Leipzig spricht

Buchmesse Ein gutes Literaturgespräch ist wunderbar, will aber gelernt sein. Dabei sollte man sich vor allem beim Nacherzählen des Inhalts kurz fassen!

Anders als die Frankfurter Buchmesse, die eine Fachmesse ist, gilt die Leipziger als Publikumsmesse, in deren „Zentrum das Gespräch zwischen Autor, Leser und Käufer steht“ ­– meint zumindest der Geschäftsführer des Aufbau-Verlags, Tom Erben. Nun kann man sich als Leser mit einem Autor natürlich über alles Mögliche unterhalten, es liegt jedoch nahe, mit ihm über seine Bücher zu sprechen. Einen Einblick holt sich der geneigte Leser auf einer der 2.600 Veranstaltungen von Leipzig liest. In der anschließenden Diskussion kann er seine Eindrücke durch Fragen an den Autor vertiefen, wobei hier mal deutlich gesagt werden muss, dass bei solchen Lesungen regelmäßig genau eine Nervensäge unter den Fragestellern sitzt, der die 99 Prozent klugen Zuhörer verstummen lässt.

Spricht man halt zu Hause über das Buch! Aber wie? Am Anfang steht die reine Begeisterung. Man hat einen Roman gelesen, findet ihn toll und will seine Freude teilen. Es ist die reinste Form von Kommunikation, aber leider sind nur wenige Menschen geübt im Nacherzählen von Inhalten (Buchvertreter zum Beispiel), viele erzählen so ausschweifend, dass anfängliche Neugierde in Ungeduld umschlägt. Warum nicht einfach den Klappentext referieren? Der wird von Profis gemacht, viele Lektoren besuchen mittlerweile Klappentext- Seminare. Dann kauft sich der andere das Buch, und in ein paar Tagen trifft man sich wieder zum Gespräch.

Fallstricke

Ein Beispiel: Für eine Veranstaltung auf der Messe musste ich Der Russe ist einer, der Birken liebt lesen. Nachdem meine Partnerin das Buch auch angelesen hatte, kam es zu folgendem Dialog: „Das Migrationsmilieu hat sie gut getroffen“ – „Wobei sie schon sehr spezielle Figuren hat, diesen halb Libanesen und halb Schweizer“ – „Gewagt, aber okay“ – „Aber dass der Elias (Freund der Erzählerin, der stirbt) aus Ostdeutschland kommt (Handlung ist in Frankfurt am Main angesiedelt), ist too much.“ Man muss natürlich aufpassen in solchen Gesprächen, eine gute Beobachtung trennt oft nur wenig von einer geschmäcklerischen Bemerkung.

Die Fallstricke lauern eh in diesen Literaturgesprächen. Man sieht das an der Fortsetzung unseres Flurgesprächs. „Sensationell finde ich den zweiten Teil (spielt in Israel). Wie sie diese lost generation beschreibt: toll.“ – „Aber ein Roman ist das nicht. Warum muss immer alles gleich zum Roman stilisiert werden. Das ist ein Bericht. Ich werde das Buch nicht zuende lesen!“ Dass die Bezeichnung „Roman“ inflationär verwendet wird, ist bekannt und zu beklagen, dennoch wirkt die Aufregung in diesem Fall etwas künstlich und als Begründung für den Abbruch einer Lektüre nicht gerade überzeugend.

Nun gut, über halbgelesene Bücher lässt sich immer noch besser sprechen als über ungelesene. Denkt man. Aber wer einmal eine Stunde am Freitag-Stand verbracht hat, erkennt: Erstaunlich viele Besucher einer Buchmesse scheinen nur am Einsammeln der Literaturbeilagen der Zeitungen interessiert. Manchmal wird sich der Zweck in der Sammlung selbst erschöpfen, aber oft werden die Beilagen natürlich dann auch gelesen, man ist geneigt zu sagen: anstelle des Buches selbst. Dabei redet man ein solches Verhalten mit dem Philogen Georg Steiner schnell als „sekundären Diskurs“ klein und kommt gar nicht auf die Idee, diese Beilagen als eigene Kunst zu betrachten und ihre Lektüre als ganz eigenen Genuss. Und so brauchen wir denn nicht nur eine Kultur des Gesprächs über Literatur, auch das Gespräch über die Literatur­beilagen muss gepflegt werden.

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10:00 15.03.2012

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