Clash der Narrative: Weniger Geschichten wagen

Kollektive Erzählungen Der Krieg in der Ukraine ist nicht der erste Konflikt, in dem mit „historischen Narrativen“ um sich geschlagen wird
Clash der Narrative: Weniger Geschichten wagen

Illustration: Janik Söllner für der Freitag

Nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine sind Menschen und Gesellschaften in „historische Narrative“ verstrickt; man denke nur an den Nahostkonflikt. „Historische Narrative“ können verblassen oder ganz verschwinden, aber ich habe noch nie, wirklich noch nie erlebt, dass jemand, der ein bestimmtes Narrativ vertritt, seine Sicht wegen eines anderen Narrativs revidiert hätte. Historische Narrative lösen Konflikte nicht, sondern befeuern sie. Sie sind agonal, nicht konsensuell; dass sie mit teils imponierendem Wissen daherkommen, macht es nicht besser.

Hoffnung auf Protest

Angesichts der eigentlichen Menschheitsaufgabe – unsere Erde zu retten und diese Rettung zur neuen „großen Erzählung“ zu machen – würde man am liebsten für eine radikale Geschichtsvergessenheit plädieren, aber nützlich wäre schon ein relativistischer, „postmoderner“ Umgang mit kollektiver Geschichte. Was meint das? Wer die deprimierend breite Unterstützung für Putins Angriffskrieg in der russischen Gesellschaft verstehen will, ist mit dem Verweis auf Zensur und Propaganda gut, aber nicht ganz bedient. Sagen wir so: Wenn überhaupt Hoffnung auf einen breiten Protest gegen Putin besteht, dann müsste sie von einem Bevölkerungsteil kommen, dem die Dokumentation des letzten Italien-Urlaubs auf Instagram näherliegt als die Versenkung in die Details der Kiewer Rus.

In einem brillanten Aufsatz für den Band Sirenen des Krieges verweist Nina Weller nicht nur darauf, wie ein bei uns kaum bekanntes, 2006 veröffentlichtes Buch mit dem Titel „Das dritte Imperium. Russland, wie es sein soll“ als Blaupause des Kriegs gegen die Ukraine gelesen werden kann – Putin heißt hier „Wladimir II.“ –, sondern auch darauf, wie diese Retrofiktion einer russischen Großmacht im Jahre 2053 im Kontext der Konjunktur „historischer Narrative“ verstanden werden muss. Seit dem Ende der Sowjetunion sei die russische Kultur „weniger literaturzentriert als mehr geschichtszentriert“, wobei „Spielarten des Neoimperialismus“ populär wurden.

Netflix-Abo

Das würde uns nicht an den Rand eines Weltkriegs bringen, wenn diese Aneignungen als Fiktionen und nicht als Quasi-Handlungsanweisungen und Legitimationen verstanden würden. Um beim „Dritten Imperium“ zu bleiben: Autor des Buches ist der Politiker und Geschäftsmann Michail Jur’ev, der, so lese ich bei Nina Weller, in der Eurasischen Partei und später als Vizesprecher der Duma und Abgeordneter der Jabloko-Partei aktiv wurde. 2000 verlegte er seine Geschäfte in die USA, was ihn nicht hinderte, Bücher über Russlands neu-alte Herrlichkeit zu schreiben. Man könnte sich diesen Jur’ev sehr gut in einem Roman von Wladimir Sorokin vorstellen. Sorokin verwandelt schwülstige imperiale Träume in ätzende Satiren – und also in Literatur. Aber man muss gar nicht hoffen, dass sich ein Volk von Hobbyhistorikern ästhetisch läutert.

Es reicht im Grunde genommen ein Netflix-Zugang (der in Russland gerade gesperrt ist), den auch viele besitzen, die für die Zeichen des „Großen Vaterländischen Krieges“, die man an jeder Straßenecke sieht, empfänglich sind. Außer vielleicht in Nordkorea existiert ja nirgendwo eine hermetische Kollektivgeschichte. Deshalb war es klug, dass die Pop-Ikone Arnold Schwarzenegger den Russen in einem Video ins Gewissen redete, in dem er von seiner jugendlichen Bewunderung für Juri Petrowitsch Wlassow, den legendären Gewichtheber, erzählte, und davon, wie er sich mit seiner Bewunderung gegen den Vater durchsetzte, der vor Leningrad gekämpft hatte und die Russen nicht mochte. „Kurios, dass ich so etwas sage. Diese Botschaft an die Russen ist viel besser als Thomas Manns Radioansprachen ‚Deutsche Hörer‘“, schreibt der Publizist und Historiker Gustav Seibt auf Facebook.

Zwei Narrative

Auch in der ukrainischen Gesellschaft nimmt die Geschichte einen großen Platz ein, und im Mittelpunkt steht auch hier der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Georgi Kasjanow unterscheidet zwischen zwei Narrativen: grob gesagt, dem sowjetisch-nostalgischen (in den Süd- und Ostgebieten der Ukraine vorherrschend) und dem nationalistischen, die Details findet man in einem kundigen Aufsatz von Stanislav Serhiienko.

Zu Beginn seiner Präsidentschaft war sich Wolodymyr Selenskyj bewusst, dass er diesen Clash der Narrative in seinem Land entschärfen muss: „Wenn wir schon eine so komplexe Geschichte haben, lasst uns eine gemeinsame Geschichte aufbauen. Lasst uns Menschen finden, deren Namen nicht zu Kontroversen führen, weder in unserer Gegenwart noch in unserer Zukunft“, sagte er in einer Rede, vor dem Krieg.

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