Von der Sexualität zur Sprache

Lachen Der Publizist Jim Holt schreibt eine kleine Geschichte des Witzes und macht dabei alles richtig
Ausgabe 40/2015
Hat man Loriot jemals lachen gesehen? Eben
Hat man Loriot jemals lachen gesehen? Eben

Foto: imago/teutopress

Wie schreibt man ein gutes Buch über Geschichte und Philosophie des Witzes? Nun, die wichtigste Regel lautet: Es darf selbst nicht zu witzig geschrieben sein, um genau das zu sein – zutiefst witzig. Das ist dem amerikanischen Bestsellerautor Jim Holt mit dem vorliegenden Büchlein prächtig gelungen. Man könnte es das Loriot-Prinzip nennen. Hat man Loriot jemals lachen gesehen? Eben. Der große Humorist ist selbst ein Agelast, ein Mensch, der nicht lacht. Er teilt dieses Verhalten mit Massenmördern (Stalin) und vielen Philosophen und Naturwissenschaftlern, Newton etwa, der nur ein einziges Mal in seinem Leben gelacht haben soll, nämlich als man ihn fragte, welchen Nutzen die Elemente des Euklid haben könnten. So liest man es bei Holt in einer der vielen Anekdoten, mit denen er seinen Gegenstand zum Leuchten bringt.

Eine weitere Regel für ein gutes Buch über Geschichte und Philosophie des Witzes lautet also: Erzähle Anekdoten, denn zwischen Witz und Anekdote besteht eine tiefe Verwandtschaft. Das begreift man gleich am Anfang des Buchs, Holt schildert da, wie er in einem Antiquariat auf den Band Der unanständige Witz. Theorie und Praxis stößt, Autor ist ein gewisser „G. Legman“. Holt hält das für ein absichtsvoll gewähltes Pseudonym (der G-Punkt. Der „Leg-Man“ im Gegensatz zum „Tit-Man“ ...). Wenig später las er allerdings in der New York Times vom Tod des „autodidaktischen Gelehrten des unanständigen Witzes Gershon Legman“. Also kein Pseudonym.

Schließlich gehört zu einem gelungenen Buch in diesem Genre, dass man tonnenweise Witze erzählt, sie aber beiläufig bringt, als „Beispiel“. Der Leser wird versuchen, sie sich zu merken (was ihm nicht gelingt), und giert förmlich danach. Ich habe mir gerade mal diesen Witz gemerkt: „Warum stinken Fürze? Nun, damit auch Taube ihre Freude haben.“ Dieser Witz ist vielleicht nicht sehr lustig, aber er ist sehr alt, man findet ihn schon in einer antiken Sammlung. Als ich den Artikel hier noch einmal auf seine Zitate überprüfte, merkte ich allerdings, dass ich ihn falsch memoriert hatte, nämlich mit der Pointe „Damit auch Blinde ihre Freude haben“.

Linguistic Turn

Das ist nicht schlimm, wie die Geschichte des Witzes zeigt, sind Witze wandelbar, Varianten entstehen, die Autorschaft bleibt meist im Dunkeln. In meiner Wendung mag der Witz nun vielleicht „raffinierter“ sein, politisch korrekt ist er natürlich immer noch nicht, aber das sind sehr viele Witze nicht. Kann man sich überhaupt eine Welt ohne rassistische und sexistische Witze vorstellen? Man kann, aber man muss sich die Welt dann auch ohne Witze über Rassisten und Sexisten vorstellen.

Das bringt uns zu Teil zwei des Buches, das natürlich mit Freud einsteigt. Für Sigmund Freud war der Witz, jedenfalls der „tendenziöse“, Ausdruck eines zensurierten sexuellen Wunsches. Wie der Traum beruht er auf Verdichtung und Verschiebung, mit einem entscheidenden Unterschied: Träume sind oft nur schwer zu deuten, Witze wollen dagegen sofort verstanden werden. „In gewisser Weise ist ein Traum ein misslungener Witz“, schließt Holt lapidar. Eine gewitzte Bemerkung, aber ist sie auch ein Witz? Wo liegen die Grenzen dieser literarischen Kleinstgattung? Wie lang darf ein Witz sein? Wie kurz? Ein Zweiwortwitz: „Prätentiös? Moi?

Von den großen Theorien über den Witz – Überlegenheitstheorie, Wunscherfüllungs- oder Entlastungstheorie, Inkongruenztheorie – scheint letztere die tragfähigste: Humor entsteht dort, wo Vernunft und Logik aufbrechen, im besten Fall, um sie in ihre Schranken zu weisen, so im „spontanen Gegenbeispiel“, einer Sonderform des philosophischen Witzes („Es gibt nur ein aspiriertes s im Englischen, in dem Wort sugar“, erklärte der pedantische Professor. „Sure“, antwortete der legendäre Witzbold Ronald Knox).

Vielleicht führt es etwas gar weit, wenn man wie Holt die große Entwicklungslinie des Witzes analog zu dem, was man den „Lingustic Turn“ im jüdischen Witz nennen könnte (von der Sexualität zur Sprache), in seiner ständigen Verfeinerung sieht, aber wer das vorliegende Buch mit größtem Vergnügen gelesen hat, bestätigt durch seine Art der Lektüre diesen Befund im Kleinen.

Info

Kennen Sie den schon? Geschichte und Philosophie des Witzes Jim Holt Rowohlt 2015, 144 S., 12 €

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Geschrieben von

Michael Angele

Ressortleiter „Debatte“

Michael Angele, geb. 1964 in der Schweiz, ist promovierter Literaturwissenschaftler. Via FAZ stolperte er mit einem Bein in den Journalismus, mit dem anderen hing er lange noch als akademischer Mitarbeiter in der Uni. Angele war unter anderem Chefredakteur der netzeitung.de und beim Freitag, für den er seit 2010 arbeitet, auch schon vieles: Kulturchef, stellvertretender Chefredakteur, Chefredakteur. Seit Anfang 2020 verantwortet er das neue Debattenressort. Seine Leidenschaft gilt dem Streit, dem Fußball und der Natur, sowohl der menschlichen als auch der natürlichen.

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