Sommer der tiefen Blicke

Buchkritik Volker Weidermanns neues Buch "Ostende" erzählt historische Begebenheiten mit literarischen Mitteln, gibt aber nicht zu, fast ein Roman zu sein. Ein Fehler
Michael Angele | Ausgabe 16/2014 11

Es ist schon ein sehr verführerischer Stoff, den Volker Weidermann da aufgearbeitet hat. Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft erzählt die Geschichte einer seltsamen und anrührenden Schriftstellerfreundschaft (zwischen Joseph Roth und Stefan Zweig), und die Geschichte einer nicht minder seltsamen und anrührenden Schriftstellerliebe (zwischen Joseph Roth und Irmgard Keun). Noch ein paar Schriftsteller mehr sind auf der Flucht vor Nazi-Deutschland, die meisten Juden, sie begegnen sich ein letztes Mal in diesem belgischen Seebad, das heute ganz anders ausschaut: so viel Abschiednehmen, so viel Sonnenschirmschatten-am-fast-leeren-Strand.

Allerdings fällt noch ein Schatten auf das Buch. Er kommt von der Art, wie die Geschichte erzählt wird. Da steht zum Beispiel: „Irmgard Keun liebt Joseph Roth und sie schaut so tief in ihn hinein wie sonst niemand.“ Es gibt aber doch noch einen Anderen, der tief hineingeschaut haben muss: der Erzähler. Nun ist Ostende ein Buch, das den Leser in eine Stimmung versetzen will, wogegen nichts zu sagen ist. Aber genau das hat bei mir nicht funktioniert. Sätze wie der obige haben mich verstimmt. Ich musste mich nun ständig fragen, woher der Erzähler dieses und jenes weiß. Zweifellos ist viel Wissen in das Buch eingegangen, an seinem Ende werden die Quellen summarisch genannt: Gespräche vor allem, Seminare, ein paar Bücher.

Hielte man einen Roman in der Hand, ließe sich von dichterischer Freiheit sprechen. Ostende ist aber kein Roman, sondern ein Hybrid. Mit einfachen literarischen Mitteln wird eine historische Begebenheit erzählt. Der Erzähler ist allwissend und vom Autor nicht zu unterscheiden. Er ist sich aber nicht nur der äußeren Fakten sicher, sondern auch der Gemütszustände und Gedanken seiner Protagonisten, die notabene ja nicht fiktive Gestalten sind, sondern historische Figuren sein wollen, aber oft dann doch nur klingen wie eine Rezension von Volker Weidermann in der FAS.

Zuviel an hermeneutischer Einfühlung

Ein beliebiges Beispiel: „Anfang Mai setzt sie sich in den Zug, Hauptsache raus aus dem Land der braunen Pest, des Unrechts, der Bücherverbrennung. Sie will ans Meer. Es macht die Gedanken weit, findet sie.“ Die Zugfahrt der Irmgard Keun wird schon stimmen, ihr Motiv ist nachvollziehbar, aber wie verhält es sich mit einer schlichten Wahrheit wie „Es macht die Gedanken weit, findet sie“? Vielleicht stammt sie aus einer Briefstelle, vielleicht ist sie aber auch dazugedichtet.

Man mag einwenden, dass die Geschichte eben ausgemalt wird, jedes Biopic verfährt so. Und doch stört mich das Verfahren hier stärker als bei einem Film, kann sein, dass das mit einem Restglauben an die Autorität der Schrift zu tun hat. Ich empfinde es sogar als übergriffig. Kann es ein Zuviel an hermeneutischer Einfühlungskraft geben? Kann man Toten gefallen wollen? Natürlich wäre es möglich gewesen, Zweifel einzubauen, mit Leerstellen zu arbeiten (nach Wolfgang Iser das Kennzeichen von Literatur). Es wäre auch möglich gewesen, die Materialität stärker zu betonen, wie ja gegen Ende tatsächlich häufig und erkennbar aus Briefen zitiert wird. Sogar eine Rahmengeschichte wäre möglich gewesen, der Leser hätte erfahren können, wie der Erzähler an den Stoff gekommen ist, was ihn daran interessiert, auch was uns von jenen Menschen trennt.

Es wäre mit anderen Worten möglich gewesen, einen Roman zu schreiben.

2011 erschien ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch ein Buch mit dem Titel Die Herrlichkeit des Lebens. Es erzählte von Kafkas letzter großer Liebe. Der Klappentext nannte das Verfahren des Autors Michael Kumpfmüller: „Kafkas Tagebücher, seine Briefe und letzten Texte kennt er genau und webt sie zart in die Erzählung ein.“

Den Umschlag zierte ironischerweise das gleiche Sujet wie Ostende, ein Strand, fast menschenleer. Mal abgesehen davon, dass solche Sujets schon deshalb so verführerisch sind, weil sie das Thema des Buches mit der idealen Lesesituation verknüpfen (Urlaub, Strand, Sehnsucht), wofür es bestimmt einen semiotischen Fachbegriff gibt: Bei Ostende blickt der potenzielle Leser von oben auf einen Strand und ein paar Sommergäste, und antizipiert so Stefan Zweigs Blick aus seiner Loggia aufs Meer, wie er am Anfang des Buchs exponiert wird. Bei Kumpfmüller sieht man, klein, einen Mann mit Hut im Sand kauern, er wirkt etwas verloren und man denkt, ja das könnte Kafka in Graal-Müritz sein (und fragt sich, wo Dora Diamant ist).

Der Historiker beschreibt Geschichte, wie sie war, der Dichter, „wie sie sein könnte“, heißt es bei Aristoteles. Auf dem Umschlag bei Kumpfmüller steht: Roman. Bei Weidermann: nichts. Es ist eine Marginalie, die den Unterschied machen kann. Die meisten Menschen wollen nun einmal lesen, 'was war', und nicht, wie es hätte gewesen sein können. Ostende ist ein Bestseller, Die Herrlichkeit des Lebens war es nicht.

Volker Weidermann, Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft, 160 Seiten, 17,99 Euro

06:00 22.04.2014
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 11

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar