Moderator, zieh dich warm an!

Medientagebuch Neuerdings fühlen bei Talkshows die Gäste den Gastgebern auf den Zahn. Schließlich verdienen Moderatoren im Allgemeinen auch wesentlich mehr als Politiker

Vor einer Woche hat Dietrich Leder an dieser Stelle über die Tücken der Gastfreundschaft in Talkshows nachgedacht. Als Talkmaster muss man nett zu seinen Gästen sein, selbst wenn es widerstrebt. Ich möchte eine Beobachtung mitteilen, die diesen Befund ergänzt. Es fällt auf, dass Gäste von Polit-Talkshows zuletzt wiederholt andere Gäste oder auch den Moderator hart angegangen sind.

Gemeint sind nicht Pöbeleien nach Art von Till Schweiger, vielmehr tritt der Gast quasi als der bessere, weil härter fragende Moderator auf. Das beste Beispiel dafür lieferte Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo in der Günther Jauch-Sendung vom vergangenen Sonntag. Mascolo erkundigte sich bei Moderator Jauch höflich, ob es als Gast erlaubt sei, einem anderen Gast, Philipp Rösler, eine Frage zu stellen, die ihm auf der Zunge liege. Jauch stimmte etwas überrascht zu, und Mascolo fragte Rösler, ob es denn stimme, was man so höre, dass dieser selbst erst gegen einen Bundespräsidenten Gauck gewesen sei, unter dem Druck von FDP-Schwergewichten aber klein beigeben musste. Die Antwort konnte man sich schenken, die Frage selbst war sie gewissermaßen schon.

Ähnlich ging die Publizistin Ursula Kosser in der letzten Hart aber fair-Sendung vor. Sie wandte sich ad hominem an den Spitzenkandidaten der FDP im NRW-Wahlkampf, an Christian Lindner: „An Ihnen ist alles ein bisschen zu perfekt. Wie ein Kieselstein. Mir brennt diese Frage unter den Nägeln: Sind Sie an Ihrer Karriere interessiert, am Wohl der Bürger oder am Wohl Ihrer Partei?‘“ Auch hier ist die Antwort in der Frage mit eingebaut, aber man muss doch sagen, dass Lindner sich nicht schlecht aus der Affäre zog und später unter meinem Applaus den Schauspieler Walter Sittler anging, der einmal mehr mit verkitschten Ansichten vom reinen „Bürger“ (als dessen legitimer Vertreter Sittler sich sieht) und dem verdorbenen „Politiker“ nervte.

Rollentausch

Wohlgemerkt: Es geht hier nicht darum, dass bei Jauch oder Plasberg zwei Berufspolitiker unfreundlich interagiert haben. Mit Mascolo und Frau Kosser traten zwei Gäste hervor, denen als Publizisten und Fachleute (Kosser hat eben das Buch Hammelsprünge: Sex und Macht in der deutschen Politik veröffentlicht) die rabiate Frage im Dienste radikaler Aufklärung im Blut liegt. Ihre Aufgabe lag darin, den Gastgeber zu sekundieren.

Was aber, wenn dieser selbst Dreck am Stecken hat? Wer macht dann den Job? Auf Journalisten ist in solchen Fällen kein Verlass, die wollen weiterhin in die Sendungen eingeladen werden. So waren es denn auch zwei Politiker, die in der vorletzten Jauch-Sendung die nötigen Fragen an den Gastgeber richteten. Bodo Ramelow mahnte Verfehlungen des Gastgebers an, indem er an die gefälschten Reportagen von Michael Born bei Stern TV unter Jauch erinnerte, und Henning Scherf stellte die Kinnladen-runter-Frage für Top-Verdiener: Jauch finde es offenbar gerecht, dass er ein Vielfaches der Bundeskanzlerin verdiene. Es scheint sich in den Talkshows also eine Art Arbeitsteilung abzuzeichnen: Relativ schlecht verdienende Politiker fühlen sehr gut verdienenden Journalisten auf den Zahn. Umgekehrt sehen sich fantasievolle, ehrliche und authentische Journalisten verpflichtet, langweilige, verlogene und unglaubwürdige Politiker zu identifizieren. Es ist natürlich kein Zufall, dass die Arbeit ausgerechnet in Hart aber fair und bei Günther Jauch gemacht wurde, nur hier kann das Geschäft der Aufklärung überhaupt vollumfassend getätigt werden: Es sind die beiden einzigen von der ARD live ausgestrahlten Talksendungen und fast die einzigen nicht aufgezeichneten im deutschen Fernsehen überhaupt.

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18:00 22.03.2012

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