Lass mich dein Spion sein

Le Carré & Co Niemand will überwacht werden, aber die Geheimdienste üben eine große Faszination auf uns aus. Schuld daran trägt die Literatur
Michael Angele | Ausgabe 28/2013 32
Lass mich dein Spion sein
Langsam werden die Wahrzeichen des Kalten Kriegs brüchig: die ehemalige Abhörstation der US-Army auf dem Berliner Teufelsberg
Foto: Leo Seidel/ Ostkreuz

Neulich hat sich Joachim Gauck wieder einmal unbeliebt gemacht. Sollte es sich bei den Taten von Edward Snowden um „puren Verrat“ handeln, hätte er kein Verständnis, sagte er dem ZDF. Man muss gar nicht an Gaucks umstrittenes Wirken als Pfarrer in der DDR erinnern, um festzustellen, dass aus diesem Urteil der Geist des Kalten Kriegs spricht. Das gilt auch dann, wenn man Gauck so verstehen will, dass er für einen Verrat aus idealistischen Motiven dann doch Verständnis hätte (und tatsächlich will Snowden ja so verstanden werden). Wer für Verrat an sich kein Verständnis hat, spricht als Geheimdienstler, Bundespräsident, Gesinnungsethiker, Springer-Journalist oder Verschwörer, jedenfalls nicht als Leser von Spionageromanen. Hier ist der Verrat das Strukturprinzip. Für ihn hat man immer „Verständnis“.

In den eigenen Reihen

Zwar ist die erzählerische Kraft des Verrats viel älter als der Kalte Krieg, man denke nur an die Judas-Legende, aber sie kulminiert in der heroischen Phase der Geheimdienste in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit einem wohligen Gefühl las man deshalb in der Zeit, dass dieser Krieg keinesfalls vorbei sei. Die Aktualität von Verdachtslogik und „negativer Anthropologie“ belegte der Autor Adam Soboczynski mit Sigmar Gabriels wohlfeiler Parole zum Überwachungs-Skandal: „Merkel muss sagen, ob sie davon gewusst und es geduldet hat.“ Mal abgesehen davon, dass es womöglich noch beunruhigender wäre, wenn die Bundeskanzlerin wirklich nichts gewusst hat, versucht Gabriel die Massen in der Tat mit einem konspirationstheoretischen Evergreen zu empören: Der eigentliche Gegner – sagen wir ruhig, der Verräter – verbirgt sich in den eigenen Reihen.

Selbstbeschäftigung

Nun wird man das Gefühl nicht los, dass die Geheimdienste im Kalten Krieg mindestens so sehr damit beschäftigt waren, Maulwürfe aufzuspüren, wie sie versucht haben, an geheime Informationen über Dritte zu kommen, die dann vielleicht getürkt waren. Es ist nicht zuletzt dieser evidente Selbstbezug, der Geheimdienste in unserer Fantasie so abenteuerlich, zugleich aber auch harmloser macht, als die Erregungsrhetorik unserer Tage behauptet. Dieser Verdacht drängt sich umso leichter auf, als Geheimdienste über sich selbst öffentlich ja nicht sprechen und sich auch in der aktuellen Lage daran halten.

Man ist also auf schöne Literatur angewiesen. Aber das ist nicht schlimm. Es gibt eine Studie, die eindrücklich belegt, wie Fiktionen die Logik des Geheimen enträtseln: Eva Horns Der geheime Krieg. Verrat, Spionage und moderne Fiktion, erschienen 2007 bei Fischer Taschenbuch. Man würde dem Buch wünschen, dass es wie 1984 (siehe unser A–Z) einen Verkaufsaufschwung erlebt.

Stellvertreterkrieg

Noch einmal gefragt: Warum ist die Agentenliteratur besessen vom Verrat? Und warum kommen darin so viele Doppelagenten vor? Eine raffinierte Antwort findet man in John le Carrés Thriller Der Spion, der aus der Kälte kam. Wer das Buch gelesen hat und seinen Inhalt nacherzählen will, stolpert über das, was seine Faszination ausmacht. Alec Leamas, ein britischer Spion, quittiert zum Schein den Dienst, verkommt und wird vom DDR-Geheimdienst angeheuert.

Der vermeintliche Überläufer wird in die DDR gebracht, dort von Fiedler verhört, einem Mitarbeiter des Abwehrchefs Mundt, der von Fiedler verdächtigt wird, für die Briten zu arbeiten. Überläufer Leamas soll in langen Verhören diesen Verdacht erhärten. Tatsächlich wird Leamas von seinem eigenen Geheimdienst in einer komplizierten Intrige dazu getrieben, Mundt von diesem Verdacht zu befreien. Fiedler geht dabei ebenso drauf wie Liz, die eine Affäre mit Leamas hatte, und Leamas selbst, der sich opferte, damit Mundt nicht auffliegt. Denn Mundt ist, wie sich herausstellt, tatsächlich ein Agent des Westens.

Leamas kann Mundt, den Ex-Nazi, nicht ausstehen und gewinnt Sympathie für den jüdischen Kommunisten Fiedler, der von Mundt nicht ausgestanden wird: Wer ist hier Freund und wer Feind? Es ist die Leistung von John le Carré, dass er die Wesensverwandtschaft von Feinden und die Fragilität von politischer Freundschaft herausgestellt hat. „Du und Mundt seid doch Feinde, oder?“, fragt Liz am Ende beunruhigt.

„Spionieren unter Freunden, das gehört sich nicht“, meinte der frühere BND-Chef Hans-Georg Wieck dieser Tage. Es macht nicht den Anschein, dass er ein Leser von John le Carré ist. Anders Peer Steinbrück. Aus sicherer Quelle weiß man, dass der Kanzlerkandidat die Romane le Carrés gut kennt, und möglicherweise erklärt das auch, warum er sich im aktuellen Überwachungsskandal von Gabriel die Butter vom Brot nehmen lässt. Ob seine Zurückhaltung politisch klug ist, wird sich weisen. Nicht bekannt ist, ob Steinbrück die vergiftet-tröstliche Botschaft des Romans teilt. Im großen selbstreferenziellen Spiel der Dienste mag es skrupellos zugehen, aber das sei eben der Preis dafür, dass „poplige kleine Normalbürger wie du und ich ein sicheres Leben haben“, wie Leamas sich ausdrückt. Oder in den Worten von Eva Horn: Im Kalten Krieg führten Geheimdienste ihren Krieg „an Stelle des ‚großen Kriegs‘“.

Versammlung von Lesern

Aber was ist von dieser Beruhigung geblieben, in einer Zeit, in der ein Film wie Skyfall das große Spiel der Geheimdienste nur noch als Parodie inszenieren kann? In einer Zeit, in der die Überwachung von ein paar Büros der EU als vielleicht empörend, aber technisch geradezu als lächerliche Aufgabe erscheint im Vergleich zur Überwachung von feindlichen Gruppierungen, die dezentral und nur lose informell operieren und mit dem „Dschihad-Experten“ einen neuen Typus von Interpreten hervorgebracht haben? Überhaupt scheint es, dass der Stand der Überwachungstechnik der Faszination am Geheimdienst gehörig ans Zeug flickt.

Es mag ja einen leichten Schauer erzeugen, wenn man nun hört, dass das Tempora-Programm des britischen Geheimdienstes schlichtweg „alle Daten aufsaugt, egal worum es geht“. Aber es braucht schon die ganze Kraft der Übersetzung, um uns zu erklären, was mit der Metapher „aufsaugen“ genau gemeint ist, und es trägt auch nicht gerade zur mythenbildenden Kraft bei, dass der britische Geheimdienst GCHQ heißt. GCHQ, das klingt wie eine Kriegserklärung an die bezaubernde Vorstellung vom Geheimdienst als einer Versammlung von kundigen Lesern.

Was immer das Lesen von Literatur sein mag, so dachte man, es ist immer dann ein Akt von Spionage, wenn es mehr will als nur buchstäblich verstehen: Was will uns der Autor damit in Wahrheit sagen? Worin liegt der tiefere Sinn in diesem Gedicht? Ist es nicht eigentlich eine Allegorie auf die Finanzkrise? – Alles Fragen der Hermeneutik. So wie umgekehrt in den Geheimdiensten, so dachte man, Leser im emphatischen Sinn arbeiten. Leser, die eine vermeintlich harmlose Äußerung mit Geschick und Geduld als Befehl zu einem Attentat dechiffrieren können.

CIA innerhalb der CIA

Gewiss besteht dieses Lesen dann nur in seltenen Fällen aus dem Lesen von Romanen, aber es kommt vor. „I work for the CIA. I am not a spy. I just read books“, stellt sich der Held in Sydney Pollacks Thriller Die drei Tage des Condor vor. Condor und seine Mitarbeiter arbeiten unter dem wunderbaren Namen „American Literary Historical Society“ an der Dechiffrierung der Agenten-Literatur. Sie suchen nach geheimdienstlich relevanten Zeichen, nach einem Plot, der zu einem realen Szenario führen könnte. Condor wird fündig und kommt – natürlich – einer geheimen CIA innerhalb der CIA auf die Spur, die eine verdeckte Operation zur Sicherung der Ölquellen plant.

Er kann sich vor den eigenen Leuten retten und übergibt seine Geschichte der New York Times. Der unter dem Eindruck der Watergate-Affäre entstandene Film ist ein emphatisches Werk der Aufklärung, das um den nachrichtendienstlichen Kern des Begriffs weiß. Man fühlt sich abermals an den ‚guten Verräter‘ Snowden erinnert, verfolgt seine Geschichte fasziniert als eine Art Revival des Kalten Kriegs und fragt sich etwas desillusioniert, ob in Zukunft dann auch Computerprogramme Verrat begehen können?

Um diese Frage zu beantworten, muss man zeitlich wohl noch vor den Kalten Krieg gehen. Zum Ersten Weltkrieg. Zu Mata Hari, die 1917 als Doppelagentin in Frankreich hingerichtet wurde, obwohl bis heute ungeklärt ist, ob sie überhaupt spioniert hat oder ob diese Rolle nicht in einer Reihe mit ihrer Inszenierung als orientalische Tänzerin und Kurtisane zu sehen ist. „Käufliche Liebe und Spionage, das älteste und das zweitälteste Gewerbe der Welt, werden zur Kippfigur“, schreibt Eva Horn. Was ist Schein? Was Sein? Dort, wo sich diese Frage unmöglich beantworten lässt, bleibt es spannend.

 

06:00 12.07.2013
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