Wolf Wondratschek kommt pünktlich ...

Interview ... und bringt Mathieu Carrière mit. Bald schon muss man fürchten, dass eine Buchmesse kein guter Ort ist, um über Romaninhalte zu sprechen. Oder etwa doch?

Michael Angele

: Liebe Zuhörer, ich werde hier überraschend eine Doppelveranstaltung moderieren mit Herrn Carrière und Herrn Wondratschek.

Wolf Wondratschek

: Jeder bringt seinen Filmstar mit.

Mathieu Carrière:

Filmstars bringen ihre Fans mit (filmt mit seiner Digicam ins Publikum).

Angele

: Wondratschek ist berühmt geworden durch

Wondratschek

: Kann man ruhig sagen, ja.

Angele

: ... eine Massenbasis hatte. Aber wir sind hier, weil es ein neues Buch von Herrn Wondratschek gibt: Das Geschenk. Es handelt, in einem Satz gesagt ...

Wondratschek

: Versuchen Sie es nicht!

Angele:

Ich versuche, in einem Satz das Buch zu erklären.

Wondratschek

: Nein, versuchen Sie das nicht.

Angele:

Selbst Proust muss man in zwei Sätzen erklären können.

Carrière

: Lange Zeit bin ich immer früh ins Bett gegangen.

Angele:

Der Anfang des Buchs wäre zugleich die Zusammenfassung. Genial. Im Geschenk geht es um einen gut gealterten Schriftsteller, der auch noch eine späte Vaterfreude erfahren hat. Chuck heißt der Schriftsteller, er ist ein...

Wondratschek

: (zum Publikum) Glauben Sie ihm kein Wort!

Angele

: Dass er Chuck heißt, kann man ja nachlesen.

Wondratschek

: Das stimmt, ja.

Carrière

: Es handelt von einem alten Mann, der endlich von den Drogen loskommt.

Wondratschek

: Furchtbar. Man kann ein Buch von 170 Seiten nicht in einem Satz zusammenfassen. Das ist eine Unverschämtheit gegenüber einem Autor, der über ein Jahr lang daran gearbeitet hat. Gut, wenn Sie das als Witz machen, dann akzeptiere ich das. Aber dann müssen Sie einen witzigen Satz finden.

Angele

: Es gibt eine witzige Szene, wo Chuck eine Blasenschwäche hat und zu einer attraktiven Ärztin geht. Der Schriftsteller hat dann seine Fantasien, aber die prallen gnadenlos ab an der Frau.

Carrière

: Das lag an der Blasenschwäche. Da gibt’s doch einen Zusammenhang (filmt weiter).

Angele

: Vorhin hab ich „Popliteratur“ gesagt. Sie haben es zu meiner Überraschung angenommen. Aber eigentlich müsste man Pop- und Rockliteratur unterscheiden.

Wondratschek

: Dann würde ich sagen: Rockliteratur.

Angele

: Weil die Figur, der Chuck, ist natürlich ganz klar geprägt durch den Rock’n’Roll.

Wondratschek

: Den Rock’n’Roll der Siebziger, ja, Grateful Dead.

Angele:

Jerry Garcia!

Wondratschek:

Sieh an, der Herr Doktor.

Angele

: Wir haben doch noch einen zweiten Doktor hier, oder?

Wondratschek

: Nein, nein. Er hat vermutlich einen Doktor gespielt.

Carrière

: Ich bin nicht Doktor.

Angele

: Haben Sie nicht in Paris bei Gilles Deleuze promoviert?

Carrière:

Ja, aber damals gab es keine Titel. Mir ist das egal (filmt weiter).

Wondratschek

: Ich habe meinen Freund Mathieu lange nicht gesehen. Ich glaube, sieben Jahre nicht mehr, und heute Morgen betreten wir quasi gleichzeitig den Frühstücksraum eines Leipziger Hotels.

Angele

: Dann ist das hier Zufall?

Wondratschek:

Absoluter Zufall. Ich habe ihn lange nicht gesehen, weil ... ich bin ein Stubenhocker, und er ist unterwegs in der Welt, wie wir wissen.

Angele

: Auch der Schriftsteller in Ihrem neuen Buch lebt sehr zurückgezogen. Er hat sich aus dem Betrieb verabschiedet. Man hat aber das Gefühl, er ist nicht ganz unglücklich dabei.

Wondratschek

: Er ist glücklich. Das ist der Königsweg der Unabhängigkeit, den er immer gesucht hat. Da ist nicht Forciertes dabei. Er ist jemand, der schreibt, deswegen ist er noch lange kein Schriftsteller. Er will keinen Beruf daraus machen, sondern hat Freundschaft geschlossen mit seiner Schreib­maschine, er hat Freundschaft geschlossen mit seiner Tasse Kaffee, er hat Freundschaft geschlossen mit der Tabakpflanze, und dann hat er noch Freundschaft geschlossen mit den Drogen. Von all diesen vier Freundschaften wird ihm nur eine wirklich gefährlich, und Sie dürfen raten, welche: die Drogen. Und wie sehr dezimierte sich die Generation der siebziger Jahre – wir waren ja alle Hippies – durch falsche Benutzung von Drogen, durch Drogensucht. Es gab ja eine Zeit, wo die Drogen keineswegs etwas Ernstes hatten. Sie schienen überhaupt nicht bedrohlich.

Angele

: Er nimmt aber eine besonders verheerende Droge, Kokain.

Wondratschek

: Aber erst in den Neunzigern.

Angele

: Und kann dann irgendwann davon lassen.

Wondratschek

: Chuck wird ein neues Leben geschenkt, in dem er clean wird. Er hatte nur die Wahl, entweder zu sterben oder zu leben. Und er entscheidet sich für das Leben und nicht für einen heroischen Drogentod à la Rock’n’Roll: „Wir werden unsterblich“. Nein, er entscheidet sich für das Leben. Und die Pointe ist, dass ein weiteres neues Leben in sein eigenes neues Leben hineinkommt. Ein Geschenk. Ein Kind. Aber Chuck war und ist keiner, der vorhat, eine bürgerliche Familie zu gründen.

Carrière

: Das ist klar gesagt (filmt).

Wondratschek

: Hier haben wir C

Carrière

: „Chuck geht die Straße runter/...“(liest das Gedicht und endet:) „Chuck, der sein Kind liebt,/ Das nie zur Welt kommen wird.“

Angele

: Danke. Der letzte Vers wurde ja nun widerlegt. Was mir wirklich an Ihrem Buch gefällt: Die Beziehung zwischen Chuck und seinem Sohn wird nicht verkitscht, der Sohn hat für vieles, was der Vater macht, gar kein Sensorium. Er ist weder an der Literatur sonderlich interessiert noch am Boxen – das ihm der Vater beibringen will –, noch an der Musik. Das wird aber vom Vater akzeptiert. In einer großen Altersmilde, in einem Humor, der über allem schwebt.

Carrière

: Das war doch jetzt ein Kompliment!

Angele

: Die Schwachpunkte liegen dagegen auf der Hand: Es sind die Frauenfiguren, aber das ist bekannt: Bei Wondratschek, sagt die Forschung, dominiert ein machistisches und klischiertes Frauenbild. Dazu brauch ich mich nicht weiter zu äußern, oder?

Wondratschek

: Das stimmt ja nicht. Jetzt tun Sie, was Zeitungsjournalisten mir immer vorgeworfen haben, was nie gestimmt hat.

Angele

: Es ist ja unterschiedlich. Die schönste Frauenfigur im Buch ist signifikanterweise die, zu der es keine sexuelle Beziehung gibt.

Wondratschek

: Diese Freundin kommentiert ja sowohl seine Vaterrolle wie auch seine Ansichten über Frauen. Sie ist die einzige, die ihm die Wahrheit sagen darf. Aber sie macht es mit Einsicht und Humor. Und er hört sehr genau zu. Wenn er sich über Frauen äußert, dann beschimpft sie ihn nicht als Macho, sondern nimmt ihn in den Arm und sagt „Es ist nicht alles Gold, was aus deinem Mund kommt, wenn du über Frauen redest.“

Angele

: Sie sagt damit nur, was Kritik und Wissenschaft auch sagen.

Wondratschek:

Nein, man darf eine Romanfigur nicht zum reinen Ideenträger machen, eine Romanfigur muss man wie einen Menschen porträtieren. So auch Chuck. Der hat seine Macken. Gewisse Dinge an ihm sind sehr problematisch.

Angele

: Wissen Sie, mich hat es sehr an Philip Roth erinnert. Diese gebrochenen älteren Machos, die natürlich gerade darin stark werden, dass sie sich ihrer Schwächen bewusst werden. Im Grunde funktioniert die Figur...

Wondratschek:

Das ist doch banal, kein Leser wird einer Figur glauben, die aus einem Guss ist. Ihr seid eine Tageszeitung?

Angele

: Nein, eine Wochenzeitung.

Wondratschek:

Also, habt ihr das Buch schon besprochen?

Angele

: Nein.

Wondratschek

: Habt ihr es an einen Kritiker vergeben?

Angele

: Nein, noch nicht. Aber wir haben hier ja noch einen Literaturexperten. Haben Sie es gelesen, Herr Carrière?

Carrière

: Nee, ich kenn es noch nicht. Ich habe ihn ja heute erst wiedergetroffen. Und er schickt mir seine Manuskripte nicht vorher zu. Aber ich bin sehr gespannt, und natürlich kenn ich den Wolf. Ich kenne auch seinen Sohn übrigens.

Angele:

Aber er hat ja keinen Schlüsselroman geschrieben, oder?

Carrière

: Jeder Text von Wolf ist ein Schlüsselroman. Und auch jeder Einzeiler ist ein Schlüsselroman.

Wondratschek

: So dürfen nur Leute reden, die nicht Journalisten sind, sondern... Freunde. Aber ­Mathieu hat ja so recht. Arnold Schönberg hat einen Herzinfarkt überlebt und das in seinem vierten Streichquartett verarbeitet. Schostakowitsch hat seine Herzrhythmusstörungen vertont. Alles ist Biografie. Alles ist aus dem eigenen Leben. Nichts, rein nichts ist erfunden. Das gibt es nicht. Nur: Es verwandelt sich im besten Fall in autonome Kunst. Und ich lege großen Wert darauf, dass das ein literarisches Werk ist. Fast hätte ich gesagt: ein literarisches Kunstwerk. Es ist Literatur geworden.

Carrière

: Das Interessante an Wolf ist zum Beispiel, dass man nie so recht weiß, ob die Prosatexte Lyrik oder die Lyriktexte Prosa sind. Das, was du mit Kunstform meinst, ist bei dir eigentlich ein neues Genre. Wie ich es sonst kaum kenne.

Angele:

Der Roman integriert seit dem 18. Jahrhundert alle anderen Kunstformen, sag ich mal klugscheißerisch, insofern...

Carrière

: Dann lassen Sie mich mal klugscheißerisch antworten: Romane sind Schnee von gestern. Es ist weder ein Roman noch ein Gedicht. Schauen Sie (nimmt das Buch). Steht da „Roman“? Sehen Sie. Es ist, glaube ich, ein Proto-Prosatext.

Wondratschek

: Komm, setz’ dich hierher.

Carrière

: Nein, ich will mich nicht hinsetzen.

Angele

: Die Zeit ist leider um.

Wondratschek

: (ans Publikum) Entschuldigen Sie, wenn wir nicht das geliefert haben, was dem hohen Niveau einer Leipziger Buchmesse entspricht. Der Ort, um einem Buch zu begegnen, ist aber eben nicht das Gespräch auf einer Buchmesse. Also, ich will zum Abschluss noch sagen, es ist natürlich nicht nur ein Roman über eine Vater-Sohn-Beziehung, es ist gleichzeitig die Geschichte über das Älter- und das Altwerden eines Mannes, dann ist es, auf einer anderen Ebene, die Geschichte über das Überstehen. Dann gibt es eine weitere Ebene: das Geld. Ein großes Thema. Gleich auf der ersten Seite steht einer meiner Lieblingssätze: „Wichtiger als Geld ist die Ruhe dessen, der keines hat.“

 Nun ist das Geld natürlich etwas Notwendiges, jeder von uns weiß das, jedes Mal, wenn ich meine Wohnung verlasse, kostet mich jeder Schritt Geld: eine Zeitung kaufen, Zigaretten kaufen, Straßenbahn fahren, ein Brötchen kaufen. Und dieses Geld muss man irgendwie verdienen. Wie will ich es verdienen? Und wie unabhängig und unbestechlich bleibe ich dabei? Viele Leute sagen ja: Ins Dschungelcamp gehe ich für 10.000 Euro nicht (Wendet sich an C.). Aber wenn Sie mir 100.000 geben, dann würde ich reingehen. Was sind wir bereit zu tun für Geld?

Der Reichtum eines Buches besteht nun darin, dass es ein Gewebe schafft aus vielen Geschichten, aber eines ist das Allerwichtigste: Sollte jemand beim ersten Lesen alles verstanden haben, hätte ich ein schlechtes Buch geschrieben. Nabokov sagte mal: „Nicht das Lesen ist das Entscheidende, das Entscheidende ist das Wieder­lesen.“ Wenn ein Buch seine Rätsel und sein Geheimnis behält, sodass man es wieder lesen kann, dann bin ich am Ziel meiner Wünsche. Ich selber kenne Bücher, die ich immer wieder lese. Es gibt einen Zauber von Literatur, der un­erschöpflich ist. Und jetzt habe ich doch noch etwas Vernünftiges gesagt.

Das GeschenkWolf Wondratschek Hanser 2011, 170 S., 17, 90

Wolf Wondratschek (geb. 1943) war kurz Redakteur der Zeitschrift text und kritik. Seit 1967 freier Schriftsteller und Dichter mit Sitz in München. Bekennender Box-Fan, Literaturbetriebsflüchtling, lebt heute in Wien.

Mathieu Carrière (geb. 1950) wurde als Schauspieler in der Rolle des jungen Törless be-kannt. Schrieb über Kleist, nahm an der fünften Staffel von Ich bin ein Star holt mich hier raus teil. Debütierte jüngst als Romancier mit Im Innern der Seifenblase

12:00 15.04.2011
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