Michael Angele
21.07.2010 | 11:00 64

Komplett geheilt

Exorzismus Eine linke ­Kampagne fordert die „Ver­bannung“ rechter ­Zeitungen aus der Öffentlichkeit. Das wirkt nicht eben souverän. Unser Autor ist trotzdem dankbar

Ja, ja, ich hab auch schon mal gedacht, ist doch nicht alles falsch, was der da so sagt, und es konnte mich nicht wirklich beruhigen, dass der Chefredakteur von Lettre International zum „Journalisten des Jahres“ gekürt wurde für ein Interview, das er mit ihm geführt hatte. Bin ich also gefährdet? Muss ich mir eine Gesamtausgabe von Ernst Jünger zulegen? Stehe ich kurz davor, ein Abonnement für die Junge Freiheit abzuschließen, die Begründung „muss doch schauen, wo der Feind sitzt“ nur noch genuschelt? Zeit für eine Lagebeurteilung, wie das in jenen Kreisen vermutlich heißt.

Ich notierte mir die Titel der sechs inkriminierten Zeitschriften aus dem Aufruf zur Kampagne gegen rechte Zeitungen und ging zum Bahnhofskiosk. Griff mir Die Deutsche Militärzeitung, die Junge Freiheit und Zuerst! (Die Preussische Allgemeine Zeitung war gerade nicht vorrätig, die anderen beiden gab es da nicht.) Bezahlte mit hochrotem Kopf, und wusste nicht, ob mir der junge Kassierer das Rückgeld so unwirsch zurückgab, weil er meinen Kauf missbilligte, oder weil er schlecht gelaunt war. Setzte mich ins nächstbeste Café und schlug Zuerst! auf, das „deutsche Nachrichtenmagazin“. Dort stieß ich dann rasch auf ihn: „Thilo Sarrazin (SPD) hat wieder zugeschlagen: Der einsame Kämpfer gegen die politische Korrektheit, der vielen Deutschen aus der Seele spricht...“.

Oh, Gott, dahin führt das also, dachte ich, und kämpfte mich weiter durch das Heft, das, wie der Spiegel, eine von mehreren Autoren verfasste Titelstory hat – über Deutschland, das für Europa finanziell bluten muss – und sich auch einen Kulturteil leistet, der aus einem einzigen Artikel bestand. Ein Porträt zum 110. Geburtstag von Arno Breker. Breker war der Lieblingsbildhauer von Ernst Jünger, „Jean Cocteau und Adolf Hitler,“ natürlich Breker, dachte ich, müsste ich in einem Alptraum den Kulturteil des Zuerst! machen, käme mir vermutlich auch nicht viel mehr in den Sinn.

Leitbild Stauffenberg

Vermutlich würde ich dann eine auf zehn Jahre angelegte Serie zu Erwin Rommel konzipieren, der ja eine Art ideeller Gesamtnazi-Antinazi darstellt: Rommels Helfer I, Rommels Helfer II, Rommels Sekretärinnen, Rommels Hunde, Was würde Rommel aus der Servicewüste Berlin machen? etc. Man spielt die Minderheiten gegeneinander aus (Schwule gegen Türken, Migranten gegen Linke) und begrüßt den Rechtsrutsch in Belgien. Der Leser erfährt nicht, wer die vielen freien Schreiber sind, die immerhin 82 Seiten füllen, und fragt sich, ob die sich auch aus Journalistenschulen rekrutieren. Wenig überraschend, dass kaum Frauen darunter sind. Ein Artikel zum Comic Tim im Kongo, das wegen Rassismus und Kolonialismus verboten werden soll, ist mit Ranghild Lenberg unterzeichnet – what a name, denkt man, ist das die Starautorin der Szene? Oder doch nur ein Pseudonym? Google kennt den Namen jedenfalls nicht, vielleicht ist Ranghild Lenberg einfach das, was herauskommt, wenn sich die „Erlebnisgesellschaft zweiter Weltkrieg“ (Impressum Deutsche Militärzeitschrift) einen Frauennamen fantasiert. Am Ende ist man selbst bei einem harmlosen Beitrag über Helgoland so entnervt, dass man diese Insel für sich zur, sorry!, No-go-Area erklärt.

Ich bestellte noch einen Caffè Latte, verhasstes Wort, in diesem Moment aber eine Wohltat und stiller Protest gegen die Ranghild Lenbergs dieser Welt. Davon ging für mich keine Gefahr aus! Beruhigt nahm ich die Junge Freiheit, die in einem beachtlichen Stoß am Kiosk gelegen hatte. Uns Medienmenschen interessieren nun mal primär die Medienthemen und so stürzte ich mich auf den kleineren der beiden Artikel auf der Titelseite, überschrieben mit „Die langen Badehosen“, bebildert mit einem Foto von Wolfram Weimer; eine Art Grußwort des JF-Chefredakteurs an den neuen Focus-Chef.

Wohlwollend wurde vermerkt, dass der Focus wieder gegen den Spiegel „in Stellung gebracht“ werden soll und Weimer Debatten führen will, die „durchaus konservativ gefärbt sind“. Verbündete in der deutschen Medienlandschaft hat die JF dringend nötig. Sie ist mit einem Wahrnehmungsverbot belegt, das nur dann gebrochen wird, wenn ein bekannter Namen wie Eckhard Henscheid oder Egon Bahr ein Interview gegeben hat: Skandal, Skandal! Da sich wenig Rufschädigenderes denken lässt, als von der JF gelobt zu werden, ist anzunehmen, dass Weimer das Lob nicht öffentlich kommentieren wird.

Der Titel „die langen Badehosen“ bezog sich auf „Südländer“, die in den Berliner Bäderbetrieben gerne „eigentlich verbotene“ knielange Badehosen tragen und so für einen Schaden von täglich 10.000 Euro infolge des Wasserverlusts sorgen – ungeahndet. „Feiger Staat“, der sich aus den Problemzonen zurückzieht. Nun ja.

Der Schwerpunkt der Ausgabe lag aber auf dem 20. Juli und Stauffenberg, dem „Leitbild“. Dazu sah man den Grafen in Warholscher Manier auf den Titelbild, und ich dachte, schlechter als die Titelbilder der Zeit ist das auch nicht. Ja, es wurde noch ärger, der Medienmensch in mir dachte, genau so muss man es machen, wenn man die Junge Freiheit ist, Stauffenberg und den 20. Juli aus allen Rohren feuern. S.1, 3, 4, 14, 16 und 20, Leitartikel, Guttenberg-Huldigung (er ist der Urgroßneffe eines Widerstandkämpfers), Interview mit einem jungen, akurat gescheitelten Künstler, der Stauffenberg zeichnet, Interview mit dem Menschen, der diesen Warhol-Stauffenberg auf T-Shirts druckt, Interview mit einer halbwegs renommierten Historikerin und Expertin zum deutschen Widerstand, am besten in Frankreich wirkend und den 20. Juli von antidemokratischen, antisemitischen Zügen freisprechend, auch wenn sie in Gottes Namen seit 2009 tot und das Interview also schon etwas älter ist.

Nationalismus und Neurose

Alles in allem vielleicht ein wenig viel Interview und doch: Meine Hand fing an zu zittern. „Respekt Kameraden, äh Kollegen“, hörte ich mich schon sagen, aber dann hielt ich inne, überlegte, was Ernst Jünger, der Übervater der JF, wohl dazu sagen würde, und entwarf Eine Rede des toten Ernst Jünger vom Weltgebäude herab, dass da kein Rechtskonservativismus ja überhaupt kein Konservativismus mehr sei:

„Kameraden, ihr steht auf verlorenem Posten! Stauffenberg als Pop-Ikone kann nicht funktionieren. Dem wahren Konservativen ist längst der Boden entzogen worden von der libertär-kapitalistischen Gesellschaft, die alle festen Werte unter sich begräbt, und als Retro-Phänomen ist der Konservativismus einfach nicht massentauglich. Echte Konservative sind steif, übellaunig, sie haben oft Kopfschmerzen und sind komplett medienuntauglich. Es gibt sie nur noch in einigen entlegenen Gegenden Englands. Ohne Rücksicht auf Verluste, Kameraden: Das, was ihr ‚modernen‘ Konservativen mit den alten gemein habt, sind Humorlosigkeit und Fremdenangst. Aber ich sage euch, die Zukunft Deutschlands wird nicht nur von Migranten mit Beutelhosen bestimmt, sondern auch von solchen, die über Migranten mit Beutelhosen berichten und richten. Schaut euch doch an, wer den Dokumentarfilm Kampf im Klassenzimmer: Deutsche Schüler in der Minderheit, über den ihr auf euerer Medienseite genüsslich berichtet, gemacht hat. Wer informiert euch über dieses in der Tat deprimierende Frauen- und Menschenbild muslimischer Halbwüchsiger an deutschen Hauptschulen? Es ist eine junge Türkin, Kameraden! Im Übrigen finde ich es ziemlich lächerlich, dass man euch verbieten will, wie ich höre. Ich meine, gibt es in euren Artikeln geheime Botschaften? Muss man sie rückwärts lesen, um den satanischen Gehalt zu erfassen? Bitte um Nachricht! Es lebe das heilige Deutschland! Und grüßt mir die Wilflinger.“

Dann murmelte er noch so etwas wie: Euer Nationalismus ist eine Neurose, seltsam, wie mein Ernst Jünger da gesprochen hatte, aber so war es nun einmal. Natürlich hatte ich mir zuerst die Zuerst! gegriffen, weil sie wie ein beliebiges modernes Nachrichtenmagazin daherkommt und man sich nicht schämen muss, dabei aber unweigerlich denkt: Ihr Rattenfänger! Aber vielleicht sollte man diesen Reflex ignorieren, vermutlich ist alles schlicht so gemeint, wie es da steht. Auch in der Deutschen Militärzeitschrift. Das Grauen liegt dort in der Buchwerbung: Dänen in der Waffen-SS, Belgier in der Waffen-SS, die südosteuropäischen Gebirgsverbände der Waffen-SS; ach, dürfte der Schönhuber das noch erleben.

Das Parteiorgan der NPD habe ich dann nicht gefunden, habe aber auch nicht mehr besonders intensiv gesucht. Warum auch? Ich hatte längst genug. Es gibt die Deutsche Stimme übrigens online lesen, oder wie sie sagen: im „Weltnetz“, da hilft dann auch keine Verbannung aus den Kiosken. Hey, You can read The Deutsche Stimme in the so-called Weltnetz. What a lächerlicher Kindergarten. Nas ıl bir ana okulu!

Kommentare (64)

Michael Angele 22.07.2010 | 15:11

Mit Erlaubnis des Autors möchte ich den folgenden Leserbrief hier posten:

Leserbrief betr. "Komplett geheilt" Freitag Nr. 29 Seite 13

Der Text von Michael Angele enttäuscht, weil er statt auf Analyse und Fakten auf die Befindlichkeiten seines Verfassers setzt. Man kann die in Rede stehende Kampagne gegen rechte Zeitschriften an Kiosken mit guten Gründen kritisieren. Doch diese guten Gründe bringt Angele ebenso wenig zur Sprache,
wie eine differenzierte Analyse der von ihm angelesenen Zeitschriften. Denn gegen Zeitungen wie JUNGE FREIHEIT, ZUERST oder DEUTSCHE STIMME moralische Abscheu zu mobilisieren ist nur langweilig.
Der Text hätte gewonnen, hätte sich der Autor der Mühe unterzogen die feinen, aber keinesfalls unwichtigen
Unterschiede in Sprache, Themensetting und Zielgruppe der von ihm erwähnten Zeitungen zu analysieren. Dann wäre er darauf gekommmen, dass es in diesempublizistischen Spektrum sowohl politische Fliehkräfte, als auch Synergieeffekte gibt.Einer Wochenzeitung wie der FREITAG es ist wünsche ich mir bei der
Bearbeitung des Themas Rechtsextremismus mehr Analyse, mehr Lakonie, mehr Genauigkeit und weniger Befindlichkeit und Moral.

David Begrich
Arbeitsstelle Rechtsextremismus
Miteinander - Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt
e.V.
Magdeburg

mh 22.07.2010 | 15:54

"Der Titel „die langen Badehosen“ bezog sich auf „Südländer“, die in den Berliner Bäderbetrieben gerne „eigentlich verbotene“ knielange Badehosen tragen und so für einen Schaden von täglich 10.000 Euro infolge des Wasserverlusts sorgen – ungeahndet. „Feiger Staat“, der sich aus den Problemzonen zurückzieht."

für dieses sehr spezielle beispiel hätte auch ich sehr lange überlegen müssen, aber das ist genau der stil, den ich in so einer zeitung erwarten würde.

damit sollte sich mein freund thilo auch mal auseinander setzen.

mfg
mh

merdeister 22.07.2010 | 18:26

Bei der Lektüre wäre ich mit Cafe Latte nicht ausgekommen.

In der Süddeutschen spricht sich auch jemand gegen die Verbannung rechter Zeitschriften von Kiosken a href="http://endstation-rechts.de/index.php?option=com_k2=item=5124:s%C3%BCddeutsche-zeitung-bund-der-vertreibenden-%E2%80%93-%C3%BCber-die-utopie-der-rechts-freien-kioske" target="_blank">aus.

Ich bedanke mich für die Lektüre, denn ich hätte das nicht gelesen, hinterher sieht mich einer und will mich werben.

mh 22.07.2010 | 19:46

früher war alles besser, deswegen ist früher vorbei.

das lesen rechter oder linker texte hat sehr viel mehr befindlichkeiten zu tun, als es jemals politisch sein könnte. daher passt das hier ganz gut.

ich fand nur den zeitpunkt unpassend. es wäre schöner gewesen, an einem mehr alltaglastigem tag zu lesen. da reichen mir dann die fallbeispiele auch aus, um zu wissen wie da gearbeitet wird.

und jetzt aber bitte noch die linke konkurrenz nachlegen.

mfg
mh

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Ehemaliger Nutzer 22.07.2010 | 20:55

Bis zum Ende des Artikels ging mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf:
Mein Gott, er diese Blätter wirklich alle in der Öffentlichkeit gelesen.

Wenn das mal keine schamvermindernde Übung ist.

Wie einfach und schön wäre diese Welt, wenn sie durch verbieten besser würde. Zumindest für die Verbietenden.

rolf netzmann 22.07.2010 | 21:35

Ich hatte vor einiger Zeit mal die Junge Freiheit im Briefkasten, unaufgefordert natürlich. Etwa 45 Minuten habe ich darin geblättert, wissend, was ich lese. Von einem Boykott halte ich nichts, eher von einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Mal abgesehen davon, dass viele rechtsextreme Publikationen auch online lesbar sind, wo der Leser daheim im stillen Kämmerlein und nicht in der Öffentlichkeit ist, halte ich es für wichtig, sich mit dem intellektuellen Gedankengut dieser Rechten auseinanderzusetzen. Was verboten wird, blüht im Verborgenen weiter, was offentlich ist, damit kann man sich auseinandersetzen.

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Ehemaliger Nutzer 23.07.2010 | 11:01

Ich fand Jean Cocteau als Zeichner immer am Spannensten und habe ehrlich gesagt mit ihm als Person nicht so richtig viel beschäftigt. Dass er mit Arno Beker befreundet war gruselt mich nun ein wenig. Vor allem Jean Cocteau in einem Atemzug mit Hitler zu lesen macht mir echt zu schaffen.

Michael Angele 23.07.2010 | 11:28

@KalleWirsch. Ja nicht schön, aber in den zwanziger Jahren gab es eben viele Berührungen zwischen den Fronten. Auch viele seltsame Mischgestalten, z.B. die sogenannten "Nationalbolschweisten" wie Ernst Niekisch, oder schauen sie sich die Freundschaft zwischen Carl Schmitt und Hugo Ball an, dem späteren "Kronjuristen der Nazis" und dem Dadaist. Oder die zwischen Ernst Jünger und dem Anarchisten Erich Mühsam. Und schauen Sie mal, wer damals alles zu den Bewunderern von Stefan George zählte; Walter Benjamin zum Beispiel. Und und. War eben alles nicht so eindeutig damals. Und von dieser Faszination zehren ja auch die Junge Freitheit oder die rechtsintellektuelle Gatzette Sezession.
Schöne Grüße
MA

Magda 23.07.2010 | 11:55

Ich habe oft gedacht, dass da eine Menge historische Munition ruht.
Josef Goebbels kam ja auch aus der "linken Ecke" der Rechten. Die Gruppe um die Gebrüder Strassser und Karl Kaufmann. Linkes Gedankengut. Verstaatlichung der Konzerne - war in dieser politischen Richtung kein Tabu. Ein Minenfeld - das Ganze.

Am Ende hat - verkürzt gesehen - der Röhmputsch das wohl alles "begradigt".

wwalkie 23.07.2010 | 16:13

Um die Eindeutigkeit, gemäß derer "alles damals nicht so eindeutig war", ein wenig zu verwackeln, Herr Angele: Es kommt - wie immer - auf den konkreten Kontext an. Die Freundschaft Schmitts und Balls entwickelte sich, als Schmitt noch kein Nazi und Ball kein Dadaist mehr war, beide aber - auch antisemtische - Erzkatholiken.

Ansonsten fand ich Ihren Selbstversuch interessant, gerade die Beschreibung der "Befindlichkeit". Andererseits weiß ich, wie unermüdlich sich gerade die "Edelnazis" von Sezession um Einfluss auch bei sich links verstehenden Schmitt-, Jünger- und Heideggerlesern bemühen. Und da ist schon die genaue Textanalyse angesagt, die.Begrich fordert.

Michael Angele 23.07.2010 | 16:42

@wwalkie Ich habe doch nichts gegen genaue Textanalyse. Ich wäre mir aber nicht so sicher, ob sie immer zum gewünschten Resultat führt. Etwas salopp gefragt: Ist Textanalyse nicht auch nur eine sublime Form von Exorzismus?

Dennoch finde ich die Forderung von Begrich legitim. Vielleicht findet sich ja jemand anderer, der sie aufgreift. Erstaunlich allerdings, dass ihm an meinem Beitrag die "Moral" aufgestoßen ist. Ich habe, jedenfalls in meinem eigenen Verständnis, doch eher "ästhetisch" argumentiert.

B.V. 23.07.2010 | 19:36

"Denn gegen Zeitungen wie JUNGE FREIHEIT, ZUERST oder DEUTSCHE STIMME moralische Abscheu zu mobilisieren ist nur langweilig."

So ist es.

Ansonsten:
Eine linke Kampagne, die die Verbannung rechter Zeitungen aus der Öffentlichkeit fordert, zeigt auch nur ein linkstotalitäres Gesicht.
Es ist zutiefst antidemokratisch und will dem Einzelnen vorschreiben was er lesen darf und was nicht.
Solche volkspädagogischen Zwangsmaßnahmen von links sind mir herzlich zuwider.

B.V. 23.07.2010 | 20:14

"...aber in den zwanziger Jahren gab es eben viele Berührungen zwischen den Fronten. Auch viele seltsame Mischgestalten, z.B. die sogenannten "Nationalbolschweisten" wie Ernst Niekisch, oder schauen sie sich die Freundschaft zwischen Carl Schmitt und Hugo Ball an, dem späteren "Kronjuristen der Nazis" und dem Dadaist. Oder die zwischen Ernst Jünger und dem Anarchisten Erich Mühsam. Und schauen Sie mal, wer damals alles zu den Bewunderern von Stefan George zählte; Walter Benjamin zum Beispiel. Und und. War eben alles nicht so eindeutig damals.
Und von dieser Faszination zehren ja auch die Junge Freitheit oder die rechtsintellektuelle Gatzette Sezession."

So ist es, und das macht sie immerhin lesenswert und langweilig sind sie auch nicht.
Warum schreiben nicht mal Journalisten vom Freitag in der Jungen Freiheit und umgekehrt, das wäre doch mal ein Sprung aus der biedermeyerschen Langeweile unserer heutigen Politkultur.

Die Intellektuellen der zwanziger Jahre waren viel souveräner im Umgang miteinander.
Man kann bei einigen Linken einfach immer wieder die Angst spüren vor der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Gegner/Feind (Und die Linksdeppen können eh nur mit Gewalt oder dümmlichen Anti-Kampagnen reagieren. Die Rechtsdeppen reagieren nicht mit Ant-Kampagnen aber mit Gewalt) .
Komischer Weise haben JF und Sezession diese Angst nicht vor dem Gegner/Feind.
Die Wahrnehmung von links rechts läuft aber meistens so, dass man übereinander redet aber niemals miteinander.
Der linke Kommunist und Theaterdirektor Piscator hat im Rundfunk mit dem Nazi Josef Goebbels diskutiert, gemeinsam in herzlicher Abneigung.
(Den Gesprächsverlauf kann man in Piscators Autobiografie nachlesen).
Heute würden die meisten Linken nicht mal mit harmlosen rechtskonservativen Intellektuellen diskutieren, Sowas gibt es nur in Ausnahmefällen.
Ich erinnere an das Gespräch zwischen Ernst Jünger und Heiner Müller (sehr lesenswert in der Müllerautobirografie). Es gab auch hin und wieder Linke, Sozialdemokraten, Liberale, die der JF ein Interview gaben, viele von ihnen wurden danach wie Aussätzige behandelt oder politisch gemobpt.

wwalkie 23.07.2010 | 22:31

Michael Angele, welche Geister haben Sie gerufen? Es reicht anscheinend der Hinweis auf die Nationalbolschewisten der Weimarer Republik (Himmler war auch übrigens auch ein Straßer-Mitarbeiter!) und die spielerisch-provozierende Evokation von Freundschaften politischer Gegner, um einen B.V. jubilieren zu lassen: Die JF und ihre Schwestergazetten seien nicht langweilig, sondern lesenswert, der Umgang rechtsextremer und linker Intellektueller in der Weimarer Republik sei "souveräner" (so souverän, dass der Freund Jüngers, Mühsam, von den Freunden seines Freundes brutal umgebracht wurde, was diesen aber nicht störte, dass ein Tucholsky sich tötete, so wie der verzweifelte Georgeleser Benjamin, aber souverän ist bekanntlich, wer über den Notstand bestimmt), die Linken haben merkwürdigerweise Angst vor der intellektuellen (!) Auseinandersetzung - und, besonders apart, wie wär's denn mit einem Autorentausch von JF und Freitag? Das wäre dann auch nicht so biedermeierlich. Und dann würde man nicht - wie Streithähne (man ist ja so emotional) - nicht "über", sondern "miteinander" reden (sagte meine Grundschullehrerin auch immer). Im Grunde sind wir nämlich alle ganz gute "Kerls", also ... Deutsche. Mit den Ausländern reden wir dann gemeinsam später. Und zwar "volkspädagogisch".

Also: Gemeinsam mit den Rechtsextremen sind wir ... stark? redlich? gebildet? intellektuell? links? linksliberal? humanistisch? Wie weit wollen Sie noch gehen, BV? Spielen Sie noch oder sind Sie schon angekommen - in der jungen Freiheit?

PS. Einige Bausteine für Ihre Replik (à la JF): Linkstotalitarismus, Gutmenschentum, europäischer Bürgerkrieg, obsessioneller Antifaschsmus, krankhafter Antischmittianismus, Heroismus, Anarchismus.

Magda 23.07.2010 | 23:38

@ wwalkie - "Es reicht anscheinend der Hinweis auf die Nationalbolschewisten der Weimarer Republik (Himmler war auch übrigens auch ein Straßer-Mitarbeiter!) und die spielerisch-provozierende Evokation von Freundschaften politischer Gegner, um einen B.V. jubilieren zu lassen:"

An mich ging das jetzt zwar nicht, aber ich frage mich trotzdem, was ist denn daran so furchtbar, wenn B.V. jubiliert?

Von dem lerne ich nichts, von Ihnen aber auch nichts, wenn sie so was wie pst, pst...sagen und so tun, als verwalteten sie Herrschaftswissen.
Sie haben offensichtlich auch gleich das ganze Repertoire parat, das auf seinen nichtswürdigen Aufruf wartet und....das darf man nicht zulassen. Verstehe ich nicht. Und liest sich auch ein bisschen, als spräche da ein Schriftgelehrter, der erstmal auslegen muss, bevor der einfache Mensch sich damit beschäftigt.

Ich zum Beispiel bin erst kürzlich durch allerlei biographische Arbeiten zu dem Thema gekommen. Ich bin keine Historikerin und in der DDR waren solche Themen auch nicht gerade en Detail im Gespräch. Und - ich sehe die Versuchung auch, die in solchen historischen Aufrufen und eventuellen "Einordnungen" liegt, aber deshalb sehe ich mich nicht gleich zur Jungen Freiheit driften. Außerdem, die machen ja das Ähnliche, nur andersrum. Anderswo habe ich mal geschrieben: Seit dieses Land auf die staatliche Zensur verzichten muss, sind viele kleine Kontrolleure unterwegs. Na, ich will nicht übertreiben, aber ich bin schon erstaunt.

wwalkie 24.07.2010 | 10:43

Magda, pst, pst ... sage ich nun gerade nicht, sondern ich äußere mein Entsetzen über die Verharmlosung, falsch, das Feiern der Rechtsgazetten durch B.V. Und das macht er 'nen bisschen à la Salomon oder Jünger: die linken Politjournale seien "langweilig", "biedermeierlich", die rechten aber "lesenswert" und spannend. Er möchte - in aktueller Sprache - ein Crossover von Recht(extrem) und Links.

Zum Herrschaftswissen. Die inflationäre Benutzung dieses Begriffs ist frappant. Da wird so locker-flockig in einem anderen Kontext Adorno, dem großen Aufklärer, Herrschaftswissen unterstellt (nicht von Ihnen), nur weil er etwas kompliziert schreibt. Und dem kleinen wwalkie, der weder herrscht noch ein Wissensmonopol hat, sondern nur (!) darauf hinweist, dass allein durch genaues (allerdings historisches) Hinschauen gewissen Mythen (die man z.B. bei B.V. erleben muss) ihre Faszinationskraft genommen werden kann, dem kleinen wwalkie, der nur darüber aufklären will, was er weiß (oder zu wissen meint) als kleinen Kontrolleur (quasi à la recherche du nazi perdu) zu beschreiben - Magda, das ist 'ne kleine Projektion. Zumal die Nazis nicht perdus sind.

Schauen Sie sich einmal als Beleg den Internetauftritt der "Sezession" an.

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hibou 24.07.2010 | 10:55

btr. nachrichten lese ich sehr gerne nzz oder faz, besonders die zürcher hat doch viel stoff, der anderswo unterschlagen wird. was die unsaeglichen meinungen betrifft, brauchen wir uns als halbwegs urteilskraeftige individuen nicht weiter unterhalten, abgesehen davon, dass verbote wirklich nix bringen. dazu noch gibt es doch hier neben saeglichen auch viele andere?

Magda 24.07.2010 | 10:59

"Er möchte - in aktueller Sprache - ein Crossover von Recht(extrem) und Links."

Das sehe ich doch auch. Das wollen sie im Moment - weils in der politischen Auseinandersetzung grad opportun ist - auch alle.

Apropos: Demnächst blogge ich einen kleinen Bericht über die Veranstaltungspolitik im "Roten Ochsen" in Halle. Da haben wir das ganze Problem von rechts und links so was von offensichtlich.

Vielleicht überschätzen Sie einfach B.V. ein bisschen. Der hat immer schon allerlei und dies und das gewollt.

"dem kleinen wwalkie, der nur darüber aufklären will, was er weiß (oder zu wissen meint) als kleinen Kontrolleur (quasi à la recherche du nazi perdu) zu beschreiben - Magda, das ist 'ne kleine Projektion"

Die Projektion besteht vielleicht daherinnen, dass ich Sie ernst nehme. Und nix klein wwalkie sind.
Ansonsten das war jetzt Ihr Pech: Sie warn halt gerade da. Kann alles sein.

Aber eines stimmt auch: Bei uns "da drüben" war egalweg alles tabu und es war auch so, dass kaum mal eines gebrochen wurde, die Leute ankamen und gleich alles umschmeißen wollten. Von daher sind die Zeiten im moment tatsächlich so merkwürdig "definitionsgeladen". Es könnte was wegbrechen.
Na, ich komme ins Schwatzen.

lebowski 24.07.2010 | 19:22

@Kalle Wirsch
"Den Focus bitte nicht vergessen."

Doch! Den Focus sollte man vergessen. Weil er, wie man rechts sagen würde, intelektuell nicht satisfaktionsfähig ist.strunzdoofes Anzeigenblättchen.
Wenn man sich die Focus-Titelgeschichten der letzten Jahre anschaut, könnte man auf die Idee kommen, dass neben der Werbung die Demütigung der eigenen Journalisten der Hauptzweck dieses grotesken Blättchens ist.

"Ficken, ficken, ficken und nicht an die Leser denken!"

j-ap 24.07.2010 | 20:03

aber souverän ist bekanntlich, wer über den Notstand bestimmt

Sehr geehrter wwalkie,

der Satz vom Ausnahmezustand ist zwar der berühmteste Schmittianismus, allerdings bringt populäre Verbreitung eben nicht selten inhaltliches Zukurzgreifen mit sich. So auch hier.

Zunächst ist das, was Sie über den Notstand schreiben, völlig richtig — aber eben nur zunächst, denn der Notstand ist ein spezifischer Fall des allgemeinen Ausnahmezustands, der wesentlich weiter gefaßt ist. Im (staatsrechtlichen) Notstand treten, nach Schmitt, Recht und Gesetz vollständig hinter dem Staat zurück, und der Staat ist manifest nur in Gestalt desjenigen, der eine letzte und endgültige Entscheidung herbeiführen kann, gegen die es keinen Behelf mehr gibt, etwa der Reichspräsident.

Allerdings ist der allgemeine Fall des Notstands, wie erwähnt, der unspezifische Ausnahmezustand. Und den trifft man eben nicht nur im unmittelbaren Staatszusammenhang an, sondern in allen gesellschaftlichen Verhältnissen, und seien sie noch so klein. Der Ausnahmezustand ist die Ausnahme von jeder Regel, und wer diese Ausnahme herbeiführen und in Richtung einer letzten Entscheidung fortentwickeln kann, der ist souverän, denn nach Schmitt'scher Doktrin geht es ohne Entscheidung nie und nirgends. Von dieser Warte hat er ja auch den ihm so unendlich verhaßten Liberalismus und sein Korollarium, die bürgerliche Republik, angegriffen, die nämlich schon deshalb zu verwerfen sei, weil sie durch unendlichen Diskurs jede Entscheidung vertagt und verunmöglicht.

Schmittianisch gedacht wäre also derjenige souverän, der an jeder Regel vorbei eine definitive Ausnahme ins Werk setzen kann. Auf unseren Fall hier gewendet hieße das: Derjenige, der faktisch wirksam die Ausnahme von der Regel namens Meinungs(äußerungs)-, Publikations- oder Pressefreiheit herbeiführen kann, zB indem er bestimmte Publikationsorgane verbietet, wäre souverän.

(Nota bene: Die Kampagne gegen die rechten Zeitungen richtet sich ja nicht an den Gesetzgeber oder die Staatsorgane, qualifiziert sich also nicht für den Schmitt'schen Souverän, weil sie lediglich zum freiwilligen Boykott aufruft.)
B.V. 25.07.2010 | 16:47

Das wäre dann auch nicht so biedermeierlich. Und dann würde man nicht - wie Streithähne (man ist ja so emotional) - nicht "über", sondern "miteinander" reden (sagte meine Grundschullehrerin auch immer). Im Grunde sind wir nämlich alle ganz gute "Kerls", also ... Deutsche. Mit den Ausländern reden wir dann gemeinsam später. Und zwar "volkspädagogisch".

"Also: Gemeinsam mit den Rechtsextremen sind wir ... stark? redlich? gebildet? intellektuell? links? linksliberal? humanistisch? Wie weit wollen Sie noch gehen, BV? Spielen Sie noch oder sind Sie schon angekommen - in der jungen Freiheit?
PS. Einige Bausteine für Ihre Replik (à la JF): Linkstotalitarismus, Gutmenschentum, europäischer Bürgerkrieg, obsessioneller Antifaschsmus, krankhafter Antischmittianismus, Heroismus, Anarchismus."

Dazu fällt mir ein:
"Politik ist was anderes als das Einwirkenlassen von Gefühlsdünsten. Ich weiß, daß die nicht wegzukriegen sind, aber man sollte ihrer soweit es geht Herr werden."
(Herbert Wehner, 1962)

Michael Angele 25.07.2010 | 22:21

Bin etwas diskussionsmüde, aber diesen Leserbrief möchte ich mit Zustimmung des Autors noch nachreichen

Soll das Satire sein? Soll das eine Auseinandersetzung sein? Soll das "Nur-Information" sein? All das nicht? Was soll diese Verschwendung eines fast ganzseitigen Beitrages mit einem unerklärlichen "Alte-Hüte-Foto"? Ein Kulturbeitrag? -
Ich werde - auch nicht mit rotem Kopf - eines der Produkte dieses Spektrum kaufen.

Diese werden haufenweise angeboten und leider mehr als "der Freitag" gekauft und dieses Gift auch gelesen! Der Verantwortliche für Kultur im "Freitag" hätte gut daran getan, wenn er zumindest auf einiges, was die "vielen freien Schreiber" auf 82 Seiten in "Zuerst" versprüht haben, kritisch eingegangen wäre. Hat er das überhaupt im "nächstbesten Cafe" alles gelesen?

Wohl nicht, sonst wäre - auch bei ihm, das möchte ich zugute halten - etwas mehr als das Geschriebene und seine weniger geistreichen, dazu nicht so ganz passenden fremdsprachigen Bemerkungen, herausgekommen; mehr als drei Reihen wahrlich leerer "Suppendosen"! Freitag - wo bist Du hingekommen? Ich empfehle zur Lektüre Autorenkollektiv: "Nation statt Demokratie", ISBN 3-89771-733-6, das sollte hilfreich sein!
Professor Dr. habil. Manfred Uesseler

wwalkie 26.07.2010 | 19:00

Natürlich war Jünger in der Weimarer Republik kein Nazifreund, wie die große Mehrheit der Historiker schreibt,, sondern er war ein Nazigegner, wie folgendes (willkürlich herausgesuchtes) Zitat beweist:

"Die echte Revolution hat noch nicht stattgefunden, sie marschiert unaufhaltsam heran,... ihre Idee ist die völkische, zu bisher nicht bekannter Schärfe geschliffen (Jünger hatte es auch mit der Schärfe, B.V.), ihre Ausdrucksform die Konzentration in einem Punkt - die Diktatur! Denn nicht Geld wird in ihr die bewegende Kraft darstellen, sondern das Blut, das in geheimnisvollen Strömen die Nation verbindet..." (Ernst Jünger, Völkischer Beobachter, 22. Sept. 1923).

Aber Jünger ist kein Nazi-Freund gewesen. Sagt B.V., der es wissen muss. Denn er weiß halt, wie das Geschäft läuft, nicht wahr?

Michael Angele 26.07.2010 | 19:10

@wwalkie. Ich nehme Sie beim eigenen Wort: es kommt auf den konkreten Kontext an. Der Artikel im "völkischen Beobachter" ist von 1923.

1939 erschien bekanntlich die Erzählung "Auf den Marmorklippen". Ich weiß nicht, ob Sie sie gelesen habe. Mir gefällt der Schwulst nicht. Aber als krude Allegorie auf die Hitlerdikatur konnte das Stück quasi von einem Zehnjährigen gelesen werden. Dass Jünger dafür nicht sofort ins KZ gesteckt wurde, bleibt eines der Rätsel der deutschen Literaturgeschichte.

Insofern: Nazi und Nazigegner.
MA

wwalkie 26.07.2010 | 22:41

Die Marmorklippen habe ich mit 17 Jahren als Mitglied unserer Stadtbibliothek gelesen - ich war begeistert (allerdings noch mehr noch von Desmond Morris' "Nackten Affen") und bewunderte Jünger wegen seines Mutes und seiner Sprache. Heute nervt mich der Schwulst, wie Sie sagen. Ich glaube, Karl-Heinz Deschner hat, als er noch Literatur- und nicht Religionskritiker war, als erster Jüngers Kitsch analysiert - für viele noch heute ein Sakrileg. Ein Goethepreisträger kann doch nur gut schreiben!

Sie haben die historisch interessante Frage gestellt, warum er für die Marmorklippen nicht ins KZ gesteckt wurde. Davor stellt sich noch die Frage, warum das Buch durch die Zensur ging. Ich kenne die Antwort nicht, vermute, er hatte Protektoren, wie das im Nazisystem üblich war.. Dass Heidegger ihn 1939 und 1940 als Nietzsche-Erbe pries ("der 'Wille zur Macht' als Grundcharakter des Wirklichen"), mag geholfen haben.

Eine kleine Episode. Ich habe vor einigen Jahren die Sommerferien im Vercors verbracht, einem Zentrum der Résistance. Fatalerweise hatte ich im Gepäck den ersten Band der "Strahlungen", der Kriegstagebücher Jüngers. Und so las ich einerseits die unglaublich bildungsspießige Reise eines deutschen Offiziers durch das besetzte Frankreich (Wein, Frauen, gebildete Gespräche mit französischen Literaten, Abscheu über den Vulgärantisemiten Céline, eiskalte Beobachtung der Gesichtszüge eines Deserteurs bei seiner Ermordung/standrechtlichen Erschießung) und kam jeden Morgen an der "mur des fusillés" vorbei, dem einzigen Überrest des Dorfes Chapelle-en-Vercors. Deutsche Gebirgsjäger hatten das Dorf - ein Nest des Widerstandes - in Brand gesetzt. Vorher hatten sich die Offiziere in die Cafés gefläzt, sich
Clairette de Die servieren lassen, während ihre betrunkenen Männer (nicht die "Männer" des Stoßtruppführers Jünger) an der "mur des fusillés" die jungen Männer des Dorfes brutal erschossen. In der Nähe ist eine Höhle, wo die deutschen Soldaten die dorthin gebrachten Kranken ermordeten, in der Nähe ein weiteres Dorf, dessen Bevölkerung fast ausgelöscht wurde. Und die Täter waren nicht alle überzeugte Nazis. Vielleicht waren sogar Gegner darunter.

Ich habe mich damals das erste Mal in Frankreich meiner deutschen Autonummer geschämt. Und Jünger nicht mehr angerührt. In einem Résistance-Museum fragte mich eine Angestellte, wie ich die Ausstellung gefunden habe. Historisch sehr interessant, antwortete ich. "Pas pour nous, monsieur, pas pour nous!" entgegnete sie.

Also. Jünger war Nazi (auch ohne NSDAP-Mitglied zu sein) und Nazigegner, manchmal simultan, dann aber zunehmend. Aber er hat seinen Teil Verantwortung auch an dem, was ich beschrieben habe. Dass er dies in seinem langen Leben aufgearbeitet hat, ist mir nicht bekannt.

Er hat allerdings im hohen Alter, um wieder zum Anlass zu kommen, mit Namen und (ein wenig) Geld die Junge Freiheit gefördert.

h.vannna 27.07.2010 | 18:46

„Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer öffentlich oder in einer Versammlung den öffentlichen Frieden in einer die Würde der Opfer verletzenden Weise dadurch stört, dass er die nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt.“
Die Würde der Opfer wird durch jede einzelne der genannten Publikationen mit Füßen getreten; allein, der öffentliche Friede scheint erst gestört, wenn darauf hingewiesen wird.
Es fehlen übrigens auf der Liste die ultrarechten Schnöselnazis des Cicero (uva)

chrislow 27.07.2010 | 19:36

Das macht er doch wohl nicht etwa, oder? Da gehts doch nur um Chlorwasser.

Beschwert hatte sich doch ein Bademeister in der Berliner Morgenpost... Oder zumindest die Überschrift liess das vermuten.

man kann ja wieder eine Sau draus machen, die dann diesmal durchs Land getrieben wird. Aber war da nicht auch einmal was mit dem Ganzkörperbadeanzug für die Muslimin?

Was würde der denn dann bloß verdunsten lassen?

Nicht dass wir da wieder was falsch verstehen. Wasserverdunstung kommt halt vor. und wenn es nicht verdunsten würde, weil wir alle nackt ins Wasser springen würden, dann müsste die Anlage mehr Energie für die Reinigung aufwenden - denn das verdunstete Wasser wird durch frisches aus der Leitung ersetzt werden müssen, was bekanntlich schon sauber ist...

Also diese Diskussion ist wohl wieder doppelt Sinnlos.