Melancholie am Monte Verità

Ausflug Wie Christian Kracht versucht, in Ascona eine neue Heimat für seine Kathmandu-Bibliothek zu finden
Michael Angele | Ausgabe 14/2013 12
Melancholie am Monte Verità
Das Kanton Tessin

Foto: DDP Images/Giovanna

Einmal mehr gilt Paul Cézannes Warnung: „Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.“ In einem Container der Air Qatar am Flughafen Frankfurt am Main schimmelt die „Kathmandu Library“ sanft vor sich hin. Diese rund 1.000 Titel umfassende Bibliothek gehört dem Schweizer Schriftsteller Christian Kracht und seinem Frankfurter Kollegen Eckhart Nickel, die von 2004 bis 2006 die Redaktion der Literaturzeitschrift Der Freund in Kathmandu besorgten.

Neben ihrer Kernarbeit bauten die beiden eine Redaktionsbibliothek auf, indem sie jeden Tag ein Buch aus einer der Gebrauchtbuchhandlungen Kathmandus kauften, die sich aus den Endmoränen der Hippie-Kultur speisten. Als Nepal in den späten sechziger und siebziger Jahren von den Beatniks bereist wurde, kamen Geistreisende, die eine besondere Beziehung zum Buch hatten. Sie ließen nicht nur die Klassiker der Hippie-Literatur zurück, nicht nur Hesse und Kerouac, nicht nur Thoreau und C. G. Jung, und später dann auch nicht nur die Mount Everest-Literatur eines Reinhold Messner, sondern auch viel Isherwood und so manche Sonderbarkeit: Wer um Himmels Willen hatte Joachim Sartorius‘ Malcolm Lowry-Biographie mit im Rucksack und wer Die Fehler des Kopisten von Botho Strauß?

Aber warum hatte man die Bücher nicht einfach in Kathmandu gelassen? Kurz gesagt: Weder ließen es die baulichen Wünsche des Hotelbesitzers zu, in dem die Redaktion untergebracht war, noch war das feuchte Klima den Büchern zuträglich, und dann wurde schon einiges, sagen wir, dauerhaft ausgeliehen.

Für sentimentale Gemüter

Nun sollte man offen über einen Graben sprechen, der seit dem Siegeszug des Internets die lesende und denkende Menschheit trennt: Den einen Teil wird es nicht bekümmern, dass irgendwelche gebrauchten Bücher in irgendeinem Container in Frankfurt sanft vor sich hinschimmeln; der andere wird darin allerdings einen drohenden Verlust empfinden. Wäre doch gut, wenn diese Bücher, die von einer einmaligen Kultur zeugen, einen würdigen Ort fänden. Menschen, die so denken, empfinden einen leicht süßlichen Schmerz, wenn man ihnen sagt, dass diese oder jene legendäre Buchhandlung bald verschwunden sein wird, selbst wenn sie noch nie von ihr gehört haben. Es sind vielleicht etwas sentimentale Gemüter, aber warum sollen sie aus ihren Herzen eine Mördergrube machen?

Die Libreria della Rondine in Ascona ist so eine legendäre, bedrohte Buchhandlung; wenn nicht etwas geschieht, wird dort, wo einmal Bücher waren, bald eine weitere Sushi-Bar sein. Oder eine Boutique. Im besten Fall wird dann eine Tafel an der Barockfassade des Hauses an ihren Gründer erinnern: an Leo Kok, einen holländischen Antifaschisten, der Buchenwald überlebt und das Ascona der zwanziger Jahre kennen gelernt hatte, als er die Ausdruckstänzerin Charlotte Bara am Piano um die halbe Welt begleitete. Nach dem Krieg kehrte Kok an den Lago Maggiore zurück und eröffnete in einer von Le Corbusier gebauten Villa ein Antiquariat. Dann ging er nach Paris, kehrte fünf Jahre später abermals zurück und gab seiner „Rondine“, das heißt Schwalbe, ihren endgültigen Ort in der Altstadt von Ascona. Bald ging Erich Maria Remarque, der in einer prächtigen Villa über dem See wohnte, chez Kok ein und aus, aber nur in der warmen Zeit, sobald die Schwalben zum Überwintern nach Afrika aufbrachen, verschloss sich die Tür des Hauses an der Piazza Petro 6.

Post-Bruegehlsche Hölle

Ein gestandener Kulturmelancholiker braucht die Geschichte dieser Bücherstube nur in Umrissen zu erfahren, um bei der Nachricht von ihrem sich abzeichnenden Ende in Sorge zu geraten und schon mal einen weiteren Punkt auf der imaginären Karte der verschwundenen Literaturorte einzutragen. Dabei muss man noch nicht einmal wissen, dass die einst so kulturreiche Region vor Kurzem einen weiteren Verlust verzeichnen musste: Die 28.000 Exemplare umfassende Bibliothek und das Archiv des bedeutenden Kurators und Museumsleiters Harald Szeemann wurden für viel Geld vom Getty Institut gekauft und vom Maggiatal nach Kalifornien abtransportiert.

Wen dann noch die nicht eben taufrische Botschaft erreicht, dass auch das Caffè Verbano an der Via Borgo längst nicht mehr existiert, in dem von Hermann Hesse (der im Tessin allgenwärtig ist) bis zu Marlene Dietrich alles mit Rang und Namen verkehrte, der kann sich die Zukunft der Altstadt von Ascona gar nicht anders als eine post-Brueghelsche Hölle aus lauter Boutiquen und Sushi-Läden imaginieren. Keine schöne Perspektive für das „seltsamste Dorf der Welt“, wie Ascona vom deutsch-jüdischen Schriftsteller Curt Riess in seiner Hommage genannt wurde, die zwar auch schon aus dem Jahr 1960 stammt, aber immerhin letztes Jahr neu aufgelegt wurde.

Die Rondine wiederum erlebte zuletzt durch Angelika Sowinski eine kleine Renaissance, auch sie eine Deutsche, die ihr Herz ans mediterrane Tessin verloren hatte; sie führte den Laden im Sinne seines Gründers bis zu ihrem Tod 2007 als Antiquariat und Ort für Lesungen weiter.

Für zwei Jahre war die Rondine dann geschlossen, bis sie mitsamt ihrer gut 11.000 Bücher von der katholischen Pfarrei gerettet wurde. Lesungen gibt es keine mehr. Ehrennamtliche Mitarbeiter verscherbeln den Bestand über Abe-Books.

Von dieser Tristesse hatte nun auch Christian Kracht erfahren, und es mischte sich in die Trauer die Hoffnung, eine neue Heimat für seine Kathmandu-Bibliothek gefunden zu haben, denn die Pfarrei sucht einen Pächter für die Rondine. Kracht signalisierte Interesse, reiste mit Nickel nach Ascona, die beiden besichtigten das Objekt und berichteten davon im Rahmenprogramm eines neuen Literaturfestivals, das über den Dächern von Ascona stattfand, und ihr Vorhaben gleichsam auf eine höhere Ebene hob. „Utopien und herrliche Obsessionen“ lautete der Titel des gut besetzten und besuchten Festivals, das dieser Tage an einem weiteren mythischen Ort stattfand: Auf dem Monte Verità hatten die Gebrüder Gusto und Karl Gräser um 1900 eine Hippie-Kolonie avant la lettre gegründet. Man nannte sie Lebensreformer; Vegetarier, Ausdruckstänzer, Barfüßler, Gestalten wie der Kokovare August Engelhardt (1875-1919), dem Christian Kracht in seinem letzten Roman Imperium ein ironisches literarisches Denkmal gesetzt hat, und der auf der Südseeinsel Kabakon ein zweites Ascona gründete.

Zwei Projektemacher

Später kamen Anarchisten wie Erich Mühsam und Frauenrechtlerinnen wie Ellen Key auf den Monte Verità, auf dem von 1929 an jenes prächtige Bauhaus-Hotel thronte, in dem nun Nickel und Kracht sprachen. Was sie sagten, wurde vom Publikum unwillkürlich in den Kontext von Utopie und Obssesion eingerückt, aber wie soll man es nennen, wenn einer seiner Büchersammlung ein neues Zuhause geben will und so einen Ort retten kann? Peter Sloterdijk schlug vor, von Utopien sparsam und nur im Zusammenhang mit dem Wunsch, eine Insel zu bevölkern, zu sprechen, alles andere sei bloß Projekt, abschätzig sprach er von „Projektemachern“, ein Begriff, den er nicht erfunden hat, er entstammt einem Sammelband von Markus Krajewski.

Man könnte auch die Baudelairesche Unterscheidung von Spleen und Ideal nehmen, um die „Kathmandu Library ohne Regal“ genauer zu bestimmen. Zweifellos ist es ein Spleen, eine Sammlung von Hippieliteratur nach Ascona zu bringen, aber es steckt ja auch Idealismus darin, den alten Reform- und Aufbruchsgeist eines Ortes wiederzubeleben. Dieser Idealismus wurde vor allem von Eckhart Nickel, von Haus aus Literaturwissenschaftler, ausgeführt. Eine radikale Form der „Präsenzbibliothek“ schwebe ihm vor, nicht nur könne man die Bücher an Ort und Stelle lesen, der Reisende und Bücherfreund dürfe hier auch übernachten, so ähnlich wie in der Buchhandlung Shakespeare and Company, und Kracht ergänzte, auch der Bücherklau sei ausdrücklich erwünscht.

Wie aber verträgt sich das mit der Rettung der Kathmandu Library? Überhaupt wirkte der Auftritt der beiden gerade durch ihr überseriöses Äußeres, strenge Frisur und Nickelbrille bei Kracht, Brillantine im Haar und Oberlippenbart bei Nickel, nicht ganz seriös. Andereseits muss den beiden Projektemachern zugute gehalten werden, dass sie im Vergleich zu anderen Projektemachern eine beachtliche Umsetzungsquote vorweisen können: Der Freund wurde ja wirklich in Kathmandu hergestellt, und auch die von dem bekannten Berliner Projektemacher Rafael Horzon gegründete Wissenschaftsakademie, eine private Bildungseinheit mit unter anderem Nickel und Kracht als Dozenten, gab es bis zur Einstellung des Lehrbetriebs 2007 wirklich.

Einem Projekt wohnt die Möglichkeit des Scheiterns immer inne, über produktive Flops hatte Hans Magnus Enzensberger zuvor gesprochen, Kracht war im Publikum. Ob die Neubeheimatung der Kathmandu Library schon gescheitert ist, ist nicht klar. Auf Nachfrage erklärte Nickel, die Sache sei offen, allerdings stünde der Idee der Übernachtung entgegen, dass es kein „fließend Wasser“ in der Rondine gebe.

Eine Aussage, die wiederum nach Giancarlo Cotti von der Kirchgemeinde Ascona und Direktor einer Immobilienfirma nicht korrekt ist. Herr Cotti, man kann ihn als den vorläufigen Retter der Rondine bezeichnen, betonte auf unsere Nachfrage, dass es ein WC gebe. Weitere Differenzen bestehen bezüglich des Mietzinses, der weit niedriger sei, als von Kracht coram publico beziffert. Man wird sehen, die Schweiz ist nun einmal anders als in Krachts Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten keine kommunistische Utopie, sondern manchmal ein bürokratischer Alptraum. Aber es wäre doch idiotisch, wenn wegen einer fehlenden Dusche ein weiteres Stück Literaturhistorie ein trauriges Ende nähme.

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