Michael Angele
28.04.2010 | 11:59 40

Schöne Salonwelt - oder Warum 'Cicero' nicht links sein will

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Michael Angele

Ich bewundere Menschen, die von sich selbst ohne Wenn und Aber sagen können: "Ja, ich bin links". Ich bewundere sie ganz aufrichtig – wenn sie mir intelligent und haltungsstark erscheinen. Ich denke oft darüber nach, warum es mir so schwer fällt, dieses Bekenntnis, zu dem mich allerdings kaum je einer nötigt, abzuliefern. Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Zum Glück! Ich stehe gewissermassen für eine ganze Generation. Sagen wir die West-1977er, die irgendwie durch Punk und Derrida und weiß der Himmel was sozialisiert wurden.

Michael Naumann, der neue Chefredakteur des Magazins "Cicero", entstammt nicht unserer Generation. Er ist 1946 geboren. Ich habe ihn zuerst als Verleger wahrgenommen (damals bei Rowohlt) und hielt ihn vage für einen "Salonlinken" – was ich auch gerne gewesen wäre. Noch begehrenswerter fand ich nur dessen Steigerung: "Salonkommunist". Es schien mir das schönste aller vermeintlichen Polit-Schimpfwörter. Ein Salonkommunist fuhr Maserati, war für die Revolution und gab sich Mühe, an einer schönen Frau immer zuerst den klugen Kopf zu sehen. Toll. Absolut erstrebenswert.

Aber gut, zurück zu Naumann, den ich ja bloß für einen "Salonlinken" hielt und wie gesagt, es ist für mich ein schönes Schimpfwort. Dennoch: Vorsicht, Vorsicht. Ich will ja keinen Brief von dessen Anwalt. Eine Klage an der Backe hat nämlich nun der ehemalige "Cicero"-Online Verantwortliche Alexander Görlach, aktuell Head of the Website The European. Dort hatte Görlach vor ein paar Tagen behauptet, unter Naumann sei es bei "Cicero" zu einem "Linksruck" von Redaktion und Magazin gekommen (der Artikel ist vorläufig vom Netz genommen).

GOD DAMNED! EIN LINKSRUCK. Naumann wehrt sich mit aller Kraft. "Absolut falsch und zudem geschäftsschädigend" seien solche Aussagen, lässt er sich heute im 'Tagesspiegel' zitieren. Als Beweis nannte er unter anderem den "Politikberater Michael Spreng" als "Cicero"-Autor, und sprach davon, dass er andere Sorgen habe, als über "ideologische Geografien" zu debattieren.

Nun ja, dergleichen sage ich manchmal auch, wenn ich dann doch einmal zu einer klaren Haltung genötigt werde, stolz bin ich darauf allerdings nicht.

Man stelle sich vor, Naumann hätte so reagiert. "Sie haben Recht, der Ringier-Verlag und ich haben beschlossen, mit 'Cicero' ein wenig nach links zu gehen. Ja, wir wollen ein linksliberales Montagsmagazin werden. So eins fehlt in Deutschland. Im Editorial der nächsten Ausgabe erkläre ich, was ich unter einem modernen linken Magazin-Journalismus verstehe. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch kluge konservative Autoren wie Michael Spreng Platz geben wollen. Schauen Sie sich an, was die Wochenzeitung 'Der Freitag' macht, wir machen es anders, aber ein wenig..."

Etc. etc. Aber ich kann es ja verstehen. Es ist nun einmal verdammt schwer, sich zu bekennen, und gar alles sträubt sich in einem, wenn man quasi dazu genötigt wird.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (40)

Magda 28.04.2010 | 14:33

"Schauen Sie sich an, was die Wochenzeitung 'Der Freitag' macht, wir machen es anders, aber ein wenig..."

Wäre das nicht "Geheimnisverrat" gewesen? Sowas plaudert man doch nicht aus. Und manchmal verbirgt man diese Absicht ja auch so, dass sie auch gar nicht richtig verifizierbar ist. Wer weiß, wie lange man suchen muss dann in dem geänderten "Cicero", bis man das erkennen kann.

goedzak 28.04.2010 | 15:59

Sich so anzuschauen, was da abgeht zwischen den Naumännern und Gör-Lachern und denen da in diesen Kikeriki-Magazinen ist doch auch irgendwie ein Blick von oben herab ins Terrarium, nicht?! Ich verstehe ja immer besser, was Sie damals gemeint haben... :))
Und Sie haben einen sehr schönen subtil zynischen Ton (bitte, das ist hoch anerkennend gemeint) gefunden in diesem Textchen da oben.
Was das 'Links'-Sein angeht, höre ich da doch ein wenig das Empfinden einer 'Bringe-Schuld' heraus? Was kann ich tun, um Sie davon zu erleichtern? Sehen Sie, meine Ossi-Erinnerung lässt mich daran denken, dass es vor '89 nur im Westen 'Linke' gab. Das waren unsere Verbündeten, "aber nicht unsere Freunde!", wie mein Schuldirektor mit Blick auf die langhaarigen Studenten gern sagte. Und es gibt auch heute noch diverse Alt-Ossis in hiesigen Gegenden, für die 'Linker' und 'Wessi' Synonyme sind, weshalb die auch nicht links sein wollen.
Was mich angeht, so schwant mir seid einiger Zeit, dass 'links' nichts weiter als eine Art Distinktionssymbol ist. Verstehen Sie, was ich meine? So wie es früher Bier- und Weintrinker gab, gibt's heute eben 'Linke' und 'Rechte'.
Ja, ich weiß, da gibt's noch die, die gerne sagen, links und rechts, das ist von gestern, es geht um die Umwelt (oder um's Geld, keine Ahnung). Schätze das könnte der neue trend sein, 'nicht links/nicht rechts, sondern vernünftig' ist das neue 'links'?!!

Weiß der Himmel, zum Glück bin ich aus dem Alter raus.
Habe ich Ihnen mit meinen Äußerungen helfen können?

Danke für den hübschen Text!!

Katharina Körting 28.04.2010 | 16:18

Das habe ich auch mit mildem Staunen ein bisschen verfolgt... (konnte den Text noch querlesen, ehe er runtergenommen wurde)

Eine wenig possierliche Posse? Wichtigtuerei auf beiden Seiten? Ein bisschen Marketing für den eher langweiligen European und dessen nicht durch RocknRoll und Foucault, sondern durch Fleischauer und Moppelfröhlich viel zu wenig durcheinandergebrachten Chief of blablabla?

Am lustigsten an der ganzen Sache: Naumann - LINKS?
ich dachte immer, das wär da, wo der Daumen rechts ist. Ist Görlach etwa ein Daumen? Na? Seh'n se.

Korinthenkicker.

Anette Lack 28.04.2010 | 18:08

Lieber Michael Angele;

danke für den Text. Ich liebe besonders das GOD DAMNED!

Nur: Naumann, ein Salonlinker? Hm. Meinen Sie wirklich, die Hamburger SPD - bitte, wir sprechen von der SPD, die mal Helmut Schmidt beheimatet hat, und wer einmal mit ihm oder seiner Frau Streuselkuchen gegessen hat, der weiss, da ist nichts, aber auch gar nichts mit Salon! - hätte einen Salonlinken als Bürgermeisterkandidaten aufgestellt?

Mir erschien er hier eher á la SPd, gesettled; eher in die feinen Fussstapfen von Klaus von Dohnanyi tretend. Hier gibts ja immer nur zwei Bürgermeistertypen, die auf ihre Art Hamburg repräsentieren: Die Nüchtern-Bodenständigen wie Runde oder die Feinen wie Dohnanyi. Und die Mischform aus beiden, das ist dann Ole von Beust...

Jedenfalls, schon der leiseste Verdachts eines Hauchs von Salon wäre hier ganz schlecht angekommen. Eine Pris Persilweiss dagegen, unterlegt mit etwas Mahagoniglanz und der winzigen Nuance eines Mont-Blanc-Füllers, im Hintergrund wird Homer zitiert, während in der Küche die Kartoffeln kochen - so etwas kommt hier gut an.

Aber für den Cicero, der möglicherweise vorher ziemlich rechts stand - durfte eine gewisse Blondine da nicht ihre Thesen verbreiten? - ist DANACH möglicherweise fast alles ein Linksruck... :)

B.V. 28.04.2010 | 20:34

"Ich bewundere Menschen, die von sich selbst ohne Wenn und Aber sagen können: "Ja, ich bin links". "

NEIN! Ich bewundere sie nicht. Aber ansonsten sehe ich es wie Michael Angele. Ich mag mich auch nicht platt als LINKS bezeichnen, es reicht schon, wenn andere das tun. Das mag daran liegen, dass in vielen Sachfragen ich sog. linke Positionen vertrete (werde ich jetzt nicht alle aufzählen). Es kommt aber auch vor, das z.B. fundamentalistische Linksextremisten mich als RECHTS ansehen. Das ist dann aus ihrem Blickwinkel sicher richtig. Im Grunde ist mir das aber alles ziemlich egal. Ich neige dazu mich als radikaldemokratisch sozialliberal (im Sinne des Freiburger Programms von 1972) zu bezeichnen. Das muß genügen.

koslowski 28.04.2010 | 23:14

Einerseits: schön formuliert und angenehm selbstironisch. Andererseits: solange Linke ein Problem damit haben, sich als Linke zu bekennen, wird das nichts mit der Gesellschaft der Freien und Gleichen. Und außerdem: Es hilft ihnen nicht, sich nicht zu outen. Siehe das Beispiel des konservativen sozialdemokratischen Ex-Kandidaten Naumann. Auch egal. Wahrscheinlich hat hat Goedzak Recht mit seiner Prognose: "Schätze das könnte der neue trend sein, 'nicht links/nicht rechts, sondern vernünftig' ist das neue 'links'?!!"

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Ehemaliger Nutzer 28.04.2010 | 23:53

Für die nächste Salonplauderei - heutzutage Smalltalk beim Hahnenschwanz - aus dem irgendwie linken Zusammenhang gerissen:

„Den ungerechtesten Frieden finde ich immer noch besser als den gerechtesten Krieg.“
Marcus Tullius Cicero

„Ich habe als Student unendlich viele Wahlkämpfe geführt – und alle verloren.“
Michael Naumann

„Ich habe mein Che-Guevara-T-Shirt übrigens auch mit Stolz getragen.“
Alexander Görlach

PS. Für den Verleger:
„Hast du ein Gärtchen und eine Bibliothek, so wird dir nichts fehlen.“ Marcus Tullius Cicero

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rainer-kuehn 29.04.2010 | 17:12

koslowski und goedzak haben wohl recht. aber links zu sein und es sagen mögen trauen bedarf mehr als vernunft. der wunderbare österreischische und irgendwie sein land auch liebende schriftsteller und polemiker michael scharang hat kürzlich sehr schön in der >i>konkret>/i> formuliert, daß, nachdem das bürgertum vom selbstgeschaffenen kapitalismus gefressen ist, der bürger durchaus heute nur bei einer gesellschaftlichen linken politikposition zu finden ist, die sich kommunistisch nennt oder doch wenigstens kraus, adorno, musil und solche `schreiber´ zustimmend aneignend gelesen hat. links zu sein und es immer zu vertonen ist also das einzige verhalten, das vernünftig ist. seid unrealistisch, fordert das vernünftige! das ist der neue linke realismus.

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rainer-kuehn 29.04.2010 | 17:50

Zum Glück! Ich stehe gewissermassen für eine ganze Generation.
das ist eine sympathische, mehrheitsfähige, aber eben auch nachträgliche legitimation für hier bepielgebende mir eh schon immer supekt gewesener derrida-supporter.
west77er punk, da mache ich mit. und was hat ein echter punker und gebliebener schon anderes zu verlieren als seinen (inneren schweine)hund und die rote haarfarbe ...

Spaßguerilla 30.04.2010 | 02:52

Dear Herr Angele,

Excuse our butting in in such a pig-headed manner, but since you seem to be so fond of the English language that you choose to drop English words in your texts seemingly at random, we deemed it not altogether out of the way to address you in that very idiom.

Much though we hate to spoil your day, we cannot resist the temptation. So
here goes:

It may well be the case that some people like to impress their audience by spicing up their articles with English expressions, like you have done here with GODDAMNED.
This expression, though, is rather inadequate, or, not to put too fine a point on it, it is simply wrong.

You may indeed come across the expression goddamned, which is a past participle and can as such be applied in an attributive way, like for instance: "Turn that goddamned sound-system down." Alternatively, the forms goddamn or goddam could be used in this context.

You obviously have a phrase in mind that you have overheard somewhere or other, the correct use of which seems to have quite escaped your listening comprehension abilities of spoken English. What you may have wanted to go for could be Goddammit! - which, incidentally, is an American expression.
In British, and therefore proper, English, this would read dammit.

As it can be assumed with some probability that you are trying to express annoyance through a swearword, you would in any case be much better advised to use an exclamation like for God's sake , for Christ's sake, for heaven's sake or for goodness' sake. There are a also the other classics good Lord or God Almighty, and there is the good old bloody hell which would serve the purpose perfectly. In addition, these expressions would have the advantage of being good English and no would-be German American hybrids.

No hard feelings, Herr Angele, but we are honestly absolutely fed up with Tom, Dick and Jerry (pun intended!) attempting to impress their readers or listeners with their English skills, when they know damn all about that language (not that most readers or listeners would notice).

So, the next time when you feel inclined to spice up your texts with English expressions where a plain German word could be used without risking an embarrassing mistake, do us a favour and think again. Please do not spoil your text with bad English; and we do implore you on our knees not to spoil the English language with wrong pretences.

Sincerely,

Spaßguerilla

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rainer-kuehn 30.04.2010 | 03:05

Man stelle sich vor, Naumann hätte...
ich stimme zu, daß 'salonkommunist' einen peijorativen klang hat, eine revoluzerattitüde an reicher ideeller kleinteiligkeit markiert.
deshalb möchte ich ein buch empfehlen, von ulrich weitz. es ist bei stöffler schütz 1991 erschienen, schreibt die biographie von eduard fuchs und hat den wunderbaren titel: salonkultur und proletariat.

Anette Lack 30.04.2010 | 11:58

Oh lá lá! Interessant, zu welchen Assoziationen die französische Sprache einige hier (ver)führt... :D

Ehrlich gesagt, hatte "Je m' appelle" nur einen Grund: Es passt gut zu meinem (französischen) Vornamen.

Mit dem zweiten heisse ich Dorothea ... dann hätte ich es auf Latein geschrieben. Hört sich aber nicht so schön an, wie Ihr zugeben müsst...

Ansonsten ... genießt den Frühling!

(und zurück zum Topic....)

rotstift 29.05.2010 | 06:41

na endlich mal jemand der klare ansagen macht: sozialliberal, na gut auch schwammig, aber wenigstens nicht links. und nicht 'platt links' - sondern gar nicht. Uff, der erste hat sich geoutet. Wars wirklich so schlimm zu sagen, nein, ich bin nicht links? Als ob daran ein Stigma hinge. Was ist damit verloren? Einkommen stimmt, Mode auch, die Wahrscheinlichkeit selbst arbeitslos zu werden geht gegen null. Wer VERLANGTE denn da noch das linkssein? Wer aber diese bösen fundamentalisten sind, die sie meinen, weiß ich nicht. Meinen sie Leute, die die Gesellschaft verändern wollen, meinen Sie ganz einfach - Linke?

rotstift 29.05.2010 | 06:46

na dann wärs doch mal ZEIT die Konsequnezen zu ziehen oder? Dieses Blatt ist eine Gründung aus Blättern die sich in Ost wie West als links verstanden haben - in der Zeit kann man/frau gemau so gut parlieren, ohne einen politischen zweck.

P.S: Schön übrigens,d ass Sie, der sie die Arbeiterschaft so skeptisch beäugen, jetzt selbst zugeben, dass man des Lied singt, des Brot man isst. Sie sehen also selbst: Intellektuelle sind manchmal proletenhafter als -Sie - denken? Oder haben Sie das schon immer (von sich) gewusst?? ;)

rotstift 30.05.2010 | 04:37

Ich kommentiere jetzt nicht meinen Kommetar, sondern den Umstand dass ich hier in aller Punk-ererbten, und damit ja west-sanktionierten, Freiheit, - zensiert werden soll. Kann mir bitte jemand erklären warum ich auf eine freie Meinungsäußerung hin hier 'verwarnt' werden kann, von wem und warum? Ich weiß es, nur soll man sich von der Moderation dazu bekennen. Ich werde verwarnt, weil ich im Unterschie zur Masse in diesem Pfad, wirklich inhaltlich links, das heißt ökonomische Zwänge deutlich machend, analysiert habe. Und da hört nämlich bei unseren ach so 'irgendwie'-linken das freiheitlich-linke ganz schnell auf. Besser hätte man den Unterschied zwischen 'irgendwie-nicht-links' und links nicht selbst erklären können. Its the economy, stupidd.

Sollte sich aus dieser Verwarnung oder weiteren Verwarnungen irgendeine Beschränkung meiner Meinungsfreiheit hier im Forum ergeben, werde ich mich sofort mit der Chefredation in verbindung setzen.