Thomas Manns Erben

Kommentar Sarrazin war gekommen, um die Welt des Buches zu retten. Aber die Deutschen geben mehr für Gartenarbeit aus als für Bücher. Ein Fazit von der 62. Frankfurter Buchemsse

Diese Buchmesse gab einem das beruhigende Gefühl, dass es dem guten, alten Buch viel besser geht als befürchtet. Schwer zu sagen, warum dem so war. Gewiss lag es an den wunderschönen Ausgaben, den Prachtbänden, die an vielen Ständen zu sehen waren, vielleicht aber auch an der großen Zärtlichkeit, mit der, so wenigstens meine Beobachtung, die Bücher in die Hand genommen wurden. So als sei das Buch ein besonders gefährdetes Kind, ein „Sorgenkind des Lebens“ (Thomas Mann) quasi, dem nicht nur die Nachbarn (TV, Computer) zusetzen, sondern die eigenen digitalen Geschwister. Gewiss, die Veranstaltungen zum E-Book gab es, aber hätte nicht Sascha Lobo getrommelt, wären sie noch mehr untergegangen.

Die marginale Stellung der so genannten „Medienrevolution“ auf der Buchmesse kommt natürlich nicht von ungefähr. Diese Messe hat ja viele Aufgaben, vor allem aber soll sie einen materiellen Träger in einen Fetisch verzaubern, der so viel mehr als jener bedeutet. Sie führt uns also die sagenhafte „Welt der Bücher“ vor Augen. Es ist eine fantastische Welt, wirklich, und es ist die einzige, die wir scheinbar exklusiv haben. Barbaren lesen keine Bücher, Muslime bekanntlich nur eine einzige Sammlung von Versen, der Rest, der uns bedroht, Chinesen, Inder et al. vermutlich nur Computerhandbücher.

Hier nun ist von Thilo Sarrazin zu reden. Sarrazin war auf der Buchmesse, besser gesagt, er ist dort erschienen – und zeigte sich in seiner wahren Bestimmung, die da lautet, der Retter dieser sagenhaften Welt der Bücher zu sein. Davon zeugt natürlich schon die Million verkaufter Exemplare von Deutschland schafft sich ab, die ins Non-Reader-Segment ragen wie zuvor nur Bushidos Biographie. Aber kein charismatischer Heilsbringer ohne Gefolgschaft, anders gesagt, kein Sarrazin ohne treue Reporterseele. „Die Messe des Thilo Sarrazin“ lautete der Feuilleton-Aufmacher in der letzten Ausgabe der FAS.

Und der las sich so: „Prüfend nimmer er ein weiteres (Buch) in die Hand: Tania Blixen und Joseph Roth, Katherine Mansfield, Thomas Wolfe und Henry James, eigentlich alles, was Rang und Namen hat, der Prachtband der Odyssee liegt besonders gut in der Hand, in dem blättert er lange. (...) Wir schlendern weiter. Schiller und Fontane kommen in Sicht“. Und so weiter. Angereichert wurde das Zeugnis von diesem Buch-Weiher durch allerhand Reminiszenzen an Thomas Manns Bildungsroman Der Zauberberg – „Thilo Sarrazin, dieses Sorgenkind des Lebens“ –, die vielleicht etwas verschroben wirken, jedoch den notwendigen Rahmen bilden, um eine Lichtgestalt sui generis zu erzeugen. „Sarrazin steht in der warmen Abendsonne. Der ICE kriecht heran. Wir geben uns die Hand, Sarrazin sieht einem in die Augen. Ich sage ,alles Gute‘ und muss an den Zauberberg denken, Settembrini mit Hans Castorp am Davoser Bahnhof.“

Aber man täusche sich nicht, das hier ist Frankfurt, nicht Davos, und der Krieg, in den dieser neue Held zieht – „Kämpfe tapfer“! –, ist anders als der blutige Erste Weltkrieg des Hans Castorp ein Bücherkrieg. Bleibt anzumerken, dass der durchschnittliche Haushalt in Deutschland nach einer eben veröffentlichten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwd) zwölf Euro im Monat für Bücher ausgibt. Das sind vier Euro weniger als für Gartenarbeit, aber doch drei mehr als für „TV- und Videogeräte, TV-Antennen“ und immerhin fünf Euro mehr als für „Bild-Daten- und Tonträger einschließlich downloads“. Man sieht, der Kampf wird hart, aber er ist nicht hoffnungslos.


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14:10 13.10.2010

Ausgabe 42/2021

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