Zeitungen sollten mehr Selbstkritik wagen

Wulff und Co. Die "Harrisburg Patriot-News" hat sich für einen uralten Leitartikel entschuldigt. Auch wenn es sich um einen PR-Gag handelt, hat der Fall Vorbildcharakter
Ausgabe 47/2013

Bis vor ein paar Tagen waren die Harrisburg Patriot-News in Deutschland höchstens ein paar Spezialisten ein Begriff. Nun aber dürfte der Name ein paar Menschen mehr bekannt vorkommen. Warum noch mal? Daher: Die Harrisburg Patriot-News hat sich für einen ur-ur-uralten Leitartikel entschuldigt. Am 19. November 1863 wurde eine Rede des Präsidenten Abraham Lincoln zur Eröffnung des Soldatenfriedhofs von Gettysburg in den News mit offenbar schlechten Argumenten kritisiert. „Dummes Geschwätz“ schrieb die Zeitung nun in einem Leitartikel 150 Jahre später, die Rede ist von „Alkoholkonsum“.

Das zielt natürlich auf die Aufmerksamkeit der anderen Medien, darauf, im Ressort „Vermischtes“ zitiert zu werden, und es hat offenbar funktioniert: Die Meldung stand sogar in diversen deutschen Zeitungen, unter anderem auf Spiegel online. Ihren Charme gewinnt dieser Marketing-Gag natürlich daraus, dass Zeitungen, ihre Macher und ihre Leser normalerweise ein eher schwaches Gedächtnis haben. Zeitungswissen verflüchtigt sich schnell, verliert sich im Novembertrüb. Dann aber schlägt die Stunde eines wunderbaren Wesens: „Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

Nun, mit der Eule der Minerva hatte der Philosoph Hegel, wie man heute weiß, nicht die Philosophie, sondern die Medienkritik gemeint. Medienkritik holt das Geschwätz von gestern unter den Lampenschirm der Jetztzeit. Man denke an den Fall des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff. Wir fühlen ja, dass die Zeitungen, die jetzt Hott sagen, noch gestern Hü geschrieben haben. Aber so genau wissen wir es eben nicht mehr. Der Medienjournalist Ronnie Grob belegt es für den Fall der Bild-Zeitung durch eine einfache Twittermeldung: „‚Bild‘ im Februar 2012 : ‚Noch immer keine Ermittlungen gegen Wulff!‘ ‚Bild‘-Titelschlagzeile heute: ‚Ist der Wulff-Prozess wirklich nötig?‘“

Nun sollten Zeitungen die Aufklärung über ihr Geschwätz von gestern aber nicht nur an professionelle Dienste outsourcen. Sie sollten auch viel mehr Selbstkritik üben. Das Beispiel der Patriot-News zeigt ja, dass Selbstkritik einen positiven werblichen Effekt hat. Wilhelm Busch hat das einmal so ausgedrückt. „Die Selbstkritik hat viel für sich. Gesetzt den Fall, ich tadle mich, so hab’ ich erstens den Gewinn, dass ich so hübsch bescheiden bin. Zum zweiten denken sich die Leut, der Mann ist lauter Redlichkeit. Auch schnapp’ ich drittens diesen Bissen vorweg den andern Kritiküssen.“

Man stelle sich nur einmal vor, die taz hätte nach ihrem voll in die Hose gegangenen Interview mit Philipp Rösler über Rassismus und der Welle der Empörung, die die Sache ausgelöst hat, auf ihrer Titelseite ein großes „Wir entschuldigen uns“ gedruckt – die Sache hätte im Sinne Buschs enden können: „So kommt es denn zuletzt heraus, dass ich ein ganz famoses Haus.“

So aber sind Chefredakteurin und Blatt nachhaltig beschädigt. Aber es müssen ja nicht immer die großen Fehler sein, für die man sich entschuldigt. Auch Kleinvieh macht Mist. Im Medientagebuch von vor exakt zwei Jahren behauptete ich, dass die Linke untergehen würde, wenn sie nicht mehr Klatsch und Tratsch wagt. Ich schrieb damals: „So richtig es ist, nach dem Verhältnis von Politischen zum Privaten zu fragen …“ Und meine heute: Wie kann etwas richtig sein, wenn doch schon die Grammatik nicht stimmt? Damit fängt’s doch an!

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