Leser, schau auf Afrika

Großkontinent Eine „Reise in die Zukunft“ verspricht Alex Perry. Es ist vor allem eine in die Gegenwart
Michael Angele | Ausgabe 11/2016 2

Seit ein paar Jahren muss man nicht mehr groß erklären, warum man eine Buchmessenbeilage mit einem Buch über Afrika eröffnet. Denn auf diesem Kontinent geschehen wirklich aufregende Dinge, es zeichnet sich ein Aufbruch ab, der aber oftmals erst für den erkennbar ist, der die Zeichen zu deuten weiß.

Auch Alex Perry hat diese Deutungsgabe und verspricht dem Leser seines Buches nichts weniger als eine „Reise in die Zukunft“. Sein Versprechen hält er indessen nur bedingt, das aber führt zu einem produktiven Missverständnis. Bevor der amerikanische, in Großbritannien beheimatete Reporter den Leser in die Zukunft Afrikas mitnimmt, führt er ihn nämlich sehr lang durch die afrikanische Gegenwart. Und die ist an vielen Orten schrecklich. Etwa im Sudan, der seit 2011 aus zwei Staaten besteht, der überwiegend muslimisch bevölkerten Republik Sudan und dem Südsudan mit starkem christlichem Bevölkerungsanteil.

In diesem jungen Staat, der in George Clooney seinen prominentesten Führsprecher hat, geht es primär den Entwicklungshelfern gut. „Es entging den Südsudanesen nicht, dass das größte Entwicklungsprojekt in ihrem neuen Land (...) offenbar der Bau von Wohnungen und Büros für Ausländer war.“ Das ist der Sound des Buches in seinem ersten Teil. Es herrscht ein leicht zynischer, manchmal, wenn es etwa um Kindersoldaten geht, fast unerträglich nüchterner Ton. Der rastlose Perry führt uns in die selbstherrlichen Camps der UNO, er spricht mit glücklichen somalischen Piraten und nigerianischen Hochschulprofessoren, die ihm Boko Haram erklären, er landet in Simbabwe im Knast und hört dem greisen Robert Mugabe bei seinen Reden zu. Perry ist allerdings einer der wenigen, der dem Diktator noch zuhört. „Mugabe war gefangen. Ein Gefangener seiner Vergangenheit.“ Der scharfe Kritiker der Imperialisten ist längst selbst einer geworden. Gefangen in einem Teufelskreis.

Perry beschreibt das langsame, blutige Befreien aus diesem Teufelskreis. Er selbst zieht die seismische Metapher des „Grabenbruchs“ vor. Voller „Gewalt und Tod, aber er ist auch auch eine Quelle neuen Lebens“. Auf diesem Kontinent, dreimal so groß wie Europa, herrscht die totale Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Afrika ist heute zugleich „Kapstadt und Kogelo, Buschtrommel und Mobiltelefon“. Ist zugleich acht Raumfahrtprogramme und riesige Gebiete, die völlig dunkel sind, wenn man sie nachts im Flugzeug überfliegt, einfach weil immer noch knapp zwei Drittel ihrer Bewohner nicht ans Stromnetz angeschlossen sind.

Dabei weicht unser Blick auf Afrika stark vom Blick der Afrikaner auf sich selbst ab, wie Perry nicht müde wird zu betonen. Während wir in den afrikanischen Diktaturen einen Mangel an Demokratie sehen, erkennen Afrikaner darin einen Fall von fehlgeleitetem „Ubuntu“. Das südafrikanische Wort ist ein Schlüsselbegriff für Perry meint das Kollektiv, dessen Interessen zentral durchgesetzt werden.

Fatal ist das Unverständnis in der Entwicklungshilfe, die Perry unter Generalverdacht stellt. Ein penetranter Narzissmus des Helfens trifft auf einen ausgeprägten Geschäftssinn. Mit 57 Milliarden US-Dollar jährlich ist die Entwicklungshilfeindustrie „das größte Business in Afrika“, wie Perry in einem Interview mit dem Schweizer Monat gerade bekräftigt hat.

Chinesischer Pragmatismus

Die westliche Entwicklungshilfe behandelt Afrika als unmündigen Kontinent. Das unterscheidet sie von China. Zu den überraschenden Perspektivenwechseln in diesem Buch gehört die Deutung des chinesischen Engagements in Afrika, das Kritiker für neokolonialistisch halten, um es freundlich auszudrücken. Falsch, sagt Perry, die Chinesen hätten einfach gefragt: Was braucht ihr? Und dann gebaut. Eisenbahnen zum Beispiel.

Neben fehlender Mobilität und fehlender Elektrifizierung verhinderten lange Zeit auch fehlende Kommunikationssysteme die Modernisierung auf dem Kontinent. Bekannt ist, dass sich das mit der Explosion des Mobilfunks änderte. Weniger bekannt sind Effekte auf das Wirtschaftssystem wie das Mobile-Banking M-Pesa. Perry erwähnt einiger dieser Innovationen, zum Beispiel in der Landwirtschaft, in der sieben von zehn Afrikanern arbeiten, aber auch das quasi diamateral entgegengesetzte Elo-Atlantic-Projekt, das für die Wiedergeburt der größten afrikanischen Stadt steht, seit Babatunde Fashola Gouverneur von Lagos ist. Eko Atlantic soll ein hypermodernes Stadtviertel auf einer dem Meer abgetrotzten Fläche werden, ein „afrikanisches Hongkong“.

Und so sieht es im Internet auch aus. Der Pferdefuß: Es existiert nur als Modell, gebaut ist gerade mal eine ins Nichts führende Straße. Es empfiehlt sich also, den von Perry kolportierten Visionen mit einer Portion Skepsis zu begegnen. Aber sie kann nur dem Tempo des Aufbruchs gelten, nicht ihm selbst. Auch das wird nach der Lektüre dieses großartigen Buches klar.

Info

In Afrika: Reise in die Zukunft Alex Perry Michael Bischoff (Übers.), S. Fischer 2016, 544 S., 24,99 €

Über das Überleben: Die BIlder des Spezials

Jedes Jahr im Sommer entstehen an ukrainischen Fernstraßen kleine private Märkte für Gemüse und Obst. Die Händler richten sich in Hütten ein oder leben mit ihren Familien in Wohnwagen und Zelten. Sie kommen auch aus Weißrussland und Moldawien, Georgien oder Armenien – alle wollen Geld verdienen für ein besseres Leben oder einfach dem Hunger entkommen. Die preisgekrönte Serie Bitter Honeydew des Fotografen Kirill Golovchenko dokumentiert den Überlebenskampf der Straßenhändler und das nächtliche Treiben in ihrer Welt. Das Buch zur Fotoserie ist in fünf verschiedenen europäischen Verlagen erschienen, mehr Informationen auf kirill-golovchenko.com.

Bitter Honeydew Kirill Golovchenko Kehrer 2015, 76 S., 38 €

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