Was hat Die PARTEI im Wahlkampf verloren?

Haltung Lenken die Aktionen von Sonneborn und Co von Wichtigem ab? Vielleicht sind sie genau die richtige Antwort auf den Politikbetrieb
Was hat Die PARTEI im Wahlkampf verloren?
Bestsellerautor Lo Graf von Blickensdorf tritt in Berlin-Wilmersdorf für Die Partei an

Foto: Rolf Kremming/Imago

Was sind das für finstere Zeiten, „in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viel Untat einschließt“: Wie ein schwaches Echo auf diesen berühmten Vers von Bert Brecht wirken die Klagen über Die Partei, die sich durch die sozialen Medien ziehen. Es nervt viele Leute, dass eine Kleinpartei so viel Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Und das mit Aktionen, die man zwar mehr (AfD-Facebook-Gruppen unterwandern) oder weniger (Zwangsabstieg des HSV fordern) gewitzt finden kann, die aber gemessen am Ernst der Lage doch ziemlich unbedeutend sind. „Was hast Du getan, als 2017 die AfD ins Parlament kam?“ – „Eine Spaßpartei gewählt.“ So brachte der taz-Redakteur Martin Kaul sein Unbehagen an den „vielen vermeintlich linksintellektuellen Spaßböldchen“ auf den Punkt. Etwas moderater, aber in der Sache ähnlich schrieb die junge CDU-Politikerin Britt-Marie Lakämper auf Bento: „Wer Die Partei aus Protest wählt, hält auch die Heute-Show für eine seriöse Nachrichtensendung. Und er ignoriert die Wichtigkeit der Bundestagswahl.“

Haben die Kritiker Der Partei recht, oder hat Die Partei recht? Offenbar muss man sich entscheiden, die Kommentare unter Kauls Posting sind entweder zustimmend oder ablehnend. Ein Ja, aber... findet sich nicht. Dabei fällt auf: Wer die Partei ärgerlich findet, argumentiert ernst und ohne doppelten Boden, wer sie mag, übernimmt deren zynischen, frotzelnden Duktus des Sprechens: „Und was hast du gemacht? SPD gewählt? Das ist eine Spaßpartei ohne gute Witze“, kommentiert einer, übrigens ein Freund.

In meiner Filterblase ist die Partei nämlich sehr beliebt. Das wurde mir klar, als Mode wurde, seinen Freunden die Resultate des Wahl-o-Mat-Tests mitzuteilen. Damit zu Karl-Ove Knausgård. Er ist in meinem Milieu, das man im weitesten Sinn als urban-linksliberal bezeichnen könnte, ebenfalls sehr beliebt. Allerdings aus den genau entgegengesetzten Gründen. Man kann sich nicht vorstellen, dass Knausgård jemals eine Satire schreibt, und wenn, dann wollen wir sie nicht lesen. Es heißt, dass sein autobiographischer Zyklus Mein Kampf süchtig macht, weil er den Alltag ernst nimmt. Jedes Tischgespräch eine Version eines Tischgesprächs, wie wir es selbst führen. Das stimmt aber gar nicht. Die Menschen bei Knausgård sprechen völlig ironiefrei. Sie lästern nicht und sie sind nicht albern. Das kann für das Milieu, aus dem Knausgård heraus erzählt, definitiv nicht stimmen. Aber es ist unser Wunschbild. Wir sind moderne, gespaltene Menschen, aber wir sehnen uns nach einem eigentlichen, ungebrochenen Leben. Das der reine Horror wäre. Nicht zufällig setzte sich Knausgård intensiv mit Hitler auseinander. Ein Mann vollkommen frei von Ironie, der genau das tat, was er dachte und fühlte. Ein schrecklicher Mann.

Damit zurück zur Partei. Sie soll bleiben, aber sie muss reformiert werden. Kaul hat ja recht: Inzwischen ist „die halbe deutsche Comedy-Industrie (Somuncu, der Psychotyp, Benecke, etc., übrigens, klar, alles Männer) in Kandidatenämtern für Die Partei. Und es mangelt nicht an Kapazitäten (...) für intellektuelle Psychospielchen“. Dabei gibt es frische Kräfte an der Basis. Einer wie Stefan Reckin, der im Wahlkreis Oberhavel antritt. In der Lokalpresse liest man, dass Reckin „Protestwähler“ zurückgewinnen will. Mit Ideen wie dieser: Anstatt die Verschwendung von Folie für den Anbau von Spargel zu beklagen, sollte man den Kunststoff zweitverwerten. „Ich werde mich für eine Kondomfabrik in Oranienburg oder Gransee einsetzen.“ Man kann das im Vergleich zu den raffinierten digitalen Aktionen der Partei-Elite für brachialen Humor halten. Aber es hat irgendwie etwas mit den Problemen in diesem Land zu tun. Ernsthaft jetzt.

06:00 15.09.2017
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