Komplett geheilt

Exorzismus Eine linke ­Kampagne fordert die „Ver­bannung“ rechter ­Zeitungen aus der Öffentlichkeit. Das wirkt nicht eben souverän. Unser Autor ist trotzdem dankbar

Ja, ja, ich hab auch schon mal gedacht, ist doch nicht alles falsch, was der da so sagt, und es konnte mich nicht wirklich beruhigen, dass der Chefredakteur von Lettre International zum „Journalisten des Jahres“ gekürt wurde für ein Interview, das er mit ihm geführt hatte. Bin ich also gefährdet? Muss ich mir eine Gesamtausgabe von Ernst Jünger zulegen? Stehe ich kurz davor, ein Abonnement für die Junge Freiheit abzuschließen, die Begründung „muss doch schauen, wo der Feind sitzt“ nur noch genuschelt? Zeit für eine Lagebeurteilung, wie das in jenen Kreisen vermutlich heißt.

Ich notierte mir die Titel der sechs inkriminierten Zeitschriften aus dem Aufruf zur Kampagne gegen rechte Zeitungen und ging zum Bahnhofskiosk. Griff mir Die Deutsche Militärzeitung, die Junge Freiheit und Zuerst! (Die Preussische Allgemeine Zeitung war gerade nicht vorrätig, die anderen beiden gab es da nicht.) Bezahlte mit hochrotem Kopf, und wusste nicht, ob mir der junge Kassierer das Rückgeld so unwirsch zurückgab, weil er meinen Kauf missbilligte, oder weil er schlecht gelaunt war. Setzte mich ins nächstbeste Café und schlug Zuerst! auf, das „deutsche Nachrichtenmagazin“. Dort stieß ich dann rasch auf ihn: „Thilo Sarrazin (SPD) hat wieder zugeschlagen: Der einsame Kämpfer gegen die politische Korrektheit, der vielen Deutschen aus der Seele spricht...“.

Oh, Gott, dahin führt das also, dachte ich, und kämpfte mich weiter durch das Heft, das, wie der Spiegel, eine von mehreren Autoren verfasste Titelstory hat – über Deutschland, das für Europa finanziell bluten muss – und sich auch einen Kulturteil leistet, der aus einem einzigen Artikel bestand. Ein Porträt zum 110. Geburtstag von Arno Breker. Breker war der Lieblingsbildhauer von Ernst Jünger, „Jean Cocteau und Adolf Hitler,“ natürlich Breker, dachte ich, müsste ich in einem Alptraum den Kulturteil des Zuerst! machen, käme mir vermutlich auch nicht viel mehr in den Sinn.

Leitbild Stauffenberg

Vermutlich würde ich dann eine auf zehn Jahre angelegte Serie zu Erwin Rommel konzipieren, der ja eine Art ideeller Gesamtnazi-Antinazi darstellt: Rommels Helfer I, Rommels Helfer II, Rommels Sekretärinnen, Rommels Hunde, Was würde Rommel aus der Servicewüste Berlin machen? etc. Man spielt die Minderheiten gegeneinander aus (Schwule gegen Türken, Migranten gegen Linke) und begrüßt den Rechtsrutsch in Belgien. Der Leser erfährt nicht, wer die vielen freien Schreiber sind, die immerhin 82 Seiten füllen, und fragt sich, ob die sich auch aus Journalistenschulen rekrutieren. Wenig überraschend, dass kaum Frauen darunter sind. Ein Artikel zum Comic Tim im Kongo, das wegen Rassismus und Kolonialismus verboten werden soll, ist mit Ranghild Lenberg unterzeichnet – what a name, denkt man, ist das die Starautorin der Szene? Oder doch nur ein Pseudonym? Google kennt den Namen jedenfalls nicht, vielleicht ist Ranghild Lenberg einfach das, was herauskommt, wenn sich die „Erlebnisgesellschaft zweiter Weltkrieg“ (Impressum Deutsche Militärzeitschrift) einen Frauennamen fantasiert. Am Ende ist man selbst bei einem harmlosen Beitrag über Helgoland so entnervt, dass man diese Insel für sich zur, sorry!, No-go-Area erklärt.

Ich bestellte noch einen Caffè Latte, verhasstes Wort, in diesem Moment aber eine Wohltat und stiller Protest gegen die Ranghild Lenbergs dieser Welt. Davon ging für mich keine Gefahr aus! Beruhigt nahm ich die Junge Freiheit, die in einem beachtlichen Stoß am Kiosk gelegen hatte. Uns Medienmenschen interessieren nun mal primär die Medienthemen und so stürzte ich mich auf den kleineren der beiden Artikel auf der Titelseite, überschrieben mit „Die langen Badehosen“, bebildert mit einem Foto von Wolfram Weimer; eine Art Grußwort des JF-Chefredakteurs an den neuen Focus-Chef.

Wohlwollend wurde vermerkt, dass der Focus wieder gegen den Spiegel „in Stellung gebracht“ werden soll und Weimer Debatten führen will, die „durchaus konservativ gefärbt sind“. Verbündete in der deutschen Medienlandschaft hat die JF dringend nötig. Sie ist mit einem Wahrnehmungsverbot belegt, das nur dann gebrochen wird, wenn ein bekannter Namen wie Eckhard Henscheid oder Egon Bahr ein Interview gegeben hat: Skandal, Skandal! Da sich wenig Rufschädigenderes denken lässt, als von der JF gelobt zu werden, ist anzunehmen, dass Weimer das Lob nicht öffentlich kommentieren wird.

Der Titel „die langen Badehosen“ bezog sich auf „Südländer“, die in den Berliner Bäderbetrieben gerne „eigentlich verbotene“ knielange Badehosen tragen und so für einen Schaden von täglich 10.000 Euro infolge des Wasserverlusts sorgen – ungeahndet. „Feiger Staat“, der sich aus den Problemzonen zurückzieht. Nun ja.

Der Schwerpunkt der Ausgabe lag aber auf dem 20. Juli und Stauffenberg, dem „Leitbild“. Dazu sah man den Grafen in Warholscher Manier auf den Titelbild, und ich dachte, schlechter als die Titelbilder der Zeit ist das auch nicht. Ja, es wurde noch ärger, der Medienmensch in mir dachte, genau so muss man es machen, wenn man die Junge Freiheit ist, Stauffenberg und den 20. Juli aus allen Rohren feuern. S.1, 3, 4, 14, 16 und 20, Leitartikel, Guttenberg-Huldigung (er ist der Urgroßneffe eines Widerstandkämpfers), Interview mit einem jungen, akurat gescheitelten Künstler, der Stauffenberg zeichnet, Interview mit dem Menschen, der diesen Warhol-Stauffenberg auf T-Shirts druckt, Interview mit einer halbwegs renommierten Historikerin und Expertin zum deutschen Widerstand, am besten in Frankreich wirkend und den 20. Juli von antidemokratischen, antisemitischen Zügen freisprechend, auch wenn sie in Gottes Namen seit 2009 tot und das Interview also schon etwas älter ist.

Nationalismus und Neurose

Alles in allem vielleicht ein wenig viel Interview und doch: Meine Hand fing an zu zittern. „Respekt Kameraden, äh Kollegen“, hörte ich mich schon sagen, aber dann hielt ich inne, überlegte, was Ernst Jünger, der Übervater der JF, wohl dazu sagen würde, und entwarf Eine Rede des toten Ernst Jünger vom Weltgebäude herab, dass da kein Rechtskonservativismus ja überhaupt kein Konservativismus mehr sei:

„Kameraden, ihr steht auf verlorenem Posten! Stauffenberg als Pop-Ikone kann nicht funktionieren. Dem wahren Konservativen ist längst der Boden entzogen worden von der libertär-kapitalistischen Gesellschaft, die alle festen Werte unter sich begräbt, und als Retro-Phänomen ist der Konservativismus einfach nicht massentauglich. Echte Konservative sind steif, übellaunig, sie haben oft Kopfschmerzen und sind komplett medienuntauglich. Es gibt sie nur noch in einigen entlegenen Gegenden Englands. Ohne Rücksicht auf Verluste, Kameraden: Das, was ihr ‚modernen‘ Konservativen mit den alten gemein habt, sind Humorlosigkeit und Fremdenangst. Aber ich sage euch, die Zukunft Deutschlands wird nicht nur von Migranten mit Beutelhosen bestimmt, sondern auch von solchen, die über Migranten mit Beutelhosen berichten und richten. Schaut euch doch an, wer den Dokumentarfilm Kampf im Klassenzimmer: Deutsche Schüler in der Minderheit, über den ihr auf euerer Medienseite genüsslich berichtet, gemacht hat. Wer informiert euch über dieses in der Tat deprimierende Frauen- und Menschenbild muslimischer Halbwüchsiger an deutschen Hauptschulen? Es ist eine junge Türkin, Kameraden! Im Übrigen finde ich es ziemlich lächerlich, dass man euch verbieten will, wie ich höre. Ich meine, gibt es in euren Artikeln geheime Botschaften? Muss man sie rückwärts lesen, um den satanischen Gehalt zu erfassen? Bitte um Nachricht! Es lebe das heilige Deutschland! Und grüßt mir die Wilflinger.“

Dann murmelte er noch so etwas wie: Euer Nationalismus ist eine Neurose, seltsam, wie mein Ernst Jünger da gesprochen hatte, aber so war es nun einmal. Natürlich hatte ich mir zuerst die Zuerst! gegriffen, weil sie wie ein beliebiges modernes Nachrichtenmagazin daherkommt und man sich nicht schämen muss, dabei aber unweigerlich denkt: Ihr Rattenfänger! Aber vielleicht sollte man diesen Reflex ignorieren, vermutlich ist alles schlicht so gemeint, wie es da steht. Auch in der Deutschen Militärzeitschrift. Das Grauen liegt dort in der Buchwerbung: Dänen in der Waffen-SS, Belgier in der Waffen-SS, die südosteuropäischen Gebirgsverbände der Waffen-SS; ach, dürfte der Schönhuber das noch erleben.

Das Parteiorgan der NPD habe ich dann nicht gefunden, habe aber auch nicht mehr besonders intensiv gesucht. Warum auch? Ich hatte längst genug. Es gibt die Deutsche Stimme übrigens online lesen, oder wie sie sagen: im „Weltnetz“, da hilft dann auch keine Verbannung aus den Kiosken. Hey, You can read The Deutsche Stimme in the so-called Weltnetz. What a lächerlicher Kindergarten. Nas ıl bir ana okulu!

11:00 21.07.2010
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hibou | Community