Michael Angele
14.08.2011 | 13:20 81

Lasst euch umarmen, Genossen!

Revolution Unfassbar: Der Biograf von Margaret Thatcher und der bekannteste FAZ-Herausgeber sagen: "Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat"

Ich gebe zu, dass mir das Wort "Neoliberalismus"  nicht besonders gefällt. Noch vor ein paar Tagen habe ich es aus einem ansonsten sehr klugen Artikel für unsere Zeitung herausredigiert, und häufig, wenn ich es in einem Freitag-Leitartikel lese (und ich lese es sehr oft), befällt mich ein leichtes Unbehagen. Das Wort erscheint mir dann eine etwas wohlfeile Chiffre für eine recht simple, dafür umso radikaler anmutende Kritik am Kapitalismus unserer Tage. Und es wirkt im Kontext oft auch etwas rechthaberisch, wie ja überhaupt die Rechthaberei zu den unangenehmeren Zügen der an angenehmen Zügen reichen linken Mentalität gehört.

Aber ich muss wohl umdenken. In die an sich unbedeutende Historie des Feuilletons könnte der 14. August 2011 als wichtige Zäsur eingehen. Als der Tag, an dem im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung der Begriff Neoliberalismus auftauchte. In kritisch-analytischer Verwendung. Von Frank Schirrmacher. Hier das Zitat: "Es war ja nicht so, dass der Neoliberalismus wie eine Gehirnwäsche über unsere Gesellschaft kam".

Mehr noch könnte dieser Tag einen Paradigmenwechsel für die Publizistik einläuten. "Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie entpuppt sich als das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik", schreibt Schirrmacher und appelliert an das Bürgertum respektive den politischen Konservatismus, sich produktiv mit dieser Kritik auseinanderzusetzen, ja implizit, sie selbst zu betreiben. Dazu muss sie zuallererst ein Vokabular entwickeln. Denn Schirrmacher hat ja recht: Wenn es um den Kapitalismus geht, herrscht nicht nur bei Angela Merkel Einsilbigkeit: "Über das Wort 'Monster' ist die politische Positionierung der Konservativen bis heute nicht hinausgekommen - und das las man früher und besser auf den 'Nachdenkseiten' des unverzichtbaren Albrecht Müller, einst Vordenker von Willy Brandt".

Der Basistext

Gerne wollen wir an dieser Stelle sagen: Auch diese Zeitung hier hat mehr zu bieten als Anthropomorphismen (Monster, Heuschrecke). Wer weiß, vielleicht können wir unseren vielen neu hinzugewonnenen Lesern (mit CDU-Parteibuch evtl. ein vergünstigtes Abo?) schon bald einen "Kapital"-Lektürekurs bieten, der sich gewaschen hat. Von A (Akkumulation) bis Z (Zinseszinsen). Wobei wir vermutlich dann bei R (Revolution) aufhören können. Bis dahin empfehlen wir schon mal die Lektüre des neuen Basistextes, der dem Schirrmacherschen Aufruf explizit zugrund liegt. Charles Moore also, der offizielle Thatcher-Biograf, der sich im Telegraph dazu bekannt hat zu glauben, "dass die Linke recht haben könnte."

"Die Reichen beherrschen ein globales System", schreibt Moore, das "ihnen erlaubt, Kapital so zu akkumulieren, dass sie den geringst möglichen Preis für Arbeit bezahlen. Die Freiheit, die daraus entsteht, nützt nur den Reichen. Die meisten müssen schlicht und einfach noch härter arbeiten in immer unsicherer werdenden Verhältnissen, um die Reichen noch reicher zu machen."

Es sind Sätze von einer simplen und bezwingenden Logik, die Moore hier schreibt, so simpel und bezwingend, wie wir uns fast schon nicht mehr getraut haben, "es" zu sagen. Und ja,  auch in Sachen "Neoliberalismus" müssen wir ganz bestimmt umdenken und uns sagen: Manche, die schlicht recht haben, klingen einem Rechthaber einfach nur zum Verwechseln ähnlich.

Kommentare (81)

Fred Thiele 14.08.2011 | 16:36

Sie redigieren wichtige metaphoröse Begriffe wie "Neoliberalismus" aus Texten für den Freitag, zumindest für den Kulturteil? Ich verstehe das gar nicht, denn dieses Wort bringt ja alles auf den Punkt. Die "Befreiung der Märkte" von "staatlichen Fesseln", die Ökonomisierung wichtiger gesellschaftlicher Institutionen, sprich die "Befreiung" dieser Institutionen von staatlicher Kontrolle und das ganze durchgeführt und angeleitet von den NeoConservatives, Ursprungsland U-S-A mit der Tendenz sich über die gesamte Welt zu verteilen - bei uns zum Beispiel mit Herrn Schröder und seinem VW-Kumpel Peter Hartz und der "Agenda 2010".

Freuen wir uns doch einfach, dass die Speerspitzen der konservativen Journaille endlich den verkohlten Braten riechen, den sie dereinst genüsslich zu verzehren gedachten.

luddisback 14.08.2011 | 16:58

ach ja, das machen sie gern, die konservativen schreiberlinge, wenn die k**** gerade am dampfen ist. bauchpinselei und volksberuhigungsmaßnahmen. erinnere mich an einen artikel des berühmt-berüchtigten professor sinn vom diw, den er in zeiten des 500 mrd. geschenks an die banken veröffentlichte und der nur so gespickt war mit "es-wird-nun-alles-anders-werden"-rhetorik. und heute? an einen paradigmenwechsel ausgerechnet bei den neoliberalsten söldnern der letzten 20 jahre zu glauben halte ich jedenfalls für naiv. diese leute sind einer kartharsis nicht fähig, und dabei bleibe ich, bis das gegenteil in mehr als schönen worten bewiesen ist.

Pferde 14.08.2011 | 17:02

Danke FAZ!
Neoliberalismus, eine "Killerapplikation".

"Die Reichen beherrschen ein globales System"

Ich finde "Die Reichen" reicht nicht aus. Es gibt Namen (siehe Kommentar v. Fred Thiel z.B.) und das sind nicht so furchtbar viele deren Träger sich als wahre Parasiten* an der Gesellschaft bereichert haben oder dieses ermöglichten. Von denen erwarte ich Entschädigung.
*Versuchten nicht die letzten zwanzig Jahre einige Stützen der Gesellschaft, Leistungsträger und Alpha-Menschen die schwächsten in der Runde, Ausländer, Hartz 4ler etc als parasitäre Gruppe zu Betiteln (eine äusserliche Kenntlichmachung an der Kleidung entfiel), um dann heute den grössten Kapitalabfluss hin zur Kreditwirtschaft in der Geschichte zu organisieren?
Namen! Kollektivschuld ist sinnlos und behindert die Rückführung der Beute.

lebowski 14.08.2011 | 17:38

Eigentlich eine feine Sache, dass die Konservativen die Kapitalismuskritik entdecken. (Und der Rest der Unbelehrbaren wird zu Terroristen-> Breivik)

Ich würde ja persönlich bei der Kapitalismuskritik gerne mitmachen, aber immer wieder höre ich den Spruch. "Ja, was ist denn die Alternative. Willst Du ein Regime wie in Nordkorea?". So sieht konservatives Denken aus.

Und so müssen die Konservativen Doofis jetzt ganz alleine rausfinden, was am Kapitalismus nicht stimmt.
Nur Mut, jedes Kind kann das.

Fred Thiele 14.08.2011 | 19:12

Nur Mut, Lebowski! Den Kapitalismus kritisieren kann auch jedes Kind und die Erwachsenen sind dann dafür da, wirkliche Alternativen für das System ungebremster Wachstums- und Beschleunigungslogik zu finden. Lassen Sie sich außerdem nicht beirren von Leuten, die meinen, das Gegenteil von Kapitalismus sei Sozialismus. BAuch und gerade weil er von Frank Schirrmacher, der Speerspitze konservativer deutscher Journaille, verfasst wurde. Beide Systeme waren wachstumsgetrieben[1] und doch hat nur der Kapitalismus 1989 überlebt. Da war er bereits von der Leichenblässe des östlichen Verfalls infiziert worden.[2] Nun müssen wir uns mal mit dem "Danach" beschäftigen. Es ist doch gut, wenn da sogar Konservative beginnen, darüber nachzudenken.

[1] bit.ly/pUUkaP
[2] bit.ly/qMN3Ho

Fred Thiele 14.08.2011 | 19:17

[Entschuldigung, aber die Verzögerung auf der Seite führt zu Doppel- bzw. Trippelpostings mit Copy]

Nur Mut, Lebowski! Den Kapitalismus kritisieren kann auch jedes Kind und die Erwachsenen sind dann dafür da, wirkliche Alternativen für das System ungebremster Wachstums- und Beschleunigungslogik zu finden. Lassen Sie sich außerdem nicht beirren von Leuten, die meinen, das Gegenteil von Kapitalismus sei Sozialismus. Beide Systeme waren wachstumsgetrieben[1] und doch hat nur der Kapitalismus 1989 überlebt. Da war er bereits von der Leichenblässe des östlichen Verfalls infiziert worden[2]. Nun müssen wir uns mal mit dem "Danach" beschäftigen. Es ist doch gut, wenn da sogar Konservative beginnen, darüber nachzudenken.

[1] bit.ly/pUUkaP
[2] bit.ly/qMN3Ho

SchmidtH. 14.08.2011 | 19:38

Ergänzend dazu dieser Kommentar von Peter Oborne, den ich schon für sehr bemerkenswert halte und bei uns für unmöglich.

blogs.telegraph.co.uk/news/peteroborne/100100708/the-moral-decay-of-our-society-is-as-bad-at-the-top-as-the-bottom/

"The moral decay of our society is as bad at the top as the bottom

David Cameron, Ed Miliband and the entire British political class came together yesterday to denounce the rioters. They were of course right to say that the actions of these looters, arsonists and muggers were abhorrent and criminal, and that the police should be given more support.

But there was also something very phony and hypocritical about all the shock and outrage expressed in parliament. MPs spoke about the week’s dreadful events as if they were nothing to do with them.

I cannot accept that this is the case. Indeed, I believe that the criminality in our streets cannot be dissociated from the moral disintegration in the highest ranks of modern British society. The last two decades have seen a terrifying decline in standards among the British governing elite. It has become acceptable for our politicians to lie and to cheat. An almost universal culture of selfishness and greed has grown up."

Dieser grimmige Ernst erstaunt schon. Dazu im Vergleich die Berichterstattung in diesem, unseren Lande. Warum Frank Schirrmacher auf diesen Beitrag nicht eingeht, verweist, erschließt sich mir nicht, aber ich vermute, ein solches Vordringen an den Kern wird bei uns noch gescheut.

Nachdenkliches, aber auch Erhellendes zum Wochenende, zum Wochenanfang. Aus dem Hause der Konservatives kommen unglaubliche, sprachlos machende Zeilen. Kaum zu glauben, dass sich hier in unserem Lande ein Chefkommentator zu solch einem Abgesang auf eine faulende Gesellschaft, politische Klasse "hinreissen" lassen würde.

Chapeau.

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frauvongutenberg 14.08.2011 | 21:15

Wenn ich Schirrmacher lese, kann ich nur feststellen, Lenin hatte recht:

"Der durch die Schrecken des Kapitalismus „wild gewordene“ Kleinbürger ist eine soziale Erscheinung... seine Unfruchtbarkeit, seine Eigenschaft, schnell in Unterwürfigkeit, Apathie und Phantasterei umzuschlagen, ja sich von dieser oder jener bürgerlichen Modeströmung bis zur „Tollheit“ fortreißen zu lassen – all das ist allgemein bekannt."

Nur das es heute der Anschein eines "Kapitalismus" ist, hinter dem tatsächlich eine durchgeknallte Politik steckt, die ihre Kreditschöpfung zur Finanzierung ihrer Machtgier weit über die vorhandene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit treibt. Nebenbei auch noch den Mittelstand ruiniert, die einzig ruhende Basis dieses ständig schwankenden bürgerlichen Lagers.

j-ap 14.08.2011 | 21:46

Mit Ihrer Einschätzung, Herr Angele, haben Sie völlig recht und sollten die dazugehörige Praxis auch beibehalten.

Artikel, in denen das Wort »Neoliberalismus« fällt, kann man getrost weglegen und ignorieren, weil das Wort »neoliberal« heutzutage genau dieselbe Funktion erfüllt wie früher das Wort »kommunistisch«: Es fällt immer dann, wenn man nicht mehr weiter weiß, aber zum Zwecke der Gefolgschaftsherstellung das diffuse Unbehagen unbedingt ausdrücken will, das einen überkommt, wenn man über die Gesellschaft nachdenkt — und was eignet sich da besser als völlig inhaltsleere Begriffsgrütze für dumme Weiber und blöde Kerle?

Eben.

cantsin 14.08.2011 | 23:57

Der Begriff "Neoliberalismus" wird zwar inflationär und als linke Leerformel gebraucht, beschreibt aber sinnvolle politisch-ökonomische Differenzen:

Im klassischen Liberalismus nach Adam Smith müssen Infrastrukturen öffentlich sein und ihre Nutzungen privat. Ein klassischer Liberaler würde daher z.B. dafür eintreten, dass das Streckennetz der Bahn öffentliches Eigentum bleibt, die Bahngesellschaften, die es nutzen, aber privatwirtschaftlich betrieben werden.

Der Neoliberalismus hingegen vertritt (als radikalerer Liberalismus oder abgeschwächte libertäre Ideologie) die Überzeugung, dass auch die Infrastrukturen privatwirtschaftlich betrieben werden müssen. Genau dies passierte in Thatchers England und Reagans USA, später auch in den meisten anderen westlichen Ländern: Privatisierung von Eisenbahnen und Nahverkehr, Wasser- und Elektrizitätswerken, Post und Telekommunikation, Kranken- und Sozialversicherung, und zwar oft ohne gesetzliche Regulierung, die bestimmte Leistungen oder Mindesttarife für alle Bürger garantiert.

zelotti 15.08.2011 | 00:31

Hier aus Amerika behauptet jemand das Ende der Geschichte:
www.ritholtz.com/blog/2010/09/you-vs-corporations/

"For a long time, American politics has been defined by a Left/Right dynamic. It was Liberals versus Conservatives on a variety of issues. ... We now live in an era defined by increasing Corporate influence and authority over the individual. ...The Individual has been supplanted in the political process nearly entirely by corporate money, legislative influence, campaign contributions, even free speech rights. ... It is now an Individual vs. Corporate debate – and the Humans are losing."

Individualpolitik vs. Korporationen. Gleich schleicht der gute alte StaMoKap Theorist um die Ecke...

THX1138 15.08.2011 | 00:37

Auch mir wird beim Wort Neoliberalismus etwas unbehaglich. In den politischen Alltag eingestreut wurde dieser Begriff in den Neunzigerjahren im Zuge der aufkommenden Globalisierungskritik- also weit nach dem Club of Rome und den Grenzen des Wachstums. Mir kommen da spontan Naomi Klein, Noam Chomski und Joseph Stieglitz in den Sinn. Und natürlich Seattle. Oder "Reisebericht eines T-Shirts". Der Washington Concensus natürlich genauso wie die "Roaring Nineties", einem der fundiertesten Bücher von Stieglitz. In denkbar schlechtester Erinnerung: "Kleine Geschichte des Neoliberalismus" von David Harvey, ein Patchwork aus historischen Versatzstücken, ideologischen Blendereien und kaum nachvollziehbaren Konklusionen.

Trotzdem oder vor allem deshalb: Solange kein Ersatz für diesen zugegebenermassen etwas angestaubten Begriff gefunden worden ist, sollten wir mit zuviel Kritik an ihm etwas zurückhaltender sein: Ihn einfach so über Bord zu werfen bedeutet unter Umständen gleichzeitig, die ganze, über Jahre und Jahrzehnte gewachsene Kritik an der Globalisierung- auch so ein verstaubt wirkendes Wort- dem Vergessen preis zu geben.

Was den Artikel von Frank Schirrmacher anbelangt: Es dämmert langsam auch dem Letzten, dass sich eine Wirtschaftspolitik, die (bislang?) nur ein paar Wenigen dient, auf lange Sicht keine Überlebenschancen hat.

Im Zentrum der Globalisierungskritik standen v. a. die Liberalisierung der Finanz- und Kapitalmärkte sowie das wachsende Ungleichgewicht zwischen dem Faktor Arbeit und dem Faktor Kapital. Die Befürchtungen von damals haben sich mittlerweile leider (überwiegend) bewahrheitet, wie wir alle langsam wissen. Offenbar hat das sogar die FAZ bemerkt und einen Artikel an prominentester Stelle geschaltet.

So. Und nun darf man sich auf all diejenigen freuen, die ständig aus offenbar bestehenden (kapitalistischen) Sachzwängen heraus argumentieren, welche, Naturgesetzen gleich, über all unseren Köpfen schweben sollen.

Magda 15.08.2011 | 00:42

"Charles Moore also, der offizielle Thatcher-Biograf, der sich im Telegraph dazu bekannt hat zu glauben, "dass die Linke recht haben könnte.""

Das ist doch schon paar Tage alt und jetzt wo es der Schirrmacher entdeckt hat, ist es plötzlich ein Hype? Das gehört absolut in die Strategie des kontrollierten Dampfablassens.

"Manche, die schlicht recht haben, klingen einem Rechthaber einfach nur zum Verwechseln ähnlich."

Schirrmacher war schon immer ein Rechthaber. Der will jetzt nur auf der trendigen Seite Recht haben und nichts verpassen dabei.

laubfrosch 15.08.2011 | 12:22

mhh ... hier gilt es mal grundsätzlich die farbenlehre der politik ein wenig auseinander zu dividieren ...

1. ist konservative politik meist auch besitzstandswahrungs, das pflegen von prinzipien welche die klassengesellschaft zementieren.
ob das erbrecht ist, oder die industrie- und handelskammern oder die überzeugung dass jeder arbeiten muß selbst wenn es nicht genug lohnarbeit gibt.
dann sollen die harzer wenigstens ehrenamtlich arbeiten, auch auf die gefahr hin dass dieses engagement den ersten arbeitsmarkt noch weiter dezimiert.
"was wollt ihr denn, euch geht es hier doch besser als denen in afrika ... " so rufen uns dann die konservativen und wirtschaftsliberalen entgegen.
die arbeitslosen und "unqualifizierten" haben sich also gefälligst an somalia und bangladesh zu identifizieren, der arbeitende bürger und arbeitgeber darf sich aber am wohlstand der westlichen welt vergleichen, und als rentner mit 45 jährigem berufsleben von sich behaupten dass er sich diesen wohlstand wohlverdient habe ...

der fehler in diesem moralsystem ist, dass die armen globalen maßstäben unterworfen werden, sich am schlechtesten beispiel zu orientieren haben, während die anderen in der bunten werbung, DSDS und dem vorgelebten reichtum in ihrer nachbarschaft ein soziales äquivalent finden. das muß quitschen, das muß ungerecht sein.

2. tun sich aber langsam gräben auf innerhalb der konservativen und den (neo)liberalen, die man beim besten willen nicht mehr den gutmenschen, linken oder ökos in die schuhe schieben kann.

wenn z.b. die vertreter der deutschen wirtschaft eine jährliche zuwanderung von 500.000 fachkräften im jahr fordern um den arbeitsmarkt zu befriedigen, während auch gestandene konservative gesellen die stelle um die sie sich qualifiziert beworben haben 4 wochen später wieder in der zeitung finden, dann stehen arbeitgeber und konservativer arbeitnehmer nicht mehr auf einer seite.

shareholder value und/oder der neoliberalismus passen nicht zusammen mit der anspruchshaltung der arbeitnehmer und dem konservativen arbeiterflügel.
und schon gar nicht mit der rente mit 67 wenn man mit 50 schon zum alten eisen gehört.

meine mutter hat eisern die FDP gewählt, genauer gesagt den wirtschaftsliberalen teil der FDP, bis sie mit 57 selbst trotz großem fleiß, loyalität und disziplin entsorgt wurde.
diese erzwungene frührente hat sie fast 40% ihrer rente gekostet für die sie gerne bis 65 gearbeitet hätte ...

und als schwarz gelber gleichzeitig über überfremdungsängste zu reden wie herr friedrich und auf der anderen seite 500.000 arbeitsmigranten zu fordern ..
oder einerseits die globalisierung als quelle des wohlstands zu deuten, während man auf der anderen seite die übermacht von brüssel beklagt ...

das ist an widersprüchlichkeit kaum noch zu überbieten.
daher wundert es auch nicht dass schwarz gelb nicht funktioniert.

fazit :
schirrmacher rennt offene tore ein.
aber an der sache selbst kann er nichts ändern, niemand kann das zur zeit.

laubfrosch

claudia 15.08.2011 | 12:55

Na ja, 1929 haben ja auch Einige gebibbert: "Oh Sch....., das war zu heftig. Jetzt werden die Kommunisten wohl Zulauf bekommen, weil sie recht behalten haben"
Aber sie haben die Sache schnell wieder in den Griff bekommen und das Spiel ging weiter.

Dem Volk im rechten Moment mal zu sagen: "Jaja, ihr habt schon recht, die haben wieder mal überzogen": das gehört zum Handwerk der professionellen Verarscher.

tlacuache 15.08.2011 | 12:59

Lieber Herr Michael Angele

Frank Schirrmacher musste ich mir seid 1994 "zwangsantuen", als alter FFM'ler, ein Kotzbrocken vor dem Herrn.
Unter anderem DESHALB bin ich dann 2000 ausgewandert, und zwar sehr weit weg...

Schönes Eingeständnis, das man vor "ein paar Tagen" noch das Wort "Neoliberalismus" herausredigiert hatte obwohl u.a. die "Chicago Boys" das "Boot" versenkt haben, laut "Heuschrecken" - Kritiker 1990...

Verwundernswert ist höchstens das jetzt der "The Daily Telegraph" (Der Daily Telegraph ist eine am 29. Juni 1855 gegründete, konservative britische Tageszeitung mit Sitz in London...) auf einmal den Altlinken die Welt erklaert...

Schnolfi 15.08.2011 | 13:09

Es ist schon blöd, wenn dem Kapitalismus das Kapital ausgeht und so manchen Neocönner zum Sinieren zwingt.
Genauso wie dem Kommunismus einst die Kommunen ausgingen zum gemeinschaftlichen Rufen auf den Straßen.

Man müsste jetzt eigentlich das globale System jetzt umtaufen in "Bankismus", denn dort füllen sich zur Zeit die Sammelbüchsen.
Da hat selbst der Chinese kein Rezept mehr dagegen.

Uwe Theel 15.08.2011 | 13:35

Wenn der freitag nach eigenem Eingeständnis (Angele) das "Wort" (Angele) Neoliberalismus mehr oder weniger systematisch aus einen Texten heraushält, statt es seinen Lesern eben zu erklären (ich, weiß, es gibt auch Autoren, die das tun), dann schlage ich doch vor, das weiterhin hier verwendetet "Wort" Globalisierung durch den Begriff Kapitalakkumulation und - konzentration auf (einheitlichem) Weltmarktniveau" zu ersetzen.

So nahe dürfte man Marx doch auch im freitag noch kommen dürfen?

P.S.: Gab es da nicht mal einen leichten Untzerschied in der Bedeutung zwischen "Wort" und "Begriff"?

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Ehemaliger Nutzer 15.08.2011 | 14:23

Es ist nicht nur Moore, sondern auch Frank Schirrmacher.

Frank Schirrmacher – „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“
Im bürgerlichen Lager werden die Zweifel immer größer, ob man richtig gelegen hat, ein ganzes Leben lang. Gerade zeigt sich in Echtzeit, dass die Annahmen der größten Gegner zuzutreffen scheinen.
Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie entpuppt sich als das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik. So abgewirtschaftet sie schien, sie ist nicht nur wieder da, sie wird auch gebraucht. Die Krise der sogenannten bürgerlichen Politik, einer Politik, die das Wort Bürgertum so gekidnappt hat wie einst der Kommunismus den Proletarier, entwickelt sich zur Selbstbewusstseinskrise des politischen Konservatismus. [...]
Das politische System dient nur den Reichen? Das ist so ein linker Satz, der immer falsch schien, in England vielleicht etwas weniger falsch als im Deutschland Ludwig Erhards. Ein falscher Satz, so Moore, der nun plötzlich ein richtiger ist. „Denn wenn die Banken, die sich um unser Geld kümmern sollen, uns das Geld wegnehmen, es verlieren und aufgrund staatlicher Garantien dafür nicht bestraft werden, passiert etwas Schlimmes. Es zeigt sich – wie die Linke immer behauptet hat –, dass ein System, das angetreten ist, das Vorankommen von vielen zu ermöglichen, sich zu einem System pervertiert hat, das die wenigen bereichert.“ [...]Angela Merkel war bisher nicht in der Lage, die moralischen Folgen der Krise in der Eurozone zu thematisieren. Das ist schlimm genug. Undenkbar, dass zu Zeiten Erhards nicht ein Selbstverständigungsprozess eingesetzt hätte. Dafür fehlt der Partei augenscheinlich das Personal. Denn die Macht dazu fehlt ihr keinesfalls. Über das Wort „Monster“ ist die politische Positionierung der Konservativen bis heute nicht hinausgekommen – und das las man früher und besser auf den „Nachdenkseiten“ des unverzichtbaren Albrecht Müller, einst Vordenker von Willy Brandt. [...]
Schließlich: Der geradezu verantwortungslose Umgang mit dem demographischen Wandel – der endgültige Abschied von Ludwig Erhards aufstiegswilligen Mehrheiten – macht in seiner gespenstischen Abgebrühtheit einfach nur noch sprachlos. Ein Bürgertum, das seine Werte und Lebensvorstellungen von den „gierigen Wenigen“ (Moore) missbraucht sieht, muss in sich selbst die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wiederfinden. Charles Moores Intervention zeigt, wie sie aussehen könnte.
Quelle: FAZ

Anmerkung Jens Berger: Chapeau Herr Schirrmacher, da ist Ihnen ein bemerkenswerter Artikel gelungen. Uns ist bekannt, dass Frank Schirrmacher die NachDenkSeiten seit längerer Zeit regelmäßig verfolgt. Um so erfreulicher finden wir es, dass er die NachDenkSeiten und namentlich Albrecht Müller lobend erwähnt.
Der Kommentar von Charles Moore, auf den Schirrmacher sich bezieht, ist übrigens auch sehr lesenswert.

miauxx 15.08.2011 | 15:50

@Uwe Theel

Ihr Postscriptum ist eine wichtige Anmerkung zum ersten Teil von Angeles Artikel.
Ein "Wort", id.F. ein Nomen, ist die Benennung eines "Begriffes". Das können wir zuerst in Saussures semiotischer Unterscheidung von signifiant (hier: Benennung "Neoliberalismus") und signifié (hier: Idee, Konzept von "Neoliberalismus") sehen.

Wenn Angele nun also das Wort "Neoliberalismus" aus einem Artikel herausredigiert und meint, damit einen Bruch in der "Klugheit" desselben zu vermeiden geholfen hat, können wir rein aus dieser Information nicht nachvollziehen, ob das auch tatsächlich so ist.
Ich würde Angele, wie auch j-ap, schon zunächst zustimmen, dass "Neoliberalismus" zu einer Worthülse und mithin einem Totschlagargument geronnen ist (vielleicht war dieses Wort auch gar nie mehr).

Zwar sind hier von Kommentatoren ja auch Erklärungen zu einem Begriff von "Neoliberalismus" geliefert worden. Schwierig wird es jedoch, wenn es etwa heißt, das und jenes ist dem Neoliberalismus geschuldet und Punkt.

Denn offenbar, wie auch j-ap anmerkt, entspringt der vermeintliche Begriff von "Neoliberalismus" zunächst nur einer politischen Schlagrichtung, welche sich hier einer Basta!-Polemik bediene. Genauso ergehe es "Kommunismus" - nur von der "anderen" Seite her.

Angele möchte nun offenbar der schwammigen Signifikanz dieses Wortes vorbeugen; mithin nur billiger Polemik und Floskeln. Wenn es jedoch heißt, was auch j-ap pauschal gut heißt, dass das Wort "Neoliberalismus" getilgt gehört: Wird damit dem Leser nicht potentiell die Entscheidung, sich vielleicht begrifflich im sogenannten "Neoliberalismus" orientieren zu können, vorenthalten?
Nun wissen wir freilich nicht, inwieweit der fragliche Begriff, also das Kopfkonstrukt, im fraglichen Artikel argumentiert wurde oder eben nicht. Ob es also eine rein textqualitative Entscheidung war, was ich annehmen möchte, und der Verweis auf das Herausredigieren nur einen guten Einstieg in den Artikel bot.

Genauso, wie es sich sicherlich vielfach zu einfach gemacht wird, mit "Neoliberalismus" eine vermeintlich für jeden vertändliche, griffige Formel gefunden zu haben, macht man es sich gleichsam zu einfach, wenn es heißt, es verberge sich gar kein Begriff dahinter, der sich zur Kapitalismuskritik eignet.
Wenn jetzt aber plötzlich (?) sogar die sich eines Vokabulars von attac! oder "Linken" bemächtigen, für die es das vorher gar nicht gab, wird die begriffliche Unschärfe gar verstärkt.

Wenn ich "Linken" vorwerfe, sie bemächtigten sich eines ach so "mächtigen" Begriffsgebildes, wo sie argumentativ nicht weiterkämen (was aber nicht immer so stimmt), muss ich nun aber auch aufpassen, wenn die Kapitalismus-Adepten vermeintlich argumentativ zurückrudern.

Im Falle "Linker" ruht die Gefahr, sich mit "Neoliberalismus" nur auf gewisse, wohl besonders extreme, Erscheinungen des Kapitalismus zu reduzieren und somit nicht wirklich radikal zu sein.

Noch mehr muss man diese Gefahr aber wittern, wenn nun aus Richtung der FAZ und ähnlicher Meinungsschmieden die Axt ans "Neoliberale" gelegt werden soll. Denn hier werden wohl nur Nebelbomben geworfen. Offenbar, damit die Argumente nicht ausgehen und sogar progressiv wirken, wendet man jetzt das ins Negativ, was vorher allein mit Leistungsfähigkeit im Rahmen der "Globalisierung" beschrieben wurde.

lebowski 15.08.2011 | 16:02

Ich persönlich habe gar nichts gegen Wachstumkritik, wie sie Miegel betreibt.
Aber alles schön der Reihe nach. Wachstumkritik ist gut für das Geldgesindel, die freuen sich bestimmt, wenn die Armen lernen, sich zu bescheiden.
Also linke Wachstumskritik müsste dann so aussehen. Erst den Reichen die Kohle wegnehmen und aufteilen. Und danach unterhalten wir uns über die neue Bescheidenheit.

Uwe Theel 15.08.2011 | 16:38

@ miauxx am 15.08.2011 um 13:50

... treffen sich zwei (?) Linguisten, sind sie sich sogar manchmal einig :-)).

Zur Sache: Natürlich geht es mir um das Begriffliche und Präzison des sprachlichen Ausdrucks:

Wenn Angele konstant nur vom "Wort" Neoliberalismus spricht, ohne es zu bestimmen, Schirrmacher nur beim ebenso unbestimmten Wort nimmt, dann wittere ich keine Präzison und keine Aussage im letztlich kritischen Sinne. Von daher stimmte ich j-aps Worthülsenvorwurf immer auch zu, und So meinen Sie, miauxx es wohl auch.

Der kurzen Rede langer Sinn: Politische Kritik sollte Ihre Worte immer zum Begriff geschärft vorbringen, sich nicht auf den "umgangssprachlichen", im Zweifel ideologischen Gebrauch verweisen lassen müssen.

Un da regt mich der Gebrauch des Getüms Globalisierung im "herrschenden" Sprachgebrauch weit mehr auf als Neoliberalismus, wo fast jeder mindestens noch "Kapitalismus" mitassoziiert , während Globalisierung schon wieder als eine "Naturwüchsigkeit" dessellben kritiklos daher und davonkommt.

miauxx 15.08.2011 | 18:51

@j-ap

Was ihr "Punkt" ist, habe ich bereits im Kommentar verstanden. Soweit ich den j-ap kenne, hätte ich inhaltlich hier auch keinen anderen Kommentar erwartet :-)

Oben schreiben Sie, Hr. Angele solle bei seiner "Praxis" bleiben. Falls Sie mit "Praxis" nicht das Herausredigieren von "Neoliberalismus" meinen, lassen Sie es mich wissen!
Ja, mein Gott, Sie haben freilich nicht wörtlich "tilgen" geschrieben und führen dann ja auch aus, dass Artikel, die "Neoliberalismus" mit sich führen, nicht des Lesens wert seien. Aber ich erkenne eine Schlagrichtung zwischen Ihnen und Angele; wenn auch mit je anderen Worten.
Eine Schlagrichtung, die ich übrigens ein ganzes Stück weit teile. Nur nicht zu 100%.

Grüße,
miauxx

miauxx 15.08.2011 | 19:48

@Uwe Theel

"Politische Kritik sollte Ihre Worte immer zum Begriff geschärft vorbringen, sich nicht auf den "umgangssprachlichen", im Zweifel ideologischen Gebrauch verweisen lassen müssen."

Stimme zu! Sonst wäre es wohl keine "politische Kritik" und könnte gerade keinen anderen Blickwinkel als den der Politiker einnehmen. Denn deren "Kritik" bedient sich nur allzu gerne der "umgangssprachlichen" Bedeutungen (was, wenn auch meist praktikabel, so doch nicht immer falsch sein muss).

Nun ja, "Globalisierung" gilt ja im gemeinen Diskurs als, da gebe ich Ihnen recht, als "naturwüchsig" oder alternativlos und erfährt eine gewisse Euphemisierung durch die "Chancen" die in ihr wohnen, wenn man sich nur darauf zu orientieren vermag. Damit soll dann natürlich all das verdeckt werden, was wiederum mit das von links kommende Schlagwort "Neoliberalismus" als Negativerscheinung herauskehrt.

Im Grunde stellen sich aber beide Seiten - Kapitalismus-Adepten und linke Kritiker - jeweils selbst ein Bein, indem "Globalisierung" stets nur auf die wirtschaftlichen Aspekte (wegfallender Protektorismus, Firmen ohne Heimat, eben "global player") verengt wird.

Und da haben wir wieder das Problem mit dem Begriff und seiner Benennung.
"Globalisierung"! Ja, was da alles drinsteckt!
Muss man den Begriff allein auf eine vermeintlich nun gesteigerte maß- und ethoslose Erscheinung des Kapitalismus bzw., anderer Blickwinkel, allein als neue Herausforderung an die "Leistungsfähigkeit" der Wirtschaft eines Landes sehen?

Insofern würde ich Ihnen hier nur insoweit zustimmen, als die Begründungen für die "Nebenwirkungen" von wirtschaftlicher Globalisierung, so, wie sie vielerorts von denen erlebt werden, die ohnehin das untere Ende der Wertschöpfungskette darstellen, stets mit Attributen wie "naturwüchsig" oder eben "alternativlos" daherkommen.

Fro 15.08.2011 | 21:43

Für mich gibt es eine einfache Formel, die auch meinen unideologischen Anspruch an linke Politik ausdrückt: Links=schlau , daher ist unschlau=unlinks. Wenn Konservative den Anspruch für sich entdecken, schlau statt ideologisch zu sein, dann muss es zwangsläufig zu einer Annäherung an linke Positionen kommen. Ich kann es nur begrüßen, wenn Schlauheit auch bei den werteorientierten Konservativen wieder eine Chance hat. Eine dringend notwendige politische und gesellschaftliche Veränderung wird nur in einer breiten schlauheitsorientierten Bewegung möglich sein.

Weltweit hat sich eine Ideologie in der Politik und bei den ökonomischen Bestimmern durchgesetzt, die man allgemein als „Neoliberalismus“ bezeichnet. Ich bin von dem Begriff auch nicht sonderlich begeistert. Eigentlich mal wieder so eine typisch „neoliberale“, die Wirklichkeit beschönigende, Lüge:-) Die neue Freiheit, die man uns immer wieder versucht schmackhaft zu machen, ist nichts weiter als ungebremste Ausbeutungsfreiheit, die zwangsläufig zur Verelendung der Ausgebeuteten und zu deren Unfreiheit führt. Ich nutze den Begriff „neoliberal“ dennoch hin und wieder, weil fast jeder weiß, was damit gemeint ist.

Uwe Theel 15.08.2011 | 21:49

@ miauxx schrieb am 15.08.2011 um 17:48

"Globalisierung"! Ja, was da alles drinsteckt!
Muss man den Begriff allein auf eine vermeintlich nun gesteigerte maß- und ethoslose Erscheinung des Kapitalismus bzw., anderer Blickwinkel, allein als neue Herausforderung an die "Leistungsfähigkeit" der Wirtschaft eines Landes sehen?

Wenn nachweisbar ist, was ich sage, dass Globalisierung nur eine bürgerlich ideologische REformulierung des Kapitalgesetzes in bürgerlicher Borniertheit und Idealisierung ist - kurz alter Wein in neuen Schläuchen - dann "muß" man.

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nil 15.08.2011 | 22:51

Marxismus und die Grünen

(aus: Eros Kosmos Logos, Krüger 1996,S. 245)

Die einzige ernstzunehmende soziale Bewegung von globaler Natur ist bis heute die internationale Arbeiterbewegung (Marxismus), der ein großes und bleibendes Verdienst zukommt, die aber auch eine fatale Schwäche hat. Das Verdienst besteht in der Entdeckung eines gemeinsamen Zugs aller Menschen, unabhängig von Glaubensbekenntnis, Nationalität, Mythologie oder Geschlecht: Wir alle müssen unser körperliches Überleben durch gesellschaftliche Arbeit dieser oder jener Art sichern: Wir alle müssen essen. So sind wir aufgrund der gesellschaftlichen Arbeit alle im selben Boot, alle Weltbürger. Diese Bewegung war echt und ernsthaft und für sehr viele Menschen einleuchtend und glaubwürdig genug, um die ersten wirklich global gemeinten Revolutionen von Rußland bis China und bis nach Südamerika auszulösen.

Soweit die wirklich anerkennenswerte Seite. Die fatale Schwäche bestand darin, daß diese Bewegung die höheren kulturellen Bestrebungen nicht nur auf die Grundlage des ökonomischen und materiellen Bereichs, der gesellschaftlichen Arbeit und des materiellen Austauschs stellen wollte, sondern sie darauf zu reduzieren versuchte; sie wollte Kultur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduzieren, auf materielle Produktion, materielle Werte und materielle Mittel, und alle Produktion höherer Art, insbesondere alles spirituelle, war nur noch Opium fürs Volk.

Der Marxismus stellte also die Noosphäre nicht allein auf die Grundlage der Physiosphäre (was wegen des zusammengesetzten Charakters der Individualität entscheidend wichtig ist), sondern reduzierte die Noosphäre auf die Physiosphäre - was sich als derart abwegig herausstellte, daß sich die Evolution jetzt nach kaum einem Jahrhundert ernsthaft daran gemacht hat, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen. Da die reduktionistische Seite des Marxismus keinerlei Rückhalt im Kosmos fand, mußte das Ganze in eine religiöse Mythologie umgedeutet und dann unter imperialistischem Zwang durchgesetzt werden.

Eine zweite große Bewegung, die eine gewisse Eignung als Träger einer Weltbürgerschaft besitzt oder zu besitzen vorgibt, ist die der Grünen. Ich habe sehr viel Sympathie für diese Bewegung, solange sie sich als ein Unterfangen neben anderen versteht, aber ich glaube, sie besitzt nicht im entferntesten die nötige Integrationskraft für eine globale Föderation von Weltbürgern, die sich ihre Grundsätze freiwillig zu eigen machen (unter Zwang vielleicht,aber das wäre kein ungehinderter globaler Diskurs, sondern wieder nur gewaltsame Einigkeit).

Die Grünen machen im Grund den gleichen Fehler wie die Marxisten, weil sie die unbestrittene und unbestreitbare Tatsache, dass niedrigere Ebenen grundlegender sind als höhere, zum Anlaß einer Reduzierung des Höheren auf das Niedrigere nehmen. Aber das Grundlegendere ist allein nicht ausreichend für das Leben des Höheren und Tieferen. Wo die Marxisten alles auf materielle Austauschprozesse der Physiosphäre zurückzuführen versuchen, reduzieren die Grünen alles auf ökologische Austauschprozesse der Biosphäre. Das ist zwar ein Schritt über den Marxismus hinaus, bleibt aber eine Wissenschaft des kleinsten gemeinsamen Nenners, die zwar (wie der Marxismus) in ihrem Geltungsbereich wichtiges leistet, aber jenseits eines gewissen Punktes katastrophal wird und vor allem völlig außerstande ist, Weltbürgerschaft über diesen Punkt hinauszutreiben.

Zu ihrer philosophischen Plattform machen die Grünen a) den Gedanken, daß die Kultursphäre oder Noosphäre Teil des größeren Ganzen der Biosphäre ist, und b) die Systemtheorie als Wissenschaft vom Gewebe des Lebens. Der genannte Gedanke ist, wie wir gesehen haben, schlicht falsch, und die Systemtheorie stellt, wie wir ebenfalls gesehen haben, eine etwas martkschreierische Form des subtilen Reduktionismus dar. Die Biosphäre ist grundlegender als die Noosphäre, aber eben deshalb nicht höher, sondern niedriger und seichter; und das Niedrigere kommt in aller Evolution zuerst, vor allem anderen.

Die Grünen meinen nun, das Erste und Grundlegendste müsse auch das Letzte und Höchste sein - ein schwerer Irrtum, der dazu führt, daß sie wie die Marxisten die biomaterielle Dimension durchforsten und zu bereinigen versuchen, was dort nicht in Ordnung ist. So gut und begrüßenswert das ist, sie kommen darüber nicht hinaus, sie finden keine integrativen Ansätze zu einem tieferen Bewußtsein, zu höherem Umfangen, zu echter Gesamtschau, zu etwas wirklich Befreiendem - nur zu eher theoretischer und regressiver biosphärischer Indissoziation. Und wie die Marxisten haben sie für alle wahrhaft tieferen oder höheren Bestrebungen nichts anderes als das Vokabular des sozialen Reduktionismus parat: "Eskapismus", "Opium", "Illusionismus", "falsches Bewusstsein".

Ein wirklich integrativer Ansatz, der von den tatsächlichen historischen Gegebenheiten unserer Zeit ausgeht, um eine Weltkultur zu schaffen, wird sicher auch für eine gerechtere Verteilung im materiell-ökonomischen Bereich und für tragbare ökologische Verhältnisse zu sorgen haben, also die Anliegen der Marxisten und der Grünen berücksichtigen. Aber er wird weit darüber hinausgehen müssen und sich ganz direkt und ohne jeden Reduktionismus auf die Noosphäre und ihre Verteilungsprobleme und Fehlentwicklungen einlassen...

Gesellschaftliche Arbeit kann uns als Weltbürger insoweit einigen, als wir Materie gemeinsam haben - weiter nicht. Ökologische Vernunft kann uns als Weltbürger insofern einigen, als wir alle einen Körper haben - weiter nicht. Es wird einer Schau-Logik-Bewegung von gewaltiger Integrationskraft bedürfen, um uns als Weltbürger zentaurisch zu einigen, das heißt insofern, als uns Materie und Körper und Geist (ganz zu schweigen vom GEIST und dem Selbst, die all dem vorausgehen) gemeinsam sind.

miauxx 15.08.2011 | 23:28

Mit der "Reformulierung" mögen Sie recht haben. Damit wir uns aber nicht falsch verstehen: Ich meine eben auch die nicht im engeren Sinne wirschaftlichen Aspekte. Und da hat Globalisierung durchaus ihre positiven Seiten.
Also, man muss sie nicht nur im Lichte von Monopolisierungstendenzen (eigtl. bittere Ironie, wo doch stets von Liberalität die Rede geht), Ausbeutung oder kultureller Unifizierung wahrnehmen.

Grüße,
miauxx

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Ehemaliger Nutzer 15.08.2011 | 23:34

@GEBE
Unterm Strich: Es mangelt an Spiritualität.

Dreimal ein herzhaftes JA!

Und dann ein Nein: es mangelt nicht an Spiritualität. Die ist doch überall. Aus jeder Erfindung, aus jedem Gesetz, aus allem, was über die reine Tierbedingtheit des Menschen hinausweist, leuchtet Spiritualität. Es mangelt an Einsicht in die Universalität des Spirituellen. Es mangelt an Willen zur Liebe - zur höherer Liebe als kaum über dem Sexuellen und Sorge für die eigene Brut angesiedeltem Empfinden. Die aber muß man sich aktiv erarbeiten, suchen, ihr Nahrung geben, denn die in unserem Plan herrschenden, der Liebe diametral entgegengesetzten, aus dem dunklen Abgrund gespiegelten Mächte fressen das Licht.

Es gibt zu viele (spirituelle) Funzeln, und zu wenig Leuchtkörper.

Q.

Uwe Theel 15.08.2011 | 23:56

@ miauxx 15.08.2011 um 21:28

Sollten Sie mit der "anderen Seite" von Globalisierung, das meinen, was vielleicht einmal "internationale Solidarität" - solange nicht von "Funktionären" ausgesprochen !!! - genannt wurde, dann würde ich Ihnen zustimmen, allerdings nicht einsehen, dass ich dann jetzt ein neues Wort brauchte, dass noch dazu das "Gegenteil" meinen kann.

Grundsätzlich scheinen wir uns aber einig zu sein.

Danke für das Gespräch

ut

Uwe Theel 16.08.2011 | 01:05

@ Nil et al.

bevor Ihr euch hier alle von Nil umarmen laßt mit dem Notruf nach mehr Spirtualität erinnere ich daran, dass Spiritualität als Phänomen des Überbaus abhängig ist von der Basis des realen Seins. Eine der grundlegenden Erkenntnisse Marxens und Engels.

Daher kann ich allerhöchstens den Mangel an z.B. Spiritualität bemängelen, den mir mein wirkliches Leben selbst bereitet, bzw. leide - auf jeden Fall unbewußt - an der Spirtualität, genauer Ideologie (als falschem bewußtsein) die mir mein wirkliches leben bereitet und von Letzterer gibt es jede Menge.

Das Bewußsein eines erfüllten nichtentfremdeten Seins stellt sich nämlich nicht mit einem noch so inbrünstigen Ruf nach "mehr Spiritualität" quasi naturwüchsig ein.

Man sollte bei der Marxxegese nicht Esoterikerinnen folgen.

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nil 16.08.2011 | 01:15

Uwe Theel schrieb am 15.08.2011 um 23:05

bevor Ihr euch hier alle von Nil umarmen laßt mit dem Notruf nach mehr Spirtualität erinnere ich daran, dass Spiritualität als Phänomen des Überbaus abhängig ist von der Basis des realen Seins. Eine der grundlegenden Erkenntnisse Marxens und Engels.

Das wurde doch bereits von den Beteiligten hier: nil schrieb am 15.08.2011 um 20:51
zu Kenntnis genommen ?

Uwe Theel 16.08.2011 | 01:53

@ GEBE schrieb am 15.08.2011 um 23:13

Tja, vielleicht sollten Sie es mal mit anklopfen versuchen?

Warum nicht mit Tischerücken oder Handauflegen?

Im Ernst: Lieber GEBE: Mir ist die Tür schon aufgetan, was mir hier und andernorts schon harsche Kritik zu großer Gottesnähe eingetragen hat.

Und bedenken sie fernerhin:

Gott ist, ergo ist er auch Geist.

Geschaffen hat er zuerst die Erde (Materie) mit allem drum und dran.

Der menschliche Geist (Spiritualität) war erst danach und dadurch und als allerletztes möglich, gehaucht zu werden.

Fro 16.08.2011 | 01:59

@miauxx
Ich schrieb oben: „Wenn Konservative den Anspruch für sich entdecken, schlau statt ideologisch zu sein .....“
Wer durch eine ideologische Brille schaut, kommt meist zu „unschlauen“ Ergebnissen. Das gilt natürlich auch für Linke. Wie Konservative nun mal so sind, haben sie eine gewisse Scheu ideologische „Programmierungen“ aufzugeben. Wenn sich da nun etwas – auch aufgrund der nicht mehr zu verdrängenden Realitäten - löst, kann ich es nur begrüßen. Es gibt übrigens auch haufenweise „linke“ Konservative, die an uralten unzeitgemäßen linken Vorstellungen hängen – aber auch das ist in Auflösung begriffen....

Linke und Konservative können in Einzelfragen gleichermaßen schlau sein, wenn sie auf ideologische Denkkrücken verzichten.
Und ein ideologiefreier Konservativer kann in Einzelfragen manchmal stimmigere Antworten geben, als ein übereifriger Linker...
Ich hatte bisher mit vielen unterschiedlichen Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten zu tun: Mein Eindruck: fast jeder hat irgendetwas substanziell Schlaues zu sagen – man muss nur genau hinhören – ein 100%Schlauer ist mir allerdings noch nicht begegnet – ganz einfach weil es ihn nicht gibt - und das ist auch gut so.

Uwe Theel 16.08.2011 | 02:06

@ nil am 15.08.2011 um 23:15

Glauben Sie Nil, ich hätte nicht gelesen?

Mit Marx links unten antäuschen und dann mit Esoterik oder ganz einfacher bürgerlicher Ideologie

"Aber er wird weit darüber hinausgehen müssen und sich ganz direkt und ohne jeden Reduktionismus (Hervorhebung: ut) auf die Noosphäre (= die Kultursphäre = Überbau; ut) und ihre Verteilungsprobleme und Fehlentwicklungen einlassen..."

rechts oben einschießen, konnte mich nicht täuschen. Sie exemplifizieren in ihrem geliehenen Zitat, dass sie offensichtlich selbst nicht begriffen haben genau den Fehler, den ich kritisierte.

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nil 16.08.2011 | 10:32

@Uwe Theel

Vielleicht hilft Ihnen noch nachstehendes aus der integralen Bibliothek, über Spiritualität oder Boomeritis Spiritualität (Ken Wilber).
integralesforum.org/index.php?id=170=http%3A%2F%2Fwww.005flower.co.

Spiral Dynamics und die Wellen der Existens (Die Spirale der Entwicklung (Nach Don Beck und Cristopher Cowan) Es ist hilfreich über Strukturalismus in der Spirale der Entwicklung bescheid zu wissen. (Auch oberer linker Quadrant)
integralesforum.org/index.php?id=201=http%3A%2Fwww.005fl

Columbus 16.08.2011 | 16:25

Lieber Michael Angele,

Sollten Sie sich tatsächlich und überhaupt an der FAZ/FAS, und insbesondere an Herrn Schirrmacher, in irgend einer Form orientieren, dann spielt es eigentlich gar keine Rolle mehr, aus welchen Artikeln im dF-Feuilleton Sie noch Sätze oder Worte heraus redigieren oder streichen. Denn die Orientierung an Herrn Schirrmachers Leit- und Schriftleitungsartikeln hat den Grad der Beliebigkeit, der Voluntas dignitatis und majestatis.

Daher knickte der erst jüngst, bei Thilo S., unserem Hooligan im Nadelstreif, hilflos weg, indem er behauptete, es stecke darin Wahres, es sei nur falsch und unwürdig verpackt, aber selbst die würdige Form der von ihm erkannten Wahrheit sei eben grausam. - Ganz ehrlich, die Orientierung an anderen Chefdirigenten und Chefredigierern entwertet ihre Tätigkeit. Das haben Sie gar nicht nötig.

Philosophisch betrachtet, könnte man glatt meinen, die Dialogphilosophie, Strukturalismus und Dekonstruktivismus wären an Ihnen spurlos vorbei gerauscht. - Ich weiß es ja, es ist nicht so, aber der Eindruck bildet sich mir, nach solch´ einem Beitrag.

Wir befänden uns dann wieder in der Lagerdenke des 20. Jhs. Da war es üblich, die Dominanz der kleinen Mehrheit schwach zu erzählen und zu reden. -"Wir sind nicht so mächtig und wichtig, wie ihr Blöden vom Volke uns seht und sehen wollt und unterliegen, wie ihr, den ökonomischen Naturgesetzen."- , während die übergroße Minderheit, all´ jene also, die nach der Ansicht der kleinen Mehrheit (Elite) nicht oder gerade ausreichend produktiv, kreativ und notwendig für den Erhalt der Ordnung waren und sind, mit Stärke, Macht und Organisationswissen, vom Platzverweis, über die Verkindlichung und den Spott, bis zum real existierenden Lager sich ausgegrenzt (Assange hängt immer noch in seinem juristischen Limbo, Maning droht lebenslänglich in der brutalen US-Form, Ai Wei Wei steht unter der Fuchtel der Furcht, Gitmo existiert, usw., aber Domscheid-Berg macht seinen Briefkasten sicher und schickt uns ins Seminar für digiate Sicherheit) und vorgeführt fanden.

Vielleicht geht das im Feuilleton. Aber in der Realität kostet es Leben, natürliche Ressourcen und politische Kultur, den Begriff des Neoliberalismus nicht mehr zu nutzen, für eine Ordnung die sich anheischig macht ohne Meister und ohne Moral auskommen zu können und am Ende doch nur noch sich selbst und massenweise individuell Ringende kennt. - Das sind unsere eigentlichen stymphalischen Sümpfe und Augiasställe, nicht das ganze Gequassel, das die halbe Welt erfasst und vergiftet hat.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Michael Angele 16.08.2011 | 16:57

Lieber Herr Leusch

danke für ihre Zensuren, ich hole sie mir dann demnächst ordnungsgemäß ab. Publizistisch kann ich nur sagen: Wenn die FAS im Feuilleton mit dem Titel "Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat" aufmacht, ist das uns in jedem Fall, besonders aber auch im Fall Schirrmacher eine Kommentierung Wert. Die Idee hatte übrigens gar nicht ich. Ich war nur ausführendes Organ, da ich Wochenenddienst hatte. Sonst hätte halt jemand anders aus der Redaktion glossiert. Satis

miauxx 16.08.2011 | 20:18

@Fro

Im Grunde weiß ich, was Sie meinen. Ich wollte hauptsächlich und, zugegeben, spitzfindigerweise auf das Adjektiv "schlau" hinaus, das ich für nicht gut gewähl halte.
Denn "schlau" bedeutet doch so viel wie "gerissen" oder "schleichend, hintenrum" ein Ziel erreichen. "Schlau" weist zunächst darauf, wie man ein Ziel erreicht oder anstrebt. Es sagt aber nichts über Ziele oder Absichten; also auch nichts über wahr oder falsch, gut oder böse.

Seien Sie nachsichtig mit mir!
Grüße,
miauxx

Columbus 16.08.2011 | 22:00

Fassen Sie es als Ermutigung. Sie machen Ihr eigenes Feuilleton, das passt scho´ und reicht weit. Lassen Sie die Schirrmachers und Karaseks, Matusseks und Co., ich bin ja da noch gar nicht bei den ganz Schlimmen angekommen, einfach da wo sie sind und hin gehören. Dann müssen Sie nämlich weder ein linkes, noch ein rechtes, noch ein neutrales, noch ein neoliberal-soizialdemokratisiertes oder angegrüntes Feuillton und Literaturbuch machen, sondern sagen sich, ich wende mich mit Ernst den Dingen zu die es in meinen Augen, für unsere Leser, wirklich wert sind, die es, nach meinem Urteil kulturell und gesellschaftlich verdient haben. -So wars gemeint.

Ich denke übrigens, Sie können das locker und mit dem Hintersinn, der ja auch hier aufblitzt.

Diese Dackelei hinter irgend welchen Hausnummern her, die lohnt nimmer, zumal diese paar Wenigen ganz neoliberal gedacht, sich auf dem Markt selbst präsentieren und es offenbar sehr gut können. Als Nächstes wird sich Schirrmacher mit Roche beschäftigen (ein Marktproblem und Phänomen, fast wie Genosse Thilo S.). Und erholte sich der Dax bis Ende 2011 wieder auf Werte um 6500-6800 Punkte, bläst Schirrmacher seine erste Stufe der Erkenntnis wieder ab und wird laut rufen: "Der Markt, die Chicago-Boys, Friedman und Co.", s.o., "sind doch so etwas wie Ersatz-Säulenheilige und haben grundsätzlich immer Recht."

Marktstrategisch ist es auf jeden Fall ungünstig, fühlte man sich selbst als Apple, Atari oder Robotron, erwähnte aber in jeder zweiten oder dritten Erklärung, Microsoft sei Ursache und Anlaß fürs eigene Nachdenken. - Ach, was rede ich, schreiben Sie als Michael Angele was Sie denken und für den dF, dann lese ich das auch und sogar gerne.

LG und schönen Abend
Christoph Leusch

Uwe Theel 17.08.2011 | 00:05

@ nil 16.08.2011 um 16:01

Ich hoffe, Ken Wilber hat nichts dagegen, dass ich mir auch in Zukuft die kleine Freiheit nehmen werde, seine Gedanken zu kritisieren, wenn sie, ansonsten unreflektiert von Ihnen hier nur zitiert werden.

Ad personam, so wie Sie mit Sätzen "Sie wollen die Führung!" werde ich dabei nicht diskutieren, sonder nur ad rem. Dass Sie die Sache Wilbers für die Ihre halten, ist längst klar, allerdings ist mir nie aufgefallen, dass sie damit etwas Eigenes gemacht hätten. Nur so aber könnte eine echte Diskussion über "ihre Sache" gegenüber "meiner Sache" stattfinden.

Also fühlen sie sich in jeder persönlichen Weise bitte nicht be- oder gar getroffen, wenn ich Ken Wilbers Gedanken kritisiere. Sollte ich doch einmal Sie etwas refektierend reden hören, werde ich besonders vorsichtig sein.

Auch Ihnen alles Gute

ut

Fro 17.08.2011 | 01:38

Ist ok Miauxx, habe ich gerne geschrieben..
In Norddeutschland steht das umgangssprachliche „schlau“ für praktische Intelligenz, für optimales wirklichkeitsbezogenes Handeln nach einer zutreffenden Analyse - mit Weitblick in Zeit und Raum – also ganzheitlich bzw global..zukünftige Bedingungen mit einbeziehend....
Schlau könnte es möglicherweise sein, einen Regenschirm mitzunehmen, wenn ich morgen das Haus verlasse.
Schlau ist eine wahrhaft soziale Politik. Unsoziale Politik schafft Leid, Konflikte, Mehrkosten und schlechte Laune... ist also ziemlich unterschlau.;-)
Wissenschaftlich ist der Begriff wohl kaum zu gebrauchen – ist eben Umgangssprache - aber so gut wie jeder weiß was damit gemeint ist. Aber gut zu wissen, dass das Wort anscheinend auch negativ konnotiert wird – obwohl mir so etwas bisher nicht untergekommen ist.
Irgenwie mag ich das Wort, aber wie jedes andere Wort kann es natürlich von "Scharlatanen" missbraucht werden.

miauxx 17.08.2011 | 21:48

@Fro

"Schlau ist eine wahrhaft soziale Politik. Unsoziale Politik schafft Leid, Konflikte, Mehrkosten und schlechte Laune... ist also ziemlich unterschlau.;-)"

Mit dieser Konkretisierung "schlauer Politik" treffen Sie wirklich einen wesentlichen Punkt: Den der Nachhaltigkeit. Ein Weiterdenken über den sichtbaren Horizont hinaus oder einfach gesagt, nicht nur von 'zwölf bis Mittag denken', ist dann nämlich tatsächlich "schlau", wenn nicht gar schlauer.

Dazu fällt mir glatt ein historisches Beispiel ein. Friedrich II. diktierte 1799 der Berliner Akademie der Wissenschaften eine Preisfrage:
„Kann irgendeine Art von Täuschung dem
Volke zuträglich sei, sie bestehe nun darinn, daß man es zu neuen Irrthümern verleitet, oder die alten eingewurzelten fortdauern läßt?“
Der Volksaufklärer Rudolph Zacharias Becker trug mit der Verneinung der Frage den Sieg davon und begründete seine Antwort damit, dass das Volk im Irrtum zu halten, dessen Nützlichkeit für den Staat verhindere und eine aufgeklärte Nation weniger zur Rebellion neige, als ein „roher Haufen“.
Nun, zu dieser Zeit, die wir heute als "Aufklärung" betiteln, war das schlau und zukunftsweisend. Der Gedanke, auch das "gemeine Volke" zumindest in Teilen der Aufklärung teilhaftig werden zu lassen, konnte so auch dem Herrschaftshause schmackhaft gemacht werden. Hier haben wir also Nachhaltigkeit. Denn freilich wollte man es auch nicht so weit kommen lassen wie in Frankreich, wo der "rohe Haufen" zumindest zeitweise die Überhand gewann ...

Grüße,
miauxx

Urmel auf dem Eis 17.08.2011 | 22:40

"Schlau ist eine wahrhaft soziale Politik. Unsoziale Politik schafft Leid, Konflikte, Mehrkosten und schlechte Laune... ist also ziemlich unterschlau.;-)"

In Norddeutschland ist es unter gebildeten Leuten üblich, zwischen und und deren jeweiligem Gegenteil zu unterscheiden.

Es gibt aber (auch) in Norddeutschland Leute, die diese bedeutsame Differenzierung nicht beherrschen. Wie man hier lesen kann.

Fro 18.08.2011 | 02:56

Nette Geschichte.

„Kann irgendeine Art von Täuschung dem
Volke zuträglich sein, sie bestehe nun darinn, daß man es zu neuen Irrthümern verleitet, oder die alten eingewurzelten fortdauern läßt?“

Das wäre auch eine schöne (aktualitätsbezogene) Prüfungsfrage an unser politisches Personal.
Wird sowieso mal Zeit, dass man es etwas genauer hinsichtlich seiner demokratischen und fachlichen Qualifikation überprüft.
M.E. braucht es eine (unabhängige) Akademie für Demokratie und Durchblick, die jeder Abgeordnete regelmäßig besuchen müsste, - die regelmäßig Qualifikationschecks durchführt, und deren Ergebnisse veröffentlicht. Das politische Amt ist zu wichtig, um es irgendwelchen eitlen, eigennützigen Schwachmaten zu überlassen, die keinen Schimmer haben, was Demokratie sein soll - obwohl sie eindeutige Hinweise dazu im Grundgesetz finden.