Lektion in Gastfreudschaft

Unterwegs Daniel Weißbrodt nimmt den Leser mit auf eine lange Reise von Regensburg bis zum schwarzen Meer in seinem Faltboot
Lektion in Gastfreudschaft

Foto: Daniel Weißbrodt

Vor zehn Jahren wurde ein Buch zum Bestseller, das von einer „Reise zu Fuß“ berichtete: Wolfgang Büschers Berlin – Moskau, und wenn es auf dieser Welt nur halbwegs gerecht zugeht, dann fällt etwas von jenem Erfolg auf das Buch von Daniel Weißbrodt ab. Wie Büscher zog es Weißbrodt ostwärts, nicht zu Fuß, aber ähnlich lange und langsam war er mit einem Faltboot unterwegs: 2400 Kilometer auf der Donau.

Es schmälert den Lesegenuss nicht, dass er seine Reise nicht an einem Stück, sondern in drei Sommern bewältigt hat, von Regensburg bis Budapest, von Budapest bis Russe in Bulgarien, und von Russe schließlich durchs Delta zum Schwarzen Meer. Die Donau ist der europäische Fluss, sie verbindet zehn Länder und fließt buchstäblich auch an den Rändern der EU, was der Reisende vor allem an den Grenzen zu spüren bekommt. Die Reise kommt dann buchstäblich ins Stocken, droht einmal sogar, am Übergang von Moldawien zur Ukraine, zu scheitern.

Es ist eine tröstliche Botschaft aus diesem neuen, alten Europa, dass der bürokratische Irrwitz zu den größten Abenteuern gehört, die der Reisende zu bewältigen hat. Aber auch in diesen Situationen gelingt es dem Autor, den humanistischen Kern freizulegen, denn diesem Wasserwanderer will dann doch keiner wirklich schaden und so hellt sich so manches grimmige Gesicht nach Stunden wieder auf. Wirklich nach Stunden: Es herrscht ein anderes Zeitgefühl in diesem Buch, wie Büscher ist auch Weißbrodt ein Entschleuniger, einer, der am Tag rund 50 Kilometer weit kommt. Zum großen Reiz von Regensburg am Schwarzen Meer trägt wie schon bei Berlin – Moskau das Unzeitgemäße bei, man gewinnt jedoch den Eindruck, dass die Menschen, denen der Wasserwanderer begegnet, dieses Zeitbewusstsein weitgehend teilen, egal ob Angler oder Beamter im Dienst. Natürlich kann das täuschen, der Turbokapitalismus überrollt ja gerade die ehemaligen Ostblockländer, aber der mächtige, behäbige Fluss scheint diese Welt halt doch ein wenig von sich zu weisen; dazu trägt bei, dass der Autor die großen Städte, Wien, Budapest, Belgrad, gleichsam links liegen lässt.

Mit reinem Herzen

Er ist eben ein später Nachfahre von Eichendorffs Taugenichts, einer mit einem reinen Herzen, der den Nachweis führen will, dass die Menschen gut sind. Und in der Tat ist sein Bericht eine Lektion in Gastfreundschaft. Kaum einmal wird er abgewiesen, und man könnte vielleicht sogar sagen, je östlicher er fährt, desto gastfreundlicher werden die Menschen. Öfter ist es so, dass er dann die Angebote zum Übernachten oder Weiterfeiern ablehnen muss, weil es ihn weiter drängt. Man staunt, wie viele dieser Menschen an der Donau wiederum als „Gastarbeiter“ in Deutschland waren. Meistens sind es Männer, denen er begegnet, das reine Herzen meint auch den Eros, als er in einen Nachtclub gerät, merkt er das gar nicht und isst ahnungslos seine Pelmeni, es muss ihm später gesagt werden.

Zweimal wird er beklaut, der Verdacht fällt auf die Allerärmsten, die Zigeuner, die, das muss man sagen, auch auf dieser Reise zu den Ausgeschlossenen Europas gehören; so freundlich die Menschen zum Gast sind, so abfällig sprechen sie über die Roma. „In Deutschland haben die Leute Angst vor Serbien, sage ich, in Österreich haben sie mir davon abgeraten, in die Slowakei zu fahren, Sie wiederum warnen mich nun vor Rumänien und überall haben die Menschen Angst vor den Zigeunern.“

Man ahnt schon, dass sich jenseits der Gastfreundschaft eine andere, rauhe Welt öffnen könnte. Aber diesen Nachweis zu führen, ist nun einmal nicht das Ziel des vorliegenden Buchs, das in einer unprätentiösen, aber genauen Sprache geschrieben ist (der Autor verdient sein Brot als Mitarbeiter an der Kritischen Nietzsche-Gesamtausgabe). Vielmehr kann man davon ausgehen, dass es das heimliche Ziel eines jeden Reisebuchs von Rang ist, das Fernweh des Lesers auf fast schmerzhafte Art zu wecken (denn so rein ist ein Herz natürlich dann doch nicht). Man muss sagen, das ist hier schon sehr gut gelungen.

Regensburg am Schwarzen Meer. 2400 Kilometer auf der Donau Daniel Weißbrodt Engelsdorfer 2013, 312 S., 14,80 € Auf danielweissbrodt.de/lesen findet man viele Fotos der Reise

12:00 15.03.2013

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