Phantom des Betriebs

Glosse Immer radikal, niemals konsequent: Thomas Bernhard, der am 9. Februar 80 Jahre alt geworden wäre, war der perfekt integrierte Außenseiter

Nicht erst durch die ungezählten Veranstaltungen zum achtzigsten Geburtstag kann festgestellt werden: Thomas Bernhard ist wieder da. Schon seit ein paar Jahren steigt das Interesse an dem 1989 gestorbenen Schriftsteller, und man möchte fast meinen, dass dieses Todesjahr kein Zufall ist: Der Bernhard, der uns interessiert, ist ein Mann aus einer anderen Welt. Einer Welt ohne Internet und ohne Talkshows, einer Welt aus Kalkwerken, Bauernhöfen, Kaffeehäusern und langen Interviews, Monologen eher.

Es sind nicht zuletzt die vergangenes Jahr in der Filmedition Suhrkamp veröffentlichten Interviews, die Krista Fleischmann 1984 mit Bernhard in Spanien geführt hatte, die das Interesse entfachten. Zusammen mit den schon etwas länger auf den Markt getragenen Erinnerungen von Karl Ignaz Hennetmeier (siehe Gregor Hens' Würdigung Nach dem Geschwätz) und der Erstpublikation des Manuskripts Meine Preise sind sie ein Beleg dafür, dass dieses neue Interesse weniger dem literarischen Werk gilt, als mehr dem Werk zur Person, das freilich in den Rang einer literarischen Publikation gerückt ist.

Nimmt man auch noch den jüngst erschienenen Briefwechsel zwischen dem Schriftsteller und seinem Verleger Siegfried Unseld hinzu, wird deutlich, dass besonders das Verhältnis des Autors zum Kultur- und Literaturbetrieb interessiert. Das hat bestimmt damit zu tun, dass die, die damals als Studenten die Suhrkamp-Bände Bernhard im Regal stehen hatten, heute Lektoren, Dozenten, Publizisten etc. sind, und sich in diesem Betrieb nicht ohne Unbehagen bewegen. Thomas Bernhard hat diesem Unbehagen eine attraktive Form gegeben.

Alle bekommen, alle genommen

Was genau fasziniert an ihm? Sein Schalk, der einem erst jetzt so recht aufgeht – jetzt wo man seinen Übertreibungsstil nicht mehr imitieren muss, sobald man zum Schreibstift greift. Seine etwas verdruckste Sensibilität (ist er nun ein Frauenhasser oder in Wahrheit der große Frauenfreund?), seine Leiden (die Lungenkrankheit, der Katholizismus, die Provinzialität) – ja, das alles bannt einen, in seiner Widersprüchlichkeit, in seiner Theatralik. Eine Existenz frei nach Walter Benjamins Motto „Immer radikal, niemals konsequent“. Überträgt man dieses Motto auf die Haltung zum Betrieb, kommt man auf einen Typus, den man den integrierten Außenseiter nennen könnte.

Kenntlich wird dieser integrierte Außenseiter in Bernhards Art, mit Preisen umzugehen. Er hat sie ja fast alle bekommen, vom Julius-Campe- bis zum Büchner-Preis, und hat sie verachtet, die „allergrößten Nieten und Schweinehunde“ etwa, die im Kunstsenat sitzen, und hat ihn natürlich doch genommen, den kleinen Staatspreis, auch wenn es natürlich eine Unverschämtheit war, dass er nur den kleinen bekam: „dachte ich an die fünfundzwanzigtausend Schilling, fügte ich mich in mein Schicksal“. Die Rede, die er auf diesen Preis hielt, hat ausdrücklich einen „Skandal“ produziert.

Wenn man so will, ist der Skandal die in kulturelles Kapital umgemünzte Renitenz des Künstlers, und vielleicht sollte man einmal einen literatursoziologischen Blick auf diese Form von Arbeit richten. Noch gibt es ja den integrierten Außenseiter, man denke an Bernhards scheuen Landsmann und Hubert Burda-Freund Peter Handke, der Jugoslawien verteidigt, Skandal!, an Elfriede Jelinek, die Nobelpreisträgerin, die nicht nach Stockholm fährt (fast ein Skandal), an Sibylle Berg oder Fritz Raddatz, dessen Tagebücher 1982-2001 eine Art Blaupause des integrierten Außenseiters bilden.

Gemeinsam ist den Genannten, dass man sie in den Freitagabendtalkrunden nicht sieht, und man möchte sich ja auch einen Thomas Bernhard lieber nicht bei 3 nach 9 vorstellen, könnte er seinen Achtzigsten noch erleben. Nein, lieber wollen wir ihn in einem Kaffeehaus in Mallorca bewahren, wie er über Gott und die Welt (und sich selbst) närrisch wird, wohl ahnend, dass das Geschichte ist.

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11:40 09.02.2011

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