Michael Angele
03.09.2009 | 05:00 237

Wer hat geil Krebs?

Kommentar Mutig ist, über seinen Krebs zu schreiben. Es nicht zu tun, wäre fast schon Übermut. Ein Kommentar über die neue Bekenntnisliteratur

Vielleicht hat es auch mit Auschwitz zu tun. Damit, dass das Ungeheure aus unseren Köpfen verschwindet. Vielleicht war es ja vor noch nicht allzu langer Zeit so: Da schlägt bei jemandem, der immer schon gerne geschrieben hat und über eine gewisse exhibitionistische Neigung verfügt, das Schicksal zu. Es wird Krebs diagnostiziert. Er denkt sich, Mist, warum muss es ausgerechnet mich treffen, es ist so ungerecht, und er hadert, flucht und weint und nimmt den Stift zur Hand. Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab. Etwas, das Größer ist als er, und er sagt sich, was ist schon mein kleines bescheidenes Leben dagegen, und die Scham durchdringt ihn.

Es gibt dieses Dagegen nicht mehr, es gibt keine Transzendenz mehr, die einem die eigene Endlichkeit vor Augen führte und die Nichtigkeit lehrte, und also wird in die Tasten gehauen und es entstehen so erfolgreiche Bücher wie das von Christoph Schlingensief oder Spiegel-Titel wie der aktuelle. „Gestern wollte ich wieder sterben – Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs“ steht da in großen Lettern auf dem Umschlag, im Heft dann ein 13-seitiger Vorabdruck, der, darauf kann man wetten, als Buch (Das Leben ist der Ernstfall) ebenfalls ein Bestseller werden wird.

Nun ist es nicht so, dass dieser gern gelesene Exhibitionismus mit offenem Mantel und schmierigem Grinsen daherkommt – Leinemann verheimlicht die Schwächen, Zweifel und Nöte, die ihn seit der Entdeckung eines Zungengrund-Karzinoms heimsuchen, nicht. Verständlicherweise tut er nichts anderes, als sie zu beschreiben, aber der eine Zweifel, der fehlt: Ob man die Chose wirklich öffentlich machen musste. Ähnlich ist der Fall Schlingensief gelagert. „Ach Mann, ist das eine Kacke, so eine unendliche Kacke“, ist zurecht fast schon zum geflügelten Wort geworden, und wenn man neben ihm stünde, würde man ihn in den Arm nehmen. Aber man steht nicht neben ihm, man liest ein „Tagebuch“, das ein Fremder geschrieben hat.

„Ich war mal eine verbale Sau, aber ich bin es nicht mehr“, sagt (die, so weit bekannt, gesunde) Charlotte Roche ebenfalls im aktuellen Spiegel, ein geradezu postmodernes Geständnis. Man darf gespannt sein, wovon der angekündigte Nachfolger von Feuchtgebiete handelt. Vielleicht von der Bild-Zeitung, die sie abgrundtief hasst, weil der Erfolg des Blatts auf „Fragen wie ‚Wer ist gestorben?‘, ‚Wer hat geil Krebs?‘“ basiere.

Wer hat geil Krebs? – Fragen auf diesem Niveau mögen das Wesen der Bekenntnisliteratur unserer Tage verfehlen, und doch kann an ihnen die schlichte Tatsache aufstoßen, dass sie überhaupt geschrieben wurden. Es mag eine Leistung sein, das Publikum über seine Krankheit so zu unterrichten, dass es sich nicht langweilt, aber läge wahre Größe nicht auch hier im Verzicht? Das Problem, man könnte es die Anerkennungsfalle nennen, ist: Verzicht wird nicht belohnt. Wer beschließt, ein Buch nicht zu schreiben, weil ihn die Scham durchdringt, muss schon darauf hoffen, dass Gott anstelle des Marktes und des Publikums tritt und er auch wirklich, wie geschrieben steht, alles sieht.

Zum Glück gibt es Alternativen. Unser Vorschlag: Wenn die eigene Krankheit schon öffentlich gemacht werden muss, dann bitte mit dem Anspruch, es nicht unter dem Rang von Kunst zu machen (Merke: es könnte das letzte Werk sein!). Kunst über Krankheit zu machen, das heißt doch, blöd- und tiefsinnig zugleich zu sein, heißt, ihr ein Schnippchen schlagen. Es gibt Vorbilder, zum Beispiel die berühmten Gedichte des krebskranken, 2006 verstorbenen Robert Gernhardt. „Dialog“ heißt eines: „Gut schaust du aus!“ – „Danke! Werds meinem Krebs weitersagen. Wird ihn ärgern.“

Kommentare (237)

schlingensief 03.09.2009 | 22:54

So siehts also aus... bekenntnisliteratur. was wollen sie von mir hören? dass ich schreibe : "ich hoffe, dass herr angele auch mal krebs bekommt, damit er so einen scheißkommentar nicht mehr schreiben muß ?" oder soll ich sagen: hier will einer über sein alkoholproblem hinwegtäuschen? so einen dreck schreibt jetzt also der freitag? boulevarddreck a la kämmerling in der FAZ ? sollen wir wirklich unsere schnauze halten? vor einer woche bittet mich noch die freitagsspitze, ich solle doch bitte bei der rückzugsforderung der deutschen bundeswehr aus afghanistan unterschreiben. da war ich noch in den flitterwochen. und nun bekomme ich so einen dreckskommentar zu lesen? habe ich jetzt freitagskrebs? sie haben doch nicht mehr alle tassen im schrank oder besser ausgedrücktm, ihr habt gewaltig den arsch auf. dachte immer der freitag si noch lesbar, aber nun kommt: krebs, leiden, sterben = Boulevard ! wieviele leute haben krebs und sehnen sich danach, dass sie mal nachlesen können, was das eigentlich ist, was da los ist... und nicht in diesen horror-foren mit allem horrorschnickschnack, den man sich vorstellen kann. sie können gerne mal 20 sonderausgaben mit all den zusendungen von krebskranken, verwandten, priestern, ärzten, usw.... als freitags-sonderdruck rausbringen. die briefe liegen hier. menschen, die nicht mehr wissen was sie tun sollen. die keinem gott im weissen kittel ihre frage stellen wollen, weil sie angst haben, anschließend blöd behandelt zu werden..,.. weiss herr angele eigentlich was man als krebskranker für eine unglaubliche angst hat? hat er da überhaupt eine minimale ahnung von dem was er da schreibt. sollen wir alle ganz ehrenhaft schweigen, damit wir diese schreienden gsundheitsbilder im tv nicht stören: supermodelle, kräftige haare, weiß zähne, adoniskörper, dazu noch erfolgreiche börsenkurse und alles ist okay... und wir kranken sind zu laut? wie bitte ? ich kenne mittlerweile über tausende von leuten, die angst haben, zu ihrem krebs, zu ihrer verzweiflung, zu ihrer depression, fragen zu stellen.
wir schreiben mittlerweile unter www.geschockte -patienten.de . nicht um uns den neuesten darmkrebs auszumalen, sondern um uns selber zu fragen: bist du noch autonom? was war eigentlich diese autonomie bevor du den krebs oder ALS oder MS bekommen hast. und herr angele kennt das alles nicht. er ist kerngesund. er findet es ehrenhaft und anständig wenn wir schweigen... wenn wir keine fragen stellen, auch wenn wir hoffen mal jemanden außerhalb des krankenhaus zu treffen, der so eine chemo schonmal durchgemacht hat. was sie da mit dem SPIEGEL zu rupfen haben ist mir scheißegal. mir geht es um jeden einzelnen, der angst hat fragen zu stellen, seine ängste zu formulieren, sie zu transformieren, seine autonomie zu suchen...
auich wenn er sich in ihrem pseudo-engagierten kreis nichts mehr zu suchen hat. es sei denn, dass sich gleich am eingang als gescheiterter leidenspatron zu erkennen gibt. aber da haben sie sich sehr verrechnet !

ich habe doch selber während der Extremphasen nach literatur und aufzeichnungen gesucht ! nach notizen von jemandem, der diese frage nach gott, nach dem arzt, nach dem vorgang der behandlung , usw... möglichst sachlich mitteilt.
von susan sonntags selbstbetrugsliteratur, um zu zeigen, dass sie ganz distanziert darüber schreiben kann, obwohl sie sich da schon in die hose geschissen hat vor angst.(ich habe sie zumindest kennengelernt und am ende hat sie wie verzweifelt gefleht,... sie hat alles mitgemacht....) da hat also die akademische methode nichts gebracht. warum nicht also mal direkt nachfragen. warum geben sie ihr minibudget nicht endlich mal dafür aus, dass sie kranke besuchen, dass sie fragen zur gesundheitsreform stellen. mal was zur einsamkeit fragen. bei dem, der seinen job verloren hat, keine familie besitzt und kaum freunde hatte und dann auch noch gegen weiße flecken im körper als völlig verstummte todesboten zu kämpfen hat... was sagt der über ihre politikartikel, was sagt der über so einen scheiß kommentar wie dem von herrn angele ? was denkt der über ihre scheißarrogant? mein text entstand ohne literaturanspruch, ohne verleger im nacken ! ich habe nachts , wenn die angst kam, alles in dieses band gesprochen. dann die erste arbeit dazu im gorkitheater, zum glück ohne so freitags-boulevard-deppen wie sie, die leiden und sterben zum boulevard erklären... - ach lass doch, sagen meien freunde... nicht mal ignorieren würde ich dieses freitags-mini-blatt! nein, nein, sage ich ! ganz im gegenteil ! der faz-artikeldreck war der anfang für so obrigkeitshörige idioten wie dieser kommentarschreiber, der nun hofft eventuell zum vorstellungsgespräch bei der faz eingeladen zu werden ! wenn er sich da mal nicht getäuscht hat. die faz hat sich mittlerweile für diesen scheißartikel von herrn kämmerling bei mir und einem teil der anderen krebskranken entschuldigt! na bitte, geht doch.... jedenfalls habe ich dann noch DIE KIRCHE DER ANGST bei der ruhrtriennale und MEA CULPA an der wiener burg gemacht. alles künstlerische, sprich bild-/textbearbeitungen der fortschreitenden geschichte. und nun? nun bin ich verheiratet und seit einer woche wieder zuhause in berlin. mir geht es eigentlich sehr gut. ich habe zugenommen, meine haare sind mittlerweile lockiger geworden, meine entzündungen auf der haut sind verschwunden, im gesicht, am bein und und die abfallenden fußnägel sind wieder gut. Und gestern war ich wieder zur kontrolle in der röhre... und was soll ich ihnen in ihrem arroganten alkoholeifer sagen?: "Meine verbliebene lunge, rechte seite, ist wieder voller metastasen." und was nun herr angele. ? schnauze halten. "größe zeigen und schnauze halten !" wie sie sagen? ich denke gar nicht daran ! ich werde bis zum letzten moment davon erzählen, was sie sich nicht vorstellen können. und wenn ich sie damit nerve, dann legen sie mein buch oder meine texte einfach zur seit. saufen sie sich die sache abends gemütlich in den schlaf. denken sie es wäre ostersonntag und alle sind bereits in den himmel oder ins nirvana oder die hölle gefahren. es ist superruhig... die natur duftet... und sie sitzen ganz alleine an ihrem schreibtisch und wissen auch nicht was das zu bedeuten hat. Einfach schön ruhig bleiben, kann ich ihnen nur raten. zum glück ist keiner mehr da, der ihren scheiß anhören kann. und das haben sie sich doch insgeheim schon immer mal gewünscht ! Na bitte, geht doch !christoph schlingensief

paul fada 04.09.2009 | 00:37

auf der titelseite, ein derart verbloedeter und ekelhafter kommentar, und Sie, herr angele, finden einen ja durchaus passenden einstieg. der koennte zynischer und ueberfluessiger nicht sein und auch nicht billiger. die referenz ist entweder genauso sinn- und wertlos wie der restliche dreck oder aber, und davon ist doch bezueglich ihrer obskuren motivation wohl auszugehen, boesartig. sie und die redaktion sollten sich schaemen.

Titta 04.09.2009 | 00:52

Ich finde, Sie spinnen beide, Herr Angele wie Herr Schlingensief.

Herr Schlingensief war bestimmt nie in der Situation, einen Arzt finden zu müssen, dessen Medikamentenbudget noch nicht überzogen war, und daß sein Krebs fortschreitet, nur weil er nicht genug Knete hat (und ich rede hier von Beträgen von 500 € für die monatliche Tablettendosis). Und neben aller literarischen Krankheitsverarbeitung hat sonst wohl auch kaum ein Erkrankter die Möglichkeit, seine Krankheit zu vermarkten. Was als Anmerkung durchaus noch gestattet sein darf.

Außerdem bedarf es auch wohl nicht erst einer eignen Erkrankung, um schreiende Gesundheitsbilder im tv, supermodelle, kräftige haare, weiß zähne, adoniskörper, dazu noch erfolgreiche börsenkurse störend zu finden. Wer erst durch eine Krankheit über derlei zu reflektieren anfängt, was hat der, bitteschön, bis dahin eigentlich in der Birne gehabt?

Wieso Herr Angele, nur weil er wohl noch nicht an Krebs erkrankt ist, die beschriebenen menschlichen Ängste nicht erlebt haben soll, ist mir auch nicht schlüssig. Nur Krebskranke haben eine Ahnung von den wahren menschlichen Ängsten? Das kann es ja wohl auch nicht sein.

Mir geht, wie Herrn Angele, eine gewisse Art von Betroffenheitsliteratur auch auf die Nerven. Aber wäre hier nicht wirklich Schweigen angebracht, wie Herr Angele es auch von Verfassern fordert.

Was mich richtig anstinkt, ist dieses Gegen-den-Krebs-Ankämpfen-Gehabe, das quasi jedem Erkrankten aufgeschwätzt und von ihm als Haltung verlangt wird. So ein Blödsinn.
Wer Krebs hat, hat Krebs. Da gibt es nichts zu kämpfen. Entweder ist der Krebs so früh entdeckt worden und so wenig aggressiv, daß man eine Heilungschance hat, oder eben nicht.
Der Mensch kann nix tun, allenfalls marginal, er ist seiner Erkrankung ausgeliefert. Und genau das ist das, was so schwer auszuhalten und zu ertragen ist. Das ist das, was in die heutige Zeit nicht mehr zu passen scheint. Der Mensch ist nicht Herr seiner selbst. Aber das ist er immer schon. Ob mit oder ohne Krebs.
Nur manchen fällt das eben erst durch ihre Krankheit auf.
Mehr gibt's da nicht zu sagen.
Auch nicht im soundsovielten Betroffenenbuch.
Und gleichzeitig ist es für jeden Betroffenen doch einzigartig.

Leila 04.09.2009 | 02:07

Christoph, Herr Angele ist ein beknackter Penner, der nicht mehr mitkriegt was er schreibt. Wie kommt der Mann dazu seine emotionale Gestörtheit hier so laut rauszubrüllen? Ich produziere keine Texte, würde ich es aber tun und hätte ich aus dieser Position ein solch durchschlagendes Erlebnis wie Christoph, dann würde ich auch alles versuchen und 'das Beste' draus zu machen. Alles verstehen wollen, sich mit allen austauschen wollen und selber rumchecken was gehen könnte. Was soll daran verkehrt sein? Wir wollen keinen Heldentod sterben, weder ich - ohen Krebs - noch will das - so sieht es ganz aus- Chrisoph Schlingensief. Und das stört sie auch nicht, nein, das ist Ihnen scheißegal Herr Angele. Sie suchen nämlich nur nach einem Thema, das man 'machen' kann und da haben sie aus ihrer kalten hohlen Birne nicht mehr warmes rausziehen können als den christoph, weil soviel haben sie irgendwie aufgeschnappt. Der will noch was, und sie schon lange nichts mehr! Sie können glauben, dass das was SIe da geschrieben haben am gestrigen Tag hat eine ganz schlechte Genese!

paula 04.09.2009 | 13:42

Lieber Christoph Schlingensief

Danke für Ihre Entgegnung,die mir aus dem Herzen spricht. Danke, dass Sie hier wie auch anderswo, gerade auch zum Umgang mit Krebs so leidenschaftlich sind, für die Betroffenen, Angehörigen, Arzt oder seriösen Schreibern, aber auch Schreiberlinge konfrontieren ....
Vor allem wünsche ich Ihnen weiterhin viel Kraft und erfolgreiche Therapie(n) und vor allem viel Glück!
herzlichst Paula

socanalytica 04.09.2009 | 14:17

Transzendenz und Scham vs. Schreiben über Krebs?
Man soll sich überlegen, ob persönliche Erfahrungen von öffentlichem Interesse und einer Qualität sind, dass sie publiziert werden sollen. Die Entscheidung bedarf nicht notwendig eines im spirituellen Sinn transzendentalen Bezugs.
Die Darstellung der Auseinandersetzung mit einer existentiellen Situation kann - jenseits von Voyeurismus - für andere aufschlussreich sein, evtl. auch ermutigend uns bestärkend. Sie kann Möglichkeiten eines schwierigen Zurechtkommens zeigen.
Für den Schreibenden kann sie Teil der Situatonsbewältigung sein. Wenn man mit einer Situation dieser Art konfrontiert ist, stellt sich die Frage, was überhaupt noch sinnvoll ist zu tun. Entscheidet sich jemand für Darstellung, kann das Element eines für ihn und andere "produktiven Umgangs" sein. Es können auch Rückzug, Isolation, Verstummen als - schlechtere - Alternativen auftreten.
Transzendenz oder den Vergleichsmaßstab eines "Dagegen" braucht jemand bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung nicht, um auf Endlichkeit und Nichtigkeit zu kommen - das tritt ihm ziemlich massiv gegenüber.
Ob die Relativierung des Werts des individuellen Lebens gegenüber einem kryptisch bleibenden "Größerem" einem Kranken mehr hilft als die realistische Ausschöpfung der ihm noch verbleibenden Möglichkeiten (von denen eine das Schreiben sein kann), mag er selbst entscheiden - postulieren kann man es nicht.
Was sind die Gründe für die den potentiellen - und sich dann nicht als solchen realisierenden - Autor durchdringende "Scham"? Dass er sich zu wichtig nimmt gegenüber dem "Größeren"? Er ist hier das Subjekt, er ist krank, er stirbt - das wird durch den Bezug auf ein "Größeres" nicht von ihm genommen. Er nimmt sich an diesem Punkt zu Recht wichtig - auch wenn ein Nicht-Fertigwerden mit dem Wichtignehmen das Sterben erschweren kann.
Qualitätsansprüche sollten die Autoren haben. Wenn es gelingt, "es nicht unter dem Rang von Kunst zu machen", ist es erfreulich, aber ausschlaggebend ist das da nicht mehr - es geht nicht mehr um Kunst, sondern um Sterben.
Der Gegenstand dieser Bücher ist ein allgemeiner und sollte deshalb von allgemeinem Interesse sein: Krankheit und Sterben.

Michael Angele 04.09.2009 | 16:37

Lieber Herr Schlingensief,
ich habe Sie nicht persönlich beleidigt und möchte Sie bitten, das in Zukunft mir gegenüber auch nicht mehr zu tun.
Weder wollte ich Sie mit Ihrer Krankheit angreifen, noch die Leiden von Krebskranken verharmlosen. Es ist einzig so, dass ich bei der Lektüre Ihres Buchs sowohl eine Großartigkeit als auch einen - für mich - schwer erträglichen Exhibitionismus empfunden habe, beides liegt halt eng zusammen, auch wenn Sie das naturgemäß anders sehen werden.
Dennoch frage ich mich, ob Ihnen in keiner stillen Stunde Zweifel an Ihren Schreiben gekommen sind, zumal sich ein zwiespältiger Eindruck ja nicht nur bei mir einstellt hat (den Text von Richard Kämmerlings aus der "FAZ" kannte ich bei der Abfassung meines Artikels übrigens nicht, Ihr Kommentar hier hat mich erst darauf hingewiesen). Aber Ihre stillen Zweifel oder Nicht-Zweifel gehen mich eigentlich nichts an, nur Ihr Buch: das ist öffentlich.
Im Übrigen geht es in dem Artikel ja nur am Rand um Ihr Buch, wirklich abgestoßen haben mich der "Spiegel"-Titel und leider auch die Seiten, die ich im Heft dann von dem mir eigentlich gerne gelesenen Jürgen Leinemann verdauen musste.

Freundliche Grüße
Michael Angele

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rahab 04.09.2009 | 16:48

was ich jetzt, herr Angele, nicht verstehe, das ist, warum Sie, wenn es denn eigentlich um den Spiegel-artikel ging, Schlingensiefs buch in Ihrem artikel 'untergemuddelt' haben. - im übrigen würde ich das mit dem - für Sie - nur schwer erträglichen exihibitionismus gern besser verstehen. alldieweil: Ihren ärger, Ihr unbehagen oder was sonst das unerträgliche sein mag so zu publizieren, wie Sie's taten, hat ja auch was exhibitionistisches; und - wie zu lesen - für andere wiederum nur schwer erträgliches.

Magda 04.09.2009 | 16:52

"Es gibt Vorbilder, zum Beispiel die berühmten Gedichte des krebskranken, 2006 verstorbenen Robert Gernhardt. „Dialog“ heißt eines: „Gut schaust du aus!“ – „Danke! Werds meinem Krebs weitersagen. Wird ihn ärgern.“"

Tja, so ist eben der Gernhardt. Der ist diskret auch dabei und das belästigt die Leute nicht. Ich nehme an, dass Ihnen das deshalb gefällt - Herr Angele - dieser freundliche ironische Abstand. Da hat man Ruhe und kann lächeln.

Schlingensief hat sich immer den Leuten im radikalen Sinne "aufgehalst" und ist sich dabei treu geblieben. Ich verstehe diesen weiten Anlauf da überhaupt nicht. Es gehört durchaus zu seiner Lebensart und seinem Kunstverständnis, wie er jetzt damit umgeht.

Über Leinemann will ich nichts sagen.
Die Charlotte Roche da noch reinzufriemeln, hat was Gemeines.

Gemein fand ich persönlich vor einiger Zeit ein Buch, das Werner Schneyder über seine krebskranke Frau und ihren Tod gemacht hat. Einfach, weil es nur bedingt seine Geschichte war.

Und das mit Auschwitz hätte ich mir jetzt auch verkniffen - das ist in dem Zusammenhang - nicht einleuchtend.

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rahab 04.09.2009 | 17:00

danke Magda! das mit Ausschwitz, das lag mir auch noch auf der seele (oder wo das blanke unverständnis, bestenfalls, sonst so zu liegen pflegt). und dass das ungeheure aus unseren köpfen verschwinde ... damit geht's mir grad wie manchmal mit einem urteil im namen des volkes ...
vielleicht läßt sich das als umwandlung von betroffenheit in befindlichkeitsstudie benennen, was herr Angele da versucht hat. keine ahnung. für mich, ganz persönlich, sieht es nach einer schweren havarie im zwischenmenschlichen bereich aus. vulgo feigheit (auch das mein ganz persönlicher sprachgebrauch).

Titta 04.09.2009 | 17:32

Lieber Michael Angele,

in der Sache finde ich Ihre Kritik durchaus berechtigt. Nur weil jemand schwerkrank ist und schreibt bzw. künstlerisch tätig ist, muß ja trotzdem noch eine Kritik über diese Tätigkeit und die Qualität derselben möglich sein.
Ich hätte nur, abgesehen vom Inhaltlichen, eine etwas gemäßigtere Herangehensweise an das Thema für angemessener gehalten. Auschwitz finde ich zB etwas hochgehängt zu Anfang, und zur gewünschten Scham hat socanalytica bereits Entsprechendes geschrieben.

Die Reaktion von Herrn Schlingensief mit den ganzen persönlichen Angriffen hat mich abgestoßen, zumal ja, wie Sie richtig anmerken, er gar nicht im Focus stand. Zu einem angemessenen Umgang mit einer Krankheit gehört für mich auch, daß ich den Erkrankten wirklich ernst nehme und ihn nicht nur einfach bedauere, ihn gleichsam auf die Mitleidsebene abschiebe. Einem Gesunden würde man derlei ehrabschneidende Äußerungen, wie Herr Schlingensief sie getätigt hat, niemals so durchgehen lassen. Einem Erkrankten offensichtlich schon. Was sagt das aber über das Verhältnis zum Kranken? Zum eignen Umgang mit Krankheit und Sterben?

Mich hat seinerzeit schon sehr genervt, wie die neue CD von Herbert Grönemeyer nach dem Tod seiner Frau beworben wurde. Musik zu schreiben/künstlerisch tätig zu sein, um mit einer existenziellen Lebenssituation fertig zu werden, schön, wem diese Möglichkeit gegeben ist. Damit dann aber einen Werbefeldzug zu starten. Widerlich!

Ich denke, Teil Ihrer Motivation war, diese Widerwärtigkeiten, das kühl kalkulierte Geschäft mit Krankheit/Tod zu benennen. Dafür bin ich Ihnen dankbar. Das mußte wirklich einmal gesagt werden. Ich kenne auch genügend Betroffene, die sich ganz bewußt von dieser Art Literatur fernhalten.

In Erwartung weiterer streitbarer Artikel
Titta

pkaras 05.09.2009 | 03:06

Herr Anger hätte diesen Artikel nicht geschrieben, wenn er Krebs hätte.
Will sagen, er hat nicht die geringste Ahnung, von dem was er schreibt.
Unter dem Oberbegriff Bekenntnisliteratur den Spiegelartikel, das Schlingensief-Buch und dieses langweilige Pornogedudel 'Feuchtgebiete' zusammen zu fassen, zeigt, dass er sich nicht im geringsten mit den Absichten der Autoren auseinandergesetzt hat.

Die Redaktion darf sich nicht wundern, wenn auf solch einen dummen Artikel solche Reaktionen folgen.

Auch auf mich haben die Schilderungen von Menschen, die vom Tod gezeichnet sind, selbstverständlich was abstossendes, wenn sie über Ihre Krankheiten berichten. Aber wie käme ich dazu, der ich nicht den Tod in mir habe, sie deshalb zu tadeln? Mir bleibt nur eines übrig, ich muss es ertragen, evtl in irgendeiner Weise, wenn überhaupt möglich, Trost spenden.
Auch die Vermutung, da steckt ein kommerzieller Gedanke dahinter, ungeheuerlich.

Mich erinnert der Artikel an eine Erzählung von Tabori: 2 Kritiker unterhalten sich während sie im Restaurant speisen über eine Inszenierung über Ausschwitz. Es wird kritisiert und gemäkelt, mit Fachbegriffen um sich geworfen und das Ganze ziemlich von oben herab.
Zu keinem Zeitpunkt fragen sie sich, was den Regisseur dazu getrieben hat, dieses Stück auf die Bühne zu bringen.
Genauso beim Autor dieses sehr ärgerlichen Artikels. Das was ihn am meisten beschäftigt, wieso deren Chose die Betroffenen meinen öffentlich zu machen zu wollen oder zu müssen.
Dann noch der Hinweis auf ein Vorbild, Du kriegst die Motten.

Ich finde auch Hungernde in der 3. Welt oder allgemein jene, die der Tod im Würgegriff hat, sollten sich nicht so exibitionistisch in der Öffentlichkeit geben (Hände ausstrecken Richtung Kamera, verzweifelte Gesichter, Schreie etc), sondern es mehr mit sich austragen, im Stillen. Hat auch etwas mehr von Grösse.

Michael Jäger 05.09.2009 | 03:46

Nein, "ungeheuerlich" ist hier gar nichts.

Und wenn Sie wirklich glauben, Sie hätten nicht den Tod in sich, dann irren Sie schwer.

Aber wahr ist, daß die Hungernden in der 3. Welt noch wichtiger sind als Schlingensiefs Krebskrankheit. Es gibt jeden Tag 26.000 Hungertote auf diesem Planeten, wie mir scheint wesentlich und eindeutig durch das Verschulden der 1. Welt, d.h. durch uns.

In unseren Debatten positionieren wir uns zu sehr gegeneinander. Ich habe das schon beim Streit um BWs "Rassismus" gedacht. Wenn Menschen, die sich im Grunde recht nahe stehen, so sehr aneinandergeraten, liegt die Frage doch eigentlich nahe, ob es nicht ein und dieselbe Konfusion sein könnte, durch die sie im Streit andereinander gekettet sind. Konkret bei Schliegensief und den anderen, die so agieren wie er, frage ich mich, ob sie nicht im Grunde genauso nach "Gott" schreien, wie es vor Jahrhunderten Menschen in ihrer Situation ganz selbstverständlich und anerkanntermaßen tun durften. Und notabene, das war ja gut so. Eine Gesellschaft muß nicht nur Lebensmittel, sondern auch "Todesmittel" zur Verfügung stellen stellen. Wenn sie es nicht mehr kann oder womöglich niemals können wollte, verdient sie schon allein deshalb die Revolution. Was soll jemand wie Schlingensief da anderes tun, als statt an "Gott" an die anderen Menschen - wenn er als Privilegierter die Möglichkeit hat - seinen Schrei zu adressieren? Und da "Gott" jedenfalls nicht im Orionnebel haust, sondern, wenn überhaupt irgendwo, dann im Menschen, tut er sogar genau das Richtige. Nur daß er in der gegenwärtigen "Seinsverlassenheit vielleicht weiter nichts als Frust dafür erntet.

wolke 05.09.2009 | 04:11

Das, was sich Herr Angele gegenüber Christoph Schlingensief wie auch Jürgen Leinemann erlaubt hat, empfinde ich als vollkommen sinnlose niederträchtige Aggression. Ich habe mich den ganzen Tag so sehr darüber aufgeregt, dass ich mich nun zum ersten Mal anmelde, um das hier loszuwerden:
Herr Angele, was war Ihre Intention? Was wollten Sie dem Publikum eigentlich sagen? Dass Sie auf die Reflexionen und Auseinandersetzungen Todkranker mit sich selbst, dem Leben und dem Tod verzichten können? Sie wollen, dass sich Kranke lieber schämen und schweigen? Oder dass sie "hohe" Kunst produzieren oder blöd- und tiefsinnig zugleich sind, damit Sie, Herr Angele, sich amüsieren können? Vielleicht haben Sie (noch) nicht verstanden, dass unser ganzes Leben von Anfang bis zum Ende Kommunikation ist und nicht (nur) Amüsement. Und dass der drohende Verlust weiter auf herkömmliche Art kommunizieren zu können ungeahnte Ängste und Kräfte in Menschen auslöst, deren Wucht den ein oder anderen, der den Sinn von Kommunikation und Verbindung nicht erfassen kann, verschreckt und abstößt. Von den mutigen großartigen Menschen, die sich im Moment größter Verzweiflung nicht vor Schreck und Scham verstecken, sondern mit ihrer Zustandsbeschreibung, ihren Fragen und wichtigen Gedanken an die Öffentlichkeit, also Kranke wie Gesunde wenden, verlangen Sie, Herr Angele, dass sie nicht das Amüsement derer, die sich nicht mit den Fragen nach Leben, Krankheit und Tod befassen wollen, stören. Diese tapferen Menschen sollen sich Ihrer Meinung nach schämen und schweigen?! Damit Sie, Herr Angele, nicht gestört werden? Bei was werden Sie denn gestört? In Ihrem Wohlbefinden und in Ihrer ästhetischen Balance? In Ihrem NichtmitderKlarheitderGedankenvonTodkrankenAuseinandersetzenWollen? Deshalb sollen die anderen schweigen?

Christoph, ich umarme Dich und wünsche Dir und Deiner Frau die beste Zeit, die es gibt auf Erden! Meine guten Wünsche gehen auch an Herrn Leinemann und seine Familie! Ich danke allen, die mich an ihrem Leben und ihrer Erkenntnis teilnehmen lassen!
Herrn Angele wünsche ich, dass er erkennt.

weinsztein 05.09.2009 | 07:45

Michael Angele, Sie wollen den Spiegel verprügeln und treffen Schlingensief, Leinemann, viele krebskranke oder anders erkrankte Menschen.
Schlingensief wehrt sich. Das adelt quasi Ihren merkwürdig irritierenden Beitrag (hat der aber nicht verdient).
Beim Lesen Ihres Artikels wurde mir heiß übel. Und ich empfand: er hätte besser mal die Fresse halten sollen.
Ich ahne, dass Sie sich fürchten vor schlimmen Krankheiten. Ich auch. Aber die kommen einfach so, sie überfallen einen - und dann ist sie jäh da, diese Krankheit, die Sie an kaum noch anderes denken lässt; die Sie schier verzweifeln lässt.
Schlingensief wurde krank und schrieb ein Buch darüber, verzweifelt.
Ihnen und Christoph Schlingensief wünsche ich rasche Genesung.

luggi 05.09.2009 | 09:07

Lieber Herr Angele, Sie teilen mit mir die Abneigung zu dieser neuen Form des um sich greifenden Exhibitionismus. Die öffentlich gemachte Wehleidigkeit von Herrn Schlingensief ist nur ein Teil des ganzen Rummels. Die überzogene Reaktion von Herrn Schlingensief beweist, dass er seinen Krebs und dessen Ursache noch nicht verarbeitet hat.
Ich habe mir mal den angeführten Link von schlingensief angeschaut.
www.geschockte-patienten.org/weblog/?cat=12
Der gleiche Text wie im Kommentar und daneben (natürlich ohne kommerzielle Gedanken) Werbung für sein Buch. Apropos Herrn Schlingensiefs Buch zu seinem Krebs: Hat er das Buch geschrieben um den Krebs zu verarbeiten oder zu vermarkten? Der nachfolgende Link spricht Bände.
www.schlingensief.com/projekt.php?id=b001
Ich brauche keine wie auch immer geartete Beschreibungen von Krebserkrankungen. In meinem Umfeld gab es genügend Menschen mit Krebs. Mein Nachbar mit chronischen Schmerzen wg. Darmkrebs, hat sich an einem Neujahrsmorgen stranguliert; mein Onkel, Gehirntumor, nach mehreren Operationen gestorben; mein Bettnachbar im Krankenhaus, ein junger Kerl, zu Ostern eingeliefert wg. Krebs im Knie, Schnelloperation (Oberschenkelamputation) mit anschließender Chemotherapie, Metastasenbildung, nach kurzer Zeit gestorben; meine Kollegin, Ende 50, kurz vor der Rente, Lungenkrebs, Chemotherapie, kurzes Aufblühen, Metastasen, gestorben.

Wenn es zur Therapie gehört und wenn Erfolge in Aussicht stehen, dann bitte, schreibt, schlagt, sprecht mit Diktiergeräten, denkt nach usw. oder macht garnichts. Aber behaltet es für Euch und Eure Fans. Und um nicht einseitig auf schlingensief und das Thema Krebs einzudreschen. Ich bin dafür: Bäume für Feuchtgebiete, aber nicht in Buchform. Gilt auch für andere "schriftstellerische Ergüsse".

Magda 05.09.2009 | 13:57

"Die öffentlich gemachte Wehleidigkeit von Herrn Schlingensief ist nur ein Teil des ganzen Rummels. Die überzogene Reaktion von Herrn Schlingensief beweist, dass er seinen Krebs und dessen Ursache noch nicht verarbeitet hat."

Aha, ein outgesourcter Therapeut, der die Ursachen von Herrn Schlingensiefs Krebs kennt. Und das sagen Sie ihm nicht? Oder kostet das was, wenn man Sie fragt?

"Ich brauche keine wie auch immer geartete Beschreibungen von Krebserkrankungen. In meinem Umfeld gab es genügend Menschen mit Krebs. Mein Nachbar mit chronischen Schmerzen wg. Darmkrebs, hat sich an einem Neujahrsmorgen stranguliert; mein Onkel, Gehirntumor, nach mehreren Operationen gestorben; mein Bettnachbar im Krankenhaus, ein junger Kerl, zu Ostern eingeliefert wg. Krebs im Knie, Schnelloperation (Oberschenkelamputation) mit anschließender Chemotherapie, Metastasenbildung, nach kurzer Zeit gestorben; meine Kollegin, Ende 50, kurz vor der Rente, Lungenkrebs, Chemotherapie, kurzes Aufblühen, Metastasen, gestorben."

Tja, was macht man bloß, wenn einem sowas bisher entgangen ist und man selbst auch. Wollen Sie nicht doch auch was schreiben? Haben Sie das bessere "treatment" und sind deshalb so merkwürdig verdrossen? Ärgern Sie sich mal nichts an. Sie kennen ja die Ursachen von Krebs.

luggi 05.09.2009 | 15:10

Das Thema Tumorursachen allgemein und speziell gehört meiner Meinung nach nicht zum Thema diese Kulturartikels. Deshalb möchte ich es hier nicht ausweiten. Wenn Interesse an einer Diskussion besteht würde ich einen Blog "bloggen".

Kurze Antwort zu den Fragen. Schlingensief kennt die Ursache für sein Bronchialkarzinom. Und wer die Ursache für ein Bronchialkarzinom nicht kennt, kann im Pschyrembel (Klinisches Wörterbuch) nachlesen. "Für die Entstehung bedeutsam sind (inhalative) exogene Noxen, z.B. Tabakrauch, Karzinogene u. Radionukleide...".
Schlingensief behauptet, er sei Nichtraucher, aber das ist er erst seit kurzer Zeit, zu kurz, um eine Lunge zu gesunden. Es ist nicht das Schicksal sondern seine vorangegangene Qualmerei. Heiner Müller ist damit besser umgegangen.
Ich bin auch kein Therapeut. Die beste Therapeutin ist die Natur. Außerdem ist es mir bei Strafe verboten in dieser Richtung tätig zu werden.
Und jetzt ohne Schmus, bei Schlingensief fehlt ein Lungenlappen. Nach seiner Aussage wurden bei der letzten Untersuchung in der Restlunge Metastasen festgestellt. Ich brauche nur 1 und 1 zusammen zu rechnen und es erübrigt sich die Frage nach einer Therapie. Aus weiterer Rücksicht möchte ich hier beenden.

P.S. Einige Bemerkungen zur Themenbezogenheit.
Ich war bis 95 starker Raucher und habe meine Abhängigkeit immer rechtfertigen müssen; nach Anblick von Fotos einiger Teerlungen brauchte ich nur wenige Tage, um mit dem rauchen aufzuhören. Med. Wissen erlangt durch Pharmareferentenausbildung und Literaturstudium zu Fragen der Ernährung und betroffen durch benignes (gutartig) Fibrom.

Titta 05.09.2009 | 15:14

@Michal Jäger

"In unseren Debatten positionieren wir uns zu sehr gegeneinander. ... Wenn Menschen, die sich im Grunde recht nahe stehen, so sehr aneinandergeraten, liegt die Frage doch eigentlich nahe, ob es nicht ein und dieselbe Konfusion sein könnte, durch die sie im Streit andereinander gekettet sind."

Ich empfinde es als wohltuend, daß du versuchst, in dieser Diskussion das Gemeinsame der Positionen zu suchen/finden. Das Thema Krankheit und Tod ist ja nun wirklich nicht zum Rechthaben da. Eigentlich geht es doch um unseren Umgang mit der eigenen Endlichkeit und den Grenzen, die das Leben der eigenen Selbstverwirklichung setzt. (Schlingensief oder seine Vermarkter sprechen hier von der Freiheitsberaubung durch die Krankheit, wenn ich das richtig in Erinnerung behalten habe.)

"Eine Gesellschaft muß nicht nur Lebensmittel, sondern auch "Todesmittel" zur Verfügung stellen stellen. Wenn sie es nicht mehr kann oder womöglich niemals können wollte, verdient sie schon allein deshalb die Revolution."

Hiermit sind die Grenzen unserer Gesellschaft angesprochen/aufgezeigt. Krankheit, Siechtum, ja vielleicht die Endlichkeit des Lebens überhaupt, scheint mit den heutigen Lebensentwürfen nicht mehr wirklich in Einklang zu bringen zu sein. Lebenswertes Leben - was ist das eigentlich? Eines ohne Schmerzen, ohne Leid? Wie klein wird der Mensch eigentlich in solchen Lebensentwürfen/-vorstellungen gemacht.
Wer alles in das Diesseits packen muß, wird zwangsläufig scheitern. Wer auf eine transzendente Möglichkeit und Dimension verweist, wird großteils belächelt.
Vielleicht wird genau deshalb die Diskussion hier auch so hart geführt.

Danke Michael, mit dir machen auch die schweren Themen Spaß.

luggi 05.09.2009 | 15:37

@ merdeister.....wegen der Zensur

Ist mir gerade eingefallen, muss ich loswerden und bitte vorher alle females um Entschuldigung.

Die Zensur wird primär durch die Kaufentscheidung getätigt. Sehe ich mir die Bücherregale an, voll von "Feuchtgebieten", dann kommt die Zensur des Recyclings. Wird das Buch einfach nur Kartonage, Packpapier oder kommt es als Hygieneartikel, und damit schließt sich der Kreislauf, zu den eigentlichen Feuchtgebieten. (Sorry liebe Frauen)

Columbus 05.09.2009 | 16:04

Wir, noch Kerngesunde im Kranken
-Vom Mut der Offenbarung

Ja, es ist ein nirgendwo kodifiziertes, aber überall kultiviertes Privileg des Künstlers und mittlerweile auch einer breiteren Gruppe von Medienschaffenden und Prominenten aller Art, -um eine Wertung derer intellektueller,emotionaler oder prominenter Potentiale soll es mir hier nicht gehen-, keine Tabus, keine Schweigegebote und keine formalen Zwänge dulden zu müssen. Egal ob es um dieses Thema geht oder um Sex, Drogen, Verbrechen aller Art, je nach Vorstellungskraft, und um die Dinge, die mir Kraft meiner eigenen, mangelhaften Fantasie gerade nicht einfallen.

Im Gegensatz zur großen Mehrzahl derer, die kein Medium, keine große Öffentlichkeit, keine geneigten, verschreckten, abgestoßenen oder einfach neugierigen Zuhörer finden, denen wegen fehlender Kunst, fehlender Fertigkeit, fehlenden Geldes, fehlender Kraft und fehlender Umgebung, gerade nicht zugehört wird, nicht aufmerksam, ja, nicht einmal unaufmerksam, liegt hier eine Chance.

Ob die Prätention, eine ganze große Öffentlichkeit zu beschäftigen, das Zeichen so groß zu machen, dass kaum jemand daran vorbei sehen, hören, reden oder fühlen kann, letzlich trägt, liegt in der Art der Stellvertretung. D.h., ob man in der Öffentlichkeit diese Stellvertreterschaft überhaupt spürt und annehmen kann, ob Betroffene und Angeredete dies wahrnehmen.- Das zählt, und wenn es nur für einen einzigen der Stummen zählt.

Diese Stellvertetung wird manchmal von dem kranken, aber einer Öffentlichkeit mächtigen, Betroffenen grundsätzlich abgelehnt. - Sein Schrei, sein Reden und sein Schreiben, mag als eine völlig egoistische und einzig für ihn sinnvolle Tat erscheinen, weil es eben seine, ihm gegebenen oder von ihm erworbenen Möglichkeiten sind, sein Umgang mit der Krankheit, sein Verhalten, vom Tode umfangen, vielleicht schon angepackt und fest ergriffen. - Aber selbst dann änderte es nichts an der Legitimität einer solchen Entäußerung, denn sie ist möglich und ganz subjektiv notwendig.

Sie steht in einem harten und klaren Kontrast zur vielfachen und mehrheitlichen Realität der Krebskranken in unserer Zivilisation. Die schreiben nicht, die schreien nicht, die spielen nicht Theater, höchstens einmal heimlich. Tränen fließen genau so selten öffentlich, wie die ungeregelte Freude und das hemmungsloses Glück frei hinaus gelassen werden können, weil sie unausgesprochen nicht zum sozial akzeptierten Muster passen. - Jedenfalls in der je hier, bei uns, vorgefundenen und eingerichteten Öffentlichkeit nicht!

Warum? - Weil die Kranken und Sterbenden, ihre möglichen Adressaten in der allgemeinen alltäglichen Welt weitgehend schonen. Das habe sie gelernt. Das ist ein schlechtes, unausgesprochenes Fait à complit: „Mein Krebs gehört mir, weil ihr eigentlich nichts Genaues wissen wollt von meiner Angst, meiner Wut, meiner Verzweiflung, ich mir aber selbst sogar unsinnig anmutende Freude, unsinnig wirkende Lust verkneife, nur um damit nicht aufzufallen.“ Mühen oder Aufmerksamkeit zu beanspruchen gilt heute, außerhalb medialer oder ökonomischer Zusammenhänge, nicht als Dienstleistung gefasst, schon als Übermaß, als Zumutung. - Materiell ist Vieles, -sicher immer noch nicht genug, und an anderen Orten der Welt,fast gar nichts-, geregelt und vorhanden. Aber ideell herrscht, mitten im Leben, trotz des ständigen Umgeben-seins von Anderen, ein Leere, ein Nichts.

Das ist beim behandelnden Arzt häufig so. Die Schwelle zu überschreiten bleibt meist beim Kranken. "Können Sie mir helfen, jetzt und in den Stunden, Tagen und Wochen meines Leidens und möglichen Sterbens?“ Meist lautet die professionelle Frage: „Was kann ich für Sie tun?“, und die schon lange weitgehend akzeptierte, ach so soziale Antwort lautet: „Es geht schon. Machen Sie sich keine Mühe. Ich komme klar. Andere warten schon. - Der Nächste bitte!“ - Statt sich anzuziehen, stoßen sich die Pole ab.

Viele Betroffene drehen sich, angesichts dieser Verhältnisse, im Wortsinne stumm zur Wand. Das ist dann der einsame Ort an dem nur noch das Selbstgespräch und der Eigentrost helfen, sofern die eigene "Festung" das überhaupt noch hergibt. So ist auch Vieles in Organisationen und Institutionen, sogar in der „heiligen Familie“ und ihren Resten genau so strukturiert.

Es ist nicht nur beim Arzt so, sondern ganz allgemein folgen Angehörige, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, sogar Seelsorger und all´ jene übrigen „Spezialisten“ für alle menschlichen Probleme einer stummen Vorgabe.
Die unausgesprochene Forderung von dort, täglich, alltäglich, ein eingebildetes Common sense - Wissen: „Leide und sterbe wenigstens schön“, „Sterbe ohne allzu viele Umstände“, „Sterbe ohne allzu viele ehrliche Antworten und Fragen an deine Umgebung und begnüge dich, denn die vielen Anderen machen es auch so.“

Damit möchte ich sagen, ausgerechnet beim Krank-sein und bei der Möglichkeit daran einzugehen, haben wir uns im allgemeinen Alltag, um eine fast klinische Reinheit und Härte bemüht. Haben uns mit einer weiße Wand des freundlichen, positiven, sozial angepassten Antwortens und Fragens. „Geht es Ihnen gut? Es geht. Danke!“, arrangiert. Denn mit dem Tabu „Nein, mir geht es nicht gut!“, aber auch, „Gerade jetzt ist in mir so viel Zorn, Spott, Hohn, Ironie, Witz, Lust und Gier“, kommen wir Gesunde im Alltag schlecht zurecht. -„Geh´ doch zum Arzt, zum Therapeuten, zum Pfarrer, such´dir einen Profi für eine der allgemeinsten, gemeinsten und geheimsten Menschlichkeiten, geh´ uns nicht auf den Nerv und wenn, dann wenigstens mit hohem ästhetischem Anspruch.“

Daran krankt die Einrede, die schon davon ausgeht, dass es ihrem Schreiber, auch schlecht oder gut gegangen ist, er zumindest von den Möglichkeiten dazu genügend Lebenskenntnisse besitzt und er davon nichts mitteilen wollte, weil er, wie Alle, gelernt hat, nichts mitzuteilen. Das ist das geheime Wüten in der Gegenrede, der versteckte Zorn an den Zuständen.

Da kann uns, trotz aller Hindernisse, vielleicht auch der Mensch Christoph Schlingensief , mein Namensvetter, helfen. Denn das Ertragen von Lasten liegt im Aussprechen ohne Aussicht auf einen Erfolg, nicht im Schweigen gegen die hoch errichtete, weiße Wand. Vielleicht macht das Gesunden und Kranken mehr Mut, sich gegenseitig Menschliches abzuverlangen.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Streifzug 05.09.2009 | 16:27

Ein sehr wichtiges und tief gehendes Thema. Leider komme ich aus Zeitmangel nur dazu, in knappen Stichworten Stellung zu nehmen.

Zitat: "Er denkt sich, Mist, warum muss es ausgerechnet mich treffen, es ist so ungerecht, und er hadert, flucht und weint und nimmt den Stift zur Hand."

Jeder, wirklich jeder Mensch hat das Recht sich in der Art und Weise mitzuteilen, die ihm eigen ist.

Zitat: "Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab. Etwas, das Größer ist als er, und er sagt sich, was ist schon mein kleines bescheidenes Leben dagegen, und die Scham durchdringt ihn."

Der einzelne Mensch mit all seinen Eigenarten und Fehlern ist das Größte und Wichtigste. Weder Gott noch Kirche noch Vaterland, noch Markt, noch irgendetwas stehen darüber.

Der einzelne Mensch kann für sich selber entscheiden einen wie auch immer gearteten "Gott" über sich zu stellen, aber kein anderer Mensch ist dazu berechtigt, einen anderen einzelnen Menschen unter irgendeinen "Gott" zu stellen.

Dazu zählen auch die unzähligen Kisten, die dazu dienen Menschen zu gruppieren und zu sortieren:

Zitat:
-Bekenntnisliteratur
-Auschwitz
-Transzendenz
-Endlichkeit
-Nichtigkeit
-Exhibitionismus
-Chose
-Fremder
-Anerkennungsfalle
-Scham
-Gott
-Marktes
-Publikums

Zitat: "Wenn die eigene Krankheit schon öffentlich gemacht werden muss, dann bitte mit dem Anspruch, es nicht unter dem Rang von Kunst zu machen."

Wird Kunst als ein ausschließender Begriff definiert oder ist das, was jeder einzelne Mensch macht Kunst. Beuys: "Jeder Mensch ist ein Künstler".

Jede einzelne wie auch immer geartete "Äußerung" eines einzelnen Menschen zu seiner persönlichen Situation ist mir "wichtiger" als eine wie auch immer geartete "Äußerung" anderer über diesen Menschen oder seine Situation.

Magda 05.09.2009 | 16:38

"Schlingensief kennt die Ursache für sein Bronchialkarzinom. Und wer die Ursache für ein Bronchialkarzinom nicht kennt, kann im Pschyrembel (Klinisches Wörterbuch) nachlesen. "Für die Entstehung bedeutsam sind (inhalative) exogene Noxen, z.B. Tabakrauch, Karzinogene u. Radionukleide...".

Ja, gut und schön. Es gibt Leute, die rauchen und kriegen sowas nicht. Und ich kenne auch eine Person, die hat nie geraucht und hat auch einen Lungenkrebs. Mir gefällt dieser anschuldigende Ton irgendwie nicht. Es oszilliert bei Ihnen zwischen: Selbst Schuld oder auch: Warum soll es anderen besser gehen. Ist mir ein bisschen unheimlich.

Maro 05.09.2009 | 16:45

Der Artikel "Wer hat geil Krebs" verkörpert selbst genau jene
Form den Exhibitionismus, den er den an Krebs erkrankten Autoren und Künstlern
unterstellt.
Wie kann man allen ernstes gleich im ersten Absatz das Unvergleichbare heranziehen um medial über den Wert des Leides anderer zu urteilen?
Dieser Vergleich ist gleichermaßen dilettantisch wie unmoralisch, weil anmaßend.Allein dafür wäre schon eine öffentlich Entschuldigung unumgänglich.

Daneben verblasst für mich schon beinahe die krude Fehleinschätzung des Werkes und Auftretens von Cristoph Schlingensief im Verlauf des Artikels.
Hätte sich der Autor auch nur annähernd damit beschäftigt, wäre ihm aufgegangen, dass die ganzen privaten Emotionen und Schicksalsschläge auch vor der Krebserkrankung bei ihm schon Thema gewesen (vergl. "Die Piloten").

Was hier mit plakativen Vergleichen und die Verwendung ansprechender Schrift und Form verpackt wird, lässt sich inhaltlich in einem einfachen Satz zusammenfassen: "Ich kenne Herrn Schlingensief nicht und mit seiner Krankheit soll er mich und alle anderen deshalb gefälligst in Ruhe lassen."
Die Essenz des Artikels ist demnach alles andere als gehaltvoll.

Ich kenne Herrn Schlingensief ebenfalls nicht persönlich, habe mich aber im Gegensatz zum Autor immerhin mit seinem Werk ein wenig beschäftigt. Deshalb komme ich auch zu dem Schluss, dass das was die öffentliche Person Christoph Schlingensief in Bezug auf seine Krebserkrankung schreibt und künstlerisch verarbeitet, einfach nur konsequent, stringent und verdammt mutig ist.

Titta 05.09.2009 | 18:02

Lieber Christoph Leusch,

Sie reden häufig von "wir", wenn Sie aus Ihrer persönlichen Sicht heraus gesellschaftliche Zustände beschreiben.
Sie reden von "vielen Betroffenen" und "allgemein folgenden Angehörigen" etc.
Diese Verallgemeinerungen führen aber, meiner persönlichen Meinung nach, nicht weiter. Sie dienen doch wohl vor allem dazu, Ihrer persönlichen Sicht der Dinge einen allgemeingültigen Anstrich zu verleihen.

Ihren Darstellungen möchte ich einige persönliche Anmerkungen, Erfahrungen meinerseits entgegenstellen.

Neben den bereits ausführlich dargestellten Zustandsbeschreibungen sind Krankheiten auch Zeiten des Innehaltens und des Nachdenkens, Weichenstellungen des Lebens. Eine Krankheit ist neben all dem Belastenden auch eine Chance. (Wer das zynisch findet, redet lediglich dem Tod schon vor dessen Eintritt nach dem Mund.)
Krankheiten sind Erntezeit. Das, was der betroffene Mensch sich bis dahin an Beziehungen und Weltdeutungsmustern aufgebaut hat, muß sich nun bewähren, wird nun auf seine Tragfähigkeit hin überprüft. Menschen können sich aufgrund von zusammen durchlebten Krankheitserfahrungen näher kommen als durch gemeinsam erlebte Glücksmomente.

Klagen über klinische Härte, fehlendes Mitgefühl etc. hilft kein bißchen, dadurch wird höchtens der (Leidens)Druck erhöht. Die Welt, die Verhältnisse kann man nur besser machen, nicht besser reden.
Mitgefühl kann man nicht einfordern, vielleicht nicht einmal erwarten. Aber man kann es geben, sofern man es hat.

LG
Titta

Titta 05.09.2009 | 18:23

Ich muß jetzt hier doch noch mal ein paar persönliche Äußerungen loswerden.

Ich finde die Arroganz der Gesunden, wie sie auch hier in den Kommentaren zT zum Ausdruck kommt, nahezu unerträglich.
Der Kranke ist krank, aber doch nicht nur ein bedauerungswürdiges Wesen, das vor jeder kritischen Äußerung generell in Schutz genommen werden müßte. Das Leben ist doch mit der schlechten Diagnose nicht zu Ende. Da kommt noch was, und zwar eine ganze Menge. Und vor allen Dingen ist das nicht so negativ und schwarz, wie viele hier anscheinend meinen.
Kranke machen Erfahrungen, die sie den Gesunden voraus haben, erleben vielleicht sogar eine Gefühlstiefe, wie sie Gesunden nicht zugänglich ist.

Und umgekehrt kann ein Kranker, wenn er über seine Krankheit in was für einer Form auch immer reflektiert, auch einfach nur großen Blödsinn von sich geben.

Genau in diesem breiten Spannungsbogen ist Krankheit ein Teil des Lebens.

Magda 05.09.2009 | 18:28

"Ich kenne Herrn Schlingensief ebenfalls nicht persönlich, habe mich aber im Gegensatz zum Autor immerhin mit seinem Werk ein wenig beschäftigt. Deshalb komme ich auch zu dem Schluss, dass das was die öffentliche Person Christoph Schlingensief in Bezug auf seine Krebserkrankung schreibt und künstlerisch verarbeitet, einfach nur konsequent, stringent und verdammt mutig ist."

Sehe ich auch so. Und finde auch die Art, wie Angele mit ihm als Künstler umgeht, ziemlich daneben, von allem anderen mal abgesehen.

Michael Angele 05.09.2009 | 18:28

@Rahab

Liebe(r) Rahab,

Sie würden gerne besser verstehen, was ich unter schwer erträglichem Exhibitionismus verstehe. Vielleicht so: Vor vielen Jahren erschien ein Buch des Soziologen Richard Sennett mit dem deutschen Titel "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Von der Tyrannei der Intimität". Diese Tyrannei, oder wie man dann auch sagte, dieser Terror der Intimität ist es, der mich umtreibt.
Mit Details aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit zu gehen, ist so selbstverständlich geworden, dass sich viele Menschen offenkundig daran gar nicht mehr stören und auch nicht erkennen können, was daran störend sein soll. Im Gegenteil, das Ausbleiben privater Informationen wird in den entsprechenden Kontexten als schwerer Defekt begriffen. Schauen Sie sich eine beliebige Sendung von Beckmann-Kerner-etc. an.
Oder lesen Sie eben den "Spiegel"-Artikel von Herrn Leinemann, in dem man zum Beispiel detailliert darüber informiert wird, wie Herr L. seit Jahren zusammen mit seiner Frau nach einer letzten Ruhestätte für sich sucht.
Viele Leser wird eine solche Passage in einem "Spiegel"-Artikel nicht peinlich berühren. Mich schon, und andere auch. Für die Scham oder deren Ausbleiben gibt es psychologische Deutungsmuster, aber man kann auch kommunikationstheoretische Fragen stellen. Tastend und sehr abstrakt gesprochen: Ich glaube, dass unsere postindustrielle Gesellschaft schon so sehr von Arbeit auf Kommunikation umgestellt hat, dass der Kommunikationsverzicht ("Schweigen") primär nicht als Entlastung empfunden wird, sondern als Störung. Folgerichtig werden Appelle an den Verzicht als Zumutung wahrgenommen. Dies gilt verstärkt für die öffentliche Intimkommunikation, und besonders da, wo über schwere Krankheiten kommuniziert wird. Wer hier das öffentliche Reden in Zweifel zieht, und darunter subsumiere ich das Bücher- und das Artikelschreiben, dem wird unterstellt, er attackiere die Integrität des Redners selbst.
Das ist Unsinn, aber der Grund dafür ist leicht ersichtlich: Das öffentliche Reden schließt eben tatsächlich Rede und Person des Redners kurz. Der idealtypische Satz dafür lautet: "Ich, Jürgen Leinemann bekenne, dass ich Krebs habe".
Wer wie ich in den Massenmedien arbeitet, wird das Rad der Geschichte bestimmt nicht in eine andere Richtung drehen, aber es darf doch daran erinnert werden, dass es Gesellschaftsformen gibt, denen eine solche Form des Sprechens völlig fremd ist. Ob die Individuen darin weniger angemessen mit ihren Freuden und Leiden umgehen, möchte ich zumindest in Frage stellen, und mich zugleich entschuldigen für diese viel zu lange, abstrakte und Sie womöglich nicht besonders befriedigende Antwort.
Michael Angele

Magda 05.09.2009 | 18:32

"Und umgekehrt kann ein Kranker, wenn er über seine Krankheit in was für einer Form auch immer reflektiert, auch einfach nur großen Blödsinn von sich geben."

Das ist sicherlich richtig und von daher kann man die Hervorbringung auch kritisieren, aber das tut Angele ja nicht, er wirft alles in einen Topf und meint: Bekenntnisliteratur - igitt.

Ob Schlingensief oder Roche, alles schlimm, schlimm.

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rainer-kuehn 05.09.2009 | 18:47

Angemerkt: In der Literaturwissenschaft gibt es den Biographismus, der die Texte auf das herunterschraubt, was sowohl deren Autoren als im Umfeld Beteiligte zum geschriebenen Text, zur beschriebenen Sache gesagt haben. Dann ist das keine Textwissenschaft (der Text ist sogar unwichtig), sondern brisante, expolsive Biographieschreibung. Ein Text ist eben anders und anderes als außertextliche Statements zur selben Sache. Und durcheinander geht hier Text Bedeutung mit Person Motivation. Buchkritiken messen sich an der eigenen Lektüre des Buches. Normalerweise.

Michael Angele 05.09.2009 | 18:57

Liebe Magda,

ich würde das mit Auschwitz nicht mehr schreiben. Ich habe mir etwas dabei gedacht, aber es kommt ganz offensichtlich falsch rüber. Tut mir Leid, wirklich.
Und ich habe das Gedicht "Dialog" gewählt, weil es in nuce vieles enthält, was ich an Gernhardts "K"-Gedichten großartig finde. Aber nicht alles. Sie werden wissen, dass viele seiner Gedichte zum Krebs überhaupt nicht ironisch sind, oder kaum noch wahrnehmbar, einen letzten spielerischen Funken quasi enthalten. Der aber macht die Differenz. Also ich finde das ganz groß, aber es ist natürlich nur eine Möglichkeit des Umgangs mit dem Thema.
Schlingensief ist tatsächlich eine andere Möglichkeit, die ich persönlich eben grenzwertig finde. Sie haben ja Recht, sein Buch liegt in der Linie seines Kunstverständnisses, dieses sich den Leuten "aufhalsen", wie Sie schön schreiben, dieses Aufschreien, dieser einzige neu-expressionistische Schrei."Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" klingt schon großartig, aber für mich liegt in diesem Titel (seines Oratoriums) die ganze Ambivalenz dieses Kunstverständnisses.
All das erinnert mich ein wenig an Stefan George und seinen Kreis, an große Kunst und große Geste, aber auch an das Sektenartige daran, wer nicht mit uns ist, ist unser Feind etc. etc.

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rahab 05.09.2009 | 19:29

lieber herr Angele,

nun muß ich erst mal ein bißchen lesen - ist schon ne weile her, dass dich das buch bei mir ins regal gestellt und gelesen habe -, um rauszufinden, ob Sie von Richard Sennetts buch mehr aufgenommen haben als den in der tat sehr griffigen titel. das kann etwas dauern.
einstweilen können Sie mir ja erklären, wie ich das
"...mich zugleich entschuldigen für diese viel zu lange, abstrakte und Sie womöglich nicht besonders befriedigende Antwort" zu verstehen habe.

Michael Angele 05.09.2009 | 19:36

Liebe Magda (und alle Mitleser hier),

ich finde es in der Tat etwas problematisch, dass der Perlentaucher ausdrücklich auf den Kommentar von Schlingensief verlinkt. Es steht da:

"Einen wütenden und lesenswerten Kommentar schreibt Christoph Schlingensief zu einer Polemik des Freitag-Redakteurs Michael Angele gegen die "neue Bekenntnisliteratur" Krebskranker, die über ihre Erfahrungen sch(r)eiben".

Ich möchte festhalten, dass dieser Kommentar von Schlingensief mir unterstellt, ich hätte ein Alkoholproblem. Damit gehen andere zum Rechtsanwalt. Ich werde es bestimmt nicht tun, dennoch möchte ich betonen: meine Polemik hat ein öffentliches Werk von Christoph Schlingensief zum Gegenstand, das ist dann doch ein Unterschied, finde ich.

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rahab 05.09.2009 | 19:51

ach, noch eins, herr Angele,
wenn ich jetzt extra den Spiegel lesen und Kerner gucken muß, um zu verstehen was Sie sagen wollten (inklusive Ausschwitz?), dann bin ich erst mal ratlos. natürlich frage ich mich sofort, ob das an mir liegt; den Spiegel lese ich schon (mittlerweile) lange nicht mehr und Kerner...? ist das nen kleiner dicker oder nen langer dünner? als rebsorte ist mir Kerner noch bekannt, aber darüber hinaus? ...keine ahnung...muß ich das kennen?... könnte also an mir liegen. oder aber daran, dass Sie nur für leute schreiben, welche Spiegel sind? oder an was sonst?

Titta 05.09.2009 | 20:24

Und wenn man jetzt noch den Aspekt hinzunimmt, daß Zuschreibungen immer mehr über den Beschreibenden aussagen als über den Beschriebenen selbst, wird das ganze noch unerquicklicher. Einerseits.

Und andererseits muß ich immer noch über die Frage von Streifzug nachdenken, ob nicht jeder ein Recht auf Blödsinn hat. Ja. Sicherlich.
Aber wo und was sind die Grenzen für diesen Blödsinn?

marsborn 05.09.2009 | 22:18

Sorry Herr Schlingensief, aber ich finde Michael Angeles Text mehr als berechtigt. Er kritisiert ja nicht den Krebs oder die Angst derer, die ihn haben, sondern die exhibitionische mediale Vermarktung dieses existenziellen Problems. Ich habe größten Respekt vor Ihrer verzweifelten Lage, aber die "Kirche der Angst" fand ich, als alter Schlingensief-Fan, leider künstlerisch redundant, inhaltlich kindisch und insgesamt eigentlich unerträglich. Ich habe dann, immer noch Schlingensief-Fan, Ihr Buch ebenso ignoriert wie etwa die Ergüsse des Herrn Leinemann. Denn ich finde, ebenso wie man Politik und Kunst nicht miteinander verwechseln darf (sowie die jeweils dazugehörigen verschiedenen Mittel), will man wirksam etwas erreichen, sollte man auch die Bewältigung existenzieller Katastrophen nicht mit ihrer medialen Darstellung verwechseln. Dieser verzweifelte Exhibitionismus, der mir als Rezipient eben keine andere Wahl lässt als eben solidarische "Betroffenheit" oder eben das Ganze zu ignorieren erscheint mit weder als notwendig noch als irgendwie für irgendwen hilfreich. Diese emotionale Erpressung (so empfinde ich es) geschieht auf der falschen Ebene und führt nirgendwo hin. Wenn Sie jetzt sagen würden "Ja eben, dann sehen Sie mal, wie es einem Krebskranken geht", dann würde ich entgegnen: Aha, ja klar - und nun? Angele hat deshalb recht damit, diesen Aspekt anzusprechen. Diese Art von privater Katastrophenberichterstattung ist natürlich legitim, aber ihre Vermaktung mit Skepsis zu betrachten, ist mehr als angebracht.

Titta 05.09.2009 | 22:30

Für mich ist nun zumindest etwas klarer geworden, was der Hintergrund, der tiefere Anlaß für den Kommentar von Herr Angele gewesen ist. Vielleicht gibt es darüber dann ja noch mal einen Artikel.

Zitat von Streifzug:"Jede einzelne wie auch immer geartete "Äußerung" eines einzelnen Menschen zu seiner persönlichen Situation ist mir "wichtiger" als eine wie auch immer geartete "Äußerung" anderer über diesen Menschen oder seine Situation." So weit, so richtig.

Aber wenn man nun die öffentliche Berichterstattung nimmt. Gut, man muß sich diese ganzen Boulevardsendungen von Brisant bis Kerner nicht ansehen, aber trotzdem werden dadurch Grenzen gesamtgesellschaftlich verschoben. Wenn da reihenweise solche Bekenntnisgeschichten dargeboten und entsprechend durchgekaut werden, verliert damit die einzelne Geschichte letztendlich nicht an Gewicht und an Wert, weil sie Teil einer großen Gefühls- und Empfindungsbeliebigkeit, ja einer Maschinerie, wird?
Zugespitzt formuliert, die ersten persönlichen, literarischen Krankheitsschilderungen interessieren noch, irgendwann langweilen sie aber nur noch. Wobei diese Art von Literatur doch eigentlich das Gegenteil erreichen möchte, wenn es eben nicht um die reine Ökonomie geht, wie behauptet. In diesem Zusammenhang könnte dann Schweigen uU wirklich die sinnvollere Variante sein.

merdeister 05.09.2009 | 22:57

"Zugespitzt formuliert, die ersten persönlichen, literarischen Krankheitsschilderungen interessieren noch, irgendwann langweilen sie aber nur noch. Wobei diese Art von Literatur doch eigentlich das Gegenteil erreichen möchte, wenn es eben nicht um die reine Ökonomie geht, wie behauptet. In diesem Zusammenhang könnte dann Schweigen uU wirklich die sinnvollere Variante sein."

Aber käme Schweigen und Schreiben dann nicht auf das Selbe hinaus?

Baobab 05.09.2009 | 23:29

So viele Blogeinträge zu diesem Thema, kaum zu glauben! Nur noch eins dazu: Große Kunst ist Schlingensiefs Krebsbuch meiner Ansicht nach nicht, muss es aber auch nicht sein. Im Falle des Falles, dann nämlich, wenn man selbst von dieser Krankheit betroffen ist, dann will man solche Bücher lesen. Man will dann einen Austausch mit anderen "Betroffenen", die über blöde Durchhalteparolen der Nichtkranken hinausgehen. Und wenn man so wie ich dann noch auf wenigstens ein bisschen Qualität des Lesestoffs aus ist, den ja Betroffenenliteratur eher selten hat, dann braucht man auch Bücher wie Schlingensiefs Krebstagebuch. Einige Sätze habe ich mir herausgeschrieben, weil sie für mich wichtiges aussagten, mir eine Hilfe waren im Chaos der Zeit, wenn man feststellt, dass man sterblich ist - und dass nicht "irgendwann" sondern sehr bald. Das meiner Meinung nach beste Buch über ein Leben mit und Sterben an Krebs (sorry Herr Schlingensief) ist von Werner Schneyder und heißt einfach nur "Krebs. Eine Nacherzählung". Und da ich mit dem Thema noch immer nicht fertig bin, werde ich auch weiter "solche" Bücher lesen, auch wenn ich früher schon bei der Bezeichnung Betroffenenliteratur vor Ekel ganz lange Zähne bekommen habe. So kanns halt gehen!

merdeister 06.09.2009 | 00:44

Krebs. Angst. Beide sind fast untrennbar miteinander verbunden. Und so wie jeder anders mit seiner Angst umgeht, blickt jeder anders auf Literatur, die Krebs zum Thema hat.
Daraus erklärt sich meiner Meinung nach auch der raue Ton, der hier gerade am Anfang angeschlagen wurde.
Meist versuche ich mit Angst rational umzugehen, das angstbesetzte Thema in kleine Teile zu zerlegen, die ich handhaben kann. Ein Bronchialkarzinom sieht dann zum Beispiel so aus:
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/54/Lung_small_cell_carcinoma_%281%29_by_core_needle_biopsy.jpg
Kleine Zellen, alle irgenwie blau-lila und nicht schön. Sie haben sich verändert, in ihrem Fundament ihrer DNA (unserer DNA!) und wachsen nun einfach immer weiter. Sie sind atypisch aber nicht furchteinflößend.

Berichte von Betroffenen zeigen den Schrecken u.U. in ihrer ganzen Pracht (die Bilder spare ich mir jetzt). Die kleinen Zellen darin zu finden, bleibt jedem selbst überlassen.

merdeister 06.09.2009 | 00:48

Oh, das ist aber groß...
Kommt von hier:http://de.wikipedia.org/wiki/Bronchialkarzinom

Interessant fand ich, die Aussage, Herr Schlingensief wäre Raucher gewesen und erklärt nun, er sei Nichtraucher. Dabei geht es mir nicht um Schuld oder Verantwortung (je nach Gusto), sondern um die Motivation von Herrn Schlingensief, vor allem sich selbst gegenüber.
ABER ich habe keinen richtigen Beleg für diese Aussage gefunden.

Eisvogel 06.09.2009 | 03:03

Wie unbedarft darf Journalismus heute sein?

"Wer wie ich in den Massenmedien arbeitet..." - dieser Satz offenbart das ganze Dilemma, Herr Angele: Wer so einen Satz schreibt, und vor allem: wer so einen Artikel schreibt, bedarf

journalistischer
sprachlicher
literarischer
und vor allem
menschlicher Schulung.

Wie viel Zeit bekommen Sie für einen Artikel, einen Kommentar, Herr Angele? Und: Wer liest Ihre Artikel gegen?

Ihr "Kommentar" verkörpert sinnbildlich diesen gallopierenden Absturz des Journalismus. Ich weiss ja nichts, kann ja nichts, aber google mich locker durch meinen journalistischen Alltag?

Sie werfen Autoren "Schwer erträglichen Exhibitionismus" vor?

"Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab. Etwas, das Größer ist als er, und er sagt sich, was ist schon mein kleines bescheidenes Leben dagegen, und die Scham durchdringt ihn." Sie schreiben einen derartigen Satz und realisieren nicht, dass vielleicht Sie selber gemeint sind?

„Es mag eine Leistung sein, das Publikum über seine Krankheit so zu unterrichten, dass es sich nicht langweilt, aber läge wahre Größe nicht auch hier im Verzicht?“

Wahre Grösse = stilles Leid???? Hallo, auf welchem Planeten leben Sie, Herr Angele? In welchem Zeitalter? Was ist das für eine Zeitung, die einen derartigen Kommentar zulässt? (Kommentar? Glosse? Literatur- oder Gesellschaftskritik?)

Es gibt dieses Dagegen nicht mehr, es gibt keine Transzendenz mehr, die einem die eigene Endlichkeit vor Augen führte und die Nichtigkeit lehrte, und also wird in die Tasten gehauen und es entstehen so.....

Nein, es gibt dieses Dagegen nicht mehr und keine Transzendenz, die einem Journalisten die eigene Nichtigkeit vor Augen führte, und also hat er ein bisschen gegoogelt, der Journi, und dann in die Tasten gehauen und es entstand ein unsäglicher Artikel...

Es tut mir leid, Herr Angele, wenn ich Ihnen derart an den Karren fahre. Aber es ist tatsächlich derart unsäglich, was Sie geschrieben haben. So unsäglich, wie Vieles in vielen Medien. Jeden Tag und ständig. Man kann nicht immer reagieren. Aber manchmal muss es sein.

Warum meine Gegenrede jetzt und hier so lautstark daherkommt: Ich habe meinen Mann verloren. Einen grossen und grossartigen Jazzmusiker und noch grösseren Menschen. Sein Leiden hat er still erduldet. Er hat nicht gehadert, nicht gejammert und schon gar nicht geschrieen. Er liess die Ärzte machen. Liess sich voll pumpen mit dem ganzen Gift. Und auch ich habe nicht geschrieen. Und ja, einige Freunde sagten mir später, es sei beeindruckend, wie er dies alles ertragen habe. Wie würdevoll.... Ganz nach Ihrem Geschmack: Würdevoll! Und still!!!

Mann spricht nicht über seine Angst, Mann jammert nicht, nicht über seinen Schmerz, nicht über sein Leid.... Zurück bleibt eine entsetzliche Leere, zurückt bleibt die Angst, nicht wirklich teilgehabt zu haben, nicht verstanden zu haben, nichts verstanden zu haben, vom Leid, von diesem Schmerz, von diesem Wahnsinn.

Schlingensiefs Buch hat mir etwas zurückgegeben. Schlingensiefs Worte haben diese Leere gefüllt. Sein ungefilterter Schrei, seine fieberhaften Fragen, sein Hadern und Suchen... Etwas, von dieser Kommunikation über Schmerz, Leid und Angst. Es war für mich die Möglichkeit, etwas nach zu vollziehen, an etwas teilzuhaben, an dem ich nicht teilhaben konnte. Oh nein, ich verwechsle das nicht, mit dem, was mein Mann gesagt hätte, nicht mit dem, was er wirklich gedacht, gefühlt, gelitten hat... Trotzdem, es war wie ein erlösender.... Akt, wie ein erlösender Traum. Es war, es IST Sprache für Unaussprechliches. Es ist das, was gute Literatur ausmacht.

Gute Literatur ist keine Wichsvorlage für müde und ausgelaugte Literaturkritiker. Gute Literatur ist ganz unakademisch Brücke zwischen Kulturen und Welten.

Columbus 06.09.2009 | 04:06

ad Titta schrieb am 05.09.2009 um 16:02

Liebe Titta, ich denke zu wissen, wovon ich schreibe. Wenn Sie das "wir" stört, ich habe davon gar nicht so viel in meinem Text, dann streichen Sie es und schreiben Sie sich in Gedanken hin, was Ihnen dort besser passt. Die Dialoge und Sätze sind alle authentisch. Das Verhalten nicht einmal, sondern oft und konsequent beobachtet. Ich kann es halt nicht besser beschreiben.

Ich finde allerdings nicht, dass in der Krankheit, vor allem bei diesen Krankheiten um die es hier geht, eine
"Ernte" eingefahren wird, dafür ist Alles zu nahe am Schnitter. Ich glaube auch nicht, dass ein Kranker sich und der Umwelt etwas beweisen muss, z.B. "Das, was der betroffene Mensch sich bis dahin an Beziehungen und Weltdeutungsmustern aufgebaut hat, muß sich nun bewähren, wird nun auf seine Tragfähigkeit hin überprüft." - Wirklich? Glauben Sie das, hilft das Ihnen, hilft das den Anderen? - Nun, dann ist es für Sie bestimmt gut.

Meine Erfahrungen sagen mir, ein wenig auch mein Wissen, dass darin, in dem beweisen und "bewähren" ein großer Irrtum liegt und Herr Schlingensief, aber auch viele andere Künstler genau dagegen anrennen. Sie können stellvertretend andeuten, wie wenig ein Mensch gezwungen ist, in einer solchen Lebenssituation Beweise vorzubringen. Sie werben für eine größere Freiheit in einem Zustand der faktisch und sachlich zunächst Enge, Einschränkung, weniger Bewegungsfreiheit und oftmals auch geistige Mattheit, Dumpfheit, Niedergeschlagenheit mit sich bringt, neben all´ dem Schmerz.

Wen es durch diese öffentlichen Bekenntnisse gelänge, einige von den überall aufgstellten Spiel- und Verfahrensregeln, wie "Kranke" zu sein haben und wie "wir" mit schwer Kranken, mit zum Tode Kranken, umgehen, zu lockern, dann wäre schon etwas erreicht.

Es gilt, so finde ich, in allen diesen Fällen eine Art "Beweislastumkehr". Erst wenn die Kranken häufiger spontan sagen, "so habt ihr mir gut getan und ich muss mich dafür nicht ständig bedanken", weil es wieder selbstverständlicher Umgang unter Menschen geworden ist, dann wäre ich ein wenig zufriedener.

Ich las dazu den sehr hilfreichen Verweis von Herrn "Merdeister", der die hier verhandelte Diskussion erdet, in dem er sich mit dem klinischen "Betriebsablauf", der sich in Wahrheit nicht nur in Kliniken, sondern auch an Arbeitsplätzen und in der Familie eingebürgert hat, pragmatisch beschäftigt. Sein Einschätzung, dass in diesem Falle die privatesten Dinge hochpolitisch sind, teile ich vollauf.

Aber noch einmal zum Thema:

Tatsächlich gibt es in dieser Frage nur einen kleinen Freiraum, journalistisch zu beurteilen, ob die Selbstaussagen und Kunstprodukte von Prominenten, in diesem Falle die eines umstrittenen, wie ich aber finde, ehrlichen Regisseurs und Ideenproduzenten, für diese Art Bekenntnis authentisch, nützlich, kunstvoll, glaubwürdig oder hilfreich sind. Mich störte nur der Anspruch, den "wir", ich schreibe das jetzt ganz bewusst, doch bei viel banaleren Dingen, aber auch bei vergleichbar schweren Themen nur ganz selten so streng anlegen. Ein Künstler oder Intellektueller ist in der Situation keineswegs besser, weiser, klüger und überzeugender. Er hat nur einen kleinen Vorteil, nein, deren zwei, er kann und will sich ausdrücken und mitteilen, und er hat die größere Öffentlichkeit dazu. Das Mitteilen ist aber, genau wie das Hinhören oder das genaue Lesen, das entscheidende Problem vor jeder Hilfe. - Das ist mein Verständnis in dieser Frage, nämlich ob die stellvertretende Öffentlichkeit und Offenheit Christoph Schlingensiefs, die Jürgen Leinemanns oder die eines Werner Schneyder, der über das Leiden seiner Frau schreibt, ob die Berichte und Kunstproduktionen, für mich sind es z.B. die einer Maxi Wander, mich so stärken, mich nicht einfach weg zu drehen, wenn es darauf ankommt. Sowohl dann, wenn ein Leiden, eine Krankheit mich trifft, als auch, wenn wieder einmal die feige Chance besteht, aus lauter Unbehagen an einer Kultur des Vorbeiredens und Darüberredens, den kleinen Schritt, das Angebot, nicht zu machen.

Frau Wander hatte dafür gut Sätze, z.B. diesen:

"Ich mag die vernünftigen Alten nicht, und am meisten erschreckt mich die sogenannte Vernunft bei den Jungen, sie ist nichts anderes als mangelnde Lebhaftigkeit und Phantasie, mangelnder Lebensmut."

Ob aus einem Bekenntnis "Kunst" wird, bleibt dem Zufall überlassen, dem man in einer seltsamen Volte höchstens ein wenig auf die Sprünge helfen kann, in dem man sich anstrengt ohne direkte Absicht. Eine Vorbedingung, wie es Herr Angele hingegen vorschlägt, kann es aber in dieser Angelegenheit unmöglich sein!

Grüße
Christoph Leusch

Titta 06.09.2009 | 06:02

@Eisvogel

Sie machen es aber, bei allem Mitgefühl für Ihre persönliche Situation, wenn, dann auch nicht so großartig anders als Herr Angele.
Sie überhäufen ihn mit Unflat und nun soll er dazu Stellung beziehen, gegenüber einer Trauernden.

Zu den Beurteilungskriterien hinsichtlich Schlingensiefs Werk bzw. Angeles Kommentar, hier hat marsborn bereits folgendes, wie ich finde, Treffendes geschrieben:
"Er (Angele) kritisiert ja nicht den Krebs oder die Angst derer, die ihn haben, sondern die exhibitionische mediale Vermarktung dieses existenziellen Problems. Ich habe größten Respekt vor Ihrer verzweifelten Lage, aber die "Kirche der Angst" fand ich, als alter Schlingensief-Fan, leider künstlerisch redundant, inhaltlich kindisch und insgesamt eigentlich unerträglich. Ich habe dann, immer noch Schlingensief-Fan, Ihr Buch ebenso ignoriert wie etwa die Ergüsse des Herrn Leinemann. Denn ich finde, ebenso wie man Politik und Kunst nicht miteinander verwechseln darf (sowie die jeweils dazugehörigen verschiedenen Mittel), will man wirksam etwas erreichen, sollte man auch die Bewältigung existenzieller Katastrophen nicht mit ihrer medialen Darstellung verwechseln. Dieser verzweifelte Exhibitionismus, der mir als Rezipient eben keine andere Wahl lässt als eben solidarische "Betroffenheit" oder eben das Ganze zu ignorieren erscheint mit weder als notwendig noch als irgendwie für irgendwen hilfreich."

Titta 06.09.2009 | 06:44

Lieber Christoph Leusch,

Sie schreiben: "Ich glaube auch nicht, dass ein Kranker sich und der Umwelt etwas beweisen muss, z.B. "Das, was der betroffene Mensch sich bis dahin an Beziehungen und Weltdeutungsmustern aufgebaut hat, muß sich nun bewähren, wird nun auf seine Tragfähigkeit hin überprüft.""

Ich weiß nicht, ob Sie mich da richtig verstanden haben bzw. ob ich mich da genügend verständlich machen konnte. Es geht nicht darum, daß der Kranke sich was beweisen muß. Ersetzen Sie das >muß einfach durch >wird, dann wird es vielleicht verständlicher. In der Krankheit zeigt sich einfach, ob das Beziehungsgefüge, in dem er sich befindet, das er sich aufgebaut hat in seinem bisherigen Leben, ihn nun durch diese Zeit trägt oder nicht. Ob da Menschen sind, die ihm beistehen, oder die sich abwenden. Ob er mit diesen Menschen reden kann, oder ob das Nichtredenkönnen, das schon immer bestand, nun offensichtlich wird. Ob es einen Glauben, eine Lebenseinstellung gibt, die sich in dieser existenziellen Lebenssituation bewährt, die sinnstiftend wirken kann.

"...ob die Berichte und Kunstproduktionen, für mich sind es z.B. die einer Maxi Wander, mich so stärken, mich nicht einfach weg zu drehen, wenn es darauf ankommt. Sowohl dann, wenn ein Leiden, eine Krankheit mich trifft, als auch, wenn wieder einmal die feige Chance besteht, aus lauter Unbehagen an einer Kultur des Vorbeiredens und Darüberredens, den kleinen Schritt, das Angebot, nicht zu machen."

Ich finde ihre Motivation, ihr Bestreben wirklich sehr ehrenwert. Allerdings ist das menschliche Gefühl, sich abwenden zu wollen, genauso wichtig und richtig und darf ebenso wenig mißachtet werden. (Auch wenn ich es als gesellschaftliches Phänomen genauso kritisiere wie Sie.) Ich erlebe immer wieder Menschen, die sich
dieser Gefühle schämen, sie verdrängen, und sich dann zB als Angehörige völlig überfordern. Weil sie glauben, zur Liebe gehörten solche Gefühle nicht.

Und was bei der ganzen Situation vielleicht auch nicht aus dem Blick geraten sollte, ist die Tatsache, daß es für manche Menschen noch Bedrückenderes gibt als die Angst vor dem Tod bzw. der Tod eines lieben Menschen.

Es grüßt sie herzlich
Titta

Schimmelweiß 06.09.2009 | 07:14

Liebe gedankenstarke Gemeinde,
das war/ ist doch ein wunderbarer von prallem Leben nur so sprühender Disput, eine subjektive Objektivierung von Feinem. Meistenteils uneingeschränkt zustimmen kann ich nur Angele, Titta, luggi, marsborn. Die FREITAGliche „Nettiquette“ hat nur einer nicht beachtet: der Marketing-Boulevardier Master Schlingensief. Er hat sich hier mal niedlich offenbart in Diktion, speziell Wortewahl, Welt- Selbstverkenntnis, Präzision, toller Unterstellungsmanier, lehrbeispielhafter Patho-Paranoia. Ton macht Mugge. Gedankens Blässe. Sowie: „Wer heute (hier) nicht krank ist, ist krank“, heißt es so schön wie trefflich. Wer sich gesund meint, hat sie nicht alle – umgekehrt gefolgert.

Angele hat den Nerv vieler getroffen (kenne mehr als einige, nicht unbedingt FREITAG-Leser oder Sterbens/ Todes-Tabuierer) und wider eine (merkwürdige) Political Correctness (der Ahnungslosen) gelöcket, die Schlingensief plötzlich hintergründig einfordert, früher jedoch eifrig zerspellte. DE MORTUIS NIHIL NISI BENE? Wieso eigentlich? Sogar bei noch vor sich hin Sterbenden schon anzuwenden? Meister Sch. hat sicherlich Verdienste, der Anti-Rassismus-Container in Wien, diese und jene Theater-u.a.-Idee, offensiver Versuchs-Anarchismus im Gesellschaftlichen wie Kulturellen. Vieles ist aber vielleicht, nein: gewiss, grober Nonsens, extreme Kultur-Niveau-Absenkung wie (á la Meese) haarsträubende Scharlatanerie, eine hocheitle Selbstausstellung, die einen zum Brechreiz verleitet, - in der Hinsicht ist der Beuys-Spruch ein Fluch. Könnte es nicht auch sein, dass er schon lange seinen Zenit überschritten hat, sich selbst wiederkäut, von Ideenklau bei sich und anderen existiert, vor Längerem aufhören hätte sollen, zumindest mal auf eine Dauer abseits Besinnung und Konzentration pflegen? Schier unerträglich sein Auto-Splatter-Movie samt eigener familiärer Kirchensekte, seine ostentative Heulerei: „Warum gerade ich?“ (eine Anmaßung sondergleichen). Schnell noch mal alles Material zusammenklauben, drollige Aufnahmen aus der Kindheit, ja nix vergessen, weil ICH doch SO WICHTIG bin. Wie schrieb Droste zu Biermann sinngemäß: Er stand politisch immer in der Nähe einer Kamera.

Wenn es seinen Gott gibt, der hohe Naive flüchtet, immer spätestens: wenn es hart wird, ins Gläubische, dann hat ER ihn mit dem Krebs beschenkt, auf dass er demnächst ausruhe, punktum. Soll er prämortal froh sein, nicht noch mehr Unsinn in die Welt zu schmeißen, der ruiniert den Ruf vollends. Ein Theater in Afrika (Mankell-Anschmiss inklusive) wird sofort den Hunger und AIDS wegspielen, bestimmt. Aber nur, wenn Schlingensief-Stücke die Bühne beweihen. Von „Scham“ wie Angele würde ich nicht reden im Sch.-Falle, eher von Würde, er könnte zu lernen versuchen, in Würde zu sterben, das tun doch die Allermeisten, so oder so (Lektüre, Blogs über Krankheiten im WWW sind das eine, befreundete, bekannte, verwandte Partner eventuell Besseres). Er hat sich genug ausgetragen. Spätestens jetzt aber wurde es peinlich, der Kindskopf wird flugs und ungewollt erwachsen – und muss alsdann sogleich aus dem Leben weichen, Pech das. Und wir, die wir nicht rechtzeitig auf den Bäumen sind, sollen sein Siechtum empathisch mit Zeit undoder Geld bezahlen (die Assistentenschar des Guru will anbei versorgt sein). Denn darum geht es zuletzt. Und darum, dass die Welt, das Universum, abrupt innehalten soll, alles Leben enden möge (nicht, natürlich, für die postmortalen Adlaten), weil ein gewisser Christoph Schlingensief das Zeitliche segnet.

So wie er offensiv inbrünstig in die Gesellschaft hinein wirkte, sollte er doch gelassener einen solchen wie den Angele-Kommentar ertragen können. Leider fehlt beiden Überwinder-Humor, A. wie Sch., die unheilige, lakonische Wut des A. akzeptiere ich gern. Na gut, alles eine Frage des Geschmacks (einer/ eine hat ihn – oder nicht): Für meinen wäre es schön (das „ALLES MUSS RAUS“ ist erledigt), ginge Meister Sch., wenn es ultimatiert, wie ein Indianer in den Wald, setzte sich hinter einen Busch und stürbe friedlichschiedlich, in Afrika am besten, da ist es warm – und ohne jegliche Medien, bitte. Wie er sich jetzt gebärdet, wird er seine Gebeine wahrscheinlich wie einst Lenin in ein Mausoleum per Vorvertrag „transformieren“ wollen, inmitten der „Körperwelten“ wären sie zu uneinzigartig. Nee auch, dabei hatte ich den Herrn Sch. einst mit der Erststimme demokratisch gewählt, lang ist’s her, der APPD gehörte übrigens die Zweitstimme, deren eines Motto: „Arbeit ist Scheiße“. In diesem Sinne: Ruhe sanft, C. S. Nichts für ungut. Oder doch.

luggi 06.09.2009 | 10:10

Notwendige Berichtigung - das Thema ist zu ernst.

Um Bilder von einem Bronchialkarzinom zu finden gibt es mehr Quellen als de.wikipedia. Was ich aber heimtückisch (ob mit Vorsatz oder aus Unwissenheit) an deinem Kommentar finde ist folgender Umstand. Das von dir verwendete Foto zeigt nicht wie von dir unterstellt ein kleines Karzinom sondern ein kleinzelliges Karzinom im mikroskopischen Präparat. Das Bild darüber zeigt die makroskopische Ansicht eines Bronchialkarzinoms. Und dieses Bild und andere sind furchteinflößend. Die Tumorzellen des kleinzelligen Bronchialcancer sind nicht von sich aus blau oder lila. Sie sind eingefärbt damit z.B. der Pathologe bei einer Tumoroperation sicher sein kann, dass der Chirurg beim abschneiden von Organmaterial ohne Färbung der Zellen im gesunden Gewebe angekommen ist. Im Prinzip beim kleinzelligen Bronchialkarzinom nicht anwendbar, weil dieser Krebs als inoperabel gilt.

Deinen letzten Satz "Die kleinen Zellen darin zu finden, bleibt jedem selbst überlassen." wird bei mir unter der Rubrik Zynismus ohne Adjektiv einsortiert.

Abschließend: "richtiger Beleg" Herr Schlingensief als Raucher. Vielleicht hilft dieser Link:
www.bz-berlin.de/archiv/schlingensief-sucht-den-schuldigen-fuer-seinen-krebs-article320967.html

luggi 06.09.2009 | 10:22

@ Magda

Ich wiederhole mich, bis 1995 war ich starker Raucher. Und genau die gleiche Argumentation wie Ihre, "Es gibt Leute, die rauchen und kriegen sowas nicht. Und ich kenne auch eine Person, die hat nie geraucht und hat auch einen Lungenkrebs." habe ich schon vor Jahrzehnten zur Rechtfertigung meiner Abhängigkeit oder besser Sucht benutzt. Und auch andere Argumentationen sind mir geläufig. Räucherware hält sich länger, mit der Tabaksteuer finanzieren wir den Staat, weil wir früher abkratzen belasten wir nicht die Rentenkasse....
Liebe Magda, alles nur dumme Ausreden.

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rahab 06.09.2009 | 11:31

hab mir noch mal den anfang durchgelesen. und dachte mir dann so vor mich hin: wenn das so sein sollte, dass im unglück und in todesangst die scham und/oder das größere vom schreiben (=veröffentlichen?) abhält, abhalten sollte, dann gehörte eigentlich das buch Hiob/Job aus zumindest der christlichen bibel rausgeschmissen. oder zumindest all das, was Job so sagt, schreit, klagt und so weiter. die freunde vielleicht auch, vielleicht reichte es auch, wenn nur einer stehenbliebe. und am ende bliebe dann nur gott der herr (adonai), der wortgewaltig fragt: wo warst du denn, als ich all das schuf?

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harry-kovalcek 06.09.2009 | 11:53

@ Schimmelweiß
Jawoll, mein Herr,
fast schon macciavellistisch Ihr Kommentar, ich pfeife anerkennend! Da fällt mir nur noch das Lied von Hans Albers ein:

" Jawoll, meine Herr'n, so hab'n wir es gern,
denn von heut' an gehört uns die Welt.
Jawoll, meine Herr'n, die Sorgen sind fern,
wir tun, was uns gefällt.
Und wer uns stört, ist eh' er's noch begreift,
längst von uns schon eingeseift.
Jawoll meine Herr'n, darauf könn'n sie schwör'n,
Jawoll, Jawoll, Jawoll! "

Hoffe, wir treffen uns mal beim Stammtisch,
es grüßt
Kovalcek

merdeister 06.09.2009 | 13:01

"Um Bilder von einem Bronchialkarzinom zu finden gibt es mehr Quellen als de.wikipedia."
Wikipedia ist schnell und die Urheberrechte sind klar (?) und für die Aussage meines Kommentars ist es nicht wichtig die Histologie des richtigen Tumors zu finden.

"Das von dir verwendete Foto zeigt nicht wie von dir unterstellt ein kleines Karzinom"
Wo habe ich das geschrieben?

"Das Bild darüber zeigt die makroskopische Ansicht eines Bronchialkarzinoms."
-"Berichte von Betroffenen zeigen den Schrecken u.U. in ihrer ganzen Pracht (die Bilder spare ich mir jetzt)."-
Wenn Du Dir die ganze Pracht selber ansiehst, weiß ich auch nicht.

"Die Tumorzellen des kleinzelligen Bronchialcancer sind nicht von sich aus blau oder lila. Sie sind eingefärbt damit z.B. der Pathologe bei einer Tumoroperation sicher sein kann, dass der Chirurg beim abschneiden von Organmaterial ohne Färbung der Zellen im gesunden Gewebe angekommen ist."
Das ist doch unwichtig, wenn man sich mit dem beschäftigt hat, was ich sage. Außerdem ist es nicht ganz richtig. Der Chirurg markiert u.U. den Rand einen Gewebestückes, damit der Pathologe (der die Zellen blau macht) beurteilen kann, ob dieser Tumorfrei ist.

"Deinen letzten Satz "Die kleinen Zellen darin zu finden, bleibt jedem selbst überlassen." wird bei mir unter der Rubrik Zynismus ohne Adjektiv einsortiert."
Dann hast Du ihn nicht richtig verstanden, darauf deutet allerdings auch schon meine "heimtücke" hin.

Den Bericht, den Du verlinkst kannte ich schon "Das Rauchen hat er übrigens schon vor Jahren aufgegeben. " war mir aber nicht Aussagekräftig genug. Trotzdem Danke.

Du hättest auch noch auf ein Komma hinweisen können, welches da zuviel im Text steht.

Wo das geklärt ist, können wir aber gerne über Angst sprechen, denn darum geht es hier Meiner Ansicht nach unter anderem.

luggi 06.09.2009 | 13:41

"Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt".

Das ist die Glaubensmaxime von Schlingensief. Und so lange er daran glaubt wird er sich daran halten und seinen Exhibitionismus fortsetzen. Die These ist inhaltlich Schwachsinn; aber daraus den Versuch zu unternehmen, Kunst zu "produzieren", bleibt bei seinen aktuellen Projekten Scharlatanerie. Da schau her liebes Volk, ich Dr. Schlingensief (der Titel ist von seiner floppenden Kummerkastenpage) habe die Lösung aller Gebrechen. Zeige deine Wunde....s.o. Nichts ist. Niente. Nitschewo. Die Natur ist dein Herr und Meister und die Natur richtet. Der Mensch ist kein Kunstwerk sondern Bestandteil der Natur. Schlingensief's These, zusammengebrochen wie ein Kartenhaus. Das ganze als Kunst zu verkaufen ist schon dreist; gut, wem es gefällt, dass er veralbert wird. Solange es nicht subventioniert wird und die Umwelt bleibt in Ordnung, bitteschön.

Was veranstaltet Herr Schlingensief? Ist das ganze der verspätete Ersatz für die fehlenden 2 Runden mit Kreuz als Kind in Altötting? Verzeiht er seinem Vater nicht, dass er ihn bereits nach einer Runde Fürbitte (Krankheit seiner Mutter) aus dem Kreisverkehr zog? Zieht er jetzt zu Kreuze wegen seiner schweren Krankheit und will einer imaginären Person zeigen: Siehe was ich dir widme, eine prächtige Kirche, Musik, Menschen. Was willst du mehr? Bitte erlöse mich doch jetzt von dem Übel. These gescheitert, Glaube gescheitert. Kann er nicht einfach Ruhe geben? Soll er noch weiter das scheitern seiner Thesen testen?

Schlingensief - anfangs als kommender Starregisseur gefeiert, viele Regiearbeiten gemacht, von denen einige gute Kritiken bekamen, wegen des Ausbleibens guter künstlerischer Einfälle in das Fach der Provokation gewechselt und jetzt als Scharlatan mit seiner Krankheit umgehend.

Kunst kommt von Können. Das verwenden künstlerischer Ausdrucksformen ist noch lange keine Kunst. Wäre ja auch blöd, weil, dann wäre der Einkaufszettel von z.B. Thomas Mann an seine Ehegattin Kunst?.

paladin0505 06.09.2009 | 14:28

Wenn ich die ganzen langen Kommentare und den Haupttext richtig verstehe, haben die meisten Leute einfach Angst vor dem, was Herr Schliengensief und Co. von sich geben.
Ein todkranker Mensch hat alles recht der Welt, sein Leiden zu lindern und wenn ihm das mit dem hier so böse kritisierten "Exhibitionismus" am besten gelingt, soll er das tun. Ich denke, wir haben kein Recht, das zu kritisieren, nur weil uns das Lesen des Textes "peinlich berührt". Das liegt nämlich nur daran, das wir uns mit unserer Sterblichkeit konfrontiert sehen, mit der wir uns nicht früh genug beschäftigen können. Was soll so ein Kommentar bewirken???? Lest einfach nicht, wenn es euch nicht gefällt und lasst die Kranken ihr Leben meistern wie sie es wollen. Aber greift sie nicht mit solchen Kommentaren an...Wirkliche Grösse würde der Schreiber des Artikels zeigen, wenn er sich für seine Worte entschuldigen würde anstatt sich angegriffen zu fühlen, wenn ihn ein Betroffener härter anspricht. Die Menschen schauen den Tod ins Auge und argumentieren dementsprechend hart....

Streifzug 06.09.2009 | 14:31

Es sind diese Zusammenhänge. Hier im Artikel lese ich Worte und Sätze wie:

"Auschwitz

Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab. Etwas, das Größer ist als er, und er sagt sich, was ist schon mein kleines bescheidenes Leben dagegen, und die Scham durchdringt ihn.

Wer beschließt, ein Buch nicht zu schreiben, weil ihn die Scham durchdringt

Wenn die eigene Krankheit schon öffentlich gemacht werden muss, dann bitte mit dem Anspruch, es nicht unter dem Rang von Kunst zu machen"

Ein wenig weiter in derFreitag im Artikel Die Logik des Stammtisches steht:

"Transposition von Tatsachen und Gedanken"

Karl Korn, ein bekannter Journalist auch im Nachkriegsdeutschland, würdigte Veit Harlans Film "Jud Süß" im "Reich" wegen seiner "historischen Objektivität".

Zwei Sätze dieser Besprechung sind bedenkenswert.

"Der Elende weiß nicht stolz zu sterben. Für nichts vermag kein Mensch anständig zu sterben."

Der wahre Mensch stirbt also mit Anstand, für etwas, Führer, Volk, Vaterland, ohne zu wimmern, ohne "Betroffenheit". Wer nicht stolz zu sterben versteht, der braucht auch nicht das Recht auf einen individuellen Tod. Man kann ihn vernichten wie Müll. Am Ende steht für Elende, die nicht stolz sterben können: Auschwitz.

Um es ganz deutlich zu sagen: Ich unterstelle Michael Angele keine rassistischen Fantasien. Es geht mir um Transposition von Gedanken.

Ich fühle mich bis jetzt von keiner "Bekenntnisliteratur" oder anderen "exhibitionistischen Neigungen" belästigt. Keiner zwingt mich, sie zu lesen oder entsprechende Sendungen zu sehen.

Diese Art der "Kunst" mag für viele nicht der Weg zu einer "perfekten Welt" sein, aber solange es sie und das Recht auf sie gibt, ist der Weg in eine Katastrophe obiger Art erschwert.

Erst, wenn es wieder ruhig wird in unserem "Vaterland" und die Aufforderung nach einem stolzen, ruhigen Tod für etwas, was größer ist als man selber ertönt, erst dann werde ich unruhig.

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felicitas 06.09.2009 | 15:02

Hallo LeserInnen,

ich hätte nicht gedacht, dass der Artikel von Angele an Flachheit, Vorurteilen, Berührungsängsten und Projektionen noch zu toppen ist.

Was schimmelweiß und auch Kovalcek hier von sich geben, entsetzt mich und zeugt von unsensiblem und rücksichtslosen Denken.

Mein Mitgefühl geht an die an Krebs oder sonstwie Erkrankten, die in einer solchen wie unserer Industriegesellschaft - wie auch alle anderen Randgruppen oder von der "perfekten, erfolgreichen, scheinbar gesunden" Norm Abweichenden -
auf ein Abstellgleis bugsiert werden.

Vor Leuten wie Argelen, schimmelweiss oder Kovalske
und anderen, hüte und schütze sich wer kann.

Überzeugend und nachvollziehbar finde ich hingegen die Kommentare von Columbus, socanalytica und merdeister, um nur diese zu nennen.

Die vielen Reaktionen auf den dreisten Artikel zeigen, dass die meisten Leute Verständnis dafür aufbringen, wenn Menschen in schwierigen Lebenssituationen sich nach außen, an andere Menschen wenden.

Jemand, Entschuldigung, dass ich jetzt den Namen nicht parat hab, schrieb hier auch sinngemäß, wohin solle man sich auch sonst wenden, da Gott wohl nur in einem selber oder den Mitmenschen zu finden sei...

Liebe Grüße,
Feli

Michael Angele 06.09.2009 | 15:36

Liebe Mitleser und -streiter,

ich möchte noch eine Sache klarstellen. Ich finde den Titel zu meinem Artikel unglücklich gewählt. Der Artikel ist zuerst im Druck erschienen und wurde dann für online mit einer neuen, kurzen Headline versehen (also der Headline "Wer hat geil Krebs?"). Ich war mir mit dem Chefredakteur einig, dass sie sofort geändert werden muss. Das ist leider nicht geschehen und keiner bösen Absicht geschuldet, sondern dem Trubel des Redaktionsalltags. Zuvörderst ich selbst habe dann versäumt, für Vollzug zu sorgen. Später schien es mir zu spät, es hätte feige ausgesehen, so dachte ich, und nun steht er da, und macht mich gar nicht glücklich.
Michael Angele

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harry-kovalcek 06.09.2009 | 15:50

@ Streifzug: ich finde die Transposition des Auschwitz-Gedankens grenzwertig.

@ marsborn: Ihr Hinweis, dass jedes sinnvolle Gespräch zum Tode verurteilt ist, sobald einer der Gesprächpartner mit der "Auschwitz-Keule" winkt, ist aus meiner Sicht Gold wert.

Nur hätte ich das gerne früher gewusst, dann hätte ich mir nämlich gleich sparen können, den geilen Artikel zu lesen.
Wenn ich mich richtig erinnere, kam das Wort "Auschwitz" gleich in der ersten Zeile des Artikels von Michael Angele vor...

Woher wissen Sie so genau, dass der Tod keine Privilegien vergibt?
Sitzen Sie ganz nah an der Quelle?
Als Marsgeborener? Toll!

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klara 06.09.2009 | 16:50

Ja, der Titel ist ziemlich eklig. Ein Reißer-Titel, gegen die an sich ja nichts zu sagen ist, der aber hier, finde ich, unnötige Geschmacks-Barrikaden einreißt. (Herr Angele, welchen Titel wollten Sie haben, wenn man fragen darf?)Wegen dieses Titels hätte ich den Text fast nicht angeklickt.
Nur ein paar Gedanken möchte ich in den Ring werfen, wenig strukturiert:
Auch ich war befremdet von Leinemanns „Coming Out“. Ich habe im Tagesspiegel angefangen, ein Interview mit ihm zu lesen – und nach einer Spalte damit aufgehört, weil… - weil ich finde, dass mich das irgendwie NICHTS ANGEHT. Ich kenne den Mann doch gar nicht! Wenn es mein Bruder wäre, dann würde ich alles wissen wollen, genau trösten wollen, helfen und reden und mit-leiden. Aber Herr Leinemann ist nicht mein Bruder. Warum will er allen möglichen fremden Menschen davon erzählen? Warum geht auch Herr Schlingensief – in seinem Kommentar – davon aus, dass die Gesellschaft sozusagen ein Recht darauf hätte, über ÖFFENTLICH ihre Leiden in Ich-Form zu reden? Die Betonung liegt auf „öffentlich“. Und Herr Schlingensief argumentiert zum Teil unlogisch, denn die Leiden an Ärzten, Herablassung etc. werden nicht dadurch gemildert, dass öffentlich in allen Details über Geschwüre und Ängste gesprochen wird. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Oder anders gefragt: EXISTIERT man nur, wenn man ÖFFENTLICH wahrgenommen wird? DAS ist die eigentlich interessante Frage, finde ich, die hinter dem Befremden von Herrn Angeles Text stehtn könnte.
Ich finde den Kommentar von Herrn Schlingensief sehr lesenswert, packend geradezu. Diese absolute und exhibitionistische Ich-Bezogenheit hat eine große, auch künstlerische Stärke, eine große Faszination. Und zugleich offenbart der Kommentar in meiner Wahrnehmung eine Schwäche, die in vermutlich in jedem Produkt dieser Art künstlerischen Schaffens steht: Der Künstler kann nicht von sich selbst absehen, und schwächt dadurch seine Position, seine Ausdruckskraft, seine Allgemeingültigkeit.
Das hat dann rasch so etwas von „Ich weine, also habe ich Recht.“ Wer stirbt, hat auch immer recht.
Krebs ist eine der Krankheiten, die man wohl am meisten fürchtet. Ich habe mich als Kind sehr davor gefürchtet, wie man sich als Kind vor den furchtbaren Dingen fürchtet (Tod der Mutter, Drogensucht, Krieg etc.). Auch heute noch fürchte ich mich vor Krebs, genauer: Ich habe eine Riesenangst davor. Und ich verstehe das Bedürfnis, darüber zu reden, wenn man betroffen ist. Auch künstlerisch darüber zu reden. Egal ob krank oder nicht: Das Ich als vornehmster Gegenstand schreibender Betrachtung hat lange Tradition im christlichen Abendland, wurde nach dem Mittelalter, wenn ich nicht irre, bis heute währende Mode. Montaigne zum Beispiel, ein Renaissance-Autor, hatte eigentlich keinen anderen Gegenstand als sich selbst, seine Leiden vor allem, sein Altern.
Der Hinweis auf Richard Sennett greift hier fehlt, scheint mir, ohne dass ich das jetzt ausführen möchte. Und auch das Argument, es gehe auch anders, in anderen Gesellschaften, wirkt auf mich nicht schlüssig, obwohl die Frage interessant ist. Meinen Sie damit das Mittelalter, Herr Angele? Als es Kunst fast nur im Kollektiv gab? Namenlos? Das Urheberrecht weit fort in der Zukunft? Weil alles Gott war und diesem diente? Oder meinen Sie asiatische Gesellschaften? Sind sie „menschlicher“, „besser“, „nachhaltiger“? Gibt es überhaupt eine Bewertung?
Und warum sollte man die Exhibitionismen unserer Zeit mit zweierlei Maß messen? Also: Sexpraktiken, Beziehungsdebatten, Ehe-Intima sind in Ordnung als Gegenstand öffentlicher Beschreibung – der Alzheimer des Ehegatten indes und die Krebserkrankung des Herrn Leinemann ist es nicht?
In den 70erJahren gab es diese Art der Bekenntnisliteratur, glaube ich, auf feministischer „Grundlage“. Vielleicht kennt jemand ein unsägliches Buch namens „Märchenprinz“? Es hat sicherlich vielen „geholfen“, oder auch ohne Anführungszeichen: geholfen. Manchmal müssen Sachen gesagt werden, weil sie da sind. Und in der Ich-Form verallgemeinert es sich offenbar leichter, weil eigentlich jeder Ich ist.
Ich finde die Frage interessant, ob es Belästigung ist, über den eigenen Krebst öffentlich zu sprechen. Ich weiß darauf die Antwort nicht, sie kann wohl nur individuell sein: Dem einen hilft es, der andere will nichts davon wissen, der dritte ist indifferent. Darüber Kunst zu machen auf eine Art, die sich eben nicht so hübsch ironisch distanziert wie der Gernhardt, hat auch eine Größe, und der Widerspruch ist nicht auflösbar: Jeder hat Recht. Herr Angele hat Recht. Herr Schlingensief hat Recht. Weil es am Ende nicht die richtige Kategorie ist: Recht haben. „Komm, sing uns mal ein schönes Lied“ – kennt das noch jemand? Degenhardt at it’s best? Das schrammt auch an der Grenze zur Widerwärtigkeit, und ist, finde ich, ein großes Lied eben deswegen.
Ich finde die heftigen Reaktionen interessant, insbesondere, weil Herr Schlingensief, bevor er erkrankte, genau dies offenbar als Hauptziel seiner Kunst anvisierte: Provokation. Heftige Reaktionen. Je heftiger, desto besser. Vielleicht ist es so: Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, kommt darin gewissermaßen um, muss sich deshalb immer wieder neu erfinden. Die absolute Authentizität gibt ebensowenig – oder nur als tote – wie die Absolution. Wer von der Öffentlichkeit geliebt sein will, muss immer ein anderer sein, denn die Öffentlichkeit ist eine Hure.
Ich nehme an, dass der Text von Herrn Angele schon durch kleine Änderungen in der Haltung weniger polarisiert hätte. Aber dann wäre hier nicht so viel Interessantes gesagt worden…

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klara 06.09.2009 | 16:57

p.s.der Hinweis auf Hunger in der dritten Welt,und dass man deshalb als Angehöriger der 1. Welt smit seinen kleinen, individuellen, irrelevanten (wenn auch tödlichen) Leiden unser Maul halten, ist ungefähr so unsinnig wie die Aufforderung an ein Kind, den Teller leer zu essen, schließlich hätten doch die armen Afrikanerkinder gar nichts zu essen und wären froh.
Nein!
Hinter einer solchen Aufrechnung von Leid bzw. Relativerung von Leid (leidende Massen gegen leidenden Einzelnen) gegeneinander steckt oft, scheint mir, eine verkappte Menschenverachtung, Verachtung des Individuums. Auch hungernde Kinder in Afrika sind einzelne Menschen, und jedes hat einzelne Schmerzen. Das Sprechen über Erste-Welt-Krebs nimmt hier doch die Relevanz nicht weg! Das hat doch nichts miteinander zu tun.

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felicitas 06.09.2009 | 17:10

Nachdem ich das alles gelesen habe, könnte ich in Versuchung geraten zu sagen, "gut, dass Herr Angerer die Überschrift des Artikels nicht mehr ändern konnte", denn diese hat maßgeblich zur polemischen Färbung des ganzen Artikels beigetragen.

Er hat damit sozusagen in ein Wespennest gefasst und nun kommen die ganzen Viecher raus und geben hier angeregtes und intelligentes zum Vortrag.

Es sollte aber dennoch nicht außer Acht gelassen werden, dass der Autor sich selber vom Titel "wer hat den geilsten..." distanziert und dass dieser von der online-Redaktion auf die Schnelle zusammengeschustert wurde.
Manchmal bleibt zum Denken eben keine Zeit, und da wird dann mal zackzack ein exhibitionistischer "Köder" ausgelegt, und mal schauen, ob wer anbeisst.

Sind doch ein paar fette Fische als Ausbeute, oder?

Aber muss das wirklich sein, dieses gegenseitige Abwerten, Lächerlichmachen und Bloßstellen?

Diese Unbeteiligtheit, Gemeinheit und Schadenfreude angesichts tiefsten Leids und größter Schmerzen?

Als meine beste Freundin als Kind eine gescheuert bekam von ihrer Mutter, konnte ich mir das Lachen gerade noch verkneifen.
Warum ein unwiderstehlicher Lachreiz mich erfasste, in dem Moment, wo ich ihr ungläubiges Gesicht sah, weiß ich nicht.
Steckt wohl irgendwo verborgen in mir drin, eine Art sadistischer Distanzierung von meinen lieben Mitmenschen.
Schrecklich.

Streifzug 06.09.2009 | 17:12

@klara,

ich habe es oben schon geschrieben:

diese "Öffentlichkeit" in all ihren Ausprägungen ist meiner Meinung nach einer der stabilsten Anker einer offenen, freien Gesellschaft. Genau das muss man aushalten. Man ist ja nicht gezwungen, alles zu konsumieren.

Auch Bloggen gehört dazu.

Sobald angefangen wird von einer "höheren" Warte zu selektieren, nach welchen "Gütekriterien" auch immer, verlässt man die offene, freie Gesellschaft und steuert in eine Richtung, deren mögliches Ende schlimmer sein wird als alle vorher kritisierte "Öffentlichkeit".

Somit sind gerade momentan die angeblichen "Qualitätswächter" Feinde offener Strukturen (auch Bloggen), letztlich aber einer offenen und freien Gesellschaft.

Ach so, ich kenne auch "Der Tod des Märchenprinzen" :)

Michael Angele 06.09.2009 | 17:34

Liebe Klara,

danke für den langen, differenzierten Beitrag. Kann nur noch kurz antworten (bin etwas erschöpft). Es gibt ja den Titel in der Printausgabe. Er lautet:
"Kommentar (Mein Name) über die neue Bekenntnisliteratur.
Mutig ist, über seinen Krebs zu schreiben - es nicht zu tun, wäre fast schon Übermut".

Mit meinem Hinweis auf die anderen Gesellschaften (und ich meine damit ALLE außer der unseren, "post-modernen", oder wie immer man sie nennen soll) wollte ich nur darauf hinweisen, dass wir uns eben schon so an die Form der Öffentlichkeit gewöhnt haben, die Sie sehr schön beschreiben, dass uns etwas anderes kaum noch vorstellbar scheint.

Und ein Letztes: Ja, der Kommentar von Schlingensief hat zweifellos eine Kraft. Aber es gibt nicht nur den Künstler in seiner unbedingten, großartigen, ich möchte sagen, trans-narzistischen Geste, es gibt auch seine Gefolgschaft, und was diese hier postet, finde ich zum Teil erschreckend, muss ich leider so sagen. Mich fasziniert es aber auch wiederum als Phänomen, ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ein Künstler in unserer Zeit noch eine Sekte hervorbringen würde (als "Sekte" hat Max Weber den Kreis um den charismatischen Dichter Stefan George bezeichnet, es ist also streng soziologisch gemeint, bevor man sich hier wieder aufregt :)

Im Übrigen möchte ich ihnen dafür danken, dass Sie auf die SPIEGEL-Titelstory eingegangen sind.

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gerhardhm 06.09.2009 | 17:45

@Streifzug
In jeder Weise!
Der Tod ist die Höchststrafe. Für manchen die ultimative narzistische Verletzung. Kein irgendwie (auch finanziell) nutzbares, handhabbares Thema für Theater, Kino, Fernsehen,... Nicht "die Anderen", sondern:Ich bin sterblich. Und zwar jederzeit. Es ist unser aller(!) Lebensrealität.
Ich fand, vor allem das, was Titta geschrieben hat, stimmig. Ich "übersetze" mir das so: Sich dem Leben anheimgeben, heißt eben auch, sich dem Tod anvertrauen. Und sich gehalten wissen, oder glauben. Es mag jeder selbst herausfinden, welche Aufgabe die schwerere ist.
Dem "richtigen" Leben mag so mancher ausweichen können. Dem richtigen Tod nicht.

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harry-kovalcek 06.09.2009 | 17:53

@ Streifzug, ganz recht, hier ist einiges grenzwertig, aber deshalb muß man ja nicht gleich in dieselbe Kerbe hauen.

@ Herr Angele, ja erschreckend diese Sekten, Sektierer und Sekttrinker, die überall wie Pilze aus dem Boden schießen.
Sollte auch mal dringend drüber geschrieben werden!

Streifzug 06.09.2009 | 18:09

@GerhardHM,

jeder hat das Recht seinen eigenen Weg zu finden.

Folgendes habe ich unten bei klara schon mal geschrieben:

Diese "Öffentlichkeit" in all ihren Ausprägungen ist meiner Meinung nach einer der stabilsten Anker einer offenen, freien Gesellschaft. Genau das muss man aushalten. Man ist ja nicht gezwungen, alles zu konsumieren.

Auch Bloggen gehört dazu.

Sobald angefangen wird von einer "höheren" Warte zu selektieren, nach welchen "Gütekriterien" auch immer, verlässt man die offene, freie Gesellschaft und steuert in eine Richtung, deren mögliches Ende schlimmer sein wird als alle vorher kritisierte "Öffentlichkeit".

Somit sind gerade momentan die angeblichen "Qualitätswächter" Feinde offener Strukturen (auch Bloggen), letztlich aber einer offenen und freien Gesellschaft.

Titta 06.09.2009 | 18:22

"gefühlsblöde"

Es gibt keine blöden Gefühle. Ebensowenig wie es eine Art gibt, Gefühle blöde aufzunehmen.
Gefühle sind so wie sie sind. Sie sind nicht beurteilbar.

Das "gefühlsblöde" kommt doch wohl vielmehr dadurch zustande, daß der eine Mensch die Gefühle des anderen Menschen nicht verstehen, nicht nachvollziehen kann. Und aus diesem Unvermögen, diesem Unverständnis resultiert dann die Be/Verurteilung, der andere sei irgendwie "gefühlsblöde".

Was notwendig ist, sich in seiner Unterschiedlichkeit der Empfindungen zu akzeptieren, und falls möglich, anzunehmen.

Wie schwer das ist, zeigt die Diskussion hier.

Titta 06.09.2009 | 18:45

Interessant finde ich hier wieder einmal die unterschiedliche Aufnahme und Bewertung von Äußerungen.
Herr Schlingensief wird ausfallend und persönlich, was aber augenscheinlich anders gesehen und aufgenommen wird, als wenn ein vermeintlich Gesunder dies tut. Dabei könnte man doch auch dem Gesunden konstatieren, schön, er hat endlich mal ehrlich alles rausgelassen, was ihn innerlich so bewegt.

Streifzug 06.09.2009 | 19:07

Noch mal in einer anderen Tonlage.

Mir hat der Artikel von Angele nicht gefallen. Manche Kommentare finde ich zum Kotzen. Bestimmte Bücher lese ich nicht, und wenn ich ab und an mal durch die Sendungen schalte, bekomme ich bei diesen Diskussionen, bei denen jeder jedem alles erzählt und vorwirft, geistigen Ausschlag.

Aber

ich werde mich immer dafür einsetzen, dass all das geredet, geschrieben, gesendet, gebloggt, veröffentlicht werden kann und darf.

Egal

ob es von rechten, linken oder religiösen "Wächtern" der Güte, Qualität, Moral ... versucht wird einzuschränken.

Denn

es war nie ein Zuviel an freier Meinungsäußerung, dass in Katastrophen geführt hat, sondern immer ein Zuwenig. Immer wird als Erstes in unterdrückenden Regimen die Freiheit der Meinung beschränkt.

Also

zeigt her eure Wunden, Macken, Marotten, Ängste, Hoffnungen, Befürchtungen, Aggressionen ...

Dies ist eine freie Gesellschaft.

socanalytica 06.09.2009 | 19:18

Der "Exhibitionismus"-Vorwurf
- setzt eine Grenze, definiert sie aber nicht. Läßt unklar, wann eine persönliche Äußerung zu einer "exhibitionistischen" wird und warum. Beantwortet nicht, was die Differenz zwischen beiden ist. Reflektiert nicht, was diese Abgrenzung konstituiert, warum es sie gibt, welche Auswirkungen sie hat.
- wehrt etwas ohne explizite Begründung ab, will es separiert halten. Fördert nicht Schweigen als "Entlastung", sondern erlegt es eher auf. Geht zumindest das Risiko ein, gegenüber der "Tyrannei der Intimität" die Intimität nicht zu retten, sondern die damit verbundenen negativen Barrieren aufrecht zu erhalten.
- weist eine negative Bezeichnung zu, begründet die Zuweisung aber nicht; führt keinen Nachweis anhand der Texte.
- lässt die Ursachen für den persönlichen Charakter der Äußerungen unerfasst.
- klärt nicht due Funktion persönlicher Aussagen im Zusammenhang der Erkrankung, sondern verweist auf ein Zuweitgehen, auf einen Verstoß gegen eine Konvention.
- appelliert an diese Konvention, erklärt sie als gültig, präzisiert sie aber nicht und erspart sich Argumente für ihr Gelten-Sollen.
- ist eher erkenntnisverhindernd als erkenntnisfördernd.

thinktankgirl 06.09.2009 | 19:34

Ich kaufe den Print-SPIEGEL eigentlich nie und lesen tue ich ihn nur, wenn wohlmeinende Nachbarn ihn mir in meinen Briefkasten statt in das Altpapier stecken. So geschehen gestern mit Nr. 36/ 31.8.09. Ich sah den Aufmacher mit Leinemann auf der Titelseite und ein ganz schwaches Unbehagen regte sich: Schon wieder er. Aber ich konnte es nicht gleich einordnen, es war nur die Erinnerung daran, schon einmal mit seiner Krankheitsgeschichte konfrontiert worden zu sein. Ich las bzw. überflog diese Titelgeschichte aus Voyeurismus. Blätterte weiter und traf auf die Feuchtgebiete. Noch mehr Unbehagen über eine weitere Selbstdarstellung.
Heute finde ich den Artikel von Angele über Leinemann, worin auch über Roche und Schlingensief kurz gesprochen wird - beide sind mir gleich unsympathisch. Schlingensief ist mir durch seine Erkrankung etwas sympathischer geworden, wobei sympathisch vielleicht nicht das richtige Wort ist, er wurde menschlich und endlich, wie wir alle es sind.
Der Roche - ich habe Feuchtgebiete nicht gelesen und sollte deshalb nicht darüber reden, aber ich tue es trotzdem - ist ein Bestseller gelungen, der mit der Schamgrenze spielt; aber es handelt sich meiner Meinung nach nur um eine vermeintliche Überschreitung / Transgression, die den Erwartungen eines bürgerlichen Publikums entspricht: "Ach, Männer sind doch schon erleichtert, wenn sie merken, dass ich gewaschen bin, und mir keine Büsche unter den Armen wachsen."Spiegel, 2009, Nr. 36, S. 114
Beim Lesen der Kommentare zu Angeles Artikel erinnerte mich auch wieder, wann ich zum ersten Mal auf Leinemanns Krankengeschichte gestossen bin. Anfang dieses oder Ende letzten Jahres muss ein ähnlicher Text in der ZEIT erschienen sein. Ich kenne ihn nur vom Hörensagen durch eine Freundin, die damals mir darüber berichtete, wie schlimm es für einen kreativen Menschen sei, durch eine Krankheit aus dem schöpferischen Prozess geworfen zu werden. Da ich nicht besonders feinfühlig bin, antwortete ich, daß der Mann schliesslich nun über 70 sei, dies sei einfach der Lauf der Natur, zu erkranken und zu sterben. Er hätte doch schon ein erfülltes Leben gehabt. Einem jungen oder relativ jungen Menschen, der sozusagen in der Blüte seiner Jahre stirbt,hätte ich jederzeit zugestanden, sich über das böse Schicksal zu beklagen, aber einem Übersiebzigjährigen nicht. Durch die Reaktion dieser Freundin habe ich gelernt, daß es Menschen gibt, deren Geist alterlos ist, der nicht ermüdet und resigniert, nur macht deren Körper leider nicht mehr mit.- Über diese Freundin wollte ich schon bei "Magda Älterwerden weiblich" schreiben. - Ich hatte die Vorstellung, daß der Geist mit dem Körper ermüdet, und an einem gewissen Punkt den Tod willkommen heißt. Nur ist diese Freundin auch schon fast 70 und macht überhaupt nicht den Eindruck, müde zu sein, sie reagierte etwas indigniert auf meinen Einwurf, daß Leinemann über 70 sei, und ich verstand zum ersten Mal, was es für einen kreativen Geist bedeutet, an einem sterblichen Körper gebunden zu sein. Das war mein erster Kontakt mit Leinemanns Geschichte, und es war für mich lehrreich.
Und jetzt traf ich Leinemann auf der Titelseite des Spiegels wieder. Diese Krankengeschichte ist für mich keine Titelseite wert; sie wäre es, wenn es sich um die erste enthüllende Geschichte zu dieser Krankheit handeln würde. Ich hatte schon Lilo Wander gelesen, deren Geschichte mich sehr anrührte, und auch Fritz Zorns "Mars". Oder "Triffst du Buddha unterwegs" von Sheldon Knopp, das sind meine Wegmarken des Krebses. Wenn es die erste Erzählung über AIDS gewesen wäre, o.k., ein Erkenntnisgewinn für alle, aber als xte Krebsgeschichte: Nein. Es bleibt leider der Beigeschmack der exzessiven Bewerbung des Buches.
Und hier schliesse ich mir der Kritik Angeles an.
Nicht das Sprechen oder das Schreiben über persönliches Leid ist unangebracht, sondern nur das marktschreierische Anpreisen dieser Ware. Hier kommt auch ins Spiel, daß der Kranke unangreifbar wird, weil krank. Aber der Durchschnitt regiert doch auch hier: es gibt nette und unsympathische Kranke, wie es nette und unsympathische Homosexuelle, Farbige, Juden (=willkürliche Auswahl an ausgegrenzten Gruppen) etc. gibt. Das persönliche Schicksal adelt nicht jeden, obwohl es gerne so verkauft wird.

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rainer-kuehn 06.09.2009 | 19:40

Zur Einischt in meine Lektüre
Angele:
"Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab. Etwas, das größer ist als er, und er sagt sich, was ist schon mein kleines bescheidenes Leben dagegen, und die Scham durchdringt ihn."
"so erfolgreiche Bücher wie das von ..."
"wenn man neben ihm stünde, würde man ihn in den Arm nehmen. Aber man steht nicht neben ihm, man liest ein „Tagebuch“, das ein Fremder geschrieben hat."
"weil der Erfolg des Blatts [BILD] auf „Fragen wie ‚Wer ist gestorben?‘, ‚Wer hat geil Krebs?‘“ basiere."
"Fragen auf diesem Niveau mögen das Wesen der Bekenntnisliteratur unserer Tage verfehlen, und doch kann an ihnen die schlichte Tatsache aufstoßen, dass sie überhaupt geschrieben wurden."
Schlingensief:
"was wollen sie von mir hören?"
"so einen dreck schreibt jetzt also der freitag? boulevarddreck"
paula:
"danke ... danke ... betroffenen ... schreiberlinge ... herzlichst"
Titta:
"Gut, man muß sich diese ganzen Boulevardsendungen von Brisant bis Kerner nicht ansehen, aber trotzdem werden dadurch Grenzen gesamtgesellschaftlich verschoben. Wenn da reihenweise solche Bekenntnisgeschichten dargeboten und entsprechend durchgekaut werden, verliert damit die einzelne Geschichte letztendlich nicht an Gewicht und an Wert, weil sie Teil einer großen Gefühls- und Empfindungsbeliebigkeit, ja einer Maschinerie, wird?
Zugespitzt formuliert, die ersten persönlichen, literarischen Krankheitsschilderungen interessieren noch, irgendwann langweilen sie aber nur noch. Wobei diese Art von Literatur doch eigentlich das Gegenteil erreichen möchte, wenn es eben nicht um die reine Ökonomie geht, wie behauptet. In diesem Zusammenhang könnte dann Schweigen uU wirklich die sinnvollere Variante sein."
marsborn:
"Sorry Herr Schlingensief, aber ich finde Michael Angeles Text mehr als berechtigt. Er kritisiert ja nicht den Krebs oder die Angst derer, die ihn haben, sondern die exhibitionische mediale Vermarktung dieses existenziellen Problems. Ich habe größten Respekt vor Ihrer verzweifelten Lage, aber die "Kirche der Angst" fand ich, als alter Schlingensief-Fan, leider künstlerisch redundant, inhaltlich kindisch und insgesamt eigentlich unerträglich. Ich habe dann, immer noch Schlingensief-Fan, Ihr Buch ebenso ignoriert wie etwa die Ergüsse des Herrn Leinemann. Denn ich finde, ebenso wie man Politik und Kunst nicht miteinander verwechseln darf (sowie die jeweils dazugehörigen verschiedenen Mittel), will man wirksam etwas erreichen, sollte man auch die Bewältigung existenzieller Katastrophen nicht mit ihrer medialen Darstellung verwechseln."
Baobab:
"So viele Blogeinträge zu diesem Thema, kaum zu glauben!"
Schimmelweiß:
"Meistenteils uneingeschränkt zustimmen kann ich nur Angele, Titta, luggi, marsborn. Die FREITAGliche „Nettiquette“ hat nur einer nicht beachtet: der Marketing-Boulevardier Master Schlingensief. ...
Wie schrieb Droste zu Biermann sinngemäß: Er stand politisch immer in der Nähe einer Kamera."
Angele:
"Und ein Letztes: Ja, der Kommentar von Schlingensief hat zweifellos eine Kraft. Aber es gibt nicht nur den Künstler in seiner unbedingten, großartigen, ich möchte sagen, trans-narzistischen Geste, es gibt auch seine Gefolgschaft, und was diese hier postet, finde ich zum Teil erschreckend, muss ich leider so sagen."

Titta 06.09.2009 | 19:47

@Felicitas

Sie schreiben: "Aber muss das wirklich sein, dieses gegenseitige Abwerten, Lächerlichmachen und Bloßstellen?"

Und in einem anderen Kommentar schreiben Sie:"ich hätte nicht gedacht, dass der Artikel von Angele an Flachheit, Vorurteilen, Berührungsängsten und Projektionen noch zu toppen ist. ... Was schimmelweiß und auch Kovalcek hier von sich geben, entsetzt mich und zeugt von unsensiblem und rücksichtslosen Denken. ... Vor Leuten wie Argelen, schimmelweiss oder Kovalske
und anderen, hüte und schütze sich wer kann."

Ich frag mich ja auch, warum das so sein muß, das mit dem Abwerten, Lächerlichmachen und Bloßstellen.

"Als meine beste Freundin als Kind eine gescheuert bekam von ihrer Mutter, konnte ich mir das Lachen gerade noch verkneifen.
Warum ein unwiderstehlicher Lachreiz mich erfasste, in dem Moment, wo ich ihr ungläubiges Gesicht sah, weiß ich nicht.
Steckt wohl irgendwo verborgen in mir drin, eine Art sadistischer Distanzierung von meinen lieben Mitmenschen.
Schrecklich."

Ich kann nun nicht beurteilen, ob der letzte Satz ironisch gemeint war oder nicht.
Falls nicht, möchte ich dazu anmerken:
Der Wunsch zur Distanzierung ist ein notwendiges menschliches Gefühl, das wie alle menschlichen Gefühle einer moralischen Beurteilung entzogen werden sollte.
Das unmotivierte Lachen wie in der geschilderten Situation gilt gemeinhin als Zeichen/Ausdruck einer momentanen emotionalen Überforderung. Es wird gerne verglichen mit ähnlichen Reaktionen aus dem Tierreich. Wenn zB ein Hahn, der von einem anderen Hahn angegriffen wird, sich nicht entscheiden kann zwischen den beiden Impulsen Flucht und Verteidigung, erfolgt eine sogenannte Übersprungshandlung, der angegriffene Hahn fängt an zu picken, auch wenn gar keine Körner auf dem Boden liegen.
Rein vom Impuls-/Reaktionsschemata wird das unmotivierte Lachen ähnlich erklärt. Tut mir leid, wenn diese Erklärung Ihnen nicht genügen sollte, aber nicht jede scheinbar defizitäre menschliche Handlung ist auch eine solche.

Titta 06.09.2009 | 19:59

Die Technik spinnt. Ich versuche es jetzt noch einmal so. Wenn mein Kommentar dann doppelt erscheinen sollte, tut mir leid, ich habe alles versucht.

@Felicitas

Sie schreiben: "Aber muss das wirklich sein, dieses gegenseitige Abwerten, Lächerlichmachen und Bloßstellen?"

Und in einem anderen Kommentar schreiben Sie:"ich hätte nicht gedacht, dass der Artikel von Angele an Flachheit, Vorurteilen, Berührungsängsten und Projektionen noch zu toppen ist. ... Was schimmelweiß und auch Kovalcek hier von sich geben, entsetzt mich und zeugt von unsensiblem und rücksichtslosen Denken. ... Vor Leuten wie Argelen, schimmelweiss oder Kovalske
und anderen, hüte und schütze sich wer kann."

Ich frag mich ja auch, warum das so sein muß, das mit dem Abwerten, Lächerlichmachen und Bloßstellen.

"Als meine beste Freundin als Kind eine gescheuert bekam von ihrer Mutter, konnte ich mir das Lachen gerade noch verkneifen.
Warum ein unwiderstehlicher Lachreiz mich erfasste, in dem Moment, wo ich ihr ungläubiges Gesicht sah, weiß ich nicht.
Steckt wohl irgendwo verborgen in mir drin, eine Art sadistischer Distanzierung von meinen lieben Mitmenschen.
Schrecklich."

Ich kann nun nicht beurteilen, ob der letzte Satz ironisch gemeint war oder nicht.
Falls nicht, möchte ich dazu anmerken:
Der Wunsch zur Distanzierung ist ein notwendiges menschliches Gefühl, das wie alle menschlichen Gefühle einer moralischen Beurteilung entzogen werden sollte.
Das unmotivierte Lachen wie in der geschilderten Situation gilt gemeinhin als Zeichen/Ausdruck einer momentanen emotionalen Überforderung. Es wird gerne verglichen mit ähnlichen Reaktionen aus dem Tierreich. Wenn zB ein Hahn, der von einem anderen Hahn angegriffen wird, sich nicht entscheiden kann zwischen den beiden Impulsen Flucht und Verteidigung, erfolgt eine sogenannte Übersprungshandlung, der angegriffene Hahn fängt an zu picken, auch wenn gar keine Körner auf dem Boden liegen.
Rein vom Impuls-/Reaktionsschemata wird das unmotivierte Lachen ähnlich erklärt. Tut mir leid, wenn diese Erklärung Ihnen nicht genügen sollte, aber nicht jede scheinbar defizitäre menschliche Handlung ist auch eine solche.

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felicitas 06.09.2009 | 20:17

Im Gegenteil, Titta, die Erklärung mit der Übersprungshandlung, die das unmotivierte Lachen als Ausdruck einer emotionalen Überforderung deutet, bin ich ziemlich zufrieden.
Dann bin ich doch nicht ganz so schrecklich und gewöhnlich schadenfroh, wie ich dachte.
Das erschrockene und schmerzverzerrte Gesicht meiner Freundin hatte mich nämlich damals tiefer getroffen als mir bewusst ist, sonst würde ich mich wahrscheinlich nicht nach 20 Jahren noch daran erinnern.
Daher war mein letzter Satz und die Bemerkung "schrecklich" nicht ironisch gemeint.
Ich finde es ab und zu schrecklich, was alles an Potential von scheußlichen Verhaltensweisen anderen Menschen gegenüber in mir steckt.
Wahrscheinlich bin ich aber nur wie alle anderen.
Liebe Grüße
Feli

P.S. bei mir spinnt die Technik auch grad.

paladin0505 06.09.2009 | 20:47

Die brennende Frage, die ich mir stelle ist, wer sich hier eingentlich wirklich profiliert. Sicherlich hat jeder das Recht auf freie Meinungsäusserung. Jeder hat das Recht, dies in der ihm am adäquatesten erscheinenden Form zu tun, ohne kritisiert oder angefeindet zu werden. Aber habe wirklich ich das recht, todkranke Menschen zu beschimpfen und dann einfach zu erklären, diese würden ja meine meine wahren Beweggründe nicht nachvollziehen können??? Ich nähme mir das Recht nicht heraus, vielleicht deshalb, weil ich kein Schreibtischtäter bin sondern tagtäglich mit Menschen zu tun habe, die am Ende ihres Lebens angekommen sind. Ich kenne ihre Wut und ich höre sie mir gerne an, vor allem deshalb, weil die restlich Gesellschaft angewidert von ihnen abwendet und nicht sehen will, das Leben auch eine grausame Seite hat. Es gibt noch viel zu wenig Schlingensiefs und ich hoffe, das möglichst viele seinem Beispiel folgen....

paladin0505 06.09.2009 | 20:53

Sicherlich hat jeder das Recht, seine Meinung frei zu äussern, aber ich würde mir nicht herausnehmen, Menschen, die ich nicht verstehe, einfach zu beleidigen und dann mimosenhaft zurückschreiben, sie mögen doch bitte damit aufhören, weil ich einen so wahnsinnig differenziertes Schreibwerk präsentiert habe. Ich bin kein schreibtischtäter sondern arbeite seit Jahren mit Sterbenden zusammen und erlebe tagtäglich ihre Ohnmacht und Wut, von der die Gesellschaft sich nur angeekelt wegdreht. Es wird Zeit, das es noch viele Schlingensiefs gibt, damit das sterben endlich wieder zum Alltag der Menschen gehört.

Columbus 06.09.2009 | 20:59

Liebe Gemeinde,

Ich tituliere jetzt ´mal wild, weil die Bandbreite der Antworten, -ehrlich gesagt gehen mir die vielen Zynismen, versteckten Abwertungen und ganz offenen Beleidigungen auf den Senkel, ziehen mir geradezu die Schuhe aus-, das Spiel genau so spielen, als müssten sie alle den städtischen Theaterkritiker geben in der Sache Schlingensief, Leinemann und je nach Vorliebe und Geschmack, anderen Bekannten, Prominenten und Kulturschaffenden. Als müssten ein paar Noten geben werden, weil die Ästhetik nicht stimmt und es Schlimmeres als den Tod überall und an jeder Ecke gibt. - Es ist wie in einem Dorf und die soziale Kontrolle schlägt zu, ausgerechnet im "Der Freitag".

Wo doch eigentlich genau das der hypertrophe Feuilletonstil ist, der sich einerseits am liebsten längliche dialogische Waldspaziergänge mit den dritt- und viertwichtigesten noch lebenden Menschen auf dieser Erde wie ein Briefmärkchen ins Interviewer- und Moderatoren-Poesiealbum steckt, andererseits aber beständig Künste und Kunst, auch Lebenskunst einfordert, die er selbst nicht zu pflegen bereit ist. Diese Art Schreibe sollte man ruhig der "ZEIT", der "FAZ" und der "Welt", sowie dem "Spiegel" überlassen, die damit nur das Stadtgespräch rund um einige öffentlich-rechtliche Fernsehsendungen aufedeln und zweitverwerten.

Die Bewerter und Feinziselierten, die Geschmacksbeurteiler, gehören in dieser Frage auf den Prüfstand, nicht die Kranken, die sich, hoffentlich stellvertetend mit Christoph Schlingensief und anderen zu Wehr setzen gegen das ewige, "so musst du sein, und wenn du so nicht bist, dann halte die Klappe."

Für mich gibt es da einen klaren Unterschied, auch in der Art und Weise wie man zu diesem Thema sprechen kann.

Wer nicht verletzt ist, nicht krank, nicht leidend, der muss sich was gefallen lassen, und er muss sich etwas Kunstfertiges einfallen lassen, wenn er nicht platt und unwürdig daher kommen will, nicht umgekehrt.

Wie weit sind wir denn, wenn das Spiel auf den Kopf gestellt wird, und sich in der Krankheit zuerst erweisen soll, wie moralisch, stressresistent, mit Freunden und Gesprächspartnern gesegnet und dazu noch geschickt der Kranke ist? - Wo hier Verwirrung herrscht ist mir mittlerweile klarer geworden.

Zu viel "Bekenntnisliteratur" kann ja gar nicht entstanden sein, wenn hier so fleißig geübt wird, den Kranken ihr angeblich falsches und vor allem geschmacklich störendes, weil nicht ästhetisches Berichten über ihr Dasein vorzuhalten.

Grüße
Christoph Leusch

Leila 06.09.2009 | 21:11

Herr Angele, Argerer, Angerer und Aberer, wie Sie hier genannt werden,
Sie wundern sich darüber, dass hier Leute das Wort gegen Ihren Artikel erheben und sind auch an dieser Stelle wieder ungenau, in dem Sie jetzt behaupten, die Ursache dafür sei in einer sektenartigen Zuwendung zu Christoph zu suchen. Das sind ja zwei Paar Schuhe. Ihr Artikel hat seine vielen Schwächen, da kann man gar nichts dagegen halten. Es sieht danach aus, als ob Sie gut mal ein Buch schreiben könnten, über ihre Erfahrungen mit dem Journalismus und der Zeitknappheit und Überfordertheit des Journalisten im Mittelbau der Arbeits- und Organisationsstrukturen eines modernen Medienbetriebes. Nichts desto trotz sind Sie selbst verantwortlich für das, was Sie da tun. Würden Sie das mal zugeben und sagen:
Ja, da war ein aktuelles Stück im Spiegel, das habe ich aufgegriffen und wie es so ist, kam ich auf keine andere Idee in der Schnelle, als diese Pseudo-Aktualität aufzubauschen und irgendwie ungerade zusammenzuschrauben, wie für Gäste, die nur einmal dran vorbeigehen müssen und nicht sehen können, wie wackelig die Angelegenheit ist. Sagen Sie doch mal: Ich habe nicht geglaubt, das einer meine Arbeit überhaupt liest!
Das haben wir hier (fast) alle entdeckt und das ist sehr unangenehm für Sie. Wäre doch wirklich interessant, mich würde ihr Bekkentnis über das Leben mit Copy Paste Journalismus interessieren.

Columbus 06.09.2009 | 21:13

Liebe Gemeinde,

Ich tituliere jetzt ´mal so wild, weil die Bandbreite der Antworten, -ehrlich gesagt gehen mir die vielen Zynismen, versteckten Abwertungen und ganz offenen Beleidigungen auf den Senkel, ziehen mir die Schuhe aus-, das Spiel genau so abspulen, als müssten sie hier allesamt den städtischen Theaterkritiker geben in den Sachen Schlingensief, Leinemann und je nach Vorliebe und Geschmack, der anderer Bekannter, Prominenter und Kulturschaffender. Als müssten ein paar Noten geben werden, weil die Ästhetik nicht stimmt und es Schlimmeres als den Tod überall und an jeder Ecke der Welt gibt. - Es ist wie in einem Dorf und die soziale Kontrolle schlägt gnadenlos zu, ausgerechnet im Berliner "Der Freitag".

Wo doch eigentlich genau das der hypertrophe Feuilletonstil ist, der sich einerseits am liebsten längliche dialogische Waldspaziergänge mit den dritt- und viertwichtigesten, noch lebenden Menschen auf dieser Erde wie ein Briefmärkchen ins Interviewer- und Moderatoren-Poesiealbum steckt, andererseits aber beständig Künste und Kunst, auch Lebenskunst einfordert, die er selbst nicht zu pflegen bereit ist. Diese Art Schreibe sollte man ruhig der "ZEIT", der "FAZ" und der "Welt", sowie dem "Spiegel" überlassen, die damit nur das Stadtgespräch rund um einige öffentlich-rechtliche Fernsehsendungen aufedeln und zweitverwerten.

Die Bewerter und Feinziselierten, die Geschmacksbeurteiler, gehören in dieser Frage auf den Prüfstand, nicht die Kranken, die sich, hoffentlich stellvertetend mit Christoph Schlingensief und anderen zu Wehr setzen gegen das ewige, "so musst du sein, und wenn du so nicht bist, dann halte gefälligst die Klappe."

Für mich gibt es da einen klaren Unterschied, auch in der Art und Weise wie man zu diesem Thema sprechen und schreiben kann.

Wer nicht verletzt ist, nicht krank, nicht leidend, der muss sich bei diesem Thema was gefallen lassen, und er muss sich etwas Kunstfertiges einfallen lassen, wenn er nicht platt und unwürdig daher kommen will, mit einer leisen Kritik, nicht umgekehrt.

Wie weit sind wir denn, wenn das Spiel auf den Kopf gestellt wird, und sich in der Krankheit zuerst erweisen soll, wie moralisch, stressresistent, mit Freunden und Gesprächspartnern gesegnet und dazu noch ästhetisch geschickt der Kranke ist? - Wo hier Verwirrung herrscht ist mir mittlerweile klarer geworden.

Zu viel "Bekenntnisliteratur" kann ja gar nicht entstanden sein, wenn hier so fleißig geübt wird, den Kranken ihr angeblich falsches und vor allem geschmacklich störendes, weil vorgeblich nicht ausreichend ästhetisches Berichten über ihr Dasein vorzuhalten.

Grüße
Christoph Leusch

Titta 06.09.2009 | 21:17

Danke für die Rückmeldung, Felicitas.
Ihr Potential sollte Sie ebensowenig beunruhigen.
"Ich finde es ab und zu schrecklich, was alles an Potential von scheußlichen Verhaltensweisen anderen Menschen gegenüber in mir steckt."
Das Potential brauchen Sie doch, zB. zur Abwehr und Verteidigung in Gefahrensituation, zur Selbstbehauptung. Deshalb ist es ja vordergründig da/existent, und nicht, weil Sie das Potential zu scheußlichen Verhaltensweisen/einem schlechten Menschen in sich tragen.

Titta 06.09.2009 | 21:18

Danke für die Rückmeldung, Felicitas.
Ihr Potential sollte Sie ebensowenig beunruhigen.
"Ich finde es ab und zu schrecklich, was alles an Potential von scheußlichen Verhaltensweisen anderen Menschen gegenüber in mir steckt."
Das Potential brauchen Sie doch, zB. zur Abwehr und Verteidigung in Gefahrensituation, zur Selbstbehauptung. Deshalb ist es ja vordergründig da/existent, und nicht, weil Sie das Potential zu scheußlichen Verhaltensweisen/einem schlechten Menschen in sich tragen.
LG
Titta

Titta 06.09.2009 | 21:22

Danke für die Rückmeldung, Felicitas.
Ihr Potential sollte Sie ebensowenig beunruhigen.
"Ich finde es ab und zu schrecklich, was alles an Potential von scheußlichen Verhaltensweisen anderen Menschen gegenüber in mir steckt."
Das Potential brauchen Sie doch, zB. zur Abwehr und Verteidigung in Gefahrensituation, zur Selbstbehauptung. Deshalb ist es ja vordergründig da/existent, und nicht, weil Sie das Potential zu scheußlichen Verhaltensweisen/einem schlechten Menschen in sich trügen.
LG
Titta

paladin0505 06.09.2009 | 21:25

Irgendwie dauert das hier ziemlich lange bis die Seite das tut, was man möchte....also...nochmal..
ich erhoffe mir von solchen Artikeln, das die Gesellschaft sich endlich vernünftig mit dem Thema auseinandersetzt und nicht vor lauter
Angst vergeht, weil wieder irgenjemand es wagt, über seine Krankheit zu schreiben. Dies ist kein Exhibitionismus sondern einfach die Weigerung des Kranken, sich demütig seinem Schicksal zu unterwerfen.

PS: Sollte das wieder ein Dopelpost werden, tuts mir leid.....

Titta 06.09.2009 | 21:31

"Ich kenne ihre Wut und ich höre sie mir gerne an, vor allem deshalb, weil die restlich Gesellschaft angewidert von ihnen abwendet und nicht sehen will, das Leben auch eine grausame Seite hat."

Diese Aussage finde ich den Menschen gegenüber unangemessen, die sich eben jeden Tag um Menschen in diesen Extremsituationen kümmern. Und das sind auch eine Menge, und sie sind auch Teil der von ihnen kritisierten Gesellschaft.

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gerhardhm 06.09.2009 | 21:33

@Magda
"Gnade uns Gott, wenn es gelänge, Unsterblichkeit zu erkaufen."
Genau dieser Satz war mir auch durch den Kopf gegangen. Aber die große Gesellschaftskritik, die daran hängt, schien mir hier doch zu weit zu führen. Und wir müssen doch zugeben, daß genau daran gearbeitet wird. Und zwar mit Volldampf. Das längere Leben ist bereits kaufbar. Die Zweiklassenmedizin ist Realität. Der "westliche" Eroberungs-, Erkenntnis-, Besitz- und Beherrschungsdrang bzw. -zwang kennt keinerlei Grenzen. Grenzenlosigkeit als gesellschaftliches Konzept. Ich hielte eine Diskussion dieser kaum noch gebremsten bzw. bremsbaren Entwicklung unter der Überschrift K R E B S für dringend geboten. Wir sollten endlich mal vor unserem menschlichen Tun auf diesem Planeten erschrecken.
Wir haben, übrigens so wie dieser Planet, Grenzen.
Der Tod ist eine sehr hilfreiche! Wir sollten ihn nicht missen wollen.
Die Tibeter bereiten sich jahrelang, vielleicht ein Leben lang auf den Tod vor. Im Tibetischen Totenbuch gibt es ein Kapitel mit der Überschrift "Die tibetische Kunst(!) des Sterbens". Nun stellen Sie sich mal vor, es gäbe eine "deutsche Kunst des Sterbens". Im Augenblick unvorstellbar. Oder?

@Streifzug
Ich glaube, gerade auch als Ossi, ihren Satz von der Öffentlichkeit gut verstehen zu können. Damals war sie praktisch abgeschafft. Nur ist die einmalige, aber eben dann zu späte DDR-Öffentlichkeit der Wendemonate recht schnell wieder verschwunden. Was sich heute Öffentlichkeit nennt, ist m.E. keine. Dieses fein austarierte Gleichgewicht aus politischen und ökonomischen Interessen, Geld und Macht hat mit "meiner" Wendeöffentlichkeit nichts mehr zu tun.
Schlingensief, so scheint mir, ist hier auch nicht zuerst ein sehr kranker Mensch, der seine Todesangst mit allem Recht der Welt herausschreit, sondern in dieser Art von Öffentlichkeit eben ein Markenname. Unter diesem Markennamen war ihm äußerste Provokation immer ein Ziel. Nun gibt es eben Reaktionen darauf. Seine beleidigende Reaktion auf Angeles Artikel halte ich für völlig überzogen. Andererseit auch für sympathisch. Hinter dem Markennamen, dem Regisseur, der jederzeit die Figuren des Spieles kontrolliert hat, alles im Griff hatte, erscheint ein Mensch.

Eine Freundin ist seit zwei Wochen in der Chemotherapie. Noch ist nicht heraus, ob "guter" oder "böser" Knoten. Ich habe ihr deutlich gesagt, daß ich da sein werde. Und gleichzeitig auch Angst davor, wenn es Ernst wird. Aber so ist es. Und ich glaube, ziemlich oft hilft die Theorie überhaupt nicht weiter.

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klara 06.09.2009 | 23:28

@streifzug: nicht, dass wir einander missverstehen: ich habe nicht den Eindruck (man höre und staune), dass wir beide in diesem fall so weit auseinanderliegen? oder wen meinen Sie mit "von höherer Warte aus selektieren"? Mich? Meinen Beitrag?
Das läge mir fern, glauben Sie mir! Und ich kritisiere "die Öffentlichkeit" auch nicht, sondern beschreibe. Dazu - zu dem, was Sie zu Recht einfordern: das Aushalten - gehört ja auch, das auszuahlten, was man dann eben auslöst, wenn man sich in diese Öffentlichkeit begibt. Herr Schlingensief muss das aushalten, und Herr Angerer muss das aushalten.
Und alle miteinander sollten wir auch ab und an innehalten und schauen, ob wir die Dinge nicht vermischen.
Herr Angerer schreibt über ein Verfahren, über ein VErhalten, pars pro toto - nicht über eine krebskranke Person! Herr Angerer zeigt quasi sein Befremden. Das muss erlaubt sein! Die Reaktion darauf von Herrn SChlingensief erinnert an die REaktion eines Israelis auf Kritik an der Politik SEINES Landes mit dem Hinweis auf den Verfolgtenstatus aller Juden. Der Mechanismus: Kritik ist tabu. Gerade das, was Sie fordern, Streifzug, nämlich das AUshlaten von Meinungen, schließt auch das Aushalten von Reaktionen auf Meinungsäußerung mit ein. Und die Kritik an Israels Politik gegenüber Palästinensern bedeutet eben nicht Antisemitismus. Die Kritik von Herrn Angerer an exhibitionistischer Krankheitsmitteilung - man mag diese Kritik teilen oder nicht - bedeutet eben NICHT Herabsetzung des Leides Krebskranker. Soviel Differenzierung muss sein! Und so viel Vorschuss sollte man dem Redakteur an Vertrauen schon geben. Gerade in einer lebhaften demokratischen Öffentlichkeit, die uns so kostbar sein sollte - unter Anderem aus den von Ihnen genannten Gründen - wie kaum sonst etwas!

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klara 06.09.2009 | 23:37

3 @streifzug: nicht, dass wir einander missverstehen: ich habe nicht den Eindruck (man höre und staune), dass wir beide in diesem Fall so weit auseinanderliegen? oder wen meinen Sie mit "von höherer Warte aus selektieren"? Mich? Meinen Beitrag?
Das läge mir fern, glauben Sie mir! Und ich kritisiere "die Öffentlichkeit" auch nicht, sondern beschreibe. Dazu - zu dem, was Sie zu Recht einfordern: das Aushalten - gehört ja auch, das auszuhalten, was man dann eben auslöst, wenn man sich in diese Öffentlichkeit begibt. Herr Schlingensief muss das aushalten, und Herr Angerer muss das aushalten.
Und alle miteinander sollten wir auch ab und an innehalten und schauen, dass wir die Dinge nicht vermischen.
Herr Angerer schreibt über ein Verfahren, über ein Verhalten, pars pro toto - nicht über eine krebskranke Person! Herr Angerer zeigt quasi sein Befremden angesichts dieses – postmodernen, zeitgeistgemäßen – Verhaltens. Das muss erlaubt sein! Die Reaktion darauf von Herrn Schlingensief erinnert an die REaktion eines Israelis auf Kritik an der Politik SEINES Landes mit dem Hinweis auf den Verfolgtenstatus aller Juden. Der Mechanismus: Kritik ist tabu. Gerade das, was Sie fordern, Streifzug, nämlich das AUshlaten von Meinungen, schließt auch das Aushalten von Reaktionen auf Meinungsäußerung mit ein. Und die Kritik an Israels Politik gegenüber Palästinensern bedeutet eben nicht Antisemitismus. Die Kritik von Herrn Angerer an exhibitionistischer Krankheitsmitteilung - man mag diese Kritik teilen oder nicht - bedeutet eben NICHT Herabsetzung des Leides Krebskranker. Soviel Differenzierung muss sein! Und so viel Vorschuss sollte man dem Redakteur an Vertrauen schon geben. Gerade in einer lebhaften demokratischen Öffentlichkeit, die uns so kostbar sein sollte - unter Anderem aus den von Ihnen genannten Gründen - wie kaum sonst etwas!

poor on ruhr 06.09.2009 | 23:43

Ich verstehe diese Debatte gar nicht. Herr Schlingensief ist ein großer Künstler, dem die linke Community sehr viel zu verdanken hat und der ganz viel Respekt verdient. Es tut sicherlich allen leid, dass er diese schreckliche Krankheit hat. Das er über den Artikel empört ist, kann man nachvollziehen, aber es ist auch richtig wenn seine Mitstreiter und Begleiter aus der linken Gemeinschaft ihm nur eine unangemessen zornige Reaktion auf den Artikel nicht durchgehen lassen. Sicher hat Herr Schlingensief das Recht krank und traurig zu sein , aber sind diese Krokodilstränen aus dem Kulturbetrieb der rechten Presse denn wirklich das, was er wollte? Er kann mehr, sollte das auch zeigen, weil er das kann und er würde somit sich selbst und der ganzen linken Gemeinschaft helfen, so sehr ich auch verstehen kann, wenn er zur Zeit die Schnauze voll hat.

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gerhardhm 07.09.2009 | 01:08

In Wikipedia habe ich gerade nachgelesen:Im Jahr 2006 starben auf dieser Erde 58 Mill. Menschen. 2007 waren es 7,5 Mill. Krebstote. Und jede(r) hatte das Recht, ein Buch zu schreiben. So auch meine Freundin. Falls sie noch Kraft hat und auch einen Verlag findet. Vielleicht schreibt sie ein Gedicht, bespricht ein Band für ihren Sohn? Wer weiß. Der Eine reagiert auf Lebensereignisse so, eine Andere genau entgegengesetzt. Das hat kein Dritter zu erlauben oder nicht. Und mit dem Bewerten, wiewohl absolut gängige (Berufs-)Praxis, sollte man sich besser auch zurückhalten. Ist aber auch eher selten der Fall. Und zu einem erheblichen Teil ja gerade das Brot des Journalismus.
Sätze, wie "Ich bin betroffen,..", "Ich fühle das so...", "Ich sehe es so..." finden sich ja nicht so sehr häufig.
Die Freundin hatte mich übrigens, da sie mich auf diesen Wegen wußte, nach Meditationen gefragt. Neben zwei, drei Adressen habe ich ihr die Atemheilmeditation von Gari Rober und Yeoma gegeben. Hat ihr sehr gut getan, sagt sie. Hat sie damit was bewältigt? Die Krankheit gar?

Eisvogel 07.09.2009 | 01:48

at Titta

Ja, warum nicht, Stellung beziehen, gegenüber einer Trauernden, liebe Titta? Ja, da ist Trauer und da ist Schmerz. Das heisst nicht, dass ich deswegen nicht kritisiert werden dürfte. Hätte ich Angst vor der Auseinandersetzung, hätte ich nicht geschrieben.

Vor allem aber habe ich Herrn Angele nicht "mit Unflat überhäuft", sondern seinen Artikel kritisiert und meine Mühe mit dieser Art von Journalismus ausgedrückt. Auch kann ich nach wie vor marsborns Ausführungen bezüglich Angeles Beurteilungskriterien als Kritik der "exhibitionischen medialen Vermarktung dieses existenziellen Problems" nicht folgen.

Herr Angele schreibt Ihnen doch wortwörtlich was seine eigentlichen Beurteilungskriterien waren:

"Nur: Warum soll ich schweigen, wenn mir vom Titel des "Spiegel" die Headline "Gestern wollte ich wieder sterben. Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs" entgegenschlägt. Ich finde das widerwärtig, aber ich muss zur Kenntnis nehmen, dass andere das wohl nicht so empfinden?"

Das ist ein sehr seltsamer journalistischer Ansatz. Aber es ein Journalismus, der mehr und mehr anzutreffen ist. Hier ist keine Distanz mehr. Das ist ein "aus-dem-Bauch-heraus-Journalismus. Hätte Michael Angele als Privatperson hier seine Meinung im Blog veröffentlicht, wäre es etwas anderes. Aber er schreibt als Journalist. Das ist eine andere Warte und da gelten andere Regeln.

Sorry, das ist schlicht schlechter Journalismus. Und um es noch einmal zu sagen: Hier ist Michael Angele nicht allein. Letzlich ist da ein Verlag und eine Chefredaktion, die die Höhe der Latte festlegt. Und die hängt niedrig, extrem niedrig.

Stark finde ich, dass Herr Angele sich immer wieder zu Wort meldet. Weniger stark, dass er es sich so einfach macht und seine Kritiker und Kritikerinnen in eine "Schlingensief-Sekte" packt.

at Michael Angele
Ich habe zuvor keine einzige Aufführung von Herrn Schlingensief gesehen. Nur dieses Buch gelesen. Es ist ein gutes Buch, ein verdammt gutes Buch. Haben Sie es wirklich gelesen? Hätten Sie dann nicht gemerkt, dass Schlingensief etwas sehr ähnliches wie Sie erlebt hat? Seine Wut auf seinen Vater nämlich. Seine Unverständnis. Er war wie abgestossen davon, wie sein Vater mit seiner eigenen Krankheit umging. Bis er, Schlingensief, selber krank ist und realisiert, was vielleicht in seinem Vater vorgegangen sein mag. - Und Schlingensief bleibt dann selber nicht still. Hält sich nicht an die Regeln einer seltsamen Gesellschaft, die noch im 21. Jahrhundert junge Menschen hervorbringt, die Sätze formulieren wie: "...aber läge wahre Größe nicht auch hier im Verzicht?". Nein, er schreit es heraus. "So schön wie hier kann's doch im Himmel gar nicht sein" ist keine Bekenntnissliteratur sondern - wenn schon - Erkenntnissliteratur.

Titta 07.09.2009 | 02:53

@Eisvogel

Der Artikel von Herrn Angele ist deutlich als Kommentar gekennzeichnet, zum Kommentar gehört die eigene Meinung des Verfassers. Dachte ich jedenfalls immer.

Sie beurteilen den Artikel als schlecht, konstatieren dies mehrmals, belegen ihr Werturteil aber nicht mit stichhaltigen Argumenten, sondern spekulieren lediglich über journalistische Praktiken wie Copy, Zeitknappheit und dergleichen.

Ein Buch kann einem persönlich gefallen, es kann einem dabei helfen, gesellschaftliche Zusammenhänge, die Verhaltensweisen anderer und sich selbst besser zu verstehen. Aber all das sind keine Kritierien dafür, ob ein Buch gut geschrieben ist oder ob es von gesellschaftlicher Relevanz ist.

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rahab 07.09.2009 | 12:14

"blöde" so wie ich es kenne findert sich beispielsweise in der geschichte, wie es kam, dass wezi frauen (schwestern) Jakob heirateten. da steht (im Jubuläen-buch), Leas augen seien "blöde" gewesen. in der übersetzung in der nachfolge von septuaginta/vulagata usw. steht dann, ihre augen seien ohne glanz gewesen.
also: blöde bedeutet, was an den augen zu haben. auf neu-deutsch vielleicht, 'nen knick in der optik(?)
übrigens, da ich mich ja mehr mit den rabbinischen traditionen beschäftige: Rachel fand ihre schwester Lea überhaupt nicht blöde!

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gerhardhm 07.09.2009 | 13:40

So schnell geht es immer wieder mit den Mißverständnissen. Und wenn eine(r) dann daraus irgendeinen billigen "Vorteil" ziehen will, gibt es gelegentlich kein Halten mehr.
Ich gehöre zu denen, die Verständigung für möglich und geboten halten. Damit stehe ich im krassen Gegensatz zu Schlingensiefs Kommentar zu Angeles verunglücktem Artikel.
Gut also, daß ich gefragt habe. Und gut, daß Sie geantwortet haben.

Streifzug 07.09.2009 | 15:10

Hallo klara,

es war wohl etwas missverständlich, "von höherer Warte aus selektieren" bezieht sich nicht auf Sie.

Genau dieses "von höherer Warte aus selektieren" kann aber auch verdeutlichen, worum es mir geht. Dort steht ja eben nicht "von höherer Warte aus kritisieren".

Kritik aushalten ist etwas anderes als Selektion aushalten. Darin liegt der wesentliche Unterschied. In vielen Artikeln vertreten momentan bestimmt Kreise die Meinung, es müsse mehr selektiert werden (Blogger, Bekenntnisliteratur ... - Qualitätsjournalismus)

Auch dieser Artikel bewegt sich mit den Kommentaren oft am Rande der Selektion. "Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab." Die Selektion ist hier als Selbstselektion verpackt.

"und doch kann an ihnen die schlichte Tatsache aufstoßen, dass sie überhaupt geschrieben wurden."

"aber läge wahre Größe nicht auch hier im Verzicht?"

Gerade in diesem Zusammenhang ist Auschwitz eine mehr als kritische, aber vielleicht besonders erhellende Vokabel, die vom Autor auch noch selber ins Spiel gebracht wird. Das habe ich jetzt sehr zurückhaltend ausgedrückt.

Ansonsten verdeutlicht es mein letzter eigenständiger Kommentar weiter untern vielleicht besser:
Selektion - nein, Kritik - ja.

Knutze 07.09.2009 | 15:18

Interessiert habe ich mich durch Artikel und Kommentare gelesen und man sollte meinen, dass nach 155 Komemntaren eine einigermaßen vernünftige Diskussion vorhanden sein sollte. Leider fallen mir verschiedene Dinge immer wieder auf (ohne pauschalisieren zu wollen)

Inhaltlich kann ich zu diesem Thema eher weniger beitragen, der Name Schlingensief war mir nicht unbedingt in Bezug auf Krebs ein Begriff und auch sonstige "Bekenntnisliteratur" habe ich mir noch nicht einverleibt.
Dennoch halte ich es für notwendig einen Kommentar zu schreiben.

Zunächst möchte ich gegen die immer wieder vorgenommene Unterteilung in "Kranke" und "Gesunde" plädieren (oder besser: "Betroffene" und "Nicht-Betroffene", wobei auch das es nicht ganz trifft):
Eine derartige Pauschalisierung kann nicht funktionieren und trägt auch nichtzu einer fruchtbaren Diskussion bei. Vielleicht gibt es "Gesunde", die die Ängste "Kranker" nicht nachvollziehen können, daraus lässt sich aber keinesfalls ableiten, dass alle "Gesunden" die "Kranken" nicht verstehen könnten.

Des Weiteren finde ich, dass es gerade in diesem Thema keine "richtige" Position gibt. Natürlich kann es lobenswert sein, wenn ein Kranker (diesmal ohne ") seine Erfahrungen publiziert um anderen Kranken Hilfestellungen oder gar Antworten in Bezug auf bestimmte Ängste zu geben. Es kann aber auch Ausdruck eben jenes vom Autor benannten Exhibitionismus sein.
So wie ich den Artikel verstanden habe, plädiert Herr Angele keineswegs dafür jegliches Publizieren solcher "Bekenntnisliteratur" zu unterlassen. Er stellt vielmehr die Frage an die Autoren solcher WErke, worin ihre Motivation für dieses Werk liegt/lag und ob diese nicht eher im Bereich des Exhibitionismus als in dem der "Hilfestellung" zu sehen ist.
Dieser Frage folgend stellt er dann die These auf, dass es durchaus Autoren bzw Werke gibt, die eben jene Frage eher mit Exhibitionismus beantworten (würden).

Abgesehen von der Korrektheit dieser These, darf ein solcher Artikel NIEMALS Anlass zur Schmähkritik auf die Person des Autors sein. Selbst bei vollkommener Ablehnung sollte man vom mündigen Leser eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Artikel erwarten dürfen.

Als Letztes würde ich gerne noch folgende Anregung geben: Ziel deiser Diskussion ist nicht der "Sieg" einer der beiden Seiten (wenn man das ganze auf "Angele vs Schlingensief" runterbrechen will).
Eine Position in der Mitte ist zumindest vertretbar, wenn nicht sogar "richtiger" als eines der beiden Extreme.

Und als wirklich letztes dann noch folgende These: Ein Artikel muss nicht immer exakt die Meinung des Autors widerspiegeln. Unter Umständen kann er auch krasser formuliert sein um eine besonders erregte Diskussion zu provozieren. abgesehen davon ob das bei diesem Artikel zutrifft, sollte man sich sowohl diese Möglichkeit vor der Verunglimpfung des Autors immer vor Augen halten als auch die Möglichkeit, dass man selbst eine Aussage des Autors missverstanden haben könnte.

pkaras 07.09.2009 | 16:04

@Jäger:
Ich denke nicht, dass ich nicht den Tod in mir habe, nur bin ich von ihm noch nicht gezeichnet. Und wenn ich aus meinem Bekanntenkreis erfahre, dass jemand an Krebs erkrankt ist, dann frage ich mich, warum er oder sie und nicht ich. Das bringen Sie sehr gut auf den Punkt, man richtet sich da an 'Gott', auch wenn ich mich nicht als gläubigen Menschen bezeichnen würde.
Ich habe eher bei Herrn Angele den Eindruck, dass er meint, mit dem Tod nichts zu tun zu haben. Daran erkennbar, dass er Schlingensief, den Spiegelautor und Roche in einen Topf wirft und indirekt Schlingensief und den Spiegelautor kommerzielle Absichten unterstellt, denn die stehen bei Fr. Roche meiner Meinung nach an vordester Stelle und somit zusätzlich seine ignorante Haltung gegenüber den Verzweifelten demonstriert.
Wie Sie auch treffend beschreiben, wenn 'Gott' existiert, dann in uns Menschen, so ist die Veröffentlichung von solchen Texten richtig.
Sie betrachten das zwar für den Betroffenen als vergebliche Mühe, wo ich Ihnen auch z. T. Recht geben muss, nur in einer Zeit wo ewige Jugend propagiert wird, halte ich solche Texte für durchaus sinnvoll, weil sie vielmehr mit der Realität zu tun haben als die Verleugnung von Vergänglichkeit.
Die 3. Welt hat mit diesem Thema direkt nichts zu tun. Ich habe mich aus Wut über den Artikel dazu verleiten lassen, den Vorwurf des Exibitionismus anhand der Bilder von Verzweifelten aus der 3. Welt, die uns über die Medien bekannt sind, ad absurdum führen zu wollen.

Leila 07.09.2009 | 16:37

Lieber 'Knutze',

Ich kann es nicht genau verorten, meine aber das Sie sehr gewandt sind im Fach "Verteidigungen von Artikeln".
Können Sie mir dann vielleicht bitte erklären, was Herr Angele positives an dem Nach-Ausschwitz-Schweigen hervorzuheben versuchte und was das mit dem Schreiben über Krebs zu tun hat? Das wäre wirklich hilfreich, und würde dann auch ihrerseits bedeuten, dass Sie über den ganzen Artikel schreiben und nicht nur über die untere Hälfte. Und dies müssen Sie auch hinnehmen: Sie Schreiben "(...) darf ein solcher Artikel NIEMALS Anlass zur Schmähkritik auf die Person des Autors sein." Wer sich Redaktionsleiter Kultur nennt, muss Schmähkritik ertragen, wenn er das Trauma geprägte Schweigen nach allem was wir mit Ausschwitz meinen, Krebstagebücher und die Feuchtgebiete von Charlotte Roche öffentlich und professionell zu dieser unbekömmlichen Mixtur zu verquirlen sucht.

Leila

Knutze 07.09.2009 | 17:10

Liebe Leila,

Ich habe an keiner Stelle versucht den Artikel zu verteidigen (hoffe ich zumindest, wenn doch war das nicht die Intention).
Dementsprechend habe ich auch nicht Auschwitz angesprochen, sondern nur auf den Teil den ich für den für diese Diskussion am wichtigsten hielt (= subjektive Wertung). Ich halte das Heranziehen von Auschwitz ebenfalls für zumindest missglückt, schließe aber die Möglichkeit nicht aus, dass Herr Angele sich dabei etwas gedacht hat.

"Wer sich Redaktionsleiter Kultur nennt, muss Schmähkritik ertragen [...]".
Muss er das wirklich ertragen? Oder anders gefragt: Ist Schmähkritik in Ordnung, nur weil ein Autor sie ertragen muss? Das wäre eine Rechtfertigung aus sich selbst: Es gibt Schmähkritik --> Der Autor muss Schmähkritik ertragen --> Schmähkritik ist in Ordnung. In etwa so?
Und was die Stellung des Autors als Redaktionsleiter Kultur damit zu tun hat erschließt sich mir erst recht nicht. Heißt das dann das ein normaler Angestellter keine Schmähkritk erdulden muss, aber mit der Beförderung dann auf einmal doch?

Zur "Mixtur" aus Krebstagebüchern und Charlotte Roche (Auschwitz aufgrund der Unangemessenheit bzw den Missverständnissen mal außen vor gelassen): Mal abgesehen davon, dass sich mir eine gewisse Verbindung doch erschließt, erheben weder Autor noch Artikel den Anspruch perfekt zu sein. Im Gegenteil, der Autor hat bereits geäußert, dass er gewisse Dinge so nicht mehr schreiben würde. All dies ist für die Bewertung des Artikels im Ganzen sicherlich nicht unerheblich, hat aber meiner Meinung nach nichts bis wenig mit den Kernpunkten der hier entstandenenn Diskussion zu tun (bzw. mit dem Teil der Diskussion dem ich meinen Kommentar gewidmet habe).

Und meinen Namen darf jeder hier auch ohne Anführungszeichen verwenden.

Leila 07.09.2009 | 17:30

Lieber Knutze,
ich sehe schon einen unterschied zwischen einem grundschulaufsatz und einer Veröffentlichung auf Seite 1 der "Die Zeit" vom Herausgeber. Dazwischen irgendwo liegt die Kulturredaktion des Freitag und so denke ich steigt der Grad der zumutbaren Kritik mit der Sprosse. Aber der Artikel zeugt nicht von einer besonderen Kunstfertigkeit, daher könnte man vertreten die Kritik sollte evtl ruhiger ausfallen, als ich Sie vorgetragen habe. So auf diese Weise würde ich Ihnen Recht geben, Ihnen aber auch die Argumente verkorksen. Zur Mixtur haben wir ja alles notwendige gesagt. Vielen Dank. Ich mache einen kleinen Knicks, und trete von der Bühne,
Leila

Michael Angele 07.09.2009 | 17:32

Liebe Leila,

als Redaktionsleiter Kultur muss ich mich also von Ihnen als "beknackter Penner" bezeichnen lassen? Ich bitte Sie.
Mein Hinweis auf Auschwitz ist misslungen, ich bekenne es. Ich wollte damit andeuten, dass heute einfach ein Korrektiv fehlt, das einem sagt: Nimm dich nicht so wichtig. Das ist natürlich gerade im Fall einer schweren, möglicherweise todbringenden Krankheit besonders schwer, vielleicht auch gar nicht mehr möglich. Eine Krankheit verstärkt bekanntlich den Narzissmus, es gibt dann für den Kranken oft eben nichts mehr ausser das eigene Schicksal, das eigene Leiden, die eigenen Schmerzen, die eigenen Ängste; namentlich Angehörige sollten das aushalten können.
Wir reden hier aber nicht von der Mitwelt des Kranken, sondern von der Öffentlichkeit. Ich finde, das ist etwas anderes. In einer Öffentlichkeit, in der ich mich wohl fühlte, würde man von Intimitätszumutungen und Authentizitätsterror durch Ironie und Höflichkeit und Takt entlastet (Helmuth Plessner hat dazu schon in den zwanziger Jahren ein spannendes Buch geschrieben "Die Grenzen der Gemeinschaft.) Ich frage: Wie taktvoll ist dieser "Spiegel"-Titel? Wie taktvoll ist das Posting von Christoph Schlingensief hier?
Zum allerletzten Mal: Es geht mir nicht darum, das "Schreiben über Krebs" generell in Zweifel zu ziehen, um Gottes Willen, sondern eine bestimmte Form des öffentlichen Umgangs mit seiner eigenen Krankheit.

Leila 07.09.2009 | 18:02

Herr Angele,
Wut auf medialen Nonsens und viel Sorge um jemanden haben da bei mir reingespielt und dazu geführt, dass ich, grobschrötig beschützend zugepackt habe. Ich nehme diese Form, aber nur diesen Ausschnitt, gern 'zurück' wenn Ihnen das die Spitze der Unerträglichkeit ist, denn daran hänge ich überhaupt nicht. Eine Diskussion über Sprache und die bürgerliche Dominanz ihrer Verwendbarkeit brauchen wir jetzt nicht.
Mein Vorhang fällt, ich bin kein Stoff.

Leila

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rahab 07.09.2009 | 18:04

lieber herr Angele
natürlich müssen Sie sich nicht als "beknackter penner" bezeichnen lassen. aber: wo hätte 'Leila' das getan? ich hab's nicht finden können.
und die frage, ob Sie dies "als Redaktiosnleiter Kultur..." - na ja, da bitte nun ich Sie.

dass es Ihnen um die frage der öffentlichkeit geht, habe ich schon verstanden. ich lese etliche der kommentare hier als hinweis darauf, dass Ihnen das nicht besonders gut gelungen ist/sein könnte. was auch daran liegen kann, dass die öffentlichkeit des buchmarktes eine andere ist als die des feuilleton - womöglich.

dass Schlingensieps 'replik' heftig ausfiel fand ich nicht sehr verwunderlich.

Knutze 07.09.2009 | 18:26

@rahab
Irgendwo im oberen Drittel der Kommentare (04.09. 00:07), einfach die Suchfunktion des Browsers benutzen und nach "Penner" suchen. Zugegeben etwas am Thema vorbei.

@Leila
Ein letztes Mal (um endlich Ruhe reinzubringen, nicht weil ich des Diskutierens müde wäre):
Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Schulaufsatz und Journalismus. Und unter Umständen ist dies ein sehr schlechter Artikel, aber ich bin nicht derjenige das zu beurteilen. Aber man muss abgrenzen zwischen inhaltlicher Kritik, die sowohl bei einem Schulaufsatz als auch bei einem Erste-Seite-ZEIT-Artikel erlaubt und angebracht ist und Schmähkritik auf den Autor, die ihn persönlich beleidigt und weder bei einem Erstklässleraufsatz noch bei einem ZEIT-Artikel zulässig und angebracht ist.
Und wenn ich dies anmerken darf: Es geht nicht um die Kunstfertigkeit dieses Artikels, es geht um das Thema "Schreiben über Krebs" (zugegeben sehr salopp un pauschal formuliert), das im besten Falle vollkommen losgelöst von auf jeden Fall der Person des Autors und eventuell sogar vom Artikel diskutiert werden sollte.
Kurz und knapp: Es ist/sollte eine Diskussion auf Sachebene und nicht auf persönlicher Ebene (sein).

Friedland 07.09.2009 | 19:07

Kann ein Kommentar jetzt noch etwas Nichtgesagtes anfügen? Schwerlich. Dennoch soll er hier seinen Platz finden, zwischen Kranken und Gesunden, Feurigen und Ausgebrannten...

Krebs ist ein schwieriges Thema, der Tod ist dem Krebs immanent, wenigstens im Wort. Niemand MUSS über sein Leben, sein Sterben, sein Werden schreiben. Wenn er/sie es dennoch tut, welche Maßstäbe zählen dann? Unsere? Die der anderen? Dramatisierung, Chronologie, Unterhaltung, Ehrlichkeit, Tiefsinnigkeit...?

Ihr Text, Herr Angele, ist handwerklich etwas spröde geraten, das Thema (Krebs, nicht dessen mediale Vermarktung) ist mit Spitzen und Zacken besetzt, die entstandenen Splitter verletzten wohl zahlreiche KommentatorInnen, Betroffene und Getroffene.

Dennoch: Jeder, der darüber schreiben möchte, soll schreiben, immer und hier, soll seine Meinung versenden, aber ohne andere dabei zu beleidigen.

Worum geht es hier denn: Um den Umgang mit Krebs, um den Umgang mit Krebskranken, um den Umgang mit schreibenden Krebskranken, um den Umgang mit öffentlich schreibenden Krebskranken, um den Umgang mit öffentlich Schreibenden über öffentlich schreibende Krebskranke?

Oder schlicht um ein Mit-, Neben-, und Nacheinander in Literatur, Medien und Gesellschaft? Und in diesem Fall interessiert ich eigentlich nur, WIE jemand etwas schreibt - und nicht, WARUM....

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rainer-kuehn 07.09.2009 | 19:20

Ich melde mich hier zum dritten und letzten Male, und ich möchte sagen, mit dem Duktus einer alten Konkret-Kolumne: Ich habe gelesen.
In meinem ersten Beitrag wollte ich einfach auf die Verwechslung von Ebenen hier hinweisen: Buch/Zeitschrift/Öffentlichkeit/Kritik versus Personality/Betroffenheit/Sympathie.
In meinem zweiten Beitrag schon konnte ich kaum eigene Worte finden, weshalb ich die Chronologie meiner Einschätzung in einer Zitatenreihe collagiert habe. - Ich möchte da ausdrücklich auf Bertolt Brechts Keuner-Geschichte "Originalität" hinweisen. Der Satz mit der Werkstatt dort kann viele Beiträge hier zur Kenntlichkeit entstellen.
Ich denke, man sollte mehr lesen, vor allen Dingen das, zu dem man etwas sagen/schreiben möchte. Und nach dem Lesen sollte das Gelesene verstanden sein, eh man eine Meinung dazu schreibt. Und wenn man es doch tut, sollte die Verbohrung ins Eigene nicht so toll sein, daß niemand einen mehr da rausschrauben will.
Die Schraube geht hier auf langsam 200 Umdrehungen. Und das gibt ein Gewinde, wo derFreitag "Hitzefrei" geben sollte. Zu aller Erquickung.

Schimmelweiß 08.09.2009 | 05:32

Ein herbstlich Kleines noch, zur Klarerstellung von Obigem, in Ruhe, fast Demut:
„poor on ruhr“ (06.09.2009, 21:43) hat geschickt punktiert, was ich ungeschickter drastelte, zur Schlingensiefschen Replik, unter anderem:
„... sind diese Krokodilstränen aus dem Kulturbetrieb der rechten Presse denn wirklich das, was er wollte? Er kann mehr, sollte das auch zeigen, weil er das kann und er würde somit sich selbst und der ganzen linken Gemeinschaft helfen...“

Ein paar Ergänzungen dazu, was meinen Ingrimm über Schlingensiefs Gegenschmiss zuspitzte, ungeordnet, fragend unterschnitten:
Was Angele und andere Ähnlichsinnende gewiss inspirierend nervte, ist das Austragen der Innereien in der Weise, dass die öffentlichen Austragenden so tun, als hätten sie das Kranksein erfunden (wie neuerdings etliche Silver Parents, ältliche Kindergebärende, sich betun, mitunter „Bücher“ sofort schreiben müssen über diese so menschheitlich urneuen Erfahrungen des je einzigen hochbegablichen Kindwunders). Als hätten nicht schon unzählige vorzeitliche, ja, hier mal: Künstler, Schreiber etc. Gleiches je verschieden erlitten, hatten sie noch Zeit, das irgendwie verarbeitet, sublimiert, mehr oder weniger einbezogen oder tunlich ignoriert. Es hatte im Laufe der Menschheitskulturgeschichte vielerlei Umgehensweisen mit unterschiedlichen Wehwehchen, zu nennen wären Kulturmacher wie Heine, Beethoven, Nietzsche, Rimbaud... Wie behandelten undefinierbarere Auas solche wie Hölderlin, Proust, Artaud? Jeder hat anderes daraus oder mal nichts mehr gefertigt. Wie viele rafft es heutzutage wie dahin „nach langer schwerer Krankheit“? - Was hingegen bringt intimitäre, therapienahe Abbildung, der bedingte Reflex? Zumal wenn ein Multitalent wie Sch. im Schmerzensfeld weilt.

Zur Angst wie oben: Die haben viele und nicht selten ein Leben lang, schon ob der Existenznot hier wie da, allorts. Angst und Krankheit(en) beherrschen diese Welt. Leben hier zu ertragen – über den Tellerrand (und die Selbstverwirklichung) hinaus, ist schon Arbeit und Kampf in Menge (für Sehende), freundlich sein eine Art Kunst (eher Brecht), Aggressivität logischerweise allgegenwärtig. – Hierzu war meinerseits unpräzise angedockt, - weil ALLGEMEIN exakt so gemeint (nicht als latent in Schlingensiefs Replik) das: „Wer heute nicht krank ist, ist krank“ sowie „Wer sich gesund meint, hat sie nicht alle“.

Beim Begriff „Auschwitz“ im Angele-Text sei erinnert an Heiner Müllers Gedicht „Seife in Bayreuth“. Was suchte Sch. dort in der „Hölle“ überhaupt und mehr: Renommee oder Spiellust? Weshalb ging er nicht rechtzeitig fort, oh, nein, vermeintliche „großbürgerliche“ Höchstkultur öffnet noch höhere Türen. Angele hatte sich das nicht gut überlegt mit der Eingangs-„Keule“, schreibt er nun, der Ansatz kam halt irgendwoher instinktiv. Er hätte das Hutu/ Tutsi-Gemetzel nennen können oder unzählige weitere Hekatomben. Es gibt wichtigere Bücher als das von Sch. bei KiWi für 18.95. Wer lesen will, soll, Cioran ist tiefer.

Afrika: Klar, die Milliarde Afrikaner braucht ein neues Opernhaus mit umliegender kleiner „Daseinsvorsorge“, zumal die „Entwicklungshilfe“ derzeit im Mikrobereich friert. Interessant wird, ob Protagonist Sch. das strahlende Mitfinanzierungs-Angebot des Hartz-IV-Flüsterers und Heuschreckenfütterers Frank „Folter“ Steinmeier annimmt, der das hiesige Land mit noch vier Millionen 1-Euro-Mini-Midi-Leih-Jobern zu verfreiheiteln gedenkt. - Vor allem eminent mich störend dieser liebliche Schlingensiefsche Dreiklang (in einem Atemzug neuerdings) von Kranksein+Kirche+“3. Welt“(=Kunst).

Irgendwo meinte Meister Sch., wenn das stimmt, dass ihn der neueste Oberpope dauere und er müsste wegen dem aus dem Katholenverein austreten. Das tun oder schweigen! Nee doch, lieber einen eigenen Verein gründen, statt z. B. die ewigwährende Natur ins Recht zu setzen. Lieber beten, zuninnerst knien, XavierNaidooalien, klimperklimperdudel, ne prise Beuys (prima Webseite) – statt weiterhin zu suchen, allwärtig zu zweifeln. Infantil das als Kunst, meine ich. Der Himmel ist voller Sterne.

Zur Patientenbewegung: Welches Rad soll dort erfunden werden? Erinnert sei an die Ansätze des SPK (Sozialistisches Patientenkollektiv). Es hat unzählige bemühte Initiativen, auch im Netz. Ein anderes Netz und zwar im Leben wäre nötig (bei diesem Gesundschrumpfsystem), Ansätze im je Kleinen existieren, praktische Tipps und Hilfen von langwierig damit sich Beschäftigenden, Involvierten. Den „Gott in weiß“ gibt es nicht. Es ist immer wieder frisch Verhandlungssache (unter Mitnahme eines Zeugen bei schwierigen Angelegenheiten) zwischen Arzt (der auch Gschaftlhuber ist) und Patient, was wie diagnostiziert, zu machen etc. Wie überall ist auf Erfahrungen, Kenntnisse, Erkundigungen, Vergleiche bei nahen bis fernen Bekannten, Verwandten, Initiativen, anderen Patienten usw. zu setzen, manchmal ist es nur Instinkt oder Glücks- bzw. Pechsache. Im WWW tummeln sich besonders gern Freunde der Pharmazie und andere Banausen.

Ein Letztes: Des Sch. Reprise stachelte daher extraordinär, weil es untergründig danach pappschmeckte, als wolle hier jemand die Hoheit über seinen privatimen, ins Offene geschmetterten Leidensdiskurs zurück („In die Ecke,/ Besen! Besen!/ Seid’s gewesen“) mit der oben angedeuteten Dreier-Keule, dazu unwidersprochen. Der nackte „Kettensägenmassaker“-Mann möchte Schonung (+ Feigenblatt). Wie funktioniert übrigens die Vermischung von „Autonomie“ und gesuchter Öffentlichkeit? Ist die Souveränität über sich selbst anschließend mit Leserbriefen bis Anwälten einzuklagen? Na dann.

Thyara 08.09.2009 | 10:54

Ich habe nicht alle Kommentare gelesen, aber ich denke, dass kann man mir bei der mittlerweile entstandenen Diskussion nachsehen.

Zunächst eine Grundlage zu meiner dann folgenden Meinung. Ich bin gesund - noch, ich bin ja auch noch jung. Ich habe aber genügend Krebsfälle in der Familie, die z.T. auch schon im Tod geendet haben. Es ist eine Tatsache und keine dumme Ausrede (wie ich hier schon lesen musste), dass Krebs nicht immer von den bisher bekannten (!) Ursachen kommen muss. Ein Nichtraucher kann durchaus Lungenkrebs bekommen etc. Einige Krebsarten werden auch vererbt. Hier ist die Forschung einfach nicht weit genug, als dass man sich hier hinstellen kann und mit dem Finger zeigen: Du hast Krebs X, du hast das und das verbrochen und bist selbst schuld.

Es ist auch eine Tatsache, dass die Diagnose Krebs ein Leben verändert. Es kommen Operationen, Chemotherapien, es folgt ein langer Leidensweg, der in vielen Fällen nicht mal gut ausgehen muss. Des Weiteren ist Krebs nicht heilbar. Ich glaube viele hier wissen nicht, wie es ist, sich dann Broschüren etc. durchzulesen und ständig von einer "Überlebensrate" anstelle von einer "Heilungsrate" zu lesen. Mit der Diagnose Krebs rückt einem automatisch das Thema Tod auf die Pelle. Jeder geht damit anders um. Manche ziehen sich zurück, schotten sich ab und wollen niemanden mit ihrem Leid belästigen. Bei manchen Reaktionen hier wundert es mich nicht, dass Menschen sich dann lieber zurückziehen. Für gut heißen, kann ich es jedoch nicht. Wer sich zurückzieht, sein Leid verschlingt, statt es ein wenig zu verarbeiten, der hat auch schlechtere Aussichten auf Heilung. Gerade bei Krankheiten, die nicht so einfach heilbar sind, spielt die Psyche eine wichtige Rolle. Es gibt Studien darüber, dass Menschen, die optimistisch in die Zukunft blicken oder zumindest aus ihren vielleicht letzten Tagen das meiste rausholen wollen, oft bessere "Überlebenschancen" haben als jene, die nun nicht nur körperlich, sondern auch seelisch kranken. Wen wunderts?

Die Sache mit der Verarbeitung. Es gibt auch Menschen, die mit ihrer Krankheit offen umgehen. Das ist gut. Ich habe nämlich das Gefühl, dass bei dem Thema einiges an Aufklärung notwendig ist. Herr Schlingensief hat ein Buch geschrieben und es wird wohl groß dafür geworben. Manchen mag dies bitter aufstoßen, na ja, dann kann man das tun, was der Mensch doch ohnehin am besten kann: Wegsehen! Diesen Artikel hingegen empfinde ich schon sehr angreifend und dass Betroffene sich davon wohl noch mehr angegriffen finden, wundert mich keineswegs. Herr Schlingensief hatte nun mal die Möglichkeit über seine Krankheit ein Buch zu schreiben und es zu vermarkten. Wer damit nichts anfangen kann, der muss es ja nicht lesen. Vielleicht ist das seine Art der Verarbeitung. Vielleicht will er anderen Krebskranken damit helfen. Reden oder in diesem Fall lesen hilft, das hilft i.d.R. immer. Die Unterstellung, er wolle damit Profit machen, kann ich wirklich nicht nachvollziehen. Derartige Krankheitsdiagnosen haben schon andere Menschen grundlegend geändert, aber dass jemand, der den Gedanken des Ablebens zwangsweise auf der Schulter sitzen hat, nur finanzielle Beweggründe hat, kann ich nicht glauben.

Abgesehen davon muss man auch die andere Seite sehen. Es gibt Krebskranke, die nach derartiger Literatur suchen. Es gibt Leute, die auf diesem Weg Hilfe suchen, um so etwas zu verarbeiten. Und das kann anzweifeln wer will, es ist einfach besser, so etwas von einem ebenfalls Betroffenen zu lesen, als eine Lektüre eines Arztes. Wie oben angesprochen gibt es auch Menschen, die sich lieber zurückziehen, nicht weiter wissen und schweigen. Wenn jenen dann eine solche Headline auf dem Spiegel entgegenschlägt und nur ein einziger aus seiner zurückgezogenen Haltung herauskommt und offener und ein wenig leichter mit seiner Krankheit umgeht, dann war es das wert!

luggi 08.09.2009 | 14:13

Kurzkommentar
"Ich habe nicht alle Kommentare gelesen, aber ich denke, dass kann man mir bei der mittlerweile entstandenen Diskussion nachsehen."
-nein, weil
"Es ist eine Tatsache und keine dumme Ausrede (wie ich hier schon lesen musste), dass Krebs nicht immer von den bisher bekannten (!) Ursachen kommen muss."
luggi bezieht sich eindeutig auf das Rauchen und nicht auf die Krebsentstehung (bitte nachlesen).
"Ein Nichtraucher kann durchaus Lungenkrebs bekommen etc."
Deshalb sollte in Bayern das fortschrittlichste Nichtraucherschutzgesetz eingerichtet werden. Ihre Bemerkung ist nicht nur eine dumme sondern fahrläsige Ausrede.
"Ich bin gesund - noch, ich bin ja auch noch jung."
Wo besteht da bitteschön der Zusammenhang? Es gibt junge Menschen, die sind erkrankt, es gibt ältere Menschen, die strotzen vor Gesundheit. Und außerdem, wer kann sagen, wer gesund ist? Der Arzt? Die WHO? Die Krankenkasse? Außerdem gefällt mir die metaphysische Betrachtung von krank und gesund nicht.
"Einige Krebsarten werden auch vererbt."
Eine Disposition wird vererbt. Wie auch die Disposition zur Fettsucht. Aber die Fettsuchtgene liegen im Einkaufswagen und heißen fettes Essen, fast food, Schokolade, Cola....
"Es ist auch eine Tatsache, dass die Diagnose Krebs ein Leben verändert."
Es ist eine Tatsache, dass AUCH die Diagnose Krebs ein Leben verändert. So wird ein Schuh draus. Und jetzt höre ich mit copy and paste auf.

Bei Schlingensief geht es mir um die Beantwortung der Frage Wer oder Was ist Schuld? Wie verarbeite ich das. Sage ich, es war das Schicksal, wenn z.B. durch die Raserei das Leben einer jungen Mutter und ihres Kindes zerstört wird? Oder finde ich die Schuld in meinem Verhalten gegenüber meinem Umfeld? Ich bin krank, was ist Schuld? Das Schicksal oder meine Lebensweise? Meine Antwort - nicht das Schicksal. Daraus ergibt sich aber Teil 2. Wie kommuniziere ich dieses Problem? Mit mir selbst? Mit den Eltern? Mit der Familie? Was mache ich, wenn ich nicht kommunizieren kann oder darf?

Oder kommuniziere ich in einer heilsbringenden, merkantil orientierten Art und Weise wie Schlingensief, dessen derzeitiges handeln pubertäre Charakterzüge trägt?
Mein Mitgefühl hat jeder Mensch, der mit den Folgen einer Krankheit zu kämpfen hat, auch Christoph Schlingensief. Ich wende mich gegen die Scharlatanerie eines Schlingensief, und die Vermarktungsstrategie, und die Heilsversprechungen von Dr. Schlingensief. Ist sein Tun (Dr. Schlingensief) rechtlich überhaupt erlaubt?

Und ich weiß, wie das ist, die physische und psychische Auseinandersetzung mit dem Tod. Dem kurzen Tod des Unfalls grad entronnen, wächst sie, die Bedrohung. Ein Keim entwickelt sich. Beruhigung. Nichts Schlimmes. Operation. Aufwachen. Was Schlimmes. Phlegmone. Ärzte und Schwestern schauen dich traurig an. Wissend. Ich unwissend. Später erst ahnend dann wissend. So eine Kacke, so eine verdammte Kacke. Keine Hoffnung. Den Tod herbei gesehnt. Der Eiter dringt jetzt auch durch die gesunde Haut. Situation jetzt nicht mehr Kacke sondern Scheiße. Und alles fern der Heimat. Leben aufgegeben. Eine Frage kommt: Wo werde ich eigentlich begraben?.......Besserung. Kein Eiter im Verband. Hoffnung. Leben. Immer noch. Und immer wieder diese blöden Tränen. Auch jetzt noch...

Ich brauche keine Kirche der Angst. Ich brauche Orte der Hoffnung, der Freude, des Lebens.

paladin0505 08.09.2009 | 14:57

Abschliessend noch:

Herr Angele, wenn es so schlimm für sie ist, wie manche Menschen sich mit ihren Krankheiten an die Öffentlichkeit wenden, gibt es da eine super Methode: Lesen sie es einfach nicht, schauen sie sich etwas anderes an....ihr Kommentar greift diese Menschen an, ob sie das nun begreifen wollen oder nicht...Beschweren sie sich also nicht, wenn sie von manchen Lesern etwas bösere Kommentare bekommen sondern überlegen sie vielleicht einmal, woran das liegen könnte. Wir wollen schönen Boulevard-Klatsch aber sobald unsere heile Welt zu bröckeln droht, wird die Intimsphären-Karte gezogen...

Thyara 08.09.2009 | 15:22

"luggi bezieht sich eindeutig auf das Rauchen und nicht auf die Krebsentstehung"
Ich habe es nachgelesen und muss mich wirklich entschuldigen, mein Fehler.

"Ihre Bemerkung ist nicht nur eine dumme sondern fahrläsige Ausrede."
Mit welchem Recht nehmen Sie es sich denn heraus, meine Bemerkung als dumm hinzustellen? Ich glaube kaum, dass Sie Erkenntnisse in der Krebsforschung haben, die den damit betrauten Wissenschaftlern noch nicht bekannt sind. Vielleicht mag Rauchen hier nicht das passendste Beispiel gewesen sein, aber soviel Transfervermögen erwarte ich dann schon, dass man das Beispiel auch weiterdenken kann. Will sagen: Die offensichtlichste Ursache muss nicht immer der wahre Grund sein. Ein Nichtraucher kann durchaus Lungenkrebs bekommen - auch ohne das Passivrauchen daran schuld sein muss. Beweisen Sie mir das Gegenteil. Das ist jedoch nicht als Entschuldigung oder Ausrede für Raucher gedacht.

""Ich bin gesund - noch, ich bin ja auch noch jung." Wo besteht da bitteschön der Zusammenhang? Es gibt junge Menschen, die sind erkrankt, es gibt ältere Menschen, die strotzen vor Gesundheit. Und außerdem, wer kann sagen, wer gesund ist? Der Arzt? Die WHO? Die Krankenkasse? Außerdem gefällt mir die metaphysische Betrachtung von krank und gesund nicht."
Ich frage mich, wie man aus derartigen Sätzen gleich solche Elefanten formen kann. Ich stelle einfach in den Raum, dass ich derzeit noch gesund bin. Wie Sie vielleicht weiter gelesen haben, habe ich diverse Krebsfälle in der Familie. Vielleicht triffts mich mit der Zeit auch. Nicht mehr und nicht weniger sollte damit gesagt werden.

Michael Angele 08.09.2009 | 16:37

Ich möchte darauf hinweisen, dass Christoph Schlingensief auf der (seiner?) Seite www.krank-und-autonom.de eine lesenswerte Replik geschrieben hat. Es steht dort, unter anderem:

"als dann aber eine mit dem FREITAG versehene eintragung (an) die netz-community schrieb, dass die, die sich in dem artikel auf den schlips getreten gefühlt hätten und bitte die netiquette waren sollten, da wollte ich sofort wieder reinschreiben. aber zum glück klingelte es an der türe und die nachbarin stand da mit ihrem kleinkind und bat darum kurz mal aufzupassen."

Ich finde das sehr sympathisch und möchte sagen: jeder kümmere sich nun um das Seine.

miauxx 08.09.2009 | 18:04

Ich würde sagenn, der Hr. Angele hat seinen Artikel ein bißchen zu locker aus der Hüfte geschrieben. Ich finde es auch verständlich, das Hr. Schlingensief so reagierte.
Aber: Ein wesentliches kulturelles Problem ist berührt worden, nur meiner Ansicht nach nicht richtig. Der "Exhibitionismus" seitens bekannter 'Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens', wie es ja immer so schön heißt, ist doch der forcierten Lust danach seitens des Publikums und der futtergebenden Medien geschuldet. D.h., wir wollen nicht ein aufklärendes Buch über das Leben mit Krebs o.a. Krankheiten und Leiden, sondern wir wollen das Buch über die Lebenswidrigkeiten der wichtigen Person xy. Ich kenne das Buch Schlingensiefs nicht und möchte auch gar nicht seine Motivationen dazu in Abrede stellen. Aber man muss auch solche Reaktionen derer verstehen können, die kritisch auf die unsägliche Flut von zu Verkaufsschlagern aufgebauschten Leidensgeschichten in sämtlichen Medien schauen. Es ist, zumindest mir, einfach nicht mehr möglich die Differenzierung zwischen einer Sachveröffentlichung, z.B. zum Thema Krebs anhand eines spezifischen Beispiels, und einer boulevardesken Unterhaltungsteilhabe aus dem Inneren eines Promi-Lebens zu unterscheiden.

Titta 08.09.2009 | 18:08

@Thyara

"Die Sache mit der Verarbeitung. Es gibt auch Menschen, die mit ihrer Krankheit offen umgehen. Das ist gut."
"Reden oder in diesem Fall lesen hilft, das hilft i.d.R. immer."

Die entsprechenden Studien kommen aber zu einem anderen Ergebnis. Die größten Heilungschancen haben die, die ihre Krebserkrankung ignorieren bzw. leugnen, auch vor sich selbst (sie zB als falsche Diagnose abtun). Verdrängen statt verarbeiten könnte also durchaus die bessere Alternative sein. Ebenso haben sehr große Heilungschancen die, die ihre Erkrankung als Schicksal hinnehmen, sie nicht hinterfragen (warum gerade ich?) und sich auch nicht weiter mit ihr auseinandersetzen. Mit die niedrigsten Heilungschancen haben gerade die, die sich ausführlichst mit ihrer Krankheit, deren Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten beschäftigen, sprich, diejenigen, die ganz um sich und ihre Krankheit kreisen.

"dann kann man das tun, was der Mensch doch ohnehin am besten kann: Wegsehen!"

Wie kommen Sie als junger, gesunder Mensch zu so einer ungesunden Einstellung ihren Mitmenschen gegenüber?
Wegsehen, also der Wunsch nach Abgrenzung und Distanz, ist auch ein ganz natürliches menschliches Bedürfnis, neben anderen.

luggi 08.09.2009 | 20:44

@ Thyara

Ihre Bemerkung ist nicht deshalb dumm, weil sie von Ihnen ist; sondern allgemein.

"Ich glaube kaum, dass Sie Erkenntnisse in der Krebsforschung haben, die den damit betrauten Wissenschaftlern noch nicht bekannt sind."
Logisch. Hab kein Krebslabor, aber Literatur, Internet und die informativen Teile von TV/Radio.

"Die offensichtlichste Ursache muss nicht immer der wahre Grund sein."
Die Medizin kann schon sehr viele der Ursachen zuordnen. Rauchen erzeugt Krankheiten inkl. Krebs; steht auf jeder Tabakverpackung. Zuviel UV einer bestimmten Sorte ist verantwortlich für Hautkrebs. Kanzerogene Stoffe in der Nahrung (das berühmte Grillen -> Nitrosamine und andere) sind verantwortlich für Darmkrebs. Alkohol ist gut für Fettleber, Leberzirrhose und Leberkrebs. Und das Wissen gibt es nicht erst seit wenigen Jahren. Mein Credo: die Lebensweise bildet die Ursachen vieler Krankheiten. Können Sie sich damit einverstanden erklären?

"Ich frage mich, wie man aus derartigen Sätzen gleich solche Elefanten formen kann."
Es war ein Zwergelefant, aber ein ausgewachsener :)

@merdeister
Eigentlich wollte ich merdeister nicht so oft antworten, wegen des Rankings in der Cloud.

"Welche Sichtweise gefällt Ihnen denn?"
Wie wäre es mit dialektisch?

Vor ein paar Tagen fragten Sie luggi nach einem Beweis für schlingensiefs Qualmerei. Den Link zum Printartikel haben Sie nicht akzeptiert. Dann gehen Sie in die Mediathek vom ZDF, geben in die Suchmaske schlingensief ein und Sie erhalten 6 Angebote. Nehmen Sie das zweite (ZDF Aspekte vom 17.04.2009) und bei 01:40 inhaliert Schlingensief. Ist zugegebenerweise ein paar Jahre her; bevor Sie wieder kommentieren wollen.

M1xP1yne 08.09.2009 | 21:14

Eben, was ist schon gegen ein kleines bisschen Eskalation einzuwenden;- )

Mein Problem allerdings ist, und hier stimme ich mit Titta, Frau Petersen und den Herren Jäger und Dell überein, ist, das ein solcher Ton, wie er u.a. hier angeschlagen wurde, der Diskussion abträglich ist. An und für sich ist Provokation, sowie die Verwendung einer klaren, ehrlichen, manchmal auch verletztenden Sprache sicher eine gute Sachen, und einer DIskussion dienlich. Aber sobald es nicht mehr um die Diskussion an sich, sondern um die persönliche Beleidigung des Kontrahenten geht, ist irgendwas schief gelaufen. Denn dies ist der Tod jeder Diskussion und der Auftakt zu einer meist sehr langen Reihe von unnötigen Schähungen und eventuell persönlichen Feindschaften.
Deshalb verstehe ich, wenn Streifzug hart in der Sache bleiben möchte (Auch wenn Du m.E. bei manchen Sachen, z.B. alles was JA betrifft, inzwischen manchmal die Grenze überschreitest, Streizug ;- )
Allerdings gilt das Einhalten der Grenzen hier leider nur für wenige, die oben genannten explizit ausgeschlossen.
Zudem, und das ist der zweite Punkt, der mich bei vielen hier stört, können viele von denen, die hier so freudig austeilen und z.T. wie tollwütige HUnde auf Herrn Angele rumbeißen, nicht annähernd so viel einstecken können, wie sie austeilen (Gilt nicht für Dich, Streifzug, DU hast zweifelsohne Nehmerqualitäten ;- ).

Einen Schönen Abend ansonsten,

Max

P.S.

Herr Angele, ich kann Ihrem Artikel zwar nicht vollständig zustimmen, was ich hier allerdings nicht weiter erörtern möchte, aber er hat diese Art von Kommentierung nicht verdient, von den unzähligen beleidigenden Kommentaren mal ganz abgesehen. Schließen Sie und die Freitagsredaktion bitte nicht auf die gesamte Community. Das wäre nicht nur unfair, sondern würde die sowieso schon existierende Spaltung noch vertiefen.

luggi 08.09.2009 | 22:12

Ich frage mich welchen Sinn macht das ganze, was wird es sein, was da hinten bei der Ente rauskommt? Ei oder Sch.... oder was sonst?
Schlingensief provoziert die umfangreiche Diskussion; und statt wie von schlingensief erwartet sich Heerscharen von usern auf Angele stürzen und zerfleischen wollen, geht die Diskussion in eine unerwartete Richtung. So hat es schlingensief nicht erwartet; er schmollt und zieht sich in seine digitale Welt zurück. Und nur von dort verfolgt er die Diskussion im FREITAG. Fast typisch wie bei den von mir bekannten Projektionen. Anfangen und nicht bis zum Ende durchziehen. "Tötet Helmut Kohl" ja und das Ende? Sitzt er in der Strafanstalt wegen Terrorismus mit möglichen Todesfolgen? Sein Vorbild J.B. (Fettstuhl) war da anders. Baden im Wolfgangsee. Tolle Idee. Gut Antirassismusprojekt; aber was ist geblieben? Jeder schlecht bezahlte Sozialarbeiter in meinem Wohngebiet leistet mehr zum Antirassismus, langfristig.
Und auch hier wieder. Etwas anstossen, die Entwicklung passt ihm nicht, zieht sich zu seiner Sekte (sozial gesehen) zurück und verfolgt still und heimlich die Diskussion. Hat schlingensief seine Zugangsdaten vergessen, verlegt, verbasselt? Warum schweigt er seit Tagen?

merdeister 08.09.2009 | 23:22

@ Luggi

Ja, die ominöse Wolke. Keine Sorge, soweit ich weiß, hängt die Größe in der Wolk davon ab, wieviel Menschen jemandem Folgen ("Ihre Leser" in "Mein Freitag"). Sie können also beruhigt antworten, dadurch "wachse" ich nicht.

"Vor ein paar Tagen fragten Sie luggi nach einem Beweis für schlingensiefs Qualmerei. Den Link zum Printartikel haben Sie nicht akzeptiert."

Nein, das kann man so nicht sagen. Mir war das neu und für die Information bin ich dankbar, denn Fragen aufgeworfen (die z.T. von Ihnen auch gestellt werden). Eine genauere Zeitangabe interessiert mich, weil ja mit zunehmend langer Abstinenz, das Krebsrisiko sinkt. Auf die schnelle habe ich gefunden, nach 15 Jahren sei es wieder normal.

Sagen wir jetzt Sie oder Du (am 06.09.2009 um 08:10 war es noch Du)?

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harry-kovalcek 09.09.2009 | 00:37

Das allerschwıerıgste scheınt zu seın, eınfach mal zu akzeptıeren, dass es unterschıedlıche Posıtıonen, Meınungen und Gefühle zum Thema Krebs, zum Thema 'öffentlıche Bekenntnısse', und auch eınfach total unterschıedlıche Gefühlslagen gıbt.
Warum möchte hıer eıner den anderen von seıner Sıcht der Dınge überzeugen, warum legen manche so grossen Wert darauf, verstanden zu werden oder ıhre Meınung vom anderen akzeptıert und respektıert zu werden?
Waere es nıcht mal angebracht, zu akzeptıeren, dass es sowas wıe gegenseıtıge unbedıngte Akzeptanz und gegenseıtıgen grundsaetzlıchen Respekt nun mal nıcht gıbt und dass er auch nıcht eınzufordern ıst?
Er ıst nıcht eınforderbar, der Wunsch danach zwar total verstaendlıch, aber ebenso vergeblıch und jede Argumentatıon darüber sınnlos?
Es gıbt unterschıedlıche Standpunkte, Sıchtweısen, Praeferenzen, Überzeugungen und geıstıge Zustaende.Warum ıst es so schwer (auch für mıch!), zu akzeptıeren, dass sıch jemand anders ın eınem anderen geıstıgen Zustand befındet als ıch?
Warum muss ıch dann endlos auf ıhn eınreden, ıhn bearbeıten, berıchtıgen, und was noch alles?
Warum kann ıch ıhn nıcht eınfach seın lassen, wıe er gerade ıst?
Er ıst anders als ıch - und so darf er doch seın und bleıben! ODER NICHT!?

wolke 09.09.2009 | 01:16

Lieber Herr Kovalcek!
Sie haben ja so recht! Und Sie scheinen wirklich ein ganz netter und verträglicher Zeitgenosse zu sein! Ich frage mich nur, wo denn Ihr i-Tüpfelchen geblieben ist. Das konnte ich gar nicht sehen. Sehr ulkig!
Ich möchte mich nun von dieser im Ganzen doch recht wortgewalttätigen Kultur-Gemeinde verabschieden, bin halt ein sehr verhuschtes Wesen, ebenfalls ein Wundertier, das nirgendwo hineinpasst.
Adieu

Zur Erbauung für alle:

Wunder über Wunder
Joseph von Eichendorff

Du wunderst wunderlich dich über Wunder,
Verschwendest Witzespfeile, blank geschliffen.
Was du begreifst, mein Freund, ist doch nur Plunder,
Und in Begriffen nicht mit einbegriffen
Ist noch ein unermeßliches Revier,
Du selber drin das größte Wundertier.

Titta 09.09.2009 | 02:20

"Warum kann ıch ıhn nıcht eınfach seın lassen, wıe er gerade ıst?"

Ich denke, daß der, der sich selbst so sein lassen kann, wie er ist, auch leichter anderen diesen Freiraum einräumen kann. Also: sich selbst Raum geben, dann braucht man auch keinen anderen mehr in ein wohlgefälliges Muster pressen.
Klingt vielleicht schwarz auf weiß banal, ist aber die einzig funktionierende Methode. Nach meinen Erkenntnissen und Erfahrungen. Aber die sind ja nicht bindend;-)

luggi 09.09.2009 | 12:22

08.09.2009 um 13:44 Welche Sichtweise gefällt IHNEN denn? Kann beim DU bleiben, ist kürzer.

Es bleibt ein Restrisiko, wie du richtig schreibst. Auch nach 15 Jahren, weil keiner sagen kann, inwieweit das Zellgewebe der Lunge geschädigt ist. Es gibt auch eine Lungenkrebsart, deren Ursache nicht der Qualmerei zugeordnet wird.
Bei schlingensief hat mich die Behauptung gestört, dass er Nichtraucher sei und dabei die Vorgeschichte ausblendet. Hat er aufgehört weil er ahnte oder wusste, dass er Krebs hat? Er hat ja mit Gerichten usw. gedroht, wenn über seine Krankheit berichtet wird.

Dialektik. Da hilft wikipedia wenig. Auch kein googlen sondern nur hegeln, marxeln und engelsen.

Mit Gruß aus Oberbayern

luggi

viridiana 09.09.2009 | 13:10

Eigentlich wollte ich hier nicht noch den 20Xten Kommentar schreiben, aber leider lässt mich der Text von Herrn Redaktionsleiter Kultur Angele nicht los. Woher kommt die ganze Wut und Agression in seinem Artikel und warum kann er nicht selbst den Blick nach innen richten und lieber Schweigen, als blind auf alles draufschlagen was ihn gerade stört. Hat er das Schlingensief-Buch gelesen und wenn ja, waren es die Seiten 108/109 die ihn so agressiv gemacht haben?
Ich bin wirklich bestürzt in der freitag, die Zeitung, für die ich bis jetzt Werbung gemacht habe, so einen undifferenzierten unreflektierten Text zu lesen.

pkaras 09.09.2009 | 16:12

@luggi:
warum bist Du so boshaft?
Ich hab' den Text auch gelesen und fand ihn sehr spannend. Was ich daran so faszinierend finde, dass Schlingensief so offen damit umgeht, aber es ist nicht peinlich. Man könnte aufgrund Deines bösen Kommentars wirklich meinen, dass es auf dieser Welt kein Mitleid gebe, wie Lars von Trier in einem Interview über seinen neuen Film 'Antichrist' meinte.

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Ehemaliger Nutzer 09.09.2009 | 16:32

Man kann über Michael Angeles Beitrag sicher geteilter Meinung sein, und gewisse Schlenker hat er selber ja auch schon zurückgenommen. Er hat mich allerdings angeregt, die Abgänge Prominenter Revue passieren zu lassen, und ich habe tatsächlich mit Erstaunen festgestellt, dass es die stillen Abgänge sind, die in mir den tiefsten Eindruck hinterlassen haben. Als schon älterer Herr hatte ich ja eine lange Liste durchzugehen, und eingebrannt hat sich dieser umtriebige und allseits bekannte Schweizer Rock'n'Roll-Radiomoderator, der plötzlich in der Versenkung verschwand, nie mehr in den "Was macht eigentlich"-Boulevardquotenbringern auftauchte - und dessen Tod dann auch für mich völlig unerwartet in den Nachrichten vermeldet wurde. Er hatte sich in ein kleines Dorf zurückgezogen und nur noch mit engsten Freunden verkehrt. Ich denke oft an ihn, unvermittelt, in alltäglichen Situationen.
Was ich damit sagen will? Vielleicht hat dieser Hansdampf eben alles richtig gemacht. Dass einer, der noch angesichts des Todes rumkrakeelt und 'wann veröffentlichen Sie Ihre Krankenakte' postuliert, nicht nur auf Sympathie oder Zustimmung stösst, damit sollte dieser doch bitte umgehen können und nicht gleich den minimalsten Anstand vergessen - wäre Schlingensief nicht todkrank, wäre sein Kommentar nämlich wohl als trollig gelöscht worden, und das ist doch irgendwie schon schräg.

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rainer-kuehn 09.09.2009 | 22:56

Also, ich möchte jetzt nichts mehr hören, selbst, wenn es vernünftig wäre. In der falschen Welt hat man es irgendwann einmal satt. Weil gegen Dummheit Argumente nicht helfen. Denn Dummheit ist systemisch bedingt, und da bräuchte es der versäumten Revolution.
Und bitte jetzt, keinen Kommentar auf meine Diktatur!

amazone 09.09.2009 | 23:01

amazone

noch eine verlautbarung von der betroffenenfront, hinterste reihe, zweite von links. öffentlich schweigend, in foren herumstreichend, fast immer nur lesend, fasziniert mich dieses heftige, gischtige, giftige aufschäumen über dem tiefen dunklen grund. lieber als das anonyme schreiben habe ich aber den unmittelbaren dialogischen austausch über krebs, tod, sterben, heil werden. Eine schweigerin muss keine ver-schweigerin sein.
„wer seine wunde zeigt, wird geheilt“ meint doch gar nicht „wird gesund“. ich möchte nicht sterben. aber ich möchte heil sterben. Oh herr, gib jedem seinen eigenen tod. was heil sein für mich heißt, höre ich eher in der stille. Schon acht jahre lang. Manchmal bin ich gesund und heil, manchmal nur heil, manchmal unheil oder so. Was mein tumor mir zu sagen hatte, geht nur mich an und die, die ich erwähle. Es war schwer, ihn zum sprechen zu bringen. christoph schlingensief zitiert in seinem buch einmal seine freundin, jetzt ehefrau, glückwunsch, ob er nicht einfach mal das maul halten kann. er will aber meistens nicht. auch gut. Ganz seine sache, vollständig. Es wird mir manchmal ganz wehe, lese ich seine schreie und das ganze buch zittert von seinem gestrampel. Dann fühle ich tief mütterlich. Dann würde ihn gerne in einen weiten mantel hüllen, wiegen, tragen, singen für ihn.
trete ich als betroffene, als kranke in die öffentlichkeit, brauche ich ärzte, pflege, operation, reha, medizin oder so etwas, dann verlange ich: nur als mensch wahrgenommen zu werden. einen berühmten arzt habe ich als operateur abgelehnt, weil er mich so nicht wahrgenommen hat, sondern über meine profession (medien- da könnte ich ja was gutes für seine klinik, seine methode und so..) wenn ein betroffener kunst macht oder sonstwie seine prominenz mit einsetzt, riskiert er, meine ich sehr viel in einer zeit, in der er -wiederholung- den anspruch hat, als mensch angenommen und nicht nach seiner rolle taxiert zu werden. die reaktionen sind unvermeidlich (und halt wie sie sind in ihrer vielfalt) aber sicher auch für eine rampensau schwer zu verdauen und zu beatmen. salut an alle

tetenal 09.09.2009 | 23:32

Es gibt hier eine Bloggerin Magda die hat in ihrer Beschreibung stehen "Ich würde mich auch gerne mal prügeln". Ja. Wenn mir der Herr Michel Angele gegenüberstehen würde, würde ich mich gerne mit ihm prügeln. Der Text hier von ihm ist so eine erbärmliche selbstgefällige und auch herablassende Sache das mir ganz schlecht wird. "Vielleicht hat es auch mit Auschwitz zu tun. ... Da schlägt bei jemandem, der immer schon gerne geschrieben hat und über eine gewisse exhibitionistische Neigung verfügt, das Schicksal zu." "Wenn die eigene Krankheit schon öffentlich gemacht werden muss, dann bitte mit dem Anspruch, es nicht unter dem Rang von Kunst zu machen"
Es geht ums Sterben Du blöder A. und da hast Du gar niemanden was vorzuschreiben wie er sich äußern soll und darf, wer bist Du denn??? Nur ein aus der Ferne genüßlich zuglotzendes Ferkel, der ein bissel mit schön großen Floskeln wie Auschwitz und sowas hantiert. Der Beitrag und der Ton von Herrn Schliengensief könnt von mir aus doppelt so lang sein!

tetenal 10.09.2009 | 00:15

"Für mich gibt es da einen klaren Unterschied, auch in der Art und Weise wie man zu diesem Thema sprechen und schreiben kann. Wer nicht verletzt ist, nicht krank, nicht leidend, der muss sich bei diesem Thema was gefallen lassen, und er muss sich etwas Kunstfertiges einfallen lassen, wenn er nicht platt und unwürdig daher kommen will, mit einer leisen Kritik, nicht umgekehrt."

Das ist der beste Beitrag hier, Herr Leusch, vieln Dank dafür.

Mir kommen viele Diskussionsbeiträge hier unwirklich und manchmal extrem arrogant vor. In anderen Fällen sag ich mir, ich hab nicht studiert, und kann nicht mitreden, aber ich muss bei diesem Thema garantiert nicht erst ins Bücherregal greifen, um bei Sennett nachzuschlagen und Gernhardt interpretiern und und.... Dann sagt da jemand, der Autor Angele muss ja nicht Krebs gehabt haben um die Ängste durchzuleben. Ja, das ist so wie wenn man bei uns sagt "ich weiß genau was Hunger ist". Wenn das das Ergebnis von der ganzen Bildung ist, also das nahe liegende, das ernste, das leiden nicht mehr direkt verstehen zu können, dann ist was ganz andres krank in unserer Gesellschaft.

viridiana 10.09.2009 | 01:45

Herr Kühn, es geht mir darum, dass vor dem Schreiben, vor allem wenn es sich um einen verbalen Rundumschlag handelt, das Reflektieren über die eigenen Beweggründe einsetzen sollte, dagegen hätten Hegel, Marx und Adorno bestimmt nichts einzuwenden, oder? Aber vielleicht können Sie mir den Zusammenhang zwischen Auschwitz, Krebs und Charlotte Roche stimmig erklären. Ich bin gespannt.

kay.kloetzer 10.09.2009 | 04:15

@tenetal
Jetzt platzt mir aber doch der Kragen. Bisher habe ich mich hier nicht eingemischt, weil ich selbst ein Problem habe, mit Krankheiten wie Krebs umzugehen. Mir hat Leinemanns SPIEGEL-Text nicht behagt (was er gewiss auch nicht sollte) und Angeles Kommentar ebenso wenig (was er nicht muss). Aber das ist vor allem mein Problem. Journalisten oder Autoren für ihre Meinung zu prügeln hat in Deutschland gar keine gute Tradition. Das Beste was sich dazu sagen lässt: Der Text hat offenbar bei vielen an Urängsten gerührt, hat Erfahrungen hochgeholt und Emotionen. Angele darf ebenso seine Meinung sagen wie Schlingensief, die Reaktionen hier zeigen eigentlich, dass die Bücher von Leinemann, Schlingensief oder auch Dietz (Der Tod meiner Mutter) genauso wichtig sind wie die individuelle Ablehnung dieser Literatur. Beides ist Bekenntnis zum Leben, und das eint doch, bei allen Zweifeln oder Niederlagen, Im Trotz. Dieser sollte sich nicht dieserart gegen Menschen richten. Er sollte den Kopf hoch halten. Über allem Schlamassel.
kk

oranier 10.09.2009 | 04:15

"Meistenteils uneingeschränkt zustimmen kann ich nur Angele, Titta, luggi, marsborn" - das geht mir manchmal auch immer so. Und bei der Gelegenheit, liebe Titta, umgekehrt auch mal von meiner Seite: Solches möchte ich von dir gerne mehr lesen. Und das bezieht sich keineswegs auf das Pro oder Contra angele oder Schlingensief, auch wenn ich mit Autoren wie diesem nicht viel anzufangen weiß. Ich schätze Literaten wie Schiller oder Heine, die wegen ihrer Provokationen von der Reaktion ins Ausland getrieben wurden und also einen hohen Preis dafür zahlen mussten, nicht solche, die hohe Preise dafür erhalten und erzielen. Nein, das bezieht sich auf die erkennbare Beherzigung des Postulats von Rainer, "man sollte mehr lesen, vor allen Dingen das, zu dem man etwas sagen/schreiben möchte. Und nach dem Lesen sollte das Gelesene verstanden sein, eh(e) man eine Meinung dazu schreibt."

Die Frage "Hat nicht jeder ein Recht auf Blödsinn?" zielt im Kontext dieser "Diskussion" haarscharf daneben. Tatsächlich geht es eher um die Frage, ob und in welcher Weise man das Recht habe, vermeintlichen Blödsinn als Blödsinn zu benennen und zu kritisieren. Für die Form, in der das hier geschieht, ist "knallharte, ungeschminkte Sprache" allerdings der reinste Euphemismus. Sie spottet, wie von einigen hier moniert, der primitivsten Regeln eines gesitteten Umgangs miteinander. Da kann ich die Redaktion und Moderation nur kopfschüttelnd fragen: Wie kommt ihr eigentlich dazu, dass ihr, statt persönliche Beleidigungen bedingungslos zu löschen, die entsprechenden Kommentatoren zu verwarnen und im Wiederholungsfall zu sperren, hier mit butterweichen "Netiquette"-Appellen daherkommt und gar mit entsprechenden Straftäterinnen darüber räsoniert, ob ihr euch sowas gefallen zu lassen hättet oder nicht. Wenn ihr schon kein Gespür dafür habt, wie unwürdig ihr euch da verhaltet, dann nehmt wenigstens die gebotene Rücksicht auf eure seriösen Leser. Ich möchte so etwas jedenfalls nicht zugemutet bekommen. Der Hinweis auf die verbreiteten Unsitten im Netz sollte hier kein Anlass zur Resignation sein, sondern im Gegenteil dafür, Sorge zu tragen, dass nicht auch hier ein Gesindel sich breit macht, das, unfähig zu einem produktiven Diskurs, bloß sein Mütchen durch das Ablassen von Verbalinjurien kühlen will.

Eine Redaktion von einigem Charakter hätte das Posting von Schlingensief in die Moderationsschleife getan und diesem mitgeteilt: Bevor wir deine Antwort hier veröffentlichen, drück' dich gefälligst ein bisschen gewählter aus, du Scheißkerl!

Unterhalb dieser Schwelle von Untzumutbarkeiten folgende Überlegungen zum erhitzten Charakter der Debatte: Ich habe mich in einem anderen Blog aktiv an einer Auseinandersetzung über Til Jens' Buch über den geistigen Verfall seines Vaters Walter Jens beteiligt und dort ähnliche Fronten unduldsamer Kommentatoren erlebt. Die Ähnlichkeiten des Gegenstandes führt mich zu dem Gedanken, dass man das Sprichwort über die Toten, über die man nicht schlecht reden soll, vielleicht auf die Kranken ausweiten müsste: "De morbidis nil nisi bene!" Will sagen, auch bei Kranken und erst recht bei Todgeweihten wird offenbar ein Tabu berührt, wenn man mit ihnen so (kritisch) umgeht, als wären sie es nicht. Dass Angele so verfahren ist, hat wohl einige auf den Plan gerufen und völlig die Contenance und Übersicht verlieren lassen, indem sie z.B. nicht in Schlingensiefs, sondern in Angeles Beitrag "Wut und Aggression" ausmachen.

Wenn dies zutrifft, hat Angele wohl eine Chance vertan, indem er überhaupt auf reale todkranke Personen abhebt, statt davon abzuheben und allgemein-abstrakt die Frage der Bedeutung von solcherart "Bekenntnisliteratur" (ein verfehlter Ausdruck, wie ich zudem meine) für unsere kulturelle Situation zu erörtern. Hinterher ist man vielleicht schlauer.

kay.kloetzer 10.09.2009 | 04:17

@tenetal
Jetzt platzt mir aber doch der Kragen. Bisher habe ich mich hier nicht eingemischt, weil ich selbst ein Problem habe, mit Krankheiten wie Krebs umzugehen. Mir hat Leinemanns SPIEGEL-Text nicht behagt (was er gewiss auch nicht sollte) und Angeles Kommentar ebenso wenig (was er nicht muss). Aber das ist vor allem mein Problem. Journalisten oder Autoren für ihre Meinung zu prügeln hat in Deutschland gar keine gute Tradition. Das Beste was sich dazu sagen lässt: Der Text hat offenbar bei vielen an Urängsten gerührt, hat Erfahrungen hochgeholt und Emotionen. Angele darf ebenso seine Meinung sagen wie Schlingensief, die Reaktionen hier zeigen eigentlich, dass die Bücher von Leinemann, Schlingensief oder auch Dietz (Der Tod meiner Mutter) genauso wichtig sind wie die individuelle Ablehnung dieser Literatur. Beides ist Bekenntnis zum Leben, und das eint doch, bei allen Zweifeln oder Niederlagen, Im Trotz. Dieser sollte sich nicht dieserart gegen Menschen richten. Er sollte den Kopf hoch halten. Über allen Schlamassel.
kk

Titta 10.09.2009 | 21:15

@kk

"Das Beste was sich dazu sagen lässt: Der Text hat offenbar bei vielen an Urängsten gerührt, hat Erfahrungen hochgeholt und Emotionen."

Damit hast du, denke ich, einen ganz wichtigen Faktor angesprochen. Der Text von Angele fungiert vor allem wohl als Projektionsfläche. Und was auf dieser Projektionsfläche erscheint, dafür wird dann der Verfasser des Artikels verantwortlich gemacht. Und der, der projiziert, hat damit das Projizierte gut von sich abgespalten und einem anderen einverleibt. Psychologisch durchaus verständlich. Im menschlichen Miteinander fragwürdig bis grenzwertig.

Michael Angele 10.09.2009 | 22:37

Liebe titta, lieber kk, lieber oranier,

danke für die klarstellenden Worte, danke gerade auch denen, die nicht meiner Meinung sind.
Ich meine, es gibt angenehmeres als zu erfahren, dass irgendwo da draussen jemand ist, der einem verprügeln will (respektive sich mit einem prügeln). Ein Hüne vielleicht sogar, wer weiß es :)

Beiträge wie die von "tenetal" würden wohl wonanders gelöscht, wir haben eine sehr liberale Veröffentlichungspolitik und fahren damit eigentlich gut. Und auch in dieser Debatte hier hat mich dann doch erstaunt, wie viele letzten Endes die Grenzen des guten Geschmacks eben nicht verlassen haben. Es gibt auf anderen Websites andere Beispiele.
Aber lassen wir es nun gut sein.

Michael Angele 10.09.2009 | 22:37

Liebe titta, lieber kk, lieber oranier,

danke für die klarstellenden Worte, danke gerade auch denen, die nicht meiner Meinung sind.
Ich meine, es gibt angenehmeres als zu erfahren, dass irgendwo da draussen jemand ist, der einem verprügeln will (respektive sich mit einem prügeln). Ein Hüne vielleicht sogar, wer weiß es :)

Beiträge wie die von "tetenal" würden wohl wonanders gelöscht, wir haben eine sehr liberale Veröffentlichungspolitik und fahren damit eigentlich gut. Und auch in dieser Debatte hier hat mich dann doch erstaunt, wie viele letzten Endes die Grenzen des guten Geschmacks eben nicht verlassen haben. Es gibt auf anderen Websites andere Beispiele.
Aber lassen wir es nun gut sein.

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chrisamar 13.09.2009 | 12:28

Lieber Christoph,
Deine Haltung und Dein Umgang mit dem Leben dem Sterben finde ich großartig. Du bist ein Vorbild für uns alle.
Du bist auch der Beweis, dass Krebskranke Menschen sehr wohl arbeiten können und großartiges leisten. Das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit ist das Thema in der Kunst und im Leben.
Und dieser Herausforderung bist Du gewachsen.

Scheiss Metastasen. „Ach Mann, ist das eine Kacke, so eine unendliche Kacke“,

Nur die Liebe läßt uns Dinge ertragen, die gar nicht zu ertragen sind.

Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit und viele Grüße an Dich und Deine Frau

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chrisamar 15.09.2009 | 11:16

@ Luggi
Krebs ist ein Sammelbegriff für verschiedene Formen von bösartige Erkrankungen.
Es gibt Impfungen gegen Lungen-, Gebährmutterhals-/Penis- und gegen Leberkrebs.
Impfungen sind möglich, weil als Verursacher der o.g. Krankheiten, Viren verantwortlich gemacht werden.Es ist anzunehmen, dass es in einem absehbarem Zeitraum auch Impfungen gegen Brustkrebs geben wird. Kann Krebs "vererbt" werden? oder nur die "Disposition" einer evtl. Krebserkrankung? Es ist auch anzunehmen, dass Viren sich auch auf eigene Kinder übertragen.

Die traditionelle Form des Heizens z.B. in Tibet, verursacht eine Verrussung der Lungen. Durch "chanten" reinigen die Menschen dort ihre Lungen. Eine Technik, welche hier fast völlig unbekannt ist. Warum nur?

Der Tabak ist in den vergangenen Jahrzehnten agressiver geworden. Die Ursache dafür liegt bei den Tabakproduzierenden Ländern. Dort gibt es eine Raupe, welche gegen jedes Schädlingsmittelprodukt ( Gift ) resistent geworden ist. Um die Tapakpflanzen vor dieser Raupe / Schädling zu schützen, werden die Tabakblätter radioaktiv bestrahlt. Das erklärt auch die Zunahme von Krebserkrankungen im Mund und Rachenbereich. Wenn man denn Erklärungen sucht.

Vermutlich würden wir alle irgendwann eine Krebserkrankung kriegen, wenn jeder einzelne alt genug für diese Krankheit werden könnte.
Krebs ist ein Selbstzerstörungsprogramm unseres Körpers. Es sorgt auf natürliche Weise dafür, dass die Alten und die Schwachen Platz machen für neue Generationen.
Die Natur ist grausam. Um es mit Dieter Bohlens Worten zu sagen: "Das Leben ist kein Ponyhof."
Che Guevara war Asthmatiker. Er war Raucher. Er wurde erschossen.
Das Leben ist kurz. Und Sterben gehört nun mal dazu.

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chrisamar 28.09.2009 | 13:27

@ Mehrdeister

Danke für Interesse. Hier einige Links:
"Tumorerkrankungen aus Sicht der tibetischen Medizin 1 v 6" www.youtube.com/watch?v=fgGE7TSdS_I=related

"Tibetan Chant": www.youtube.com/watch?v=_vkaVksYxMs=related

Mehr Infos gibt es bei Ihrem TCM-Doktor um die Ecke.

Leberkrebsimpfung: de.wikipedia.org/wiki/Hepatitis_B
oder bei Ihrem Hausarzt um die Ecke.
Das gilt natürlich auch für die Impfung gegen Lungenkrebs.

Allen Lesern wünsche ich Gesundheit, Glück und ein langes Leben!

Tata 05.10.2009 | 03:31

Ich finde, man kann über den Aspekt des Mutes schon diskutieren. Krebs ist in erster Linie ein sehr, sehr schwerer Schicksalsschlag. Eine schuldlose Erkrankung, die zu Recht Mitleid und Entsetzen hervorruft. Wirklichen Mut erfordert ein Bericht über die eigene Aidserkrankung (weil leider noch moralisch bewertet) oder den Psychatrieaufenthalt - da sind die Leute nämlich höchst peinlich berührt, wen das jemanden im eigenen Freundeskreis betrifft.
Natürlich soll sich jeder Künstler öffentlich äußern dürfen, wie er will. Aber diese Verschiebung des öffentlichen Raums zum Privaten hat halt auch zur Folge, dass plötzlich alles privat sein muss. Man sieht es in den USA, wo Politik machen die eigene Familie vermarkten bedeutet. Ein tragisches Beispiel ist für mich Michael Jackson, dem man sein Bestehen auf einer gewissen Privatsphäre zur Last legte und alles Mögliche andichtete. Die öffentliche Person, die heute ihr Privatleben nicht offensiv thematisiert, hat de facto ein Problem.

Tata 05.10.2009 | 03:33

Ich finde, man kann über den Aspekt des Mutes schon diskutieren. Krebs ist in erster Linie ein sehr, sehr schwerer Schicksalsschlag. Eine schuldlose Erkrankung, die zu Recht Mitleid und Entsetzen hervorruft. Wirklichen Mut erfordert ein Bericht über die eigene Aidserkrankung (weil leider noch moralisch bewertet) oder den Psychatrieaufenthalt - da sind die Leute nämlich höchst peinlich berührt, wen das jemanden im eigenen Freundeskreis betrifft.
Natürlich soll sich jeder Künstler öffentlich äußern dürfen, wie er will. Aber diese Verschiebung des öffentlichen Raums zum Privaten hat halt auch zur Folge, dass plötzlich alles privat sein muss. Man sieht es in den USA, wo Politik machen die eigene Familie vermarkten bedeutet. Ein tragisches Beispiel ist für mich Michael Jackson, dem man sein Bestehen auf einer gewissen Privatsphäre zur Last legte und alles Mögliche andichtete. Die öffentliche Person, die heute ihr Privatleben nicht offensiv thematisiert, hat de facto ein Problem.
Der Artikel war zwar provokant, benennt aber ein wichtiges Thema. Die Reaktion von Herrn Schlingensief fand ich zu scharf. Ich wünsche ihm aber natürlich alles Gute.

Tata 05.10.2009 | 03:45

Ich finde, man kann über den Aspekt des Mutes schon diskutieren. Krebs ist in erster Linie ein sehr, sehr schwerer Schicksalsschlag. Eine schuldlose Erkrankung, die zu Recht Mitleid und Entsetzen hervorruft. Wirklichen Mut hingegen erfordert ein Bericht über die eigene Aidserkrankung (weil leider noch moralisch bewertet) oder den Psychatrieaufenthalt - da sind die Leute nämlich höchst peinlich berührt, wenn das jemanden im eigenen Freundeskreis betrifft.
Natürlich soll sich jeder Künstler öffentlich äußern dürfen, wie er will. Aber diese Verschiebung des öffentlichen Raums zum Privaten hat halt auch zur Folge, dass plötzlich alles privat sein muss. Man sieht es in den USA, wo Politik machen die eigene Familie vermarkten bedeutet. Die öffentliche Person, die heute ihr Privatleben nicht offensiv thematisiert, hat de facto ein Problem, wie für mich das tragische Beispiel von Michael Jackson belegt.

keiner 31.01.2010 | 23:55

Bei der ZEIT gibt es gerade einen Artikel über die verschiedensten Heilkräuter, interessanter Weise als Brief an C. Schlingensief verfasst. In den Kommentaren findet sich auch ein link hierhin, und mein Kommentar dort hat wohl genausoviel mit dem Artikel hier wie dem dort zu tun (knüpft auch in gewisser Weise an Chrisamars Kommentar am Ende an):

Heilpilze

Ich finde ja. dass die ziemlich ausser Acht gelassen werden, und da mich Pilze besonders interessieren, wiegt dieses Manko subjektiv umso schwerer.

Ein link dazu:

www.cysticus.de/heilpilze.htm

Die in der zweiten Reihe gibt es hierzulande, und es sind faszinierende Kreaturen: Der eine zerfliesst bald zu Tinte (wer sich die daraus herstellen will: Nelkenöl zur Konservierung dazu geben, das Resultat ist dokumentenecht) und ist meiner Meinung nach wohlschmeckender als Steinpilz oder Champignon, der andere, die Schmetterlingstramete, schillert in allen Farben.

Nomen est omen: Dieser Effekt entsteht auf die gleiche Art und Weise wie die Farben der Schmetterlingsflügel prismatisch, völlig ohne Pigmente. Zerkleinert werden aus diesem Baumpilz weisse Fasern, deren Geschmack an Löschpapier erinnert, der Pilz ist sozusagen eine Papierfabrik.

Noch schöner sind eigentlich nur die Wanderungen, auf denen man solche Pilze entdecken kann.

Pilze, das sei hinzugefügt, können zwar vielleicht heilen, viel berühmter ist aber ihre Fähigkeit, einen ziemlich unmittelbar ins Jenseits befördern zu können - daher auch noch dieser link:

www.dgfm-ev.de/index.php?id=giftpilze

Und trinken Sie zu Schopftintlingen nie Alkohol! Zwar schadet es nichts, wenn Sie den richtigen erwischt haben, bei einer Verwechslung aber soll der Effekt Clockwork-Orange-mässig (mindestens!) sein...

Eine Unternehmung auf Leben und Tod also, so eine Pilzwanderung. Bungeejumping oder auch Messner für Leute wie mich, mit schwachen Nerven und ebensolcher Konstitution.

Ob es diese Gefährlichkeit ist, die so ungefähr jeden aus der Bekanntschaft, dem ich meine Trameten schon andrehen wollte - angeblich machen die z.B. auch Chemotherapien erträglicher und können vielleicht auch gegen Tumore wirken- lieber sicher sterben, als auch nur eine Tasse Tee dieses Teufelszeugs zu sich zu nehmen lässt?

Mir fällt, und dies nicht nur, seitdem ich gerade dem link zum Freitag gefolgt bin, vor allem eins auf: Sehr viele, die sich mit der Diagnose Krebs konfrontiert sehen, scheinen mit einem 'Jetzt erst Recht' zu reagieren. Trotz. Swayze dreht weiter. Der Zahnarzt beim abendlichen Schwimmen im Freibad: Kurze Pause, ab dann 2000 Meter statt der bisherigen 1000. Das hat er noch ein halbes Jahr geschafft.

Leinemann schreibt weiter, Schlingensief auch. In dem thread, den Sie, DvW, da verlinkt haben, sind alle ziemlich ausser sich, und meiner Erfahrung nach ist das kein Wunder, wenn es ums Sterben geht. Vor über dreissig Jahren habe ich meinen Zivildienst in einem Altenheim angetreten, und wenn ich mich an die Menschen, die ich da kennengelernt habe, erinnere - oft geschieht dies, wenn mir morgens die Träume der vergangenen Nacht wieder einfallen -, finde ich, Schlingensief sollte noch lauter schreien, vielleicht, dass mal jemand wenigstens daran denkt, wie zigtausenden in irgendwelchen Heimen z.B. das Fleisch bei lebendigem Leib wegfault - das ist oft die Folge von Immobilität im Alter, meistens nach einem Oberschenkelhalsbruch, aber auch, Herr Miesfelder!, wenn beispielsweise kranke Hüftgelenke nicht durch künstliche ersetzt werden und die Sparmassnahmen im Gesundheitswesen dazu führen, dass niemand die Leute oft genug drehen kann...

Oder die ohnmächtige, geschrieene Verzweiflung, wenn jemand sein Leben für misslungen hielt und einsehen musste, dass die Zeit zum Rechten abgelaufen war.*

Angele, der Autor des beim Freitag erschienen Artikels, hat dort auch noch Auschwitz angesprochen und findet das inzwischen selbst missglückt.

Ich habe vor ein paar Tagen einen alten Film aus dem Jahr 1933 angesehen, eine junge jüdische Mutter mit ihren beiden kleinen Kindern, fröhlich spielend. Alle haben überlebt, aus dem Transport ins Vernichtungslager gab's im letzten Moment ein Entrinnen, die Kinder sind jetzt um die 80.

Und nichts ist in Ordnung. Natürlich, ein kultiviertes Leben geführt, anerkannt usw. - im Filmschnipsel kann ich erkennen, wie es hätte sein können. Die Hoffnungen, eine Zukunft vor sich. Modern sein, einander zugetan.

Wer weiss, was Angele da gemeint hat. Vielleicht, ohne es sich bewusst zu machen, diese Gleichgültigkeit des Wegblickens. Sterben ist Privatsache, hat es zu sein. Und erst Recht gilt das in unserem öffentlichen Bewusstsein für die ermordeten Juden, sie fehlen uns höchstens als Sündenböcke. Aber auch da, die 'Debatten' zum Islam und was Muslime hierzulande dürfen und als Gesinnung zu äussern haben zeigen es deutlich, haben wir 'Ersatz' gefunden.

Mich freut der hier kommentierte Artikel, oder auch der hier:

community.zeit.de/user/existenzgeld/beitrag/2010/01/31/katzenschnurren-gegen-osteoporose

Menschen können sich gegenseitig helfen. Meine Pilzchen, die Heilkräuter hier, oder auch nur jemandem die Hand halten. Oder beten: Ich bin ja nun gar nicht religiös, aber wenn Sie einmal erlebt haben, wie es eine Sterbende beruhigen kann, wenn Sie das Vater unser mit ihr beten, werden Sie Religion - und das gilt nicht nur für die christliche - nicht mehr verachten können.

*Zwei habe ich gekannt, denen das Sterben leicht fiel. Die eine, seit Jahren bettlägrig, nicht oft bei klarem Verstand, aber von unglaublicher Vitalität, fragte mich eines Tages: "Sagen Sie mal, Schwester, ich bin am 5.3.1893 (Datum geändert) geboren, wie alt bin ich dann heute?" Ohne mich auf Diskussionen über mein Geschlecht einzulassen, habe ich ihr das ausgerechnet, woraufhin sie die Hände zusammenschlug und sagte: "Dann bin ich ja eine uralte Frau!"

Einige Wochen später entschied sie, ihre Mahlzeiten nicht mehr anzurühren und betete von morgens bis abends den Rosenkranz. Nach einer Woche war sie, ganz ohne Kampf, tot.

Die zweite, ein immer fröhliches Mondgesicht, lag seit über zehn Jahren im Bett und sagte, im gleichen Ton wie sonst auch immer, morgens um sechs Uhr beim Waschen zu der Pflegerin: "Und heute abend bin ich tot!". Der Arzt kam am späten Vormittag - Zustand normal, keine Veränderung! -, fast den ganzen Tag hielt sich unter dem einen oder anderen Vorwand eigentlich immer jemand in ihrem Zimmer auf - was sie zu amüsieren schien. Nur während der Vorbereitungen zum Abendessen und dessen Verteilung war sie einen Moment alleine.

Den nahm sie wahr, um zu sterben. Wie, weiss keiner, noch nicht mal die Luft angehalten kann sie haben. Schlicht aufgehört zu leben.

bkhdk 22.08.2010 | 10:05

im Nachhinein, nach Ihrem Tod (ich möchte meinen Kommentar persönlich an Sie richten, auch wenn es für Sie schwer werden dürfte ihn zu lesen) muss ich Ihnen recht geben. Warum regen sich die anderen über Ihre persönlichen Angriffe auf? Es ist doch sinnlos. Sie sind tot, die anderen leben. Aus Ihrer Perspektive darf man ruhig mal beleidigen. Was solls? Wer einen Artikel über den Exhibitionismus von Krebskranken schreibt, die vielleicht anderen Leuten helfen wollen, mit ihren Artikeln oder Büchern, der ist schon ein merkwürdiger Zeitgenosse, besonders wenn er mit Auschwitz anfängt. Denn ein todkranker/toter hat nichts mehr von dem Geld, dass er mit diesen Artikeln verdient. Wir halbwegs gesunden, bzw. noch lebenden sind es doch die, die ohne innehalten von einem hedonistischen Ereignis ins nächste eilen. Dazu zählt auch ein gutes Buch zu lesen. Es geht nur um Sinneseindrücke, den Sinn des Lebens werden wir damit auch nicht entdecken, wenn es ihn denn gibt. Ihr Leben hatte in unserer beschränkten Welt sicher einen Sinn. Ich finde ihr Kommentar und die Tatsache, dass sie ihn so einfach trotz ihres gesellschaftlichen Stellenwertes hier mal druntergestzt haben sprechen für Sie. Wie soll man reagieren, wenn man todkrank ist und dann so etwas lesen muss. Dieser Artikel ist eine Aufforderung die Klappe zu halten, aber Krankheiten darf man nicht tabuisieren (harmlose schon, die gehen keinen was an). Die geschriebenen Bücher sind doch kein Selbstzweck, keine Bücher über einen Massnemörder in englischen Vorgärten und eine toughe Kommissarin, womit wir Gesunden unsere Zeit verplempern. Für einen Todkranken, besonders wenn er in der Öffentlichkeit steht, stellt sich doch die Frage, was bleibt vom Leben? Ich muss Ihnen, Herr Schlingensief zu 99% recht geben, ob die Verbalinjurien sein müssen, das sei mal dahingestellt, aber auf der anderen Seite kann es Ihnen auch herzlich egal sein, zumindest in Ihrer aktuellen Situation.