Versuch, das Endspiel zu verstehen

Pseudo-Experten Über wenig wird mehr geredet als über Fußball. Es nervt, aber abstellen lassen sich Unterhaltungen über den Sport nicht. Was tun?

Berlin, Prenzlauer Berg, April 2010. Wir sitzen in einem Restaurant in der Pappelallee und verfolgen das Halbfinale der Champions League. Barcelona gegen Inter. Hinter uns sitzen vier junge Männer, junge Väter vielleicht, vielleicht arbeitet der eine in einer Rechtsanwaltkanzlei, der andere in einem Werbebüro, ganz normale Männer auf diesem Flecken Erde. Die Zeit läuft Barca davon, der Riegel der Mailänder scheint unüberwindbar, die Männer diskutieren heftig. Nun ja, das tun Männer in solchen Situationen gerne. Ungewöhnlich ist allerdings, dass diese hier sich fragen, welche Maßnahmen Louis van Gaal ergreifen würde.

Einerseits war ich vom Gerede dieser Typen genervt und wollte ihnen zurufen, dass sie bitte mal den Mund halten mögen, andererseits war ich eben auch fasziniert: Sie versetzten sich an die Stelle des Bayern-Trainers van Gaal, wenn der an der Stelle des Barca-Trainers Josep Guardiola gestanden hätte... Eine ziemlich raffinierte Form des anhaltenden Mega-Trends, der da heißt, wir spielen Fußballexperten. Aber was heißt da spielen? Vielleicht, keimt ein Verdacht auf, spielen wir ja diese Experten gar nicht nur, vielleicht sind wir es ja. Möglicherweise ist Fußball das einzige gesellschaftliche Feld, in dem es tatsächlich eine Unmenge echter, legitimer Experten gibt. Wen dem so wäre, wäre dann die altehrwürdige Kritik am Fußballgerede seiner Spitze beraubt?

Eine Parodie des Politischen

Es war Umberto Eco, der diese Kritik vor einer halben Ewigkeit, 1969, formuliert hatte. Damals war es für Intellektuelle noch nicht normal, sich für Fußball zu begeistern. Auf der Tagesordnung stand vielmehr, den Fußball als Sache der verblendeten, verführbaren Massen zu sehen. Aber was hatte Eco eigentlich genau kritisiert? Rasch den schon leicht vergilbten Band Über Gott und die Welt aus dem Regal gezogen und den Aufsatz wiedergelesen. Seine Kernthesen lauten:

1. Das „Sportgerede“ (sagt Eco allgemein, aber es trifft den Fußball im besonderen) trägt alle Merkmale politischen Redens. „Man beredet, was die Regierenden hätten tun sollen, was sie getan haben, was man wünscht, dass sie getan hätten...“. Aber es ist eben kein politisches Reden, es ist dessen Parodie und dessen Ersatz.

2. Das Sportgerede entspricht der „phatischen Funktion“ der Sprache. Diese wichtige Funktion im Kommunikationsprozess baut eine Verbindung zwischen den Sprechenden auf – so wie es etwa die Frage „Wie geht es?“ tut. Sportgerede dient also nicht in erster Linie dem Austausch von Wissen, sondern dazu, den Kontakt zwischen den Sprechern zu halten. Es ist in etwa so, als würde auf die Frage nach dem Befinden nicht geklärt, wie es dem anderen wirklich geht. Und: „das Sportgerede ist noch etwas mehr, nämlich eine phatische Dauerrede, die sich trügerisch als eine Rede über das Gemeinwesen und seine Ziele ausgibt“.

3. Der Redende hält sich schon für sportlich, wenn er nur über Sport redet.

4. Alles Sportgerede ist Gerede über das Reden über den Sport. „Der heutige Sport ist im wesentlichen das Reden über die Sportpresse.“

Soweit Umberto Eco 1969. Übersetzt man die letztgenannte These in unserer Zeit, lautete sie, „alles, was wir über den Fußball wissen, wissen wir aus den Medien“ und ist also trivial. Ebenfalls hinfällig scheint die dritte These; beim Joggen zum Beispiel soll man ja geradezu dauerquatschen... Bleiben die Kritikpunkte eins und zwei. Ist das Fußballgerede immer noch als Ersatz für den politischen Diskurs zu bewerten? Oder ist das eine komplett naiv gewordene These geworden? Nun, ich zumindest kann das nicht behaupten. Zu oft ist es vorgekommen, dass ich einen Abend lang mit einem Freund über Fußball sprach, und mir dabei äußerst behaglich wurde, ich mich aber wiederum schlecht fühlte, wenn mir kurz durch den Kopf schoss, nun könntest du aber endlich das Gespräch auf einen anderen Gegenstand lenken (die letzten Wahlen, die Finanzkrise, persönliche Sorgen).

Den Eindruck, mich in einer „phatischen Dauerrede“ zu befinden, hatte ich dennoch nicht. Zwar wusste ich unter Umständen am Ende des Abends buchstäblich nicht, wie es dem Freund geht, dafür hatte ich den Eindruck, einer Sache wirklich auf den Grund gegangen zu sein. Das hängt mit der Art und Weise zusammen, wie heute über Fußball gesprochen wird. Seit den Zeiten der großen gebildeten Fußballverächter à la Eco ist es zu einer nachhaltigen Entwicklung in diesem Sprechen gekommen, die als „Versachlichung“ und „Professionalisierung“ beschrieben wurde. Was am oberen Ende der Pyramide eingesetzt hatte, in den Sportschulen, den Sportteilen der Qualitätspresse, ging sukzessive in die Breite – bis es im vergangenen Jahr im ZDF-Sportstudio ankam. Wenn der Eindruck nicht täuscht, hat die 3D-Analyse des Topspiels die Torwand als Schlüsselsymbol dieser Sendung abgelöst.


Was sind die Konsequenzen? Eine Vermutung: Das Reden über Fußball ist nicht mehr nur einfach „Ersatz“, es ist vielmehr auch eine Art Vorschule für Anderes, Wichtigeres. Erstaunlicherweise sind ja, bestimmt nicht nur unter meinen Freunden, die größten Fußballexperten zugleich die politisch hellsichtigsten Menschen. Auch für diese neue Diskurslage gibt es einen kanonischen Text, es ist Klaus Theweleits Buch Tor zur Welt von 2004. Besonders das letzte Kapitel, das die These erhärten will, es seien die „kleinen Fehler“, die Spiele entscheiden, hat Wirkung erzielt. Theweleit, den man zuvor als minutiösen und etwas manischen Autor von Büchern über das deutsche Freikorps (Männerphantasien) oder Gottfried Benn (Buch der Könige) kannte, entwickelt hier eine ebenso sachliche wie passionierte Sicht auf den Fußball, die das Staunen nicht verlernt hat. „Auch nach zwanzig Mal anschauen des Videos, ob in Einzelbildschaltung oder im Normallauf, begreife ich immer noch nicht, warum dieser Ball nicht ins Aus ging“, schreibt er über eine Aktion David Beckhams, die zum fatalen Ausgleich der Brasilianer gegen die Engländer im Viertelfinale der WM 2002 geführt hat.

Abschalten kann man das Gerede über Fußball nicht, gleich gar nicht während dieser WM. Will man ja auch gar nicht. Wünsch­bar wäre indes eine Art Ethos dieser Rede. Es ginge darum, als „Experte“ seinen Blick stetig zu verfeinern, das Staunen wieder zu lernen, aber auch, sich zu disziplinieren, sprich, sich zu beschränken, unter Freunden auch mal das Thema zu wechseln. Nicht immer alles sagen. In utopischer Perspektive: Sich am Rand des Verstummens zu bewegen (wie Samuel Beckett in seinem Stück Endspiel), in praktischer Hinsicht hieße das, öfter mal alleine zu schauen, und sich seinen Senf dazu denken; zum Beispiel: was wäre, wenn van Gaal anstelle von Jogi Löw stünde?

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12:00 27.05.2010

Ausgabe 38/2020

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