VEB Sinn und Zweck

Fragekunst Seit Neuestem hat das Leipziger Centraltheater einen Hausphilosophen: Guillaume Paoli, vorher ein "glücklicher Arbeitsloser". Wir haben ihn besucht


Ich wurde von Sebastian Hartmann, dem Intendanten des Leipziger Theaters, angesprochen. Man kannte mich über die Berliner Volksbühne, die sich für unsere Initiative der „glücklichen Arbeitslosen“ interessiert hatte. Selbst wäre ich nicht auf die Idee gekommen, aber es ist natürlich witzig, dass ein „glücklicher Arbeitsloser“ wie ich nun eine Stelle als Hausphilosoph


Darüber habe ich genug gesprochen. Da ist es ganz gut, dass ich nun hier am Theater bin. Da wird auch über andere Themen gesprochen. Ich habe in der Auswahl der Themen ja Narrenfreiheit.


Es arbeiten zu nennen, ist auch eine Projektion. Sie leben halt. Interessant ist, dass man begonnen hat, die „Arbeit“ der Bienen anders zu definieren. Man dachte lange Zeit, dass die Bienen ‚arbeiten‘, weil sie Honig produzieren, weil sie Waben konstruieren, nun denkt man, dass das Wesentlichen bei den Bienen die Bestäubung ist. Wo es keine Bienen mehr gibt, gibt es auch keine Obstbäume. In China kann man das in manchen Gegenden beobachten. Dort müssen nun die Menschen die Blüten bestäuben. Also ist die Stellung der Bienen in der Natur eine ganz andere.


Die Hornissen kommen zurück. Auch aus China. Und sie können ein Bienenvolk regelrecht dezimieren. Das ist wiederum sehr interessant, in China koexistieren die Bienen und die Hornissen seit Millionen Jahren. Warum?


Das braucht Zeit, vielleicht Millionen von Jahren. Es wäre natürlich denkbar, Bienen aus China zu importieren, die es den westlichen Bienen lernen.


Das ist bezeichnend. Mir ist genau das gleiche in einem Taxi passiert, als ich das erste Mal hier war. Das Theater hieß damals noch Schauspiel Leipzig. Gibt’s nicht, sagte der Taxifahrer. Leipzig ist bekanntlich keine Theaterstadt, eine interessante aber auch schwierige Herausforderung. Das Theater ist gerade dabei, in der Stadt anzukommen. Jetzt fangen Kritiker an, von einer „Leipziger Handschrift“ zu reden. Das hat schon eine Spielzeit gedauert. Aber auch ich musste erst ankommen. Viele haben am Anfang gefragt, „was macht der überhaupt, der Philosoph“ (lacht).


Zum Glück sind sie nicht alle gleich. Es gibt schon welche, die Bücher lesen (lacht). Und mit einem Schauspieler bin ich auf die Idee gekommen, einen Stadtrundgang anzubieten ...


Das Schwarztaxi ist etwas anderes, da wird im Taxi eine Geschichte erzählt, unseres heißt Rezessionsrundgang, wir stellten uns die Frage, was hat die Wahrnehmung der Krise mit der Stadt zu tun?


Vor allem älter. Leipzig war eine Stadt, als Berlin noch ein Fischerdorf war. ‚Der Leipziger‘ identifiziert sich auch ganz anders mit seiner Stadt. Er findet, dass es seine Stadt ist. In Leipzig kommt ­sofort eine Bürgerinitiative zustande, wenn etwas im Argen liegt. Ich denke, dass diese Mentalität eine große Rolle gespielt im Herbst 1989 .In der „Prüfgesellschaft Sinn und Zweck“, die wir gegründet ­haben gibt es einige, die damals sehr aktiv waren. Sie haben seither immer die Gesprächsatmosphäre jener Tage vermißt. Das ist eine Ebene meiner Arbeit, eine andere sind diese Sprechstunden hier, und wieder eine andere sind die Veranstaltungen im Foyer des Theaters. Ansonsten gibt es die internen Diskussionen mit den Regisseuren, den Schauspielern, den Dramaturgen: Was will das Theater heute?


Zwei Studenten haben mich auf eine Idee gebracht, die mich sofort gepackt hat: Interpassivität. ­Witzigerweise hatte ich das Wort schon zu den Zeiten der glücklichen Arbeitslosen verwendet, ­allerdings intuitiv. Wir sind nicht interaktiv, sondern interpassiv, sagten wir damals. Aber es gibt eine ganze Theorie dazu, Robert Pfaller, vor ein paar Jahren ist ­Slavoj Žižek auf den Zug aufgesprungen. Interpassivität verstehen sie als Delegation des Genießens, auch des Leidens. Ein kulturell verbreitetes Beispiel sind die Klageweiber an einer Trauer­feier.


Die Pornoindustrie ist nach dieser Theorie interpassiv, andere genießen für mich.


Hm, ja, Zizek meint, dass ein Mensch, der aus dem Internet 10.000 Filme auf die Festplatte geholt hat, den Computer an seiner Stelle die Filme genießen lassen kann. Die Idee wäre, laut Žižek, dass die Maschinen nicht nur von der Arbeit befreien, sondern auch von Konsum. Das würde uns glücklich machen.

 

Okay, es ist schwierig, zu definieren, was Theater noch leisten kann. Ich ging früher auch kaum ins Theater, nun habe ich eine ganz andere Sicht, ich vibriere mit.


Sie sollen nicht unbedingt. Aber ich finde, dass das körperliche Erlebnis im Theater einen anderen Wert hat, als vor der Kinoleinwand oder dem Computerbildschirm zu sitzen.

Aber was, wenn die Bühne von Bildschirmen zugestellt ist?


Es wird halt alles probiert. Aber nehmen wir den Humor. Da wird noch zu wenig gemacht, ich spreche jetzt nicht von Komödie oder Slapstick. Eher von ein bisschen Leichtigkeit. Aber das hat in Deutschland ja Tradition: Heiner Müller war ein sehr lustiger Mensch, aber seine Stücke sind es nicht besonders. Er wollte lieber Furcht erregen, als Gelächter auslösen. Interessant ist, dass er in den Interviews wirklich lustig ist.


Vermutlich haben sie Angst, nicht ernstgenommen werden.

Ist das auch Ausdruck einer Zeit?


Ich weiß nicht, Anlässe gäbe es ­genug. Auch in der Krise. Man müsste sich zum Beispiel über die Wirtschaftsexperten lustig machen, sie haben nichts voraus­gesehen, und prognostizieren ­dennoch munter weiter,Hans-Werner Sinn muss man dem Gelächter freigeben. Experten überhaupt! Ein Witz.


Ich muss, sonst mache ich mich lächerlich.


Nein, zu dieser Veranstaltung habe ich Imker eingeladen. Menschen aus der Praxis, hier aus Leipzig. Es gibt immer mehr Stadtimker. Die Bienen leben heutzutage lieber in der Stadt. Auf dem Land herrscht Monokultur, zwei Wochen nur Raps sammeln ... In der Stadt herrscht Vielfalt. Seit das Benzin bleifrei ist, kann man auch den ­Honig unbedenklich genießen. Dazu kommt: es ist ökologisch, der Honig kann dort verkauft werden, wo er produziert wird. Deshalb liegt die Zukunft der Biene in der Stadt. Und es wäre eine gute Sache für sozial Schwache, Sozialhilfeempfänger könnten Imker werden. Ein Bienenvolk kostet ja nichts. In Frankfurt wurde das gemacht, mit großem Engagement. Auf die Bienenidee bin ich überhaupt gekommen, weil dort eine Kunstaktion zum Thema stattfand.


Sie wollen auf neue Gedanken kommen – durch gegenseitigen Austausch und nicht, indem ich ­ihnen Weisheiten verpasse.


Nun gut, es heißt Praxis, aber es hat doch überhaupt nichts mit Geld zu tun. Also Geld zu verlangen, wäre ein Problem, man muss doch ein Ergebnis versprechen können, wenn es kosten soll. Aber eine philosophische Praxis muss zweckfrei sein. Programmatisch heißt das: Irritation dort verbreiten, wo Konsens herrscht, und Standpunkte dort festigen, wo Ratlosigkeit herrscht.. Es sollte ein ­Gespräch entstehen, das den anderen


Aber es geht doch in eine therapeutische Richtung. Das gibt es hier nicht. Mein erster, nein, mein zweiter Besucher kam in der Tat hier herein und sagte: „Ich bin schon seit Jahren in der Therapie. Aber ich komme nicht weiter, ­immer wenn ich mit meiner Therapeutin über den Sinn des Lebens sprechen will, sagt sie, halt, das ist nicht mein Bereich“.


Ja, aber dann habe ich ihm gleich eine Frage gestellt, bzw. seine Frage in Frage gestellt. Für mich ist das der philosophische Ansatz – wenn man die Frage selbst in Frage stellt. Die Art, wie sie gestellt wird, mit welchen Begriffen man fragt. Er fing also an: „Ich und die Gesellschaft, wir haben ein Problem“. Ich habe ihn gefragt: „Sind Sie denn nicht ein Teil der Gesellschaft? Sie nutzen eine Sprache, diese Sprache ist eine gesellschaftliche, eine ­soziale, Sie haben sie ja nicht ­erfunden.“ Das hat er eingesehen.


Ich bin als Philosoph eingestellt, habe aber nicht Philosophie ­studiert. Ich versuche, den Habitus des Philosophen zu durchbrechen. Viele haben Angst vor der Philosophie, sie sagen, es ist etwas sehrErnstes, voller schwieriger Begriffe. Ich aber sage, es tut nicht weh.


Genau (lacht). Und die Griechen hatten Humor! Nun gut, vielleicht ist es besser, von Spiel zu sprechen als von Humor, es muss ja nicht immer lustig sein. Man muss versuchen, die Dinge umzudrehen, eine Behauptung oder einen Glaubenssatz. Schauen, wie weit man das Spiel treiben kann; so wie Žižek mit seiner Interpassivität. Das war schon bei den „glücklichen Arbeitslosen“ so, wie kann man Arbeits­losigkeit positiv denken?


Wir haben versucht, diese Missverständnisse auszuräumen. Das war gerade das Interessante. Man man wartet auf Widerspruch, auf den man reagieren kann.

Provozieren ist ja gerade en vogue. Sarrazin, Sloterdijk. Was halten Sie davon?


Es ist nicht freies Spiel. Man spürt eine Richtung, einen Zweck: diese Leute wollen die angebliche Übermacht der Linken im Diskurs bekämpfen. Die Provokation ist mir da zu systematisch, ­dieses Anrennen gegen eine „Political Correctness“ führt zurück in den Mainstream des Neoliberalismus.

Ich finde es leicht, gegen den Mainstream zu sein, so lange man nicht gezwungen ist, es wirklich anders zu machen. Was raten Sie mir als Redakteur?


Es würde heißen, dass man die Themen antizyklisch besetzt. Mainstream ist nicht eine einheitliche Meinung, vielmehr eine einheitliche Dramaturgie, etwas wird etwas hochgeputscht, 68, Krise, zwanzig Jahre Wende, bald wird wieder das Klima kommen ... Die Aufmerksamkeit folgt einer vorhersehbaren Erregungskurve. Daraus resultiert eine Übersättigung.

Sind denn die Menschen, die zu Ihnen kommen, völlig frei von diesen Erregungen?


Über 1989 oder die Schweinegrippe natürlich schon diskutiert. Und das ist doch auch gut so.

Das Gespräch führte Michael Angele

Guillaume Paoli wurde 1959 in Frankreich geboren. Er lebt seit 1992 in Deutschland

07:00 19.11.2009

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