Mittelglied

OST-WEST-MIGRATION Ein Institut in Leipzig will den weißen Fleck in Forschung und Politik füllen

Nina Penner versteht nicht alle Fragen, aber das erste, was sie ungefragt loswerden möchte, ist eine Danksagung an das Deutsch-Russische Zentrum in Leipzig. Hier habe sie Hilfe und Unterstützung erhalten. Inzwischen leitet sie das Chor- und Tanzensemble "Retschenka", das etwa 100 Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion vereinigt. Wer kümmert sich sonst um jene, die gemeinhin nach wie vor als "Russen" bezeichnet werden und bei denen jeder volksdeutsche Patriotismus namentlich aus rechter Ecke verstummt?

"Die Integration von Spätaussiedlern ist überhaupt noch nicht strategisch bedacht worden!" Herbert Schmidt, der Geschäftsführer des Deutsch-Russischen Zentrums, sieht weder die Risiken der Immigration noch deren Chancen richtig erkannt. 1,3 Millionen Ost-Wiedereinwanderer soll Deutschland seit Kriegsende aufgenommen haben, die Mehrzahl nach 1992. Einer der Gründe, warum das Zentrum nunmehr seine bislang sporadische wissenschaftliche Begleitung institutionalisiert hat. Am 12. Mai wurde im Leipziger Rathaus unter den Klängen des "Retschenka"-Chores ein "Institut für West-Ost-Studien" gegründet. Am gleichen Tag übrigens, an dem auf Beschluss des Wissenschaftsrates das Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin schließen musste.

Gründungsdirektor Jürgen Kunze nennt drei Arbeitsschwerpunkte: Soziologische Untersuchungen zu Migration und Integration, Kulturgeschichte und schließlich die Betrachtung ethnisch-kultureller Konflikte in den Randregionen der ehemaligen Sowjetunion. Dazu will man mit möglichst vielen akademischen Einrichtungen zusammenarbeiten und der Politik Empfehlungen anbieten. In letztere Richtung zielen weiterreichende Überlegungen von Geschäftsführer Schmidt. Während das Asylthema beinahe ständig die Öffentlichkeit bewege, sei die verwandte Spätaussiedlerproblematik ein weißer Fleck der Tagespolitik. Hier will man schlichtweg mehr Aufmerksamkeit erregen. Dabei sollten auch die unterschiedlichen Bedingungen in Deutschland berücksichtigt werden. Während im Westen in Jahrzehnten erworbene Behördenroutine und erprobte Strukturen manche Formalitäten erleichterten, biete die ehemalige DDR atmosphärisch bessere Voraussetzungen. Russische Sprach- und Landeskenntnisse, und seien sie noch so rudimentär, würden dazu beitragen. Zugleich sei wegen der wirtschaftlichen Probleme der Sozialneid im Osten ausgeprägter. Schmidt hält deshalb die Zuzugsbegrenzung auf 100.000 Aussiedler jährlich für sinnvoll. Ein zentrales Integrationsproblem ist für ihn der Grad der erwarteten Assimilation der Spätaussiedler. "Wir sollten ihre nationale Würde nicht verletzen und nicht gleich ein vollständiges Aufgehen in der deutschen Gesellschaft verlangen." Gemeint ist die nationale Würde russischer Prägung, mit der sie nun einmal hier erscheinen.

Ganz offen ist im Institut auch von Selbsthilfe, von Arbeitsbeschaffung für arbeitslose Akademiker die Rede. Gedacht ist dabei nicht nur an jene, die die Hochschulerneuerung in Ostdeutschland nicht überstanden. Der Afrikanist Jürgen Kunze beispielsweise war bis 1990 an der Karl-Marx-Universität Leipzig für internationale Beziehungen zuständig. Gedacht ist vor allem an das völlig brachliegende akademische Potenzial unter den Spätaussiedlern. In aller Regel gingen diese Kräfte nach einem halben Jahr in die Sozialhilfe, wollten aber um ihrer Selbstachtung und geistigen Gesundheit willen arbeiten, und sei es unentgeltlich. Sie könnten viel stärker an ihrer eigenen Integration mitwirken. "Wir müssten angesichts der Geburtenstatistik und des gegenwärtig diskutierten Fachkräftproblems eigentlich froh sein über diese Zuwanderung", erklären Schmidt und Kunze übereinstimmend. Die ostdeutschen Länder hätten noch nicht richtig begriffen, dass sie Mittelglied einer Migrationskette in Ost-West-Richtung sind. Sachsen beispielsweise hat mit dem Geburtenknick und der West-Abwanderung den Verlust von fast einer halben Million seiner ursprünglich 4,9 Millionen Einwohner hinnehmen müssen. Es ist faktisch Ein- und Auswanderungs-Bundesland zugleich.

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