Michael Angele
28.10.2010 | 12:05 59

Wie irre ist das denn?

Machtspiel Über 100 selbst ­kreierte Identitäten kommentierten bei stefan-nigge­meier.de, der dies wiederum öffentlich macht. Was der Fall Neven DuMont für die Netzkultur bedeutet

Bis zur Stunde ist nicht restlos geklärt, ob wirklich Konstantin Neven DuMont hinter diesem „Kon­stantingate“ (süddeutsche.de) steckt, die Indizien sind erdrückend, der Betroffene streitet weiter ab, kann sich aber nicht entlasten. Tun wir also, was alle tun: Stellen wir uns vor, es wäre so. „Hundertfache Alias-Namen, unter denen der Vorstand eines großen Medienhauses auf einem Journalisten-Blog kommentiert – die Vorstellung scheint verrückt“, konstatierte meedia.de. In der Tat scheint sie das. So sehr, dass man kaum über die Sache sprechen kann, ohne das Vokabular der Psychopathologie zu bemühen. „Systematische Störung“ steht doppeldeutig über Stefan Niggemeiers Blogeintrag, der die Affäre mit einigem Eifer lostrat. „Wer bin ich und, wenn ja, wie viele“ titelte im Gefolge die Financial Times Deutschland spöttisch.

Tiefer unten im Netz wurde unumwundener formuliert. Man müsse dem Kerl nur in die Augen schauen, wurde kommentiert, und wiederum nicht ohne zärtliche Häme bloggte einer: „Lieber Herr DuMont, ich bin ein großer Bewunderer Ihrer medialen Fähigkeiten. Jetzt, wo sie diese 111 oder was auch immer Pseudonyme schon mal ins Leben gerufen haben, könnten Sie mir da nicht einen Gefallen erweisen und hier ebensoviele positive Rezensionen verfassen?“

Ja, man spricht so über den Fall, auch auf den Fluren unserer Redaktion, auch der Autor dieser Zeilen, er tut es natürlich ironisch und fühlt sich unbehaglich dabei. Weil die etwas Verrückten und Versponnenen seine Sympathie haben und weil da ein Verdacht ist: Aus diesem Irrwitz spricht eine „Wahrheit“ über uns und das Internet. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ein Wahn wahr spricht. Gut hundert Jahre ist der Fall Schreber nun alt. Dr. jur. Daniel Paul Schreber, Dresdner Senatspräsident und Sohn des Erfinders des nach ihm benannten Kleingartens, wurde wiederholt von paranoiden Schüben heimgesucht, die ihn in die Klink brachten. Nach seinem zweiten Aufenthalt verfasste er eine Schrift, die ihn rehabilitieren sollte. Schrebers Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken geben detailliert über eine schwere Krankheit Auskunft, oder genauer gesagt, sie erzählen von einem dramatischen Kampf, den Gott mit der Welt auf den Nervenbahnen eines einzigen Menschen, eben Daniel Paul Schreber, ausgetragen hatte.

Die Stimme eines Anderen

Auf die großartige Vision des Senatspräsidenten kann hier leider nicht näher eingegangen werden, nicht auf seine geistreichen Sprachschöpfungen, nicht auf die „Vorhöfe des Himmels“, die „Nervenanhänge“, oder den „Seelenraub“, die er als „Geisterseher“ erkennt (den hatte sich der hoch Gebildete von Schiller geliehen), nur eines seiner Worte soll hervorgehoben werden: „Aufschreibesystem“. Der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler wird dieses Wort achtzig Jahre später zum zentralen Begriff seiner Theorie erheben.

Kittler war nicht der erste Theoretiker, der die Denkschrift des Senatspräsidenten bewunderte und sich ihrer bediente. Während Sigmund Freud in seiner berühmten Fallstudie noch auf den triebhaften Kern der Paranoia, das verdrängte homosexuelle Begehren, abhob, las Elias Canetti die Denkwürdigkeiten als ein Schlüsselwerk zum Verständnis von Macht. In Schrebers Wahn, der einzige Überlebende nach einem Weltuntergang gewesen zu sein, umgeben nur von „flüchtig hingemachten Männern“, die ihn über seinen Zustand hinwegtäuschen sollten, erkannte Canetti den tiefsten Wunsch des Machthabers: Alle anderen aus dem Weg zu räumen, der einzige zu sein. Selbst wenn man diesen Befund auf die charismatisch-totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts beschränken will, kann man den ihm zugrunde liegenden Satz „Paranoia ist in einem sehr buchstäblichen Sinn die Krankheit der Macht“ auch noch für unser vergleichsweise bescheiden-humanes Medienzeitalter anerkennen.

„Paranoia“ ist in der Netzgesellschaft jedenfalls nichts Ungewöhnliches, man kann sogar sagen, dass sie ein großer Sinngenerator ist. So war die Aktivität in der Freitag-Community in einer Phase gesteigerten Misstrauens bisher nachweislich am größten: Besonders auffällig wurde ein Mitglied, das mit scharfem Blick und robespierrschem Eifer vermeintliche wie tatsächliche Rechtsausleger entlarvte und anprangerte. Zu seinem Ausschluss führte aber nicht diese Aktivität, vielmehr hatte er mehrfach gegen die Netiquette verstoßen und sich diverse Alias-Identitäten zugelegt, für die er sogar externe Websites kreierte. Das Wissen um solche Alias-Identitäten führte dazu, dass (fast) jeder jeden verdächtigte, in Wahrheit nur die Stimme eines Anderen zu sein, der wiederum nur die Stimme eines Anderen sein könnte – auch das ein „Aufschreibesystem“. Das ehemalige Community-Mitglied führt nun seinen Kampf anderswo im Netz weiter, hier ein Ausschnitt (die Bloggernamen wurden verändert, sind also – wie irre ist das denn? – Änderungen von Scheinidentitäten):

„Wenn Replik tatsächlich die Schwiegermutter von Jakob Augstein wäre und clevergirl eventuell sein uneheliches Kind, würde dies vieles erklären. Dann wären die vielen Deaktivierungen nachvollziehbar. Das die Redaktion die Blogs von k.uba und Franz Rüdiger gelöscht haben, hätte dann auch einen „Sinn“. Wenn die beiden in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis zu Augstein stehen, ist das Freitagsprojekt ein Tiefschlag gegen Aufklärung, Humanismus und soziale (sozialistische) Ideen.

Wenn Replik und aaf nicht mit JA verwandt sind, vermute ich eine riesige Verschwörung im Zeitungswesen. Wenn es so wäre, müssten wir die Tabublogs puschen um ein noch größeres Gegengewicht zu diesen mittelalterlichen Positionen herzustellen. Möglicherweise wollen die Gesellianer und andere Sozialdarwinisten die Meinungshoheit in diesem Land übernehmen und der Freitag wurde als erster gekapert. Ich könnte mal cleverboy fragen, ob ich mein Religionsblog hier einstellen darf, dann könnte Replik ihre religiösen Ansichten nochmal voll ausleben. Ich stehe nämlich in einem quasi verwandtschaftlichen Verhältnis zu cleverboy.“

Flüchtige Massen

Der letzte Satz ist ja nicht frei von Selbstironie, aber was hat es mit dem Machtkampf in der publizistischen Landschaft auf sich, von dem dieser Eintrag spricht? Auch wer anders als dieser Blogger keine „riesige Verschwörung im Zeitungswesen“ erkennen kann, wird zugestehen müssen, dass ein Ungleichgewicht existiert: Die radikale Linke, der sich jener zuschlägt, ist ja tatsächlich marginalisiert. Wie aber schafft man das gewünschte „Gegengewicht“? Was in der analogen Welt unendlich mühsam und frustrierend ist, Stichwort Gegenöffentlichkeit, scheint in der virtuellen Welt federleicht; es bedarf nur geringer technischer Kenntnisse und viel freier Zeit, und fertig ist eine fiktionale Masse. Allerdings sind solche Massen flüchtig, der Erfolg der Strategie hält sich, nach allem, was man dazu weiß (aber weiß man alles?), doch in Grenzen.

Um ein Gegengewicht ging es mutmaßlich auch dem Menschen, der die über hundert Alias-Identitäten in Niggemeiers Blog aufmarschieren und miteinander streiten ließ. In Anlehnung an die berühmte Noelle-Neumann’sche Schweigespirale könnte man hier von einer Stimmenspirale sprechen. Beide Verfahren arbeiten ja mit Fiktionen. So wie in einer Schweigespirale eine zuerst minore Meinung andere Meinungen verdrängt, weil sich Menschen gerne nach der unterstellten Mehrheitsmeinung richten und die Massenmedien gerne eine solche unterstellen, soll die Stimmenspirale eine Meinungsverschiebung qua fiktiver Anhängerschaft erwirken.

Wer der Ansicht ist, dass es sich dabei schlicht um ein adäquates Verhalten im Netz handelt, wo Identitäten eben nur im Ausnahmefall identisch mit einer realen Person sind, und in Wahrheit „Einsen und Nullen“ durchs Netz fließen (vgl. Christian Heller auf freitag.de), der vergisst allerdings, dass es in diesen Fällen letztlich doch um Machtkämpfe geht. Anders als der Ex-Freitag-Blogger erregte der Fall Neven DuMont ja einfach deswegen so großes Aufsehen, weil sich hier der künftige Verleger und aktuell Zuständige für Strategie und Kommunikation im viertgrößten deutschen Verlag in die Netzlogik verstrickt hatte. Nun ist er in dieser Funktion zurückgetreten.

Der Kampf, der sich in solchen Fällen spiegelt, ist einer zwischen alter und neuer Medienmacht. Man kann sich als Repräsentant der alten Macht natürlich auch weniger riskant verhalten als Neven DuMont. Zum Beispiel, indem man als Mitherausgeber einer goßen Tageszeitung Bestseller über das Internet schreibt, sich aber aus Foren, Blogs und Facebook konsequent raushält. Oder indem man als Vorstandsvorsitzender eines großen Verlags auf unzähligen frei zugänglichen Seiten mit seinen Ausfällen gegen die „Gratis-Kultur im Netz“ zitiert wird. Allerdings darf auch hier gefragt werden: Wie irre ist das denn?

Kommentare (59)

ed2murrow 28.10.2010 | 23:55

Lieber Michael Angele,

mit diesem Artikel gehen Sie nicht zum ersten Mal jemanden direkt (hier: direkt erkennbar) an und verbinden dies, wenn hier auch indirekt, mit Befindlichkeiten aus dem im weitesten Sinne medizinischen Handbuch. Paranoia auf der Frankfurter Buchmesse, Paranoia in der Mediengesellschaft, um aus dem Gesamtwerk nur einige Titel zu nennen. Das mag man goutieren, ich tue es nicht. Alleine die Rubrizierung meines Blogs unter „Netzneurosen“ hat mir Magenschmerzen bereitet, dachte aber: Lass mal, die Mädels und Jungs haben ohnehin schon genug um die Ohren, da ist halt mal schnell der Boulevard drin. Den Titel von Niggemeier halte ich dagegen nicht für auslegungsfähig. Etwas anderes, als wenn er etwa geschrieben hätte „Störung im System“.

Ich vermute, dass außer einem gewissen Hang zur Logorrhoe kaum jemand in der Lage sein dürfte, vor allem nicht ohne entsprechende spezifische Sachkunde, zwischen Irrsein und Irrtum zu unterscheiden, wenn es um den blanken Text eines unbekannten Autors geht. Hand aufs Herz: Außer dem, was kolportiert wird (und Bildchen), wissen wir zur Persönlichkeit des einen (Medienmanagers) und des anderen (Bloggers) wenig bis nichts. Nicht einmal die halbwegs bekannte Vita des einen hilft weiter, Schlüsse zu ziehen ist, wie beim Betrachten des Bildchens (ja, sind wir denn alle PhysioGnome?), nur Mutmaßung, ich sage: Reine Spekulation rauskommt. Gut, um sich das Maul zu zerreißen, aber mehr noch um es sich zu verbrennen.

Lassen wir beiseite, dass die gratis mitgelieferte Attestierung einer solchen Befindlichkeit in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit nach wie vor eine Stigmatisierung hervorzurufen geeignet ist. Alleine die „Volkskrankheit“ Depression hat deswegen Schwierigkeiten in den Kanon der Alltäglichkeit aufgenommen zu werden. Was bewirkt es erst, in der Gesamtschau, wenn Kulturbetrieb, deren Teilnehmer und nun mit „Paranoia ist in der Netzgesellschaft jedenfalls nichts Ungewöhnliches, man kann sogar sagen, dass sie ein großer Sinngenerator ist“ gleich die gesamte Kommunikationsplattform für 50 Millionen User in Deutschland mit einem solchen Epithet versehen wird? Nach Kriminellen, Schmuddelecken und obskuren Praktiken nun auch noch krank. Mein lieber Mann, Sie sägen da verdammt nah am Stamm den Ast ab, auf dem auch Sie sitzen.

Der Diskurs über Macht hingegen hätte sich weitaus mehr gelohnt. Allerdings wirkt die Volte dorthin bemüht: Ein Satz von Canetti als Definitionsbasis, um sodann die Mutmaßung (sic) anzuschließen, dass es darum gegangen sei beim Medienmanager. Warum bemüht? Weil es auf der Abwandlung des Spruches vom Huhn und Ei beruht: Was ist beim Caesarenwahn zuerst dagewesen – der Wahn oder der Caesar. Sie lösen es über Kittler auf. Für alle die, die keine Caesaren sind, tendiert der Erkenntniswert hingegen gegen Null. Es ist vor allem nicht geschehen, dass in Berlin oder München ein ganzer Platz gesperrt worden wäre, weil jemand anonym gegen eine Mauer gepinkelt hat. Dass das aber der Subtext vieler, gar nicht so verklausulierter Artikel ist, den öffentlichen Raum „Netz“ an die Anonymität zu gehen, um eben die Macht über das Netz auszuüben, wird geradezu an den Rand gedrückt. Nur paranoide Angst? Nein! Sondern oftmals Unsicherheit und schiere Angst vor dem Unbekannten aus schlichtem Nichtwissen. Das ist etwas anderes als das Wahnhafte. Und das sollte man wirklich ernst nehmen.

Kann man aus Sonderfällen generell abstrakte Erkenntnisse ziehen? Ich bin derzeit wg. Schnupfens leicht indisponiert. Ich nutze derzeit das Internet. Im Netz kann man sich einen Virus einfangen. Die Conclusio stimmt, auch die Vorsätze. Nur passen sie nicht zueinander.

Ihr e2m

Titta 29.10.2010 | 01:57

Geht es wirklich um Macht(kämpfe) oder nicht vielmehr um das Gefühl der Ohnmacht bzw. dessen Bekämpfung, die zu den beschriebenen Phänomen führen?

Wie geht unsere Gesellschaft mit Gefühlen/Erlebnissen des Nichtgenügens, des Versagens, der Ohnmacht uä um?
Bei persönlichen Problemlagen ist die Strategie des positiven Denkens die vorgeschriebene Verarbeitungsweise, aus Fehlern hat man zu lernen, und wehe, man tut das nicht, sondern gibt sich dem momentanen Gefühl des Schmerzes, gar des Selbstmitleids hin. Leiden, Mißerfolg, Ohnmächtigkeit werden auf merkwürdige Weise gesellschaftlich ausgeklammert, so daß der Einzelne diese als Makel empfinden muß, statt als etwas, das ganz einfach zum menschlichen Leben dazugehört.

Wer nicht glücklich ist, hat etwas falsch gemacht, und zwar persönlich. Aber sind die gesellschaftlichen Verhältnisse wirklich so, daß man als Individuum glücklich sein kann, glücklich sein sollte? Machen die Verhältnisse nicht eher Paranoia?

Michael Angele 29.10.2010 | 02:00

Lieber e2m

ich verstehe Paranoia nicht so abwertend, nach Adorno ist sie der "Schatten der Erkenntnis", ähnlich sieht das Thomas Pynchon. Mit "Paranoia auf der Buchmesse" habe ich höchstens mich selbst angegriffen, aber zwei Dinge möchte ich klarstellen:

Ich habe mich an der Verdächtigungswelle in unserer Community nicht beteiligt. Und der von mir zitierte Ausschnitt aus einem Blog habe ich auch nicht erfunden.

Mich faszinieren solche Diskurse nun einmal, weil sie auf ihre Art "wahr" sprechen. Das habe ich hier versucht, auszuführen. Es ist, in der Intention, das Gegenteil von Psychopathologisierung.

Wissen Sie, ich musste mich im Zusammenhang mit der Sache um DuMont belehren lassen, dass einer schon ziemlich naiv sein muss, wenn einer nicht wenigstens eine zweite Identität hat, um auf den Foren seiner Wahl seine Kommentare abzugeben (ich habe keine solche).

Möglich ist das alles durch die Anonymität im Netz.

Titta 29.10.2010 | 02:13

"Mein lieber Mann, Sie sägen da verdammt nah am Stamm den Ast ab, auf dem auch Sie sitzen."

Meiner Ansicht nach ist sich der Autor dessen bewußt, siehe:

"Ja, man spricht so über den Fall, auch auf den Fluren unserer Redaktion, auch der Autor dieser Zeilen, er tut es natürlich ironisch und fühlt sich unbehaglich dabei. Weil die etwas Verrückten und Versponnenen seine Sympathie haben und weil da ein Verdacht ist: Aus diesem Irrwitz spricht eine „Wahrheit“ über uns und das Internet."

Im übrigen: wenn man aus Sonderfällen keine abstrakten Erkenntnisse ziehen dürfte, hätte zB Freud gleich einpacken können. Gerade die Ausnahmen erzählen doch ganz laut vom Regelwerk und den Begrenzungen einer Gesellschaft.

Titta 29.10.2010 | 02:18

@MA

"Mich faszinieren solche Diskurse nun einmal, weil sie auf ihre Art "wahr" sprechen. Das habe ich hier versucht, auszuführen. Es ist, in der Intention, das Gegenteil von Psychopathologisierung."

Das war offensichtlich und hätte eigentlich keiner weiteren Erklärung bedurft.

"Wissen Sie, ich musste mich im Zusammenhang mit der Sache um DuMont belehren lassen, dass einer schon ziemlich naiv sein muss, wenn einer nicht wenigstens eine zweite Identität hat, um auf den Foren seiner Wahl seine Kommentare abzugeben (ich habe keine solche)."

Schön, wenn eine Naive (ich) mal auf einen anderen Naiven trifft. (Kommt man sich wenigstens nicht so alleine vor mit seiner Naivität.)

ed2murrow 29.10.2010 | 11:03

Lieber Michael Angele,

Motive, ich denke, das ist ersichtlich, habe ich Ihnen nicht untergeschoben. Im Rahmen meiner Möglichkeiten habe ich Ihnen ein Echo geboten. Das hat u.a. dazu geführt, dass Sie Ihr Verständnis von Paranoia hier klar gemacht haben. Das war es schon mal wert.

Was glauben Sie, was ich mir anhören durfte alleine deswegen, weil ich mich mit etwas beschäftigte, was sich PC nannte und an Telephonen zu schaffen machte, die mit der Wählscheibe ... In dem Punkt befinden wir uns im frühen Mittelalter: Pranger, Exorzismen, Universalbibliotheken.

ed2murrow 29.10.2010 | 11:18

@ Titta

Abstrakt bitte zusammen mit generell lesen. Nähme man alles, was unter "Troll" verstanden wird, zusammen, käme ein Strauß seltsamer Dinge heraus. Keine Frage. Das wäre bezogen auf diese Gruppe dann irgendwann ein "Normalfall". Trifft das dann aber auf "Nichttrolle" zu?

Mit anderen Worten: Durch diese Art der Herleitung vom Speziellen auf das Allgemeine schaffe ich von vorneherein einen Flaschenhals alleine schon in der Wahrnehmung, nicht erst auf der normativen Ebene. Das ist exakt die Methode, mit der "Tatort Internet" spielt, freilich mit anderen und ziemlich unlauteren Mitteln. Das meine ich mich "Ast absägen", nicht die Latrinenparolen, die jeder ohnehin in seinen vier Wänden von sich gibt.

Michael Angele 29.10.2010 | 11:49

@ Titta

"Gerade die Ausnahmen erzählen doch ganz laut vom Regelwerk und den Begrenzungen einer Gesellschaft."

Genau das ist eben auch meine Ansicht.

@ed2murrow

Man leitet das Allgemeine vom Speziellen her, das schon, aber es bleibt in jedem Fall das Besondere, oder wie Adorno, sorry für die Klugscheisserei, sagen würde: "das Inkommensurable". Und das darf man dann eben nicht vergessen.

Magda 29.10.2010 | 12:10

Ich bedanke mich, denn so erfährt man ja, was bei den Freitagsbloggern so alles los ist. :-))

Insgesamt aber finde ich den ganzen Beitrag viel zu "hochgehängt". Es ist nicht immer gleich paranoid alles.
In manchen Literaturforen begeistern sich die Nicks des Autors an dessen eigenemText usw. Gefährlich wird das Ganze immer, wenn es um Meinungshoheiten geht, das stimmt für links wie rechts allerdings.

Columbus 29.10.2010 | 19:14

Lieber Michael Angele,

I
Ich stimme Ihnen darin zu, dass es „irre“ ist auf die Seite eines Webjournalisten oder Medienjournalisten, überhaupt eines Bloggers, zu gehen und dessen Blog mit Beiträgen zahlreicher erfundener Identiäten zu füllen.

Genau so, muss der Betreiber einer Webseite (privat, institutionell) die Chance haben, Leute, die den Wert eines solchen Forums durch eine Art falsch verstandenen Piratentums schädigen wollen, oder dort durchdrehen („irre“), wieder los zu werden. - Wie gesagt, nach einem längeren Prozess mit Mahnung und Warnung, ist irgendwann einfach Schluss. Kein Presseorgan und auch kein Blogger muss es sich gefallen lassen, geschmäht, manipuliert und betrogen zu werden.

Ich stimme auch zu, dass es sehr naiv wäre und geradezu fahrlässig, sich von einer persönlichen Verantwortlichkeit und einer personalen Zuordenbarkeit von Meinungsäußerungen im Web abzuwenden, hin, zu einer Akzeptanz frei schwebender virtueller Persönlichkeit(en).

Ich meine damit natürlich auch, dass ein Teilnehmer an jeder Öffentlichkeit für die ihm zur Verfügung stehenden Kanäle verantwortlich ist. Er kann also nicht einfach sagen, wenn etwas über seinem Zugang geschieht, er trage dafür keine Verantwortung, es sei denn er ist selbst Opfer einer Manipulation.

Allerdings hatte ich jetzt den Eindruck, Sie wollten mit den eingeführten Begrifflichkeiten „Paranoia“ und „Aufschreibsystem“ und der Verknüpfung mit dem Thema Journalismus und seine Beziehung zum Web, einen ganz anderen Eindruck befördern. Nämlich den, es gäbe ein wesentliches, klar erkennbares Gefälle in der Art und Anzahl , also qualitativ und quantitativ, bei paranoiden Verhaltensweisen, vergliche man das Web und die „reale“, hauptsächlich professionell arbeitende, übrige Medienwelt. Einerseits existierten also weniger paranoide Züge in der Publizistik, in den Medien und unter Intellektuellen, andererseits passierte viel davon unter Bloggern und im Web. - Ich glaube das nicht! Ich glaube das schon lange nicht mehr!

Einmal abgesehen davon, dass es kaum hinreichendes empirisches Studienmaterial zu dieser Frage gibt, lässt sich leicht nachweisen, dass derzeit bei der Publikation paranoider, überwertiger und überhöhter Gedanken und Interpretationen kein wesentlicher Unterschied besteht, zwischen der Bloggosphäre und den professionellen Pressemedien.

Für die ganz große Qualitätspresse wurde ja gerade eben wieder evident, dass z.B. im Bezug auf Krieg und Frieden, Pressemedien sich einbetten ließen, national und loyal auftreten wollten und dafür Lügen als Wahrheiten, zumindest als Meldung verkündeten, wenn sie damit einfacher und schneller zu konsumierbaren und quotenfähigen Materialien kamen, also druckten und sendeten, was auf Pressekonferenzen gesagt, von Regierungen verlautet und behauptet wurde. Sie verbreiteten bereitwillig, weil sie sich selbst eher als „Transmissionsriemen“ von Staats und Wirtschaftsinteressen verstanden, also als Teil- und Steuerungselement, nicht als Kontrollorgan der Mächte.

Dann geht es tatsächlich nur noch um die Art der Pädagogik, also eine Art System, ein „Aufschreibsystem“, das technisch leider furchtbar gut funktioniert, weil die alltägliche Anschlussquote fast 100% beträgt und mit einem anderen psychologischen Pfund wuchert, nämlich mit der dauernden Flutung des Teilnehmer-Bewusstseins.

Daran leiden nur noch wenige Journalisten und ein größerer Teil, ich weiß nicht ob es schon die Mehrheit ist, strebt recht eigentlich danach, so schnell wie möglich an eine Position auf dem Podium zu kommen, die es gestattet, selbst Statements verfassen zu können, - Vielleicht ist das das Hauptmerkmal der Prominenz, wie früher einmal, zu Schrebers Zeiten, das Merkmal des Ranges auf der Zivilliste und der Exzellenz durch Amt und Würden, z.B. der des Kammergerichtspräsidenten, nämlich, ohne große Sanktionen fürchten zu müssen, ohne beständige Verpflichtung auf Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit, Statements abgeben zu dürfen. -, als diese Aussagen immer nur mühsam abzuklopfen.

II
>>„Paranoia“ ist in der Netzgesellschaft jedenfalls nichts Ungewöhnliches, man kann sogar sagen, dass sie ein großer Sinngenerator ist. So war die Aktivität in der Freitag-Community in einer Phase gesteigerten Misstrauens bisher nachweislich am größten:, schreiben Sie.

„Paranoia“, jetzt spreche ich ausdrücklich nicht von der Krankheit, der Psychose, der Diagnose, sondern eher von dem, was besser mit dem Adjektiv „paranoid“ unzählige, ganz gesunde Teilnehmer an einer medialen Öffentlichkeit, ja sogar eine mehrheitliche Öffentlichkeit erfasst oder erfassen kann, produziert keinen Sinn, höchstens Unsinn! - Denken Sie an die verschiedenen Red scares der Geschichte, denken Sie an den „Schweinegrippe“-Wahn, denken Sie an die paranoiden Thesen in Deutschlands derzeit meistverkauftem Buch. Denken Sie auch an die Weiterungen, die z.B. Canetti definiert, wenn er Hitler als großen Paranoiden im Kampf um absolute Macht einschätzt.

Sinn wird ja nicht gemacht, sondern er fällt bei Sachverhalten, Argumenten, Regeln, Texten, Kunstwerken, Technik, etc. als Eigenschaft manchmal auf und entsteht, weil Sinnvolles getan oder gesagt wird. Meist wirkt ein Sinn verborgen, weil entweder niemand da ist, der ihn entdeckt, oder aber weil er als Unsinn verunplimpft wird. - Das ist wichtig. Denn wäre es ganz anders, dann zeigte sich in dieser öffentlichen „Paranoia“, -sie ist eben keine Krankheit, aber eine gewaltige Störung und Gefahr-, irgend eine Form kulturellen oder sachlichen, bisher uns noch verborgenen, Gewinns.

Nur in einer Hinsicht könnte man das tatsächlich so sehen, betrachtete man nämlich die unbestreitbare Tatsache, dass Verschwörungstheoretiker, paranoide, öffentliche Jäger und Ankläger seit je her ein überaus beliebtes und anziehendes Material für das Publikum lieferten, damit dieses sich kollektiv aufregen kann, damit es selbst große Märchenerzählungen feste glaubt und Fakten zu ignorieren bereit ist, die ohne diese süchtige öffentliche Angstlust niemals aus dem Bereich des sicheren Wissens gestrichen worden wären.

„Paranoia“, die Krankheit und der alltägliche, Common sense- Teil davon, behauptet, eine unumstößliche Sicherheit und Überzeugtheit, eine innere Widerlegungsfreiheit, die nicht nur irrational, sondern auch unmenschlich ist. Auf Dauer ist eine solche Pathologie übrigens tödlich. Das gilt von Fouquier-Tinville während des Terreurs, bis hin zu McCarthys Verfolgungen. Das gilt vom Gefasel um den „ewigen Juden“, bis zu dem, wegen religiöser oder ethnischer Merkmale, als nicht zu kritischer Rationalität befähigt eingeschätzten Muslim (m/w).

Verlage und Medien, aber auch genügend skupellose Einzelpersonen, schaffen sich so Absatzchancen für paranoide Machwerke. Plötzlich wird Deutschland abgeschafft (Thilo S.), überstrapaziert (Hans-Hermann Gockel), überfremdet, aufgegeben (Broder). Ein Haufen dieses Bockmists stammt aus den größten und sich selbst an Qualität ständig übertreffenden, sich dafür selbst lobenden und auszeichnenden Verlagshäusern der Republik, nicht aus der Bloggosphäre!

Es rinnt förmlich aus dem TV und aus den Verlagen, die immer noch die Leitmedien für Deutsche und andere Industriezivilisierte produzieren, genau so unverschämt und beständig, wie er im Web Verbreitung auf einschlägigen Seiten (PI, etc.) findet. Da allerdings nicht in der gehobenen technischen Qualität, die den bezahlten Medien mittlerweile durchaus zur Verfügung steht.

Horribile dictu erweist sich seit geraumer Zeit unser Leib und Magen-Aufklärungsblatt der SPIEGEL, inline und online, als Produzent paranoider Ideen. Das fiel nun konstant, über Jahre schon, selbst den Kabarettisten auf (Einen Aufklärer in diesem Sinne zeigen Sie ja beim „dF“ unter A-Z, bezüglich des Themas „Islam“.). Selbst die Augstein Zeit ist davon nicht frei, aber das Ausmaß war doch noch im Rahmen des Erträglichen.

Nein, ein allgemeiner, vermittelbarer, diskutierbarer Sinn lässt sich so nicht fabrizieren, eher Unsinn, Strafwürdiges, Beleidigungen und ein Abgrund von Boshaftigkeit, weil gegen einen multiple anonymen Kommentator oder Blogger, wie gegen den multimedialen Polemiker und den überall auftretenden Tabubrecher, lange kein Kraut gewachsen ist.

Er kann so viele Thesen generieren, dass Aufklärer immer das Dreifache oder Vierfache an Zeit und Arbeitsenergie aufwenden müssen, um seine multiplen Angriffe abzuwehren. Er arbeitet ja vorzüglich mit der Behauptung. - Ein mittlerweile gut belegbares Beispiel liefert z.B. der Klimaforschungskritiker Björn Lomborg, der sich mit polemischer Kritik am IPCC einen medialen Ruf erschuf, den er nun, mit gänzlich gegensätzlichen Thesen, weiter geschäftlich nutzt. Ähnlich funktioniert das System der „guten Achse“.

Zudem kann auf Web-Ebene, jedes Forum, jederzeit mit neuen Nicks, sogar von ganz neuen Stellen, es muss ja nicht immer der Rechner eines Verlagsleiters oder Inhabers sein, geflutet werden. Die Täter arbeiten dabei aber prinzipiell nicht anders als „BILD“ oder einige Talk- und Public-interest- Formate im TV, oder so, wie die übergroßen Tabubrecher bei Presse, Funk und Fernsehen, die uns langsam aber sicher paranoid quatschen, anschließend aber von ihrer Täterschaft nichts mehr wissen wollen. - Muss der „dF“, muss das eine aufgeklärte „dF“- Community mitmachen? Nein!

III
Der Verweis oder Vergleich, es handele sich bei den Blog-Aktivitäten mit der bekannten IP im Hause DuMont, oder bei den nicht genannten, aber allseits bekannten, ehemaligen „dF“-Community-Mitgliedern, um Menschen die einer Art „Aufschreibsystem“ im Sinne Friedrich Kittlers literaturwissenschaflicher Definition folgten, muss heftig bestritten werden.

„Aufschreibssysteme“ sind ja vielfältig in unterschiedlichen sozialen Systemen bekannt. In der Kunst z.B., durch solche Arbeiten, wie sie Hanne Darboven mit Tagesdatums-Angaben plus einer mehr oder weniger simplen Rechenoperation produzierte, bei der die Anwendung einer Systemtechnik eine kunstvolle „Textur“ erschafft, die wiederum sinnfällig interpretiert werden kann. Oder, wie es manchen dokumentaristisch arbeitenden Fotografen (z.B. die Bechers) vorschwebt, oder als ein System aus „Hieroglyphen“ und Symbolbedeutungen, die kombiniert werden, z.B. bei Ernst Ludwig Kirchner, oder wie es im Werk mancher Filmkünstler, aber auch in bestimmten experimentellen Notationssystemen für Musik oder Texte Verwendung findet. -Arno Schmidt beherrschte das, ebenso George Perec.

Implizit stecken diese Techniken, um die ging es ja Kittler vornnehmlich, z.B. in der Festlegung auf eine bestimmte Textform oder Lyrikform, bei der dann die Beschränkung auf dieses System einen Sinn hat, spezifische Vorzüge oder Eigenschaften deutlicher erkennen lässt, zur Konzentration zwingt. Ein solches System schafft aber zunächst keinen Sinn außerhalb seiner Grenzen und schon gar keinen Gesamtsinn.

IV
„Die radikale Linke, der sich jener zuschlägt, ist ja tatsächlich marginalisiert.“ - Dass eine radikale Linke derzeit in Deutschland marginalisiert ist, darin stimme ich ihnen ebenfalls zu. Aber, dass diese Linke im Web oder auf Bloggerforen eine andere Rollenverteilung über ein bevorzugtes „Aufschreibssystem“ herstellen könnte oder wollte, dies gar mit diesen beiden erwähnten Fällen, dem „hauseigenen“ und dem "Niggemeier-DuMont Fall", etwas zu tun haben könnte, das möchte ich doch bestreiten.

Vor allem besteht überhaupt kein Zusammenhang zwischen dem Merkmal „radikal Links sein“ und den Geschehnissen um Niggemeier und Du Mont, oder den Flamwars und versuchten Flashmobs, der, gegen allgemeine Diskursregeln verstoßenden, ehemaligen „dF-Community“- Mitgliedern. - Diese Verbindung ziehen Sie, Herr Angele, so wie sie eine Verbindung herstellen zwischen Mutmaßungen über die Psyche Herrn DuMonts und einer tatsächlich bemerkenswert gut selbst- und fremddokumentierten, schweren Psychose des historischen Kammergerichtspräsidenten Schreber.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Michael Angele 29.10.2010 | 19:35

Lieber Herr Leusch,
sorry, das ist mir einfach zu lang, ich kann und will mich auf so einen langen Kommentar gerade nicht konzentrieren. Aber eines habe ich gerade noch aufschnappen können, und möchte deshalb hier präzisieren. Wenn ich schreibe, dass Paranoia ein Sinngenerator ist, ist das vielleicht nicht ganz präzise. Ich hätte vielleicht besser schreiben sollen: "Kommunikationsgenerator". Verdacht und Misstrauen erhöhen einfach die Kommunikation in einer Community messbar (man hat mir die Kurve gezeigt!). Im Sinne von Luhmann könnte man vielleicht sagen, dass dergestalt "Paranoia" in Netz (anders übrigens als sontwo) ein hochgradig anschlussfähiger Kommunikationsmodus ist. Vielleicht sollte ich dem mal nachgehen. Ich erinnere mich an interessante Ausführungen zum Misstrauen bei Luhmann.
Schöne Grüße und nochmals sorry
MA

Columbus 29.10.2010 | 21:35

Absolut, Herr Angele,

Paranoide Gedankenwelten im Medienreich sind der Vollernter zustimmender und ablehnender Kommunikation.

Das unterscheidet u.a. den realen Paranoiker, der sein stilles Geheimnis über seine unumstößliche Wahrheit der Weltzusammenhänge oder der Verschwörungen, sein Meinen über die, genau so, Gemachtheit all´ dessen was um ihn und mit Bezug auf ihn geschieht, also seine feste Überzeugung, lange bei sich trägt, bevor er in aller Öffentlichkeit entgleist, zusammenbricht und der Wahn sich durchsetzt, von dieser medialen Form.

Mein Text ist so lang, weil, wie schon "e2m" schrieb, Sie
die Sache mit der paranoiden Pathologie, mit dem A.-System (Kittler) und der Netzkultur allgemein, auf so hohem Niveau abhandelten.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Streifzug 29.10.2010 | 22:22

Lieber Herr Angele,

es ist ein Blick in den Spiegel.

Da im Internet mehr oder weniger alles vertreten ist, zeigen Auswahl und Interesse direkt auf den Auswählenden und Interessierten zurück. Es gibt genügend, die gerade an diesen Themen keinerlei Interesse haben.

Auch die angeblichen über hundert Identitäten eines Vertreters der Medien/Marketingzunft erstaunen nicht weiter, da gerade Medien/Marketing Vielfachidentitäten einsetzt (Foren, Blog, Kommentare zu Artikeln ...). Rückschlüsse in dem Fall auf die andere/n (virtuelle) Person/en, hinweg über einen virtuellen Raum, tunneln auf kurzen Weg zum Ziehenden zurück.

Bei der Frage "Wie irre ist das denn?" lautet die schlichte Antwort: "So irre wie man selbst."

Emma in Uniform 31.10.2010 | 15:27

Herr Leusch!

Mal wieder:Superbe!

Als "existierten also weniger paranoide Züge in der Publizistik, in den Medien und unter Intellektuellen, andererseits passierte viel davon unter Bloggern und im Web. - Ich glaube das nicht! Ich glaube das schon lange nicht mehr!"

Denn diesen skandalös rechthaberischen Blogger mit den 100 Identitäten als paranoid im psychopathologischen Sinne, als eben einfach "irre" und halt irgendwie "gestört" zu bezeichnen, ist m.E.n. extrem kurzsichtig und verfehlt jedes aufklärerische Ziel.

Diese Qualifizierung solchen Verhaltens befreit den Schmierfinken nur von seiner Verantwortlichkeit..eine solche Person wäre dann halt "krank" im Sinne von "psycho" und somit auf ausreichende Weise unzurechnungsfähig.

Damit hätte sich dann die komplexe Thematik auch für den gesamten Medieapparat erledigt, der heuchlerisch " entsetzte" Verweis auf eine offenbar psychische Erkrankung setzt der allgemeinen Debatte um aggressiv forcierte Deutungshoheit ein lamoryantes Ende.

Das, wie Herr Leusch so griffig erläutert, dieselben Mechanismen in den Leitmedien schon lange einen unglaublich schädigenden, weil viel subtileren, schleichend zersetztenden Prozess erzeugt haben, bleibt schön außen vor.

Ob es Dumont oder sonstwer war, die Wahrheit wird sich evtl. noch herausstellen -Tatsache ist auch für mich, das diese unbekannte Person dem neofeudalen Hang zur absolutistischen Deutungshoheit wider jedem kommunikativen Sinn und Zweck aus den Medien und der Presse in das Blogwesen übertragen hat.

Bequem und dazu billig lassen sich so Rechthaberei und Machtgehabe ausleben, die Nerven ideologischer Gegner zerbröseln, ihre Zeit und Energie verschwenden.

Deshalb wäre es besser solche multiplen Blogger einfach als das bezeichnen was Sie sind:

Arrogante machtbesessene Flitzpiepen ohne Rückrat, die am liebsten alle Anderen mit der argumentativen Faust dominieren und regieren würden.

Viele Grüße- Emma

Sarah Rudolph 31.10.2010 | 15:54

//paranoid im psychopathologischen Sinne, als eben einfach "irre" und halt irgendwie "gestört" ...//

//Diese Qualifizierung solchen Verhaltens befreit den Schmierfinken nur von seiner Verantwortlichkeit..eine solche Person wäre dann halt "krank" im Sinne von "psycho" und somit auf ausreichende Weise unzurechnungsfähig.//

Erwähnte nicht vor kurzem an ähnlicher Stelle, dass psychische Erkrankunge ja wohl kein Stigma seien?
War es Alien?
Ich bin mir nicht mehr sicher aber angesichts dieser Wortwahl und den wunderhübsch platzierten Anführungszeichen kann ich nur lachen, echt.
Das ist - von dem konkreten fall ganz abgesehen - widerlich.

Emma in Uniform 31.10.2010 | 17:14

Ach ja, "widerlich", genau.

Dankeschön für die seltsam unverbindliche Ansprache - über beispielsweise sowas lache ich. Von der hohen Warte aus rumätzen, ohne vermeintlich persönlich zu werden, nicht wahr?

Aber gut, bitte sehr:

Ich bin nicht sicher, ob wohl verstanden wurde, warum ich jene Begriffe in Anführungszeichen gesetzt habe. Denn psychische Erkrankungen sind in meinen Augen ganz sicher eines nicht: Stigmatisierend.

Ich meinte völlig im Gegenteil, daß dies bei einem unreflektierten, machtbewußten Teil der Bevölkerung allerdings als stigmatisierend empfunden wird und diesem somit als probates Mittel gilt, um Einzelne im konkreten Fall zu desavouieren, lächerlich, gar hilflos erscheinen zu lassen und sich selbst dabei aus einer konstruktiven Außereinandersetzung herauszulavieren, je nachdem, wie es passend gemacht werden soll. Um eben Menschen, wie diesen Vielfach-Blogger als unzurechnungsfähig darzustellen.

Und die ganze Problematik als ursächlich einer Krankheit statt einer medialen Methodik zuzuschreiben.

Vieleicht muss es einfach nochmal in Ruhe gelesen werden?

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ejamie 31.10.2010 | 19:58

zur sache selbst: herr angele, ihre faszination an solchen dingen ist genau so unverständlich wie die dinge selber, aber vielleicht habe ich da zu wenig verständnis für die mens journalistes, jedenfalls sind echte psychopathologien wesentlich unlustiger und werden nicht umsonst nicht in "normalen" kliniken behandelt, dieses spielchen von DuMont ist dagegen kinderaa.

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hibou 01.11.2010 | 08:26

Naja, im Allgemeinen (generellen) wettert eine jede und ein jeder gegen Mehrfachnicks. Ich gebe aber zu bedenken: Lotet ein solch multipler Schreiber net wenigstens die verschiedenen Facetten seiner Persönlichkeit aus, anstatt eisern und betonhaft immer nur seine vorgefasste Meinung von sich zu geben? Auch letzteres könnte Logorhoe sein?

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hibou 02.11.2010 | 08:44

@IDA: "Also, ich finde, wenn jemand im Netz bloggt und unter 111 Pseudonymen dazu mit sich selbst kommunizert, das hat Größe."
Was machst Du (oder Thomas Mann) anderes, wenn de n Roman schreibst? Da musste dich in alle fünftausend Personen reinversetzen. Aber hast recht. Gibt viele, die hier rumtrollen. Zum Teil unter Echtnamen.
Ausserdem:
www.freitag.de/community/blogs/hibou/fragen--zweifeln-staunen
mehr Fragen anstatt Statements abzugeben, sollten wir, gell? (Hehe, Frage eingebaut)

chrislow 04.11.2010 | 13:40

Werte Community ....

Alles furchtbar interessant und seeeeehr Aufschlußreich.

Aber kennt jemand vielleicht eine Lehrkraft, die eine Namensgleichheit mit einem bolgger andernorts teilt? Ihr name war irgendwie auch "Niggeman oder Niggemeier" oder so....und erteilte Deutschunterricht in der Primästufe(und wahrscheinlich auch Sachkunde - weil die Kombination wohl entsprechend erträglich ist)?

Wo wir gerade bei Paranoid sind...