Mitlaufen lohnt sich

Geschichte In seinem neuen Buch „Das braune Netz“ zeigt Willi Winkler, wie stark die frühe Bundesrepublik auf alte Nazis baute
Mitlaufen lohnt sich
Das Heer des „Alten“ – Adenauer und der parlamentarische Rat 1948

Foto: Ullstein Bild/Getty Images

Wollte man dieses Buch jungen Menschen anpreisen, die beim Stichwort „alte weiße Männer“ ebenso aufhorchen wie beim Stichwort „Nazis“, könnte man sagen: Dieses Buch beschreibt nicht nur ein besonders trostloses Kapitel in der Herrschaftsgeschichte des weißen alten Mannes, es hat auch eine Pointe, bei der man gleich zwei Mal schlucken muss. Besagt es doch, dass das „Experiment Bundesrepublik“ vollends gelungen sei und die Demokratie sich festigte, allerdings „nicht trotz der alten Nazis, sondern mit ihrer Hilfe“. An manchen Schauplätzen dieses Buches, etwa an der Universität Erlangen, gab es nur Nazis, freilich „Nazis in unterschiedlichen Läuterungsstufen“. Nur um wirklich keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wir sprechen hier von echten Nazis, Mitglieder der NSDAP, der SS, des SD sowie der SA. Wir schreiben die Jahre 1945ff.

Eine Bundesrepublik, die den Nazis ihren Erfolg verdankt: Schreibt da ein Zyniker? Oder ein Moralist? Die Alternative ist falsch gestellt, denn natürlich ist der Zyniker, der da schreibt, ein Moralist. Das Experiment mag gelungen sein, diejenigen, die zu seinem Gelingen beigetragen haben, muss keiner beglückwünschen. Insofern übernimmt der Journalist und Buchautor Willi Winkler die Perspektive zweier Bürgermeister, die es in der BRD in oberste Ämter gebracht haben. Einerseits die Perspektive Konrad Adenauers, der selbst im Nationalsozialismus verfolgt wurde, aber dann als erster Bundeskanzler einen „pragmatischen Zynismus“ an den Tag legte. Andererseits ist es die Perspektive von Adenauers größtem Gegner, Gustav Heinemann, der mit seinem christlichen, manchmal anstrengenden Pathos und einem „fast schon rührenden Mangel an Zynismus“ (Peter Rühmkorf) die Moral in die Politik der BRD einführte. Bis der Atomwaffengegner Heinemann 1966 Bundesjustizminister wurde (und unter anderem den Paragrafen 175 abschaffte, der Homosexualität unter Strafe stellte) und 1969 zum Bundespräsidenten gekürt wurde, sollte es allerdings dauern. Erst einmal war die Mentalität der Mitläufer vorherrschend und mit ihr das Verdruckste und der Opportunismus, das Schweigen und die Unfähigkeit, sich selbst nicht als das eigentliche Opfer zu empfinden. Zum Holocaust herrschten „zwanzig Jahre des Schweigens“, wie der Publizist Jean Améry bitter schrieb, der das KZ Bergen-Belsen überlebt hatte.

Beredtes Schweigen

Später ging das Verdruckste nahtlos in ein neues Mitläufertum über, das „ohne Pathos, Programme und Parolen“ auskommen wollte, wie es der Soziologe Helmut Schesky (SA seit 1932, NSDAP seit 1937) seiner „skeptischen Generation“ in ein Buch schrieb, das diese vermutlich gar nicht zu lesen brauchte. Es liegt natürlich in der Natur der Sache, dass es unter den Minderbelasteten und Mitläufern kaum interessante, komplexe Figuren gibt. Das macht die Darstellung manchmal etwas fad. Aber auch bei den durchaus ambivalenten Gestalten macht Winkler keine Gefangenen. Ernst Jünger etwa ist komplexer, als er es in diesem Buch sein darf. Eine Ausnahme könnte auch Hans Egon Holthusen bilden, würde Winkler nicht seinen Zwist mit Jean Améry so in den Vordergrund stellen, dass auch er schlecht rüberkommt. Opportunisten, die keine Intellektuellen sind, schweigen ebenso über ihre Schuld, wie sie es tun, wenn sie Intellektuelle sind, hier wird einzig ihr Schweigen beredt.

Von den Literaturwissenschaftlern Hans Ernst Schneider bis Peter Wapnewksi und natürlich Günter Grass: Eine Aufarbeitung der Nazivergangenheit fand in der Biografie nicht statt. Allenfalls so wie bei Schneider, der in der SS-Ahnenforschnug gearbeitet und da „mangelnde Sprachzucht“ beklagt und dort „krankhaft“ genannt hatte, was ihm nicht „nordisch“ genug war. Nach Kriegsende besorgte sich Schneider sofort falsche Papiere und führte als Hans Schwerte ein Leben, als hätte er sich Frischs romanhaftes Verdikt „Ich bin nicht Stiller“ einverleibt.

Die meisten arrangierten sich also irgendwie, Überzeugungstäter gab es nicht mehr viele, etliche hatten sich das Leben genommen oder waren geflüchtet oder es war ihnen der Prozess gemacht worden. Selbstredend fand Antisemitismus nicht mehr laut statt, aber in einem Punkt konnte man doch noch aufrichtig bleiben: als Antikommunist. Der Antikommunismus war die Staatsräson der BRD und das Bindeglied zum „Dritten Reich“.

Um die „kommunistischen Gefahr“ abzuwenden, brauchte es Leute, die davon etwas verstanden, so lautete der Tenor von Adenauer und dessen Berater Hans Globke. Der Antikommunismus ermöglichte eine Übernahme vieler ehemaliger Gestapo-Mitglieder in die Organisation Gehlen und dann zum BND, gefragt waren vor allem Russlandexperten aus SS und SD. Noch der Morgenthauplan, die Idee also, Deutschland zu einem Agrarland zu machen, sah man als Maßnahme, die den Kommunisten in die Hände gespielt hätte, weil man dann wehrlos gewesen wäre. Hier verbanden sich für einmal auch der Antikommunismus und der Antisemitismus wieder aufs Innigste (Finanzminister Henry Morgenthau war eines der ersten jüdischen Mitglieder in der US-amerikanischen Regierung).

Verrat im Innern

Vor allem aber drohte der „Verrat“ im Innern. Dass in einer Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts der „Verrat“ eine zentrale Kategorie des Politischen ist, muss man Winkler nicht sagen. Der drohende Verrat schweißt ein Kollektiv zusammen, so wie die Angst vor dem Kommunismus produktiv ist. Gerne hätte man die steile These ausgeführt gesehen, dass die deutschen Hamsterkäufe nach der nordkoreanischen Invasion im Süden 1950 das deutsche Wirtschaftswunder auslösten.

Die Angst vor dem Kommunismus prägte auch das öffentliche Bild des Widerstands. Während man zum konservativen Widerstand langsam eine Haltung jenseits von „Landesverrat“ entwickelte, blieb es bei der Denunziation der „Roten Kapelle“. Sie bezeichnet ein ideologisch nicht einheitliches Netzwerk von Widerstandsgruppen und Freundeskreisen, in Berlin assoziert man damit die Namen Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack Günther Weisenborn oder Libertas Haas-Heye, die 1942 enttarnt, verhaftet, gefoltert und teilweise ermordet wurden. Von den Folterkellern in der Albrechtstraße zieht sich hier quasi eine Linie zum Spiegel. Das Kapitel über die Serie „Rote Agenten unter uns“ ist das detaillierteste und pointenreichste im Buch; der Vollblutfeuilletonist Winkler läuft vor allem in der Darstellung von Mediengeschichte zu erzählerischer Hochform auf. Hier erinnert er nicht nur an einen Mann wie Adolf Grimme, den ersten Chefredakteur des NDR und Namensgeber des heutigen Instituts, der starken Anfeindungen ausgesetzt war, er ruft auch in Erinnerung, wie unfassbar lange der Spiegel von alten Männern des NS-Regimes mitgestaltet wurde. Die Spiegel-Serie schrieb Georg Wolff, ehemaliger SS-Hauptsturmführer, NSDAP-Mitglied und SA-Mitglied, jetzt stellvertretender Chefredakteur. Wir schreiben nicht etwa die 1950er Jahre. Die erste Folge der Serie erschien am 20. Mai 1968.

Das Buch wartet nämlich noch mit einer zweiten Pointe auf, sie wird weniger offen serviert, einfach weil sie nicht so überraschend ist. Sie will nur heute oft nicht mehr verstanden werden. Indem Winkler uns das braune Netz der frühen BRD in Erinnerung ruft, rehabilitiert er die 68er-Generation, oder macht jedenfalls ihre Motive verständlich. Zwar gibt es auch eine Linie von der Theologisierung der Politik, die Heinemann betrieb, zu Rudi Dutschke, und man kann annehmen, dass sie ohne zynische Balance schrecklich werden wird, aber eines macht Willi Winkler klar: Beate Klarsfeld wusste schon, wem sie am 7. November 1968 eine Ohrfeige gab und ihn einen „Nazi“ nannte: Der Bundeskanzler Kiesinger war zwar nur ein Mitläufer gewesen, aber gerade das Mitläufertum konnte einen zornig machen. Anders Hans Martin Schleyer; der Arbeitgeberpräsident war nicht nur ein Mitläufer gewesen. Der Schriftsteller Peter Schneider bezeichnete es als „historische Dummheit“, dass die RAF auf ihrem berühmten Geiselfoto Schleyer nicht in seiner SS-Uniform gezeigt hatte. Es „hätte die blutige Aktion nicht rechtfertigen können. Aber sie hätte der Welt einen historischen Vorgang deutlich gemacht“. Die Radikalisierung der Studentenbwegung ist allerdings dann ein anderer „historischer Vorgang“. Winklers Buch endet mit dem Wahlsieg der SPD 1969 und einem „Vaterlandsverräter“ als Bundeskanzler. Die „Herrschaft der alten Männer“ (Winkler) hatte erst mal abgedankt.

Info

Das braune Netz. Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde Willi Winkler Rowohlt Berlin 2019, 416 S., 22 €

06:00 11.02.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 30

Avatar