Lunik 9 sehen oder nicht

Kulturhauptstadt Košice ist stolz auf seine multikulturelle Geschichte und Gegenwart. Aber gilt das auch für die Roma? Von den Zweifeln und Obsessionen einer Pressereise

Nur von der Vizebürgermeisterin kam nichts zu den Roma. Eine Viertelstunde saß sie den Journalisten aus Deutschland in diesem altehrwürdigen Rathaussaal gegenüber, neben ihr saß der Projektmanager und erklärte die Kulturhauptstadt. Skizzierte die Verteilung der 60 Millionen Euro, die aus Europa geflossen waren, sprach von der Multikultur, die schon lange in Košice ist, und der Kreativwirtschaft, die bald kommen würde, katapultierte die Stadt mit einem „unser Motto: Interface Košice“ von der Donaumonarchie über den Realsozialismus ins 21. Jahrhundert und gab bekannt, dass man nach der Kulturhauptstadt den Titel einer „Unesco City of Media Arts“ anstrebe.

Während der Projektmanager mit der monotonen Stimme eines Bürokraten die ambitionierten Ziele referierte, saß die junge und sehr blonde Vizebürgermeisterin da, spielte mit ihrem aufregenden Mund, mit ihren grazilen Fingern und sah den Redner kalt an: Was für ein Idiot. „Am Ende müssen die Zahlen stimmen“, sagte sie, als der Unfähige seine Rede beendet hatte, dann rauschte sie ab, Termin mit dem Bürgermeister. Man wird von Renáta Lenártová noch hören, da bin ich mir ziemlich sicher. Nicht so sicher bin ich, was sie zu den Roma gesagt hätte, wenn wir sie gefragt hätten. Und wir hätten sie gefragt. Wir haben ja alle gefragt.

In Metzenseifen

Während des Fluges hatte es angefangen. „Ich habe beschlossen, dass wir nicht nach Lunik 9 fahren“, sagte mir die kundige Reiseleiterin. „Dieser Voyeurismus muss nicht sein.“ Ich nickte. Auf YouTube gebe es Videos, die zeigten, wie hoch der Müll zwischen den Plattenbauten steht. Ich nickte wieder, obwohl ich die Videos nicht kannte. Aber ich hatte von Lunik 9 bei Karl-Markus Gauß gelesen, dem österreichischen Schriftsteller. Eigentlich wollte ich das Roma-Ghetto an der Peripherie der 250.000 Einwohner-Stadt Košice unbedingt sehen, aber ich wollte kein Voyeur sein. Ist das möglich?

Zur Kulturhauptstadt gehört die Umgebung von Košice. Am nächsten Tag fuhren wir ins ostslowakische Erzgebirge. Kurz vor Medzev fuhr der Bus an einer Hüttensiedlung vorbei, in deren Mitte zwei elende Plattenbauten standen. Anstelle der Eingangstüren klafften schwarze Löcher, aus denen Frauen mit Kindern auf dem Arm einen Polizeieinsatz beobachteten. Am Rand der Siedlung waren ein paar bunte Häuser mit kleinen Gärten zu sehen.

Medzev, auf Deutsch Metzenseifen, ist ein Dorf mit einer Hauptstraße, die gerade von ein paar Roma gekehrt wurde. Wir näherten uns den Frauen und Männern scheu, wurden unbefangener, demonstrierten unsere Unbefangenheit, alberten rum, schossen Fotos und erfuhren, dass sie für ihre Arbeit von der Kommune bezahlt werden. Sie nannten uns eine geringe Summe. Wir hätten gerne mehr erfahren, aber auf uns wartete Rudolf Schuster. Schuster ist ein Mann, der größer wirkt, als er ist; er war der erste Staatspräsident der slowakischen Republik nach der Trennung von Tschechien. Schuster ist aber auch Museumsdirektor. Geboren in Metzenseifen, hat er sein Geburtshaus zu einem Museum für Filmkameras umfunktioniert. Es erinnert an seinen Vater, der in den zwanziger Jahren ins Amazonasgebiet aufgebrochen war, um die Indianer zu filmen. Der Sohn hat den Film des Vaters rekonstruiert und ein Buch darüber geschrieben. Schuster hat viele Bücher geschrieben. Einen Schnaps hat er auch erfunden und damit Hillary Clinton getröstet. Die Neugierde des Schriftstellers, der Charme des Diplomaten und die List des Dörflers; all das ist in seine Gesichtszüge eingegangen. Schuster ist ein Karpaten- oder Zipser-Deutscher.

„Wir hatten es im Sozialismus schwer“, sagte er. Er hatte es dennoch geschafft und wurde in den achtziger Jahren Bürgermeister von Košice. Man nannte ihn den Gorbatschow der Slowakei. Unter Schuster wurden die Roma aus der Altstadt nach Lunik 9 umgesiedelt, sie kamen aus maroden Häusern in recht komfortable Neubauten, die Idee galt als fortschrittlich. Heute gibt es in den Wohnungen kein fließend Wasser mehr. Die Stadtverwaltung von Košice hat es einfach abgestellt, nachdem die Rechnungen längstens nicht mehr bezahlt wurden, oder nicht bezahlt werden konnten, je nachdem, wen man dazu hört. Aber von dieser Katastrophe erfuhren wir erst später, und so assoziierten wir nichts, als Schuster erzählte, wie er als Bürgermeister das knappe Wasser von Metzenseifen ins 30 Kilometer entfernte Košice geleitet hatte, was ihn in der Stadt beliebt, in seinem Dorf jedoch unbeliebt gemacht habe.

Dennoch wollten wir seine Meinung zur Lage der Roma erfahren. „Man müsste die Kinder in Internatsschulen stecken“, sagte er, weg von den Eltern, denen jeder Gedanke an Bildung fern liege. Den Teufelskreis durchbrechen. Wir sollten diese Antwort noch öfter bekommen. Er meine das nicht abschätzig, sagte Schuster, er sei selbst in ein Internat gegangen (und man sah ja, wie weit er es gebracht hatte). Aber mehr wollte Rudolf Schuster nicht über die Roma sagen, lieber zeigte er uns den Garten, in dem er Hillary Clinton verköstigt hatte.

Ein wenig Disziplin

Später kam die Bürgermeisterin von Metzenseifen dazu. Wir konfrontierten sie mit dem geringen Lohn für das Kehren. Sie bestätigte die Summe und wechselte rasch das Sujet. Es half ihr aber nicht, denn einer von uns sprach sie auf das Elend an, das wir vom Bus aus gesehen hatten. Dazu könne sie nichts sagen, die Siedlung liege auf dem Gebiet des Nachbarorts. Sie hatte es nun eilig wegzukommen, offenkundig war man nicht an den Sehenswürdigkeiten ihrer Gemeinde interessiert.

Dabei gibt es ja was zu sehen. Metzenseifen ist nicht nur die Wiege des slowakischen Dokumentarfilms, sondern auch die Heimat der Hammermühle. Und es gibt in diesem weltverlorenen Ort ein Kunst-Kaffee. Aber natürlich war es nicht die aktuelle Ausstellung mit Pop-Art des Besitzers und Künstlers Helmut Bistika, die unsere Gespräche beherrschte, sondern Äußerungen seines Großvaters. Auf die sich nun wie von selbst einstellende Frage nach der Lage der Roma hatte er in einer Sprache geantwortet, die man nicht mehr für möglich gehalten hätte. Der Satz „Ein wenig Disziplin hat noch keinem geschadet“ war der harmlosere Ausdruck einer von Zucht und Ordnung geprägten Weltsicht. Wie viele mochten insgeheim so denken wie er? „Der arme alte Mann“, sagte der Fernsehjournalist K.

Als wir später wieder an der Roma-Siedlung vorbeifuhren, fotografierten ein paar von uns. Einzelne rutschten dazu auf die andere Seite des Busses, andere schienen sich bewusst dagegen entschieden zu haben, auch ich, der ich von meinem Entschluss einerseits kein Aufhebens machen wollte und andererseits einen lächerlichen Stolz entwickelte. So klar es war, dass die meisten später nur am Rand über die Roma schreiben würden – man sollte ja von der Kulturhauptstadt berichten –, so offenkundig war es, dass die „Roma-Frage“ uns gepackt hatte. Klar, wer so sehr mit der mulitkulturellen Identität wirbt, wie die Kulturhauptstadt Košice, muss sich fragen lassen, wo in diesem Konzept die sichtbarste und nach den Ungarn zahlenmäßig zweitgrößte Minderheit bleibt. Es gibt das Romathan-Theater von Karel Adam, einem beeindruckenden Mann, das war‘s dann schon.

Ein Modethema

Aber unsere Obsession ging tiefer. Sie war Ausdruck einer großen Ratlosigkeit. „Sie wollen sich eben nicht integrieren“, wurde uns immer wieder gesagt. Die Leute sagten es nicht aggressiv oder abfällig, sondern als sei es eben einfach so. Etwas sträubte sich gegen diese Sicht, aber wir spürten schon auch, dass es keine „einfachen Lösungen“ gibt (natürlich ist schon das Wort Lösung idiotisch). Und so wurden wir empfänglich für Sätze wie die des Schriftstellers Dušan Šimko, der uns durch die Kulturgeschichte seiner Geburtsstadt führte (er lebt in Basel) und auf die obligate Frage nach der Lage der Roma lakonisch meinte, es sei ihnen wohl im Sozialismus am besten ergangen. Damals gab es Arbeit für alle. Heute sind fast alle Roma arbeitslos.

Kann man es Šimko verdenken, dass er uns nicht durch die Stadt führte, um uns über die Roma Dinge zu sagen, die er vielleicht auch nicht wusste, sondern um uns zu zeigen, dass außer dem weltberühmten, ungarisch-stämmigen Sándor Márai noch andere, nicht zuletzt jüdische Schriftsteller in dieser k. und k.-Provinzmetropole gewirkt haben? Und war nicht überhaupt der fast vollkommene Verlust der jüdischen Kultur auch schmerzhaft? Aber jetzt bloß nicht in eine Konkurrenz der Opfergruppen treten. „Wir entwickeln eine Obsession!“, sagte ich. „Die Roma sind ein Modethema“ geworden, meinte die Radiojournalistin B. Für sie gelte das nicht, sie habe sich schon in Pécs damit beschäftigt. Das ungarische Pécs war Kulturhauptstadt 2010.

„Die NGOs interessieren sich gerade sehr für uns. Alle sprechen über uns. Das ist das Problem. Wir wollen selbst sprechen“, sagte Jarmila Vaňová von der Roma-Presseagentur MECEM später. Wir nickten heftig.

Am Abend vor der Abreise kam eine SMS der Reiseleiterin. An ihrem Tisch hätte sich der Wunsch gebildet, vor dem Abflug nun doch nach Lunik 9 zu fahren. Sie würde ein paar Taxis organisieren, die uns hinbringen werden. Ich kam ins Grübeln.

10:30 21.01.2013
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