Wie ich die Finanzkrise bewältigte

Kulturkommentar Was tun, wenn einen die Umstände zwingen, sich zu Dingen zu äußern, von denen man wenig Ahnung hat? Ein Feuilletonbericht

Dunkle Mächte zwingen mich, ­einen Artikel über die Finanzkrise zu verfassen, und weil ich mich in Fragen der Ökonomie wenig kompetent fühle, bleibt mir nichts ­anderes ­übrig, als zu schauen, wie die Kollegen diese Aufgabe meistern. Zu meiner Beruhigung sind ja kaum ausgebildete Nationalökonomen und ­Betriebswirte unter ihnen, viele haben (wie ich) Literatur studiert, und trotzdem ­schaffen sie es, interessant über die ­Finanzkrise zu schreiben. Thomas Steinfeld von der SZ zum Beispiel. Wer gibt dem Feind ein Gesicht. Die Finanzkrise, die Staatsschulden und das Aufbegehren der Jugend lautet sein Basistext. Wie diese Dinge zusammenhängen, habe ich schon wieder vergessen, mir aber einen Kernsatz gemerkt. Er lautet: Die „ökonomischen Gewissheiten“ seien dahin, perdu.

Was die Menschen das Fürchten lehrt, wirkt auf mich durchaus beruhigend: Wäre es nicht Frevel, zu tief in eine Materie einzutauchen, auf deren Grund ja nur die falschen Gewissheiten liegen? Wie die Idee vom „ökonomischen Gleich­gewicht“. War lange dominant, gilt aber nicht mehr. Sagt Werner Plumpe. Sagt Steinfeld. Werde bald auch ich sagen. Mir ist intuitiv klar, dass das Ende der Gleichgewichtsidee allergrößte Konsequenzen hat, die bis ins Detail sich auswirkt: „Ist eine Staatsverschuldung von 80 Prozent des Bruttoinlands­produktes noch erträglich? Oder ­beginnt das Ungemach bei 90 oder gar erst 100 Prozent? Werden Finanz­märkte ernsthaft gegen Italien spekulieren? Und wie wäre der Widerspruch aufzulösen, den die internationalen Kreditgeber gegenwärtig dem griechischen Staat aufzwingen: radikal die Ausgaben zu reduzieren und gleich­zeitig eine wettbewerbsfähige Industrie aufzubauen?“ – keine dieser Fragen, sagt Steinfeld, lasse sich „am Ende mit Argumenten beantworten“.

Beobachtungskompetenz

Uff! Darauf lässt sich bauen, auch wenn ich kurz zweifle, ob es nicht doch vielleicht ein paar Argumente ... aber das ist jetzt nicht zielführend. Vielmehr muss eine Sprache gefunden werden, in der ich selbst, pardon, gewinnbringend über das „Ende der Gewissheiten“ schreiben kann. Nach einem kleinen Umweg über das Feuilleton der Zeit, in dem Jens Jessen klarstellt, wie uns die „Wirtschaftsprofessoren und Wirtschaftsjournalisten“ die längste Zeit „eingehämmert“ haben, „dass es nur einen letzten Wert gebe: den des Profits“ („Diese Schweine!“, höre ich mich flüstern), lande ich bei der FR: Sicher ist nur die Ungewissheit, lautet ein Artikel von Dirk Baecker, einem Systemtheoretiker, und gegen einen solchen ist in Sachen Beobachtungskompetenz kein Kraut gewachsen.

Den Artikel brauche ich dann nur noch zu überfliegen: Ordnung und ­Unordnung sind zwei Seiten einer Medaille, da können sich die Finanzmarktakteure noch so anstrengen, was willst du tun, wenn selbst der einfachste Kredit im Umfeld hoher Komplexität abgeschlossen wird, Komplexität aber „die Unabhängigkeit aufeinander nicht reduzierbarer, aber aufeinander an­gewiesener Variablen ist“ (so nennen es die Mathematiker), gell, Finanzmarkt, da schaust du aus der Wäsche. Jetzt muss ich nur noch das Buch von Joseph Vogl zu Ende lesen, Gespenst des Kapitals, da steht Ähnliches drin, nur noch schöner, noch zwingender ­formuliert, und dann, Freunde, kriegt ihr einen Artikel zur Finanzkrise, der sich gewaschen hat. Denn so viel ist klar: Unschärfen und Inkompetenzen liegen nicht auf der Seite von uns ­Beobachtern, das Finanzsystem selbst produziert sie. Und zwar systematisch. Der Beweis? Die Krise natürlich.


16:10 15.09.2011
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