King of Kotelett

Seufz! Es war ein Kreuz mit dem Humor in diesem Wahlkampf: über Raab, Steinbrück, Stuckrad-Barre und die Medienkritik
| Ausgabe 38/2013 5
So sähe sich der Kandidat gerne und hat das am Ende mit einer großen Witzoffensive noch einmal deutlich gemacht. Bei „Circus Halligalli“ war er übrigens auch
So sähe sich der Kandidat gerne und hat das am Ende mit einer großen Witzoffensive noch einmal deutlich gemacht. Bei „Circus Halligalli“ war er übrigens auch

Montage: der Freitag, Material: imago (2), dpa (1)

Absolute Mehrheit, die Polit-Show mit Stefan Raab, hatte Potenzial. Mehr nicht. Wenn sie inzwischen stillschweigend begraben worden wäre, wir hätten es nicht mal mitbekommen. Spitzenpolitiker wollten da jedenfalls nicht hingehen. Jetzt sieht das anders aus. Für Raabs Sendung TV total Bundestagswahl an diesem Freitag haben sich angekündigt: Aigner, Brüderle, Gysi, Trittin, Laschet, Oppermann.

Der Aufmarsch überrascht nicht, schließlich wurde Raab zum Sieger des TV-Duells ausgerufen. Als einziger der vier Journalisten, die Kanzlerin und Kandidaten befragten, bekam er gute Noten von den Medien. Man kann das verstehen, Raab fragte frech und witzig. Höhepunkt war sein Vorwurf an Steinbrück, eine Große Koalition mit ihm als Finanzminister auszuschließen: „Das ist doch keine Haltung zu sagen, ich will nur gestalten, wenn ich King of Kotelett bin“, rief Raab und erinnerte an Oli Kahn, der als „Nummer zwei“ zur WM 2006 gefahren war, „weil es der Sache diente, das nötigt den Leuten Respekt ab“.

Bitte weniger witzig

Das ist witzig, weil es Steinbrück im Titanenvergleich zugleich erhebt und verspottet, Kahn hatte unter seiner Degradierung bekanntlich sehr gelitten. Und es ist witzig, weil im „King of Kotelett“ der Metzgersohn in Raab mitklingt. Allerdings ist man dieser Witzigkeit im Wahlkampf ein wenig überdrüssig. Man möchte nicht ständig witzige Bemerkungen über einen an sich witzigen Kandidaten hören, dessen Witz nach eigener Überzeugung nur nicht zur Geltung kommen darf, weswegen er sich verbiegen muss, und also Anlass zu eben jenen Witzen gibt, die ... also, man möchte das einfach nicht mehr.

Mit dem an sich witzigen Kandidaten ist das ja so eine Sache. Im aktuellen Spiegel kann man nachlesen, wie Steinbrück nach Lachern süchtig ist. Das wäre nicht so schlimm, würde Dirk Kurbjuweit in seinem brillanten, bitterbösen Porträt nicht ein verheerendes Beispiel für den Humor des Kandidaten liefern. Steinbrück sitzt im Reisebus neben Journalisten und hält ihnen eine kleine Tafel Rittersport unter die Nase. Dann beginnt er sie selbst zu essen und sagt: „Das ist Umverteilung à la Sozialdemokratie“. Ja, so denkt er wohl. Witze sprechen bekanntlich wahr. Für SPD-Sympathisanten ist das eine mittlere Katastrophe: Man kann diesen Mann eigentlich nicht wählen. Hier hat die Beschreibung eines „Witzes“ mehr geleistet als eine ganze Folge Satire-Gipfel, aber um Satiren soll es hier nur am Rand gehen.

Kurbjuweit hat Steinbrück also im Wahlkampf begleitet, und er hat ihn entweder ironisch oder aggressiv erlebt, oft wohl beides zugleich. Vielleicht muss man sogar sagen: ironisch und sadistisch. Der Kandidat genießt es offenbar, Menschen klein zu machen, sie zu beschämen, auszutricksen. Nun könnte man sagen, dafür sind Witze eben gut, dass sie in harmloser Form den Tabubruch erlauben.

Man findet solche Neigungen auf Spielplätzen, man findet sie in jedem Betrieb, egal ob da Werbesprüche oder Zahnbürsten produziert werden, und wenn hier die Genderfraktion sagt, so ist das nun einmal in der weißen, männlichen, heteronormativen und was weiß ich noch Gesellschaft, muss man anfügen, ja stimmt schon, aber wer sagt denn, dass es weniger sadistisch zugeht, wenn Alice Schwarzer den Ton angibt? Auch in der politischen Komik ist der Alltagssadismus verbreitet: Wenn Martin Sonneborn in seinen Straßenumfragen die Leute vorführt, oder beim frühen Raab, als dieser noch der rüpelhafte kleine Bruder von Harald Schmidt war, der bekanntlich ein Obersadist ist, aber zum Glück auch nie etwas anderes behauptet hat.

Blick ins Gehäuse

Raab und Steinbrück also, sie verstehen sich. „Ich mag Typen wie sie“, sagte Raab, und das war spürbar ernst gemeint. Raab war an diesem Abend der einzige, der Steinbrücks Ton traf. Für ihresgleichen wurde der Terminus des „Polit-Rockers“ geprägt, angeblich will Joschka Fischer als letzter dieser Art gelten. Hätte er wohl gerne. Denn Steinbrück ist ja auch so ein Polit-Rocker, ein halber zumindest. Und Raab ist seine mediale Spieglung. Wie wiederum Steinbrücks Stinkefinger nicht nur eine an die Medien adressierte Antwort auf den „Pannen-Peer“ ist, sondern auch eine popkulturelle Geste.

Benjamin von Stuckrad-Barre, kurz BSB, der alte Oasis-Fan, könnte ihm die Geschichte dieser Geste vorsagen. In seiner Polit-Show auf Tele 5 ist BSB raffinierter als Raab, aber auch er pflegt einen aggressiven, agonalen Stil, will mit seinen Gästen kämpfen. Und wenn er nicht kämpfen kann, will er wenigstens wie ein Irrer tanzen, was ihm mit Katja Kipping hinreißend gelungen ist.

Stuckrad-Barre hat nicht die große Quote, aber hier sitzt ein junges, urbanes Publikum, die Early Adopters der Politikrezeption sozusagen. Es ist ein eher linkes Publikum, im Kontrast zum eher konservativen Showmaster. Aber interessanter scheint etwas anderes: Während Stefan Raab nur Show macht, zeigt BSB auch Show, und ist aus diesem Grund noch nicht Mainstream, aber die Verkörperung einer Tendenz. Seine Sendung lässt einen „Blick ins Gehäuse“ zu. Man stelle sich vor, Markus Lanz würde in einer Sendung von sich selbst sagen, „Sie wissen ja, ich will nichts wissen, ich will nur etwas hören“. Das wäre so ein Blick.

In jeder Sendung zieht sich BSB einmal zurück und berät mit dem Journalisten Markus Feldenkirchen den bisherigen Verlauf der Sendung, wir schauen ihnen dabei zu. Feldenkirchen wirkt mit Absicht ein wenig wie ein Boxtrainer, BSB wie ein Mann, der Angst hat, dass er zu wenig punktet. So auch gegen Bernd Lucke in der aktuellen Sendung. BSB fürchtet, dass er dem Vorsitzenden der AfD auf den Leim kriecht, und macht dann, was er sonst nicht so offen tut: Er führt den Gast vor, konfrontiert ihn mit der ausländerfeindlichen Klientel seiner Partei und tut also, was verständlich ist, aber in der Summe weder eine witzige noch informative Sendung ergibt, zumal BSB über den Euro, gar über den Austritt Griechenlands aus diesem, nicht diskutieren will.

Lucke wirkt streberhaft, vorwitzig und devot zugleich, und ist schon darum kein guter Gast. Er hat halt keine große Erfahrung mit solchen Shows. Besser funktioniert es, wenn ein Gast den Kampf mit dem Moderator gelassen aufnimmt und ein medienreflexives Verhalten zeigt. Wie Karl Lauterbach. Er war es, der über Lanz gesagt hat, dass dieser nichts wissen, sondern etwas hören will. Eine gewitzte Unterscheidung, bei Stuckrad-Barre, vom designierten Gesundheitsminister, falls die SPD die nächste Regierung stellt. Was will man mehr?

Ja, was eigentlich? Vielleicht dieses: Es gab einmal eine Zeit, da galt es als Gipfel der Aufklärung, wenn Medien diesen Blick ins Gehäuse forcieren. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Kann es ein Zuviel an medienreflexivem Verhalten geben? Aber wie trainiert man sich das wieder ab? Geht das überhaupt? Man stelle sich vor: Medientraining würde vor allem heißen, die Medien zu vergessen. Kommt dann etwas anderes als Bernd Lucke raus? Man will die Leute auch nicht immer kämpfen sehen.

Eine niedere Gattung

Neulich war ich auf einer Veranstaltung, in der über den „deutschen Humor“ diskutiert wurde. Auf der Bühne saß auch der Lyriker und Zeichner F. W. Bernstein. Diskutiert wurde, ob das Komische eine Kunstform sei. Bernstein beharrte in demütigem Stolz darauf, dass er eine „niedere Gattung“ vertrete, verwies dann auf den aktuellen Stern, in dem Loriot gefeiert wird, der so eine Prominenz im Sinne von echter Beliebtheit erlange, die einem Politiker nie zukäme. Es war ein schöner Auftritt, ohne dass der Stern von Bernstein weiter thematisiert wurde.

Auf dem Podium saß auch Silke Burmester, die Spiegel-Kolumnistin und Medienjournalistin. „Kleist oder Goethe“ wurde sie von Jakob Hein gefragt, als es um die Stellung der Komik im Kunstgefüge ging. Sie verstand die Frage nicht. Aber sie hätte zu gerne vom ebenfalls anwesenden Kurt Krömer gewusst, wie das nun mit ihm und Matthias Matussek war. Mit dessen Entlarvung war Krömer ja neulich ein seltener Augenblick der TV-Wahrheit gelungen. Gleichwohl: Musste das jetzt sein? Krömer wollte denn zum Glück auch nicht antworten und sprach lieber von seiner Phantasie, ein Operettenstar zu sein. Man hätte ihn ja fragen können, an welche Operetten er so denkt, und vielleicht wäre etwas dabei herausgekommen

Aber so ist das eben: Die Medienreflexion tritt zunehmend an die Stelle von Bildung und Erfahrung. Auch in der Politik und im humoristischen Diskurs über die Politik. Wir werden es nicht ändern können, aber der Verbreitung von Zwischentönen, von Subtilität und Gelassenheit ist diese Entwicklung nicht gerade zuträglich. Eine wirklich witzige Polit-Show gibt es übrigens schon. Ihr Name ist kein Geheimnis, sie heißt heute-show. Und das Subversive an ihr ist: Sie läuft im ZDF.

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