Wie idealistisch sind die Krautreporter?

Medien Krautreporter.de will den Online-Journalismus erneuern und dadurch den großen Konzernen entreißen. Entsteht da eine „taz 2.0“?
Michael Angele | Ausgabe 21/2014 176
Wie idealistisch sind die Krautreporter?
Collage: der Freitag

Der Online-Journalismus ist kaputt“, heißt es auf Krautreporter.de und mit großen Worten geht es weiter: „Weil vielen Medien Klicks wichtiger sind als Geschichten. Weil niemand mehr den Überblick behalten kann, wenn die Welt nur noch in Eilmeldungen erklärt wird. Weil Werbung nervt, die umständlich weggeklickt werden muss. Weil sich auch in seriösen Online-Medien der Boulevard ausbreitet.“

Der Oberflächlichkeit und dem Tempo des Tickers halten die Krautreporter Tiefe und Entschleunigung entgegen, gegen das gierige Narrativ der Eilmeldungen setzen sie auf die „gute Geschichte“, von der wenig klar wird, aber doch so viel, dass sie „Zeit“ braucht – ein wenig fühlt man sich an eine legendäre TV-Werbung von Jack Daniels erinnert. Verspochen werden „Geschichten, die erzählt werden müssen, aber heute nicht erzählt werden“, so der Chefredakteur der Krautreporter, Alexander von Streit, in einem der Einspieler auf der Webseite.

Mal abgesehen davon, dass einem das grassierende Gerede von „den Geschichten“ im Journalismus ziemlich auf die Nerven gehen kann, sind Gründungsmanifeste nun einmal nicht der Ort für Feinheiten: Wenn genügend Menschen überzeugt sind, dass das Bestehende so schlecht ist, dass sie für das Neue ein Opfer zu bringen bereit sind, dann hat die Rhetorik der Katastrophe ihren Zweck erfüllt. Das Opfer besteht in diesem Fall aus 60 Euro für ein Jahresabo. 900.000 Euro will das Projekt bis zum 13. Juni gesammelt haben. 15.000 Mitglieder braucht es dazu. Die Chancen stehen gut; das Vorbild der Krautreporter, De Correspondent aus den Niederlanden, kann schon mit dem Doppelten an zahlenden Abonnenten operieren. Schließlich liegt ein solches Projekt auch einfach in der Luft.

Geringer Frauenanteil

Valide Studien zum Misstrauen der deutschen Bevölkerung gegenüber den Medien liegen anders als zum Beruf des Journalisten nicht vor, aber man kann davon ausgehen, dass es hoch ist. Dabei dürfte das Unbehagen an der manipulativen Macht der „Mainstream-Medien“, wie es in der Ukrainekrise virulent wird, die Kritik am Online-Nachrichtenjournalismus noch verstärken. Das heißt natürlich nicht, dass die beargwöhnten Medien nicht genutzt werden: Die Versprechungen der Krautreporter dürften prinzipiell auch bei den Nutzern von Spiegel Online gut ankommen. Aber man sollte Verhaltensdissonanzen nicht einem Projekt anlasten, das sich auch als ein Organ zur Selbsterziehung anbietet: Weniger klicken, sich auch mal in einen Text vertiefen …

Ein solches Projekt zieht naturgemäß erst einmal Menschen an, die ‚etwas mit Medien machen‘. Unter Journalisten werden die Krautreporter heftig diskutiert und kritisiert, gewiss nicht immer frei von der Kränkung dessen, der nicht gefragt wurde. Bemängelt wird der Frauen- und der Migrantenanteil in der Redaktion; auf 23 Männer kommen fünf Frauen, der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund scheint marginal. So berechtigt diese Kritik ist, so unrecht täte man dem Projekt, verstünde man es nur als Veranstaltung von ein paar mehr oder weniger weißen und männlichen Journalisten, die ihre Karriere vorantreiben wollen, und offenbar weder den Weg in die „Holzpresse“ einschlagen wollen, noch die Zeit haben zu warten, bis die großen Verlage ihre Redaktionen auch faktisch auf online eingeschworen haben, Stichwort: Hoodiejournalismus.

Es geht schon auch um Überzeugungen, die unter dem Schlagwort eines „unabhängigen Journalismus“ gefasst werden. Darauf zielt das Kraut in Krautreporter, das eine Crowd meint und mit Crowdfunding ein Finanzierungsmodell, das diese Unabhängigkeit garantiert. Aber in diesem Kraut schwingt auch die ökologische Heilsymbolik der klassischen Alternativmedien mit. Was ist von deren Idealen und Praktiken eigentlich übrig geblieben?

In diesen Tagen ist ein Buch erschienen, das direkt seinem Forschungsgegenstand entsprungen scheint: Der fette, schwarze stw-Band Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren des Konstanzer Historikers Sven Reichardt. Linksalternative wollten bekanntlich alles anders machen: anders arbeiten, anders lieben, anders wohnen, anders kommunizieren. In den etablierten Medien fand sich ihr gewaltiges Projekt aber nicht gespiegelt, nur denunziert. Schon die 68er sahen deshalb in ihnen „Manipulationsinstrumente“, denen man eine eigene Presse entgegensetzen wollte. Eine Vielzahl von Klein- und Kleinstzeitungen wurden gegründet, unter denen die tageszeitung (taz) herausragte. Man vergisst leicht, dass die taz die letzte Neugründung einer überregionalen Tageszeitung auf bundesrepublikanischem Boden ist. Wie Jörg Magenau in seinem Standardwerk Die taz. Eine Zeitung als Lebensform betont, war sie am Anfang mindestens so sehr „Projekt“ wie konkrete Zeitung.

Natürlich war man damals medien- und gendertheoretisch noch etwas unterbelichtet. Wo Stefan Niggemeier die Krautreporter, zu denen er gehört, durch einen Vergleich mit den hippen HBO-Serien attraktiv machen will, greift Fritz Teufel im Gründungsmanifest der taz auf das simple Bild der „Traumfrau“ zurück. „Sie enteignet Springer durch Abspenstigmachen der Leser. Sie wird von Frauen, Kindern, Türken, Indianern, Schülern, Studenten, Gefangenen und anderen Rentern, von Lohn- und anderen Drogenabhängigen gemacht.“ Der Kommunarde Teufel hat sich bekanntlich nicht durchgesetzt. Man hörte auf Daniel Cohn-Bendit, der meinte, dass eine Zeitung schon professionell gemacht sein sollte.

Mit dem Leser reisen

Das Versprechen eines starken Laien- und Bürgerjournalismus wurde auch mit dem Internet nicht eingelöst, eine Plattform wie die Readers Edition dümpelt unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Ganz sicher fühlen sich die Krautreporter diesem Modell nicht verpflichtet. Vielmehr betonen sie ihre Professionalität und Kompetenzen, die gewährleisten sollen, dass sich die Investition in das Projekt auszahlt. Auch die taz wurde durch „crowdfunding“ realisiert, es gab nur den Begriff nicht. Sogar die finanzielle Dimension ist vergleichbar. Man brauchte 1,5 Millionen Mark und 10.000 Voraus-Abos. Und man wollte anfangs ebenfalls werbefrei bleiben.

Der Historiker Reichardt bestimmt vier Merkmale der damaligen Alternativpresse: Kostendeckend produzieren, nicht kommerziell erfolgreich sein; Arbeitsprozesse sollten basisdemokratisch organisiert sein; zwischen Lesern und Redakteuren sollte ein wechselseitiger Kommunikationsprozess zustande kommen; die Zeitungen sollten „unterdrückte Nachrichten bringen“.

Ob die Krautreporter nur ihre Kosten decken wollen, ist unklar. Kritiker weisen darauf hin, dass mit den rund 2.500 Euro, die einem Reporter im Monat erst einmal zur Verfügung stehen werden, vier gut recherchierte Geschichten möglicherweise nicht finanziert werden können. Wenig ist auch über die internen Arbeitsprozesse bekannt, ohne Hierarchie geht es jedenfalls nicht, siehe Chefredakteur, und mit Sebastian Esser waltet auch ein Herausgeber.

Eine radikaldemokratisches Erbe findet man am ehesten noch in der Bedeutung, die man der etwas ominösen Gestalt des Lesers gibt. Man gewinnt den Eindruck, dass zuletzt beim Focus unter Helmut Markwort (Fakten, Fakten, Fakten und an den Leser denken) so intensiv an „den Leser“ gedacht wurde wie bei den Krautreportern. „Wir nehmen unseren Leser mit auf die Reise, sehen ihn als gleichberechtigten Partner an, der uns Input gibt, dem wir am Ende auch verpflichtet sind und nicht einer Marke und einem Werbekunden“, sagt Alexander von Streit, der auch den Topos der unterdrückten Nachrichten aufgreift: „Wir wollen Themen aufgreifen, die in klassischen Online-Medien bisher keine Chance haben. Und das erzählen, was wichtig ist.“ Wenn etwas Wichtiges in den klassischen Medien nicht vorkommt, hat das allerdings für die Krautreporter keinen ideologischen Grund (und es liegt auch nicht daran, dass es „den Leser“ vielleicht einfach nicht groß interessiert). Es ist die Folge eines fehlenden Geschäftsmodells, das nicht als Problem des Kapitalismus verstanden wird, sondern mit Crowdfunding behoben werden kann. Man versteht sich in medienrevolutionären Kontexten heute eben weniger als Vollstrecker einer Weltanschauung, sondern mehr als Vermarkter einer Idee und eines Selbst. Auch das übrigens ein Erbe der Alternativszene.

 

06:00 23.05.2014

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