Martin Sonneborn über Satire: Tabus brechen? Ist nicht mehr

Satire in der Krise Martin Sonneborn hat das „Manifest für Frieden“ von Wagenknecht und Schwarzer unterzeichnet und gegen die EU-Ukraine-Politik geätzt. Damit steht der Satiriker recht allein da
Ausgabe 15/2023
Rechnet dem Fortbestand der Satire schlechte Chancen aus: Der Satiriker Martin Sonneborn
Rechnet dem Fortbestand der Satire schlechte Chancen aus: Der Satiriker Martin Sonneborn

Foto: Imago/Future Image

der Freitag: Herr Sonneborn, die meisten Ihrer Berufskollegen schießen gegen den Aufruf und die Friedensbewegung. Sollten diese Leute besserSpiegel“-Redakteure werden oder bei der Pressearbeit der Grünen einsteigen?

Martin Sonneborn: Guter Vorschlag. Aber ich habe eine echte Marktlücke gefunden, ich bin schon zu zwei Veranstaltungen eingeladen worden, weil ich nicht auf die Kriegsschiene setze. Bei Lesungen ist die Stimmung übrigens auch ganz anders als in der Spiegel-Redaktion oder auf Twitter.

Allgemein gefragt: Warum versagt die deutsche Satire im Ukraine-Krieg?

Wenn Satire die offensichtlichen Widersprüche in den Narrativen der Regierung nicht hinterfragt und angreift, läuft etwas falsch. Früher hat Satire auf die blinden Flecken hingewiesen und den Debattenraum erweitert, Tabus gesucht. Das passiert heute kaum noch.

Kennen Sie Ausnahmen? Aus dem In- und Ausland?

Ein paar gibt es. Entscheidend ist: In den meisten EU-Ländern gibt es eine offenere öffentliche Diskussion. Im französischen Fernsehen werden zu Corona-Zeiten Professoren mit einer abweichenden Meinung eingeladen – und zwar aus einem ernsthaften Erkenntnisinteresse, das ich in deutschen Talkshows vermissen würde. Oder der russische Botschafter zum Ukraine-Krieg. Bei uns undenkbar. Wenn aber wichtige Gegenpositionen öffentlich nicht vertreten werden, ist es Aufgabe der Satire, dagegenzuhalten. „Klares JA zum NEIN“ war zu meinen Zeiten unser Motto bei Titanic. Und davon möchte ich auch heute nicht lassen.

Also hat die Satire schon während Corona versagt?

Im Prinzip ja. Was mich auch stört, ist, dass sie sich oft mit den falschen Dingen auseinandersetzt: Schwurbler oder Spaziergänger sind keine Gegner, die Pharmaindustrie und Frau von der Leyen dagegen schon. Die Aufgabe der PARTEI ist es, Regierungspolitik zu kritisieren.

Ist das Zeitalter der Satire möglicherweise sowieso bald vorbei?

Es wird immer eine kleine Schicht geben, die über genügend Informationen, Intelligenz und Humor verfügt, um Satire zu schätzen. Aber ich würde nicht darauf wetten, dass Ironie, Humor und Satire in den sogenannten sozialen Netzwerken eine große Zukunft haben.

Johanna Goldmann

Satire in der Krise

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Martin Sonneborn, geboren 1965 in Göttingen, war von 2000 bis 2005 Chefredakteur des Satiremagazins Titanic und ist Bundesvorsitzender der PARTEI, für die er im Europäischen Parlament sitz

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Geschrieben von

Michael Angele

Ressortleiter „Debatte“

Michael Angele, geb. 1964 in der Schweiz, ist promovierter Literaturwissenschaftler. Via FAZ stolperte er mit einem Bein in den Journalismus, mit dem anderen hing er lange noch als akademischer Mitarbeiter in der Uni. Angele war unter anderem Chefredakteur der netzeitung.de und beim Freitag, für den er seit 2010 arbeitet, auch schon vieles: Kulturchef, stellvertretender Chefredakteur, Chefredakteur. Seit Anfang 2020 verantwortet er das neue Debattenressort. Seine Leidenschaft gilt dem Streit, dem Fußball und der Natur, sowohl der menschlichen als auch der natürlichen.

Michael Angele

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