Wo bleibt Ronald Pofalla?

Glosse Und was haben Handke und Steinbrück gemeinsam? Eine kurze Geschichte der Aggression
Ein Aggressiv-Leader: Peer Steinbrück
Ein Aggressiv-Leader: Peer Steinbrück

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

"Derjenige, der zum ersten Mal an Stelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation“, sagt Sigmund Freud. Aber Freud wusste auch, dass die Zivilisation den Menschen nicht glücklich macht, sondern neurotisch. Er möchte es nicht beim Schimpfwort belassen und will wieder zum Speer greifen. Ist der Mensch ein Dichter, will er zum wilden Dionyos werden und Appoll, dem Gott der Mäßigung, mal so richtig eins auf die Mütze geben: Vor 25 Jahren versetzte Peter Handke dem Kritiker Jochen Hieber eine Ohrfeige. Behauptet der eine. Der andere hat nun in der FAZ berichtigt, es sei ein Fausthieb gewesen, der seine Brille getroffen habe. Begleitet wurde die Szene auf einem Parkplatz in der Region Treviso von Verwünschungen: „Da bist du ja schon wieder, du Schreiber-Bubi von der FAZ.“ „Lass mich endlich in Frieden, du Federwetzer vom Mönchsberg“, entgegnete der andere.

Nun bestätigt der geschmäcklerische Ausdruck Federwetzer (fünf Google-Einträge!) einerseits den Vorwurf, ein „Schreiber-Bubi“ zu sein – „Arschloch“ wäre zweifellos treffender gewesen –, andererseits muss man konstatieren: Es ist wenigstens ein Schimpfwort. So sehr die Künstler weiter unglücklich sind, so wenig wird in den „Ausfällen gegen die kulturelle Norm“ (Karl Heinz Bohrer) offenbar noch ein Moment von Befreiung gesehen. Wann hat ein Dichter das letzte Mal einen Kritiker gehauen? Und wann musste ein Kritiker das letzte Mal zum Gegenangriff übergehen? Lieber steht man bei Verlagsempfängen einträchtig beisammen.

Ecken und Kanten

Eine These ist natürlich nur so lange gut, wie sie sich im Fußball bewährt. Es sei daran erinnert, wie die „Tätlichkeit“ zum schlechten Witz verkommen ist. Spieler A wird von Spieler B leicht geschubst und lässt sich theatralisch fallen. Mit Platzverweis geahndet wird aber das Schubsen, nicht die Schmierenkomödie. Nicht anders sieht es in der Politik aus. Alle Welt schreit nach Männern und Frauen mit „Ecken und Kanten“, und dass sie das Teflon in den Talkshows nicht mehr sehen kann. Aber wie man seelisches Leiden nur so lange als tief verklärt, bis man einen schwer depressiven Menschen vor sich hat, so wenig scheint mit Ecken und Kanten der offen Aggressive gemeint.

Man muss in diesem Zusammenhang fragen, wo Pofalla steckt. Nach allem, was man weiß, ist Ronald Pofalla noch Chef des Bundeskanzleramts, aber vermutlich wird der Mann, der nicht nur seinen Parteifreund Bosbach mit einer Verbalinjurie bedroht hat („kann deine Fresse nicht mehr sehen“), sondern bei Wikipedia mit einem Unterkapitel „verbale Entgleisungen“ bedacht wird, langsam aus dem Verkehr gezogen. Ob es gewaltlos geschieht, ist nicht bekannt. Ein weiteres Beispiel wäre die unvollendete Karriere der giftigen Renate Künast.

Nun lebt der Wunsch, zum Speer zu greifen, so lange im Menschen fort, wie es die Zivilisation gibt. Es muss eben nur der richtige kommen. Also in der Politik einer wie Peer Steinbrück, der der Steueroase Schweiz mit dem Einmarsch der „siebten Kavallerie“ drohte und die Leute in Burkina Faso beleidigte, indem er ihre Hauptstadt Ouagadougo mit Österreich verglich. Die Welt hat recht: Steinbrück „ist sprachmächtiger, aggressiver und kompromissloser als es Steinmeier oder Gabriel gewesen wären“. Und in der Bild-Zeitung sagt Ernst Elitz: "Wer ihn einlädt, weiß: Hier wird scharf geschossen."

Deshalb, und nicht etwa wegen seiner regen Vortragstätigkeit oder seiner Wirtschaftskompetenz wurde er zum Kanzlerkandidaten gemacht. Aus tiefenpsychologischen Erwägungen heraus muss man aber sagen, dass er uns auch nicht glücklicher machen wird.

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Geschrieben von

Michael Angele

Ressortleiter „Debatte“

Michael Angele, geb. 1964 in der Schweiz, ist promovierter Literaturwissenschaftler. Via FAZ stolperte er mit einem Bein in den Journalismus, mit dem anderen hing er lange noch als akademischer Mitarbeiter in der Uni. Angele war unter anderem Chefredakteur der netzeitung.de und beim Freitag, für den er seit 2010 arbeitet, auch schon vieles: Kulturchef, stellvertretender Chefredakteur, Chefredakteur. Seit Anfang 2020 verantwortet er das neue Debattenressort. Seine Leidenschaft gilt dem Streit, dem Fußball und der Natur, sowohl der menschlichen als auch der natürlichen.

Michael Angele

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