Vorhang zu!

Glosse Die Theatersaison beginnt – und man sieht nur noch Literaturadaptionen. Sogar Sachbücher finden sich auf der Bühne wieder
Vorhang zu!
Ökonomisch gesehen noch schneller als Hörbücher: Literatur auf der Bühne

Foto: Felix Abraham/Imago

Eine Entwicklung, die seit Jahren zu beobachten ist, steuert in dieser Spielzeit einem neuen Höhepunkt zu: die Literaturadaption. Wobei längst nicht nur Romane bühnentauglich umgearbeitet wurden. Die Berliner Schaubühne überrascht in diesem Herbst mit einer Fassung von Rückkehr nach Reims von Didier Eribon, einem erzählenden Sachbuch also. Nun muss man schon ein großer Theaterhasser sein, um solche „Arbeiten“ für überflüssig zu halten und dem Publikum zu raten, doch einfach das Buch zu lesen oder, so es denn nicht anders geht, zum Hörbuch zu greifen. Sehen wir es ökonomisch: Wenn eine Aufführung durchschnittlich etwa zweieinhalb Stunden dauert, dann bieten einem die Theater vielfach Gelegenheit, sich einen bedeutenden Stoff noch schneller als durch ein Hörbuch anzueignen. Künftig wird man immer öfter hören: „Unterleuten? Habe ich nicht gelesen, aber gesehen.“ Ab November zum Beispiel in Bonn. Oder dann in Aachen, wo das Stück am 27. Januar 2018 Premiere feiert. Oder nehmen wir Michel Houellebecqs Unterwerfung. Hatte man jetzt keine Zeit zu lesen, aber wichtiger Stoff, Stichwort: Islam. Für Menschen mit Zugang zu den Theatern in Castrop-Rauxel, Halle, Heilbronn, Kassel und Mönchengladbach ein echtes Schnäppchen.

Glückliche Menschen leben auch in Bremen! Dort wird Knausgård auf die Bühne gebracht. Letzte Saison gezeigt wurden Teil 1 und 2 der Autobiografie; in sagenhaften 1,5 Stunden war man hier durch. Am 15. Oktober feiert jetzt Spielen Premiere, am 29. März dann Leben. Man darf gespannt sein, ob es noch einen Tick schneller geht! Eine besondere Serviceleistung findet das Bremer Publikum im Kulissenkeller seines Theaters. Dort kann man in nur zwei Stunden Franz Witzels Roman Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 bewältigen. Ein preisgekröntes Buch, in vielfachem Besitz, aber nicht immer ganz gelesen (832 Seiten!). So geht es einigen bestimmt auch mit Secondhand-Zeit von Swetlana Alexijewitsch. Das Buch enthält viele hundert Seiten Gespräche mit russischen Bürgern nach dem Ende des Sozialismus. Sehr interessant, aber eben … Nun bietet einem das Thalia Theater Hamburg die Gelegenheit, künftig zu sagen: „Ganz gelesen habe ich es nicht, aber ganz gesehen.“ Ergänzend dazu kann man sich Anleitung für eine Revolution von Nadja Tolokonnikowa anschauen. Das Buch der Pussy-Riot-Aktivistin dürften nur wenige überhaupt zu lesen angefangen haben. Auch im Thalia setzt man also auf das „erzählende Sachbuch“.

Großen Mut beweist man in Lüneburg und Meißen. Dort wird Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt feilgeboten. Sicher, der Name zieht, aber gibt es auf der vermessenen Welt noch Menschen, die diesen Roman nicht gelesen haben? Es wird sich weisen. Ganz anders die Ausgangslage in Erlangen. Dort feiern am 23. September Die bleichen Füchse von Yannick Haenel Premiere. In dem französischen Roman geht es um einen Aufstand der Migranten. Er erschien in Deutschland ein Jahr vor der großen „Flüchtlingskrise“ 2015. Da ist bestimmt noch viel Potenzial. Extrem der Adaption verpflichtet ist man schließlich auch in München. Viel Weltliteratur ist an den Kammerspielen zu sehen: Kamel Daoud, Jack Kerouac, Miranda July. Zum Ausgleich gibt es Mittelreich, den großartigen autobiografische Roman von Josef Bierbichler. Gespielt wird Bierbichler allerdings gar nicht von diesem selbst. Hier wurde der Bogen überspannt.

06:00 06.10.2017
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