Wie irre ist das denn?

Machtspiel Über 100 selbst ­kreierte Identitäten kommentierten bei stefan-nigge­meier.de, der dies wiederum öffentlich macht. Was der Fall Neven DuMont für die Netzkultur bedeutet

Bis zur Stunde ist nicht restlos geklärt, ob wirklich Konstantin Neven DuMont hinter diesem „Kon­stantingate“ (süddeutsche.de) steckt, die Indizien sind erdrückend, der Betroffene streitet weiter ab, kann sich aber nicht entlasten. Tun wir also, was alle tun: Stellen wir uns vor, es wäre so. „Hundertfache Alias-Namen, unter denen der Vorstand eines großen Medienhauses auf einem Journalisten-Blog kommentiert – die Vorstellung scheint verrückt“, konstatierte meedia.de. In der Tat scheint sie das. So sehr, dass man kaum über die Sache sprechen kann, ohne das Vokabular der Psychopathologie zu bemühen. „Systematische Störung“ steht doppeldeutig über Stefan Niggemeiers Blogeintrag, der die Affäre mit einigem Eifer lostrat. „Wer bin ich und, wenn ja, wie viele“ titelte im Gefolge die Financial Times Deutschland spöttisch.

Tiefer unten im Netz wurde unumwundener formuliert. Man müsse dem Kerl nur in die Augen schauen, wurde kommentiert, und wiederum nicht ohne zärtliche Häme bloggte einer: „Lieber Herr DuMont, ich bin ein großer Bewunderer Ihrer medialen Fähigkeiten. Jetzt, wo sie diese 111 oder was auch immer Pseudonyme schon mal ins Leben gerufen haben, könnten Sie mir da nicht einen Gefallen erweisen und hier ebensoviele positive Rezensionen verfassen?“

Ja, man spricht so über den Fall, auch auf den Fluren unserer Redaktion, auch der Autor dieser Zeilen, er tut es natürlich ironisch und fühlt sich unbehaglich dabei. Weil die etwas Verrückten und Versponnenen seine Sympathie haben und weil da ein Verdacht ist: Aus diesem Irrwitz spricht eine „Wahrheit“ über uns und das Internet. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ein Wahn wahr spricht. Gut hundert Jahre ist der Fall Schreber nun alt. Dr. jur. Daniel Paul Schreber, Dresdner Senatspräsident und Sohn des Erfinders des nach ihm benannten Kleingartens, wurde wiederholt von paranoiden Schüben heimgesucht, die ihn in die Klink brachten. Nach seinem zweiten Aufenthalt verfasste er eine Schrift, die ihn rehabilitieren sollte. Schrebers Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken geben detailliert über eine schwere Krankheit Auskunft, oder genauer gesagt, sie erzählen von einem dramatischen Kampf, den Gott mit der Welt auf den Nervenbahnen eines einzigen Menschen, eben Daniel Paul Schreber, ausgetragen hatte.

Die Stimme eines Anderen

Auf die großartige Vision des Senatspräsidenten kann hier leider nicht näher eingegangen werden, nicht auf seine geistreichen Sprachschöpfungen, nicht auf die „Vorhöfe des Himmels“, die „Nervenanhänge“, oder den „Seelenraub“, die er als „Geisterseher“ erkennt (den hatte sich der hoch Gebildete von Schiller geliehen), nur eines seiner Worte soll hervorgehoben werden: „Aufschreibesystem“. Der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler wird dieses Wort achtzig Jahre später zum zentralen Begriff seiner Theorie erheben.

Kittler war nicht der erste Theoretiker, der die Denkschrift des Senatspräsidenten bewunderte und sich ihrer bediente. Während Sigmund Freud in seiner berühmten Fallstudie noch auf den triebhaften Kern der Paranoia, das verdrängte homosexuelle Begehren, abhob, las Elias Canetti die Denkwürdigkeiten als ein Schlüsselwerk zum Verständnis von Macht. In Schrebers Wahn, der einzige Überlebende nach einem Weltuntergang gewesen zu sein, umgeben nur von „flüchtig hingemachten Männern“, die ihn über seinen Zustand hinwegtäuschen sollten, erkannte Canetti den tiefsten Wunsch des Machthabers: Alle anderen aus dem Weg zu räumen, der einzige zu sein. Selbst wenn man diesen Befund auf die charismatisch-totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts beschränken will, kann man den ihm zugrunde liegenden Satz „Paranoia ist in einem sehr buchstäblichen Sinn die Krankheit der Macht“ auch noch für unser vergleichsweise bescheiden-humanes Medienzeitalter anerkennen.

„Paranoia“ ist in der Netzgesellschaft jedenfalls nichts Ungewöhnliches, man kann sogar sagen, dass sie ein großer Sinngenerator ist. So war die Aktivität in der Freitag-Community in einer Phase gesteigerten Misstrauens bisher nachweislich am größten: Besonders auffällig wurde ein Mitglied, das mit scharfem Blick und robespierrschem Eifer vermeintliche wie tatsächliche Rechtsausleger entlarvte und anprangerte. Zu seinem Ausschluss führte aber nicht diese Aktivität, vielmehr hatte er mehrfach gegen die Netiquette verstoßen und sich diverse Alias-Identitäten zugelegt, für die er sogar externe Websites kreierte. Das Wissen um solche Alias-Identitäten führte dazu, dass (fast) jeder jeden verdächtigte, in Wahrheit nur die Stimme eines Anderen zu sein, der wiederum nur die Stimme eines Anderen sein könnte – auch das ein „Aufschreibesystem“. Das ehemalige Community-Mitglied führt nun seinen Kampf anderswo im Netz weiter, hier ein Ausschnitt (die Bloggernamen wurden verändert, sind also – wie irre ist das denn? – Änderungen von Scheinidentitäten):

„Wenn Replik tatsächlich die Schwiegermutter von Jakob Augstein wäre und clevergirl eventuell sein uneheliches Kind, würde dies vieles erklären. Dann wären die vielen Deaktivierungen nachvollziehbar. Das die Redaktion die Blogs von k.uba und Franz Rüdiger gelöscht haben, hätte dann auch einen „Sinn“. Wenn die beiden in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis zu Augstein stehen, ist das Freitagsprojekt ein Tiefschlag gegen Aufklärung, Humanismus und soziale (sozialistische) Ideen.

Wenn Replik und aaf nicht mit JA verwandt sind, vermute ich eine riesige Verschwörung im Zeitungswesen. Wenn es so wäre, müssten wir die Tabublogs puschen um ein noch größeres Gegengewicht zu diesen mittelalterlichen Positionen herzustellen. Möglicherweise wollen die Gesellianer und andere Sozialdarwinisten die Meinungshoheit in diesem Land übernehmen und der Freitag wurde als erster gekapert. Ich könnte mal cleverboy fragen, ob ich mein Religionsblog hier einstellen darf, dann könnte Replik ihre religiösen Ansichten nochmal voll ausleben. Ich stehe nämlich in einem quasi verwandtschaftlichen Verhältnis zu cleverboy.“

Flüchtige Massen

Der letzte Satz ist ja nicht frei von Selbstironie, aber was hat es mit dem Machtkampf in der publizistischen Landschaft auf sich, von dem dieser Eintrag spricht? Auch wer anders als dieser Blogger keine „riesige Verschwörung im Zeitungswesen“ erkennen kann, wird zugestehen müssen, dass ein Ungleichgewicht existiert: Die radikale Linke, der sich jener zuschlägt, ist ja tatsächlich marginalisiert. Wie aber schafft man das gewünschte „Gegengewicht“? Was in der analogen Welt unendlich mühsam und frustrierend ist, Stichwort Gegenöffentlichkeit, scheint in der virtuellen Welt federleicht; es bedarf nur geringer technischer Kenntnisse und viel freier Zeit, und fertig ist eine fiktionale Masse. Allerdings sind solche Massen flüchtig, der Erfolg der Strategie hält sich, nach allem, was man dazu weiß (aber weiß man alles?), doch in Grenzen.

Um ein Gegengewicht ging es mutmaßlich auch dem Menschen, der die über hundert Alias-Identitäten in Niggemeiers Blog aufmarschieren und miteinander streiten ließ. In Anlehnung an die berühmte Noelle-Neumann’sche Schweigespirale könnte man hier von einer Stimmenspirale sprechen. Beide Verfahren arbeiten ja mit Fiktionen. So wie in einer Schweigespirale eine zuerst minore Meinung andere Meinungen verdrängt, weil sich Menschen gerne nach der unterstellten Mehrheitsmeinung richten und die Massenmedien gerne eine solche unterstellen, soll die Stimmenspirale eine Meinungsverschiebung qua fiktiver Anhängerschaft erwirken.

Wer der Ansicht ist, dass es sich dabei schlicht um ein adäquates Verhalten im Netz handelt, wo Identitäten eben nur im Ausnahmefall identisch mit einer realen Person sind, und in Wahrheit „Einsen und Nullen“ durchs Netz fließen (vgl. Christian Heller auf freitag.de), der vergisst allerdings, dass es in diesen Fällen letztlich doch um Machtkämpfe geht. Anders als der Ex-Freitag-Blogger erregte der Fall Neven DuMont ja einfach deswegen so großes Aufsehen, weil sich hier der künftige Verleger und aktuell Zuständige für Strategie und Kommunikation im viertgrößten deutschen Verlag in die Netzlogik verstrickt hatte. Nun ist er in dieser Funktion zurückgetreten.

Der Kampf, der sich in solchen Fällen spiegelt, ist einer zwischen alter und neuer Medienmacht. Man kann sich als Repräsentant der alten Macht natürlich auch weniger riskant verhalten als Neven DuMont. Zum Beispiel, indem man als Mitherausgeber einer goßen Tageszeitung Bestseller über das Internet schreibt, sich aber aus Foren, Blogs und Facebook konsequent raushält. Oder indem man als Vorstandsvorsitzender eines großen Verlags auf unzähligen frei zugänglichen Seiten mit seinen Ausfällen gegen die „Gratis-Kultur im Netz“ zitiert wird. Allerdings darf auch hier gefragt werden: Wie irre ist das denn?

12:05 28.10.2010
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