Promovieren macht glücklich

Verteidigung Nach Schavans Rücktritt und all den Skandalen: Warum man Doktorarbeiten dennoch schreiben sollte
Promovieren macht glücklich

Foto: Gerald Haenel / laif

Ich möchte aus einer Welt berichten, die in diesen Tagen fast märchenhaft scheint. Es ist eine unschuldige Welt, in der ein Held nichts Böses denkt und vieles vermag, auch herrscht da ein anderer Zeitsinn. Ein Tag kann sich unendlich dehnen, ein anderer wie im Flug vergehen, und es sind seltsame Abenteuer zu bestehen: die Abenteuer des Geistes.

Ich möchte also von dem berichten, was man prosaisch eine „Promotion“ nennt. Vielleicht ist es falsch, sie weiter so zu bezeichnen, wer assoziiert mit ihr noch anderes als Betrug und Karrieregeilheit in Tateinheit? Das hat sie nicht verdient. Die Promotion hat auch nicht verdient, dass man mit ihr ganz unterschiedliche Leistungen meint, die zum Erwerb eines Doktortitels führen.

Vielleicht sollte man den saloppen Ausdruck „Karrieredissertation“ in bestimmten Fällen einfach zum Terminus technicus machen; er weckte dann nicht falsche Erwartungen. Und bitte: Die prominenten Plagiatsfälle der letzten Zeit stammen mit einer Ausnahme nicht aus den Geisteswissenschaften im engeren Sinn. Die Ausnahme ist die gewesene Bildungsministerin Annette Schavan, die in den Erziehungswissenschaften promoviert hat.

Ich habe im Fach Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft promoviert. In meiner Dissertation habe ich versucht, korrekt zu zitieren. Ich habe ziemlich viel gelesen, Primär- und Sekundärliteratur. Einiges fand ich dröge, vieles interessant, manches schlicht aufregend. So einfach ist das. Man muss es nur einmal sagen.

Glück im Schein der Leselampe

Geforscht und geschrieben habe ich über Literatur der Weimarer Republik. Zu meinem Thema gehörten Werke von Thomas Mann und andere Großschriftsteller, aber auch Abseitiges, die Schriften Erich Ludendorffs zum Beispiel. Ich fand heraus, dass der General völlig wahnsinnig war, aber die Sprache der Aufklärung sprach; offenbar gab es da einen Zusammenhang. Diese Entdeckung machte mich glücklich.

Glücklich machte mich auch, wenn ich in einem alten Zettelkasten auf ein vergessenes Werk seiner Frau Mathilde stieß. Andere wurden anders beglückt, aber das sind so die erhabenen Momente, die man empfinden kann, wenn man eine Dissertation schreibt.

Es gibt ein Glück im Schein der Leselampe. Auch das muss man einfach mal sagen, in der gegenwärtigen Diskussion um die Promotion ist davon ja nicht die Rede. Oder hat man auch nur einmal von Wissensdurst und Neugierde, von der Lust am Text und der Obsession für ein Thema gelesen? Und sei es auch nur als Hinweis, dass solche Dinge in den unter Plagiatsverdacht stehenden Dissertationen offenbar fehlen. „Theodor zu Guttenberg hat sich in den Vergleich zwischen der europäischen und der US-amerikanischen Verfassung so sehr vertieft, dass er etwas die Übersicht verloren hat“ – so einen Satz hätte man doch gerne gelesen (und Guttenberg rasch verziehen). Gelesen hat man aber etwas Lächerliches über achtzig Disketten, auf denen die Guttenbergsche Arbeit verteilt und deshalb nicht mehr zu überschauen war (und mit dem Finger an die Stirn getippt).

Selbst Thomas Steinfeld von der Süddeutschen Zeitung, der über Hegels Ästhetik promoviert hat, schrieb zu Annette Schavans Rücktritt einen Leitartikel, in dem er nicht über das Promovieren, sondern lang und breit über das Tragen des Doktortitels – eine „Art Adel“ – räsonierte. Und auch Schavan selbst verteidigt rückwärts, wehrt sich gegen die Unterstellung einer „leitenden Täuschungsabsicht“, sagt, sie habe nicht betrogen und nicht bewusst getäuscht. Das will ich gerne glauben, aber sie scheint zu verdrängen, dass man bei diesen Abenteuern des Geistes schon mal vom rechten Weg abkommen kann, ohne Böses zu denken.

Wer Schavan Gutes tun will, schreibt wiederum, dass das Thema zu groß und die Betreuung nicht ideal war, als wissenschaftlicher Beitrag zur Erforschung des Gewissens tauge die Arbeit jedenfalls nicht.

Überproduktion?

Nun könnte man sagen, dass die meisten geisteswissenschaftlichen Forschungsbeiträge schon darum nichts taugen können, weil kein Mensch sie liest. Abgesehen von den Dissertationen: Tonnenweise Festschriften und Tagungsbände dämmern in Bibliotheken dahin. „Muss ich das lesen?“ stand neulich über einem schlauen Text in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Problem der Überproduktion in der wissenschaftlichen Publizistik.

Man kann aber auch fragen: Will ich das schreiben? Das Verfassen von Aufsätzen, Sammelbandbeiträgen, Rezensionen macht meiner Erfahrung nach den meisten Menschen keine Freude. Aus den Pflichtbeiträgen werden dann Pflichtexemplare der Bibliotheken. So viel Pflicht. So wenig Freude.

Aber eine Ausnahme gibt es doch: Ist ein Doktorand nicht in der glücklichen Lage, noch frisch zu sein? Liegt nicht der Publikationswahn, sofern er denn eine Hochschulkarriere einschlägt, noch vor ihm? Und kann er sich nicht gleichzeitig schon zum Experten machen? Alles gute Voraussetzungen zum Glücklichsein.

Aber natürlich kann man auch bei den Dissertationen von einer Überproduktion sprechen. Im Wintersemester 2010/11 promovierten rund 200.000 Menschen in Deutschland, davon knapp 40.000 in den Sprach- und Kulturwissenschaften. Da ist es schon sehr wahrscheinlich, dass am Ende viel Überfüssiges herauskommt, aber die Kritik könnte die Hoffnung auf ein falsches Ideal wecken. Das Gegenteil von Überflüssig ist nicht nützlich. Man muss hier über einen Mythos der Geisteswissenschaften sprechen.

Ich habe an der Freien Universität Berlin promoviert. In der Promotionsordnung zum Dr. phil liest man: „Mit der schriftlichen Promotionsleistung ist die Befähigung zu selbstständiger vertiefter wissenschaftlicher Arbeit nachzuweisen und ein Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis anzustreben.“

Fortschritt kein Thema

Ich habe einen solchen Fortschritt während meiner Promotion nie angestrebt. Ich glaube überhaupt nicht an ihn. Ein wissenschaftlicher Fortschritt in den Geisteswissenschaften liefe auf ihren Tod hinaus. Gäbe es zum Beispiel wirklich einen Fortschritt in der Interpretation von Goethes Wahlverwandtschaften, würde es irgendwann einfach keine neuen Interpretationen dieses Romans mehr geben. Es wäre alles gesagt. Dass im Moment vermutlich weniger Dissertationen zu den Wahlverwandtschaften als in den achtziger Jahren verfasst werden, hängt nicht damit zusammen, dass alles gesagt worden wäre, sondern damit, dass Goethes Roman über den Umweg einer „Re-Lektüre“ (wie das im Jargon heißt) von Walter Benjamin zu einem Modethema in den Seminaren wurde.

Und heute ist das Thema eben nicht in Mode. Interpretationen an sich sind nicht besonders in Mode. Einige halten das für einen „Fortschritt“, andere für eine Verhunzung der Disziplin. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn in den Geisteswissenschaften zählen weder Fortschritt noch Rückschritt. Die Geisteswissenschaften bilden keinen messbaren gesellschaftlichen Nutzen oder Schaden (deshalb forderten konsequente Geister um 1968 ihre Abschaffung). Entscheidend sind vielmehr Originalität, Kreativität, Streitlust, Brillanz in der Analyse, Entdeckerfreude und ja, auch die Mode. Lauter schöne, spielerische Dinge. Man kann sie nur nicht in eine Promotionsordnung reinschreiben.

Und offenbar vergisst man sie auch sonst sehr schnell. Bestimmt klingt es für manche frivol, dass so eine Dissertation ein Spiel sein soll. Aber das schließt ja gar nicht aus, dass es darin auch ernst wird, man kann in ihr existenzielle Fragen verhandeln und ureigenen Problemen nachgehen: Zweifellos war mein Interesse an den paranoiden Welten eines General Ludendorff und eines Franz Kafka auch persönlich motiviert. Aber so etwas kann man erst recht nicht in einer Promotionsordnung fromulieren.

Man kann da auch nicht hineinschreiben, dass man sich für so eine Beschäftigung viel Zeit lassen sollte. In der Regel, so heißt es weiter in der Promotionsordnung nach der ich studierte habe, muss eine Dissertation nach drei Jahren eingereicht werden. Das entspricht der Laufzeit der meisten Stipendien. „Überschreitet eine Doktorandin oder ein Doktorand die Regelbearbeitungszeit gemäß Abs. 6, so hat sie oder er bei der Studierendenverwaltung eine Bescheinigung des Promotionsausschusses vorzulegen, aus der der Bearbeitungsstand der Dissertation und die voraussichtlich noch erforderliche Bearbeitungszeit hervorzugehen haben.“

Luxus und Subversion

Die Bescheinigung schreibt man doch gerne. Der Passus lässt eine gewisse Sympathie mit einem verschwenderischen Umgang mit der Zeit erkennen, wie es die Promotion nun einmal verlangt. Nachdem das Studium durch „Bologna“ moduliert und verschult wurde, bleibt eben nur noch sie als Erbin des alten Bummelstudiums. Bei der Promotion darf man noch zweckfrei bleiben, hier gibt es Freiräume, das ist ihr Luxus und ihre Subversion.

Und was wird aus ihr, wenn das Werk vollbracht ist? „Die Dissertation ist in angemessener Weise der wissenschaftlichen Öffentlichkeit durch Vervielfältigung und Verbreitung zugänglich zu machen“, sagt die Promotionsordnung.

Natürlich habe ich meine Dissertation publiziert, aber so, dass sie garantiert nur von denen gelesen wird, die sich wirklich dafür interessieren. Und ich habe darauf geachtet, dass weder das Internet noch die Bibliotheken mit meinen rund 250 Seiten Die verfolgte Moderne belastet werden. Sie ist winzig, und man braucht für ihre Lektüre ein spezielles Gerät, das der Biblothek aus dem Schrank holen muss. Ich habe sie auf Mikrofiche veröffentlicht. Es macht mich nicht unglücklich, wenn ich daran denke.

09:00 17.02.2013
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