Pfeifen, die ich nie geraucht habe

Legenden Am Sonntag wäre Max Frisch Hundert geworden. Was bedeutet Frisch jungen Kollegen heute? Vier Studenten des Schweizerischen Literaturinstituts antworten

Simone Lappert

Aufgefrischt Inventur (vorläufig) einer Beziehung (platonisch):

1. Frischs räumliche Ausdehnung innerhalb meines Bücherregals: 0.208 Lauf­meter (davon 2 mal Stiller = 0.055 lfm).

2. Mit 15: die Enttäuschung, ihn nicht als Erste entdeckt zu haben, einen Satz wie „Schreiben heißt: sich selber lesen“, teilen zu müssen.

3. Monologe meinerseits: Wie ich auf Schulwegen, in Mittagspausen und einigen Wartehäuschen der Bahn mit meinen Entdeckungen hausierte wie ein eifriger Strandverkäufer.

4. Nacheifern auf Stützrädern: Wie die Sätze in meinem Tagebuch plötzlich nicht mehr nach mir klangen (sondern altbacken und windschief oder wie naseweise Werbung für mich selbst).

5. Zugstunden, Blättersekunden (Umland, das sich an Buchseiten bricht, aus der Wahrnehmung bricht, sätzelang).

6. Später: Prägung eines Heimatgefühls jenseits von Hagebutten, Milchkühen und Fluglärm (es gibt noch eine Schweiz, die mich etwas angeht).

7. Überhaupt: Frischs ganz eigene Grammatik des Hinterfragens.

8. Ein Schwimmbad, das ich nie betreten habe.

9. Immer wieder: der Verdacht, durch und durch apolitisch zu sein (als hätte seine Generation die Geschichte aufgebraucht).

10. Julika (allein dieser Name!).

11. Frischfragen (stete Schürfung meiner Hirnhälften).

12. Papier, das standhält.

13. Unruheübertragung (auf Buchstabenfrequenz).

14. Eselsohren innerhalb der 0.208 m (für Schönes, Unverdautes oder Unterbrochenes): zirka 127 (Angabe ohne Gewähr).

15. „Indem ich weiß, dass jede Geschichte, wie sehr ich sie auch belegen kann mit Fakten und Daten und Namen und Orten, meine Fiktion ist, bin ich Schriftsteller.“ (Die Überzeugung, dass Erfundenes die Welt erklärt).

16. Dieser Prototyp des Intellektuellen.

17. Pfeifen, die ich nie geraucht habe.

Simone Lappert wurde 1985 in Aarau geboren. Sie studiert im 3. Studienjahr am Literatur­institut. In der Schule las sie Homo Faber


Heinz Helle

Max Frisch? (Der Autor ist Europäer und weiß nicht so genau, was Max Frisch ist)

In der Schweiz wurde einmal eine Minarettinitiative angenommen, und viele sagten damals: aber Max Frisch.

Die Banken jedoch, und ihr Geheimnis, das einerseits nicht mehr so geheim ist, angeblich, und die Beträge mit den vielen Nullen, andererseits, die immer noch aus Drittweltländern an Hungernden vorbei fließen, auf unsichtbare Konten, von Diktatoren mit komischen Namen und noch komischeren Uniformen: Max Frisch? Oder die landesweite Empörung, über Nachbarländer, über illegal erworbene Datenträger, mit Informationen, über nach den Gesetzen der Nachbarländer ebenso illegal versteckte Steuergelder, oder die mangelnde landesweite Empörung, über das Verstecken, oder über die Grossbanken, die ihre Kunden dazu ermutigen: Max Frisch?

Es gibt in der Schweiz ein Formular für das Beantragen einer Genehmigung zum Anstrich der Hausfassade in einer überdurchschnittlich auffälligen Farbe. Es gibt aber auch Max Frisch.

Es gibt die Meinung, dass es in der Schweiz für einige Schweizer zu wenige Schweizer, dafür aber zu viele andere gibt, die nicht Schweizer sind, aber kommen und leben wie Schweizer in der Schweiz; und es gibt Max Frisch. Es gibt die Neutralität, oder Max Frisch. Es gibt mehr Schweizer, die nicht der EU beitreten wollen, als Max Frisch.

Jeder Schweizer Mann, der beim Militär war, oder ist, und das waren oder sind viele, hat ein Sturmgewehr zu Hause, oder Max Frisch. Oder beides.

Max Frisch oder nicht: Das Berner Oberland ist eine beliebte Kulisse für Bollywood-Filme. Und auch der rezenteste Greyezer ändert nichts an der Tatsache, dass: Max Frisch. Und übrigens auch: Dürrenmatt.

Heinz Helle wurde 1978 in München geboren. Er studiert im 2. Jahr am Literaturinstitut. In der Schule las er Andorra



Michaela Friemel

Welchen Dienstgrad hatten eigentlich Sie als Kanonier, Herr Frisch?

Die ganze Zugfahrt über hatte ich vor, mich mit Ihrem Tagebuch zu beschäftigen, lieber Herr Frisch, ich mag nämlich Ihr Tagebuch sehr gerne; heute jedoch war ich zu abgelenkt, um zu lesen. Es ging um diesen sonderbaren Wortwechsel zwischen Robert Walser und Wladimir Iljitsch Lenin; zwischen Zürich und Olten schaffte ich jedoch keinen einzigen Satz. Ich blieb immerzu an der selben Stelle hängen, weil nämlich M. Leutwiler – sein Name stand auf der Uniform – seinen Gewehrlauf zärtlich streichelte, den er zwischen die Beine geklemmt hatte.

Es war Montagmorgen, Zeit zum Ein­rücken. Bis weit über sein Abteil hinaus hörte man durch seine Kopfhörer The Star Spangled Banner in Jimi Hendrix’ Version. Mein lieber Rekrut Leutwiler, dachte ich, Frisch hätte Ihnen etwas erzählt. Nicht wahr, lieber Max Frisch, Sie hätten mit den Zähnen geknirscht und gesagt: Ich fürchte, Rekrut Leutwiler, Ihnen sagt Vietnam nichts, Ihnen sagt Woodstock nichts, Sie sollten Katzen streicheln –

Rekrut Leutwiler hätte froh sein können, Ihnen erst in Ihrem fortgeschrittenen Alter zu begegnen, Herr Frisch, als Sie Ihren didaktischen Zug – wie Sie ihn selbst nannten – bereits etwas abgelegt hatten. Dann hätten Sie ihn völlig wertfrei gefragt, welche Funktion er in der Armee inne­habe? Fusilier? Ob es da auch Teil der Ausbildung sei, das Gewehr möglichst zart zu liebkosen? Ich für meinen Teil erzählte dem Rekruten nichts; keine Didaktik, keine Schlagfertigkeit, im Gegensatz zu Ihrer Generation fehlt mir das Engagement.

Ich dachte – durchaus apolitisch – an meinen ersten Freund. Er hatte mich verlassen wegen einer nett gemeinten Bemerkung, mit seiner neuen Frisur gleiche er total Tom Hanks in Philadelphia. Daraufhin erzählte er im ganzen Schulhaus herum, ich habe gesagt, er sähe aus, als habe er Aids. Das war aber nicht der Grund, warum ich an ihn dachte, vielleicht eben doch politisch – er, mein erster Freund, hat nämlich aus Versehen seine Freundin erschossen, seine spätere, natürlich. Aus Versehen?, werden Sie sich fragen. Ja, aus Versehen, man nennt so etwas Unfall mit der Dienstwaffe. Ein solcher Unfall passierte vor kurzem auch einem Soldaten im Wallis. Sein Vorgesetzter probte in der Pause einen Selbst­verteidigungseinsatz, indem er einen Messer­angriff simulierte, offenbar anschaulich: Der Soldat griff reflexartig zur Waffe und erschoss den Offizier.

Sie können sich vorstellen, lieber Max Frisch, dass es angesichts solcher Gedanken schwierig war, mich auf Ihr Tagebuch und die sonderbare Begegnung zwischen Walser und Lenin zu konzentrieren. Erst als Leutwiler in Olten den Zug verlassen hatte, um mit seinem Kätzchen auf dem Rücken – so oder zumindest so ähnlich steht’s in der Verfassung – den Krieg zu verhindern und den Frieden zu erhalten, las ich endlich den ganzen Satz: Jemand berichtet von einer verbürgten Begegnung zwischen Robert Walser und Lenin an der Spiegelgasse in Zürich, 1917, dabei habe Robert Walser eine einzige Frage an Lenin gerichtet: „Haben Sie auch das Glarner Birnenbrot so gern?“

Michaela Friemel wurde 1981 in St. Gallen geboren. Sie studiert im 1. Jahr am Literatur­institut. In der Schule las sie Homo Faber und Wilhelm Tell für die Schule. Andorra musste sie mit der Klasse im Theater sehen


Sarah Karin Ley

Max Frisch und ich, wir sind ein und derselben Meinung

Was kann man über Max Frisch schreiben, ohne sich selbst als ahnungslos, unbedarft, prätentiös, lächerlich zu entlarven? Wie kann man der Angst entgegenwirken, so wahrgenommen zu werden, wenn man versucht, über Max Frisch zu schreiben. Eine Angst, die blockiert und jegliches Gefühl im Bezug auf diesen Schriftsteller verloren gehen lässt. Wenn man es sich genau überlegt, hat sich nie ein Gefühl eingestellt, (außer Ehrfurcht vielleicht); nie stellt sich ein Gefühl ein, wenn man Menschen als zu groß empfindet, als dass es einem erlaubt sein könnte, zwischen ihnen und sich selbst nach Verbindungen zu suchen, Parallelen zu ziehen oder eben gerade nicht zu ziehen. Wie es auch unmöglich ist, das Verhältnis daran festzumachen, dass diese Verknüpfungen nicht vorzunehmen sind. Es scheint, als befände sich Max Frisch ausserhalb all dessen, wozu man sich zu verhalten traut.

Man denkt also zurück, sucht in der Zeit von damals, als das Wissen sich noch nicht zu einer Gesamtheit summiert hatte, die einen vor Bewunderung erstarren ließ, denkt an die erste Lektüre: Homo Faber im Gymnasium. Man erinnert sich an diese Textstelle – die am schönsten empfundene –, in der Vergleiche für Wahrgenommenes gefunden werden. Das Wiehern eines Esels in der Nacht: wie der erste Versuch auf einem Cello. Die Mondschatten: wie Scherenschnitte. In der Ferne das Meer: wie Zinkblech. Die Luft um diese Stunde: wie Cellophan mit nichts dahinter.

Wohl kaum würde es einem jemals möglich sein, dachte man, eine solche Wahrnehmung zu entwickeln. Eine Wahrnehmung, die die Gemeinsamkeiten der Dinge erfasst. Erst später, wenn man wie besessen nach Bildern sucht, die dafür stehen könnten, was im Inneren vor sich geht, wenn man Verbindungen schafft, Gefühltes mit Sinneseindrücken abgleicht und verknüpft, wenn man anhand von Sprache, anhand eines Elements dieser Welt zu erzählen versucht, was sich in gänzlich anderen Welten abspielt, geht einem auf, dass man auch nichts anderes tut, als Max Frisch getan hat. Und dann, wenn endlich etwas vorliegt, das sich betrachten lässt und das Unverstandene möglicherweise ein wenig verständlicher macht, ist man sicher: Aus genau diesem Grund sollte man schreiben, muss man schreiben!

Hin und wieder stößt man auf einen Satz von Max Frisch. Einen Satz wie: „Wo unser Schreiben nicht zu Selbsterfahrung führt, entsteht keine Literatur, glaube ich, nur Bücher“. Oder: „Schreiben heißt, sich selber lesen.“

Dann freut man sich und denkt: Max Frisch und ich, wir sind ein und derselben Meinung.

Sarah Karin Ley wurde 1978 in Bülach geboren. Sie studiert im 2. Jahr am Literaturinstitut. In der Schule las sie: Homo Faber

Das Schweizerische Literaturinstitut befindet sich in der malerischen Stadt Biel-Bienne. Es ist zweisprachig organisiert (französisch und deutsch). Das dreijährige Studium wird mit dem Bachelor abgeschlossen und kann um einen Master erweitert werden. Ähnlich wie am deutschen Literaturinstitute in Leipzig lehren in Biel etliche etablierte Schriftsteller und Kritiker das literarische Schreiben und den öffentlichen Umgang mit den Texten.

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09:00 15.05.2011

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