Art Mischung aus Regenwald und Wüste, etwas, das es nur in Texten gibt. Auch ich habe mich beim ersten Lesen aufgeregt. „Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten“, schließt der Text. Das ist zweifellos grenzwertig, Polizisten werden irgendwie schon mit Müll verglichen. Der Ton ist hämisch. Eine Steilvorlage für alle, die leicht entflammen.

Brandbeschleuniger

Zitate werden heutzutage fast automatisch aus dem Kontext gerissen und wirken wie Brandbeschleuniger. Daran hat keiner Schuld, it’s the netz, stupid! Immerhin gibt es Journalisten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Zitate wieder zurückzustellen. Patrick Bahners zum Beispiel. Der FAZ-Redakteur läuft zu großer Form auf, wenn er auf Twitter schwierige Fälle verteidigt. Man könnte seine Einlassungen locker als Gutachten vor Gericht verwenden. Nicht der schlechteste Nutzen von Meinungsjournalismus, finde ich.

Es heißt, Hengameh Yaghoobifarah habe empfohlen, Polizisten auf dem Müll zu entsorgen. Bahners: „Unter keinen irgendwie alltagssprachlich ausweisbaren Bedingungen ist die Schlusspointe des Artikels als ‚Empfehlung‘ zu charakterisieren. Launig wird ein Szenario durchgespielt, dessen Prämissen irreal sind: dass die Polizei abgeschafft wird, der Kapitalismus jedoch nicht.“

Damit müssen wir es hier bewenden lassen. Ein „Szenario wird durchgespielt“ meint: Der Text ist nicht eins zu eins zu lesen, man kann ihn „satirisch“ nennen. Aber nicht nur Seehofer weiß offenbar nicht mehr, was Satire ist. Man hört, dass die Kolumne zu den Gewaltexzessen in Stuttgart beigetragen haben soll. Nun, das Partyvolk wird die Kolumne kaum gelesen haben. Aber hätte es, wären verkürzte Lektüren vorgekommen.

Monty Python

Viele junge Leser scheinen kaum willens oder in der Lage, Ambivalenzen und Ambiguitäten wahrzunehmen. Oder das spielerische, aufklärerische Vertauschen von ideologischen Positionen. Herrliche Zeiten, als die Jugend noch über Monty Python gelacht hat! Deren Film The Life of Brian. Nachts in Bethlehem. Der militante Aktivist Brian schreibt eine Parole an die Wand: „Romanes eunt domus.“ Ein römischer Uniformierter kommt vorbei und erteilt dem Widerstandskämpfer eine Lektion: „Was heißt das?“ „Römer go home.“ Wie bitte? Romanes? Eunt? Und es muss natürlich „domum“ heißen, weil Lokativ. Brian muss 100-mal schreiben: „Romani ite domum.“

Die Einsicht: Eine Befreiung ohne Philologie, also der Liebe zum Wort, ist nicht. Das gilt natürlich auch für eine Kolumne. So gesehen könnte man Seehofer höchstens eine Kritik an der doch überschaubaren Qualität der Satire durchgehen lassen. Der Rest ist Solidarität mit einer sperrigen Kolumnist*in und Schelte für die taz, die das hat vermissen lassen. Eine Gegenrede aus dem Geist von Monty Python müsste sich Bettina Gaus vorknöpfen. Die taz-Redakteurin hatte in ihrer Kritik behauptet: „Es geht in unserem Beruf nicht um Textexegese.“ Diese Ansicht mag populär sein. Sie ist aber falsch.

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06:00 25.06.2020

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