Apokalyptische Späße

Nachruf Zum Tod des radikalen Postmodernisten David Foster Wallace (1962-2008)

Eine der quälendsten Geschichten, die der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace je geschrieben hat, handelt von einem unbesiegbaren Feind: der Depression. Sie findet sich in seinem Band Kurze Interviews mit fiesen Männern (deutsch 2002) und erzählt von einer entsetzlich leidenden Frau, die von den stereotypen Ratschlägen ihrer Therapeutin noch tiefer ins Unglück gestürzt wird. Das Opfer der Depression agiert von Beginn an nur noch als psychomedizinisches Objekt, als "depressive Person", die sich in endlose Gespräche mit ihrem "Bezugssystem", einem Kreis ausgewählter Freunde, verstrickt. In dieser Frau, so gestand der Autor vor Jahresfrist in einem Intervie, habe er eigene "Charakterzüge" wiedererkannt. Und er hat auch auf das Aussichtslose dieser seelischen Verfassung hingewiesen: "Bei uns gibt es ein Sprichwort: ‹Gib einem Mann genug Seil, und er erhängt sich.›" Vor einer Woche ist David Foster Wallace, gerade mal 46 Jahre alt, in seinem Haus im kalifornischen Clarmont von seiner Frau Karen Green tot aufgefunden worden. Er hatte genug Seil, um die Qualen seiner Depressionen zu beenden.

Ein literarischer Extremist, ein schriller Vertreter der amerikanischen Postmoderne, hat nun die "Kriegsführung gegen das eigene Ich", von der eine seiner Erzählungen spricht, jäh beendet. Was bleibt, ist das Opus Magnum von Wallace, der im amerikanischen Original 1996 erschienene Roman Infinite Jest (Unendlicher Spaß), ein Monstrum von 1.000 Seiten und fast 400 "Anmerkungen und Errata". Dieser Ausschweifungs-Roman ist ein wortgewaltiger und tief pessimistischer Ausflug in die Abgründe dervon unheilbaren Süchten und medialer Überfütterung zermürbten spätkapitalistischen Zivilisation. Ein seelisch zerrissener Student einer Tennisakademie bei Boston und ein Ex-Junkie, der sich in einem Rehabilitationszentrum in die Welt zurücktastet, sind hier die Stichwortgeber einer ebenso wortgewaltigen wie radikal desillusionierenden Weltbetrachtung. Nicht nur die westliche Welt und ihre medialen Illusionsmaschinen scheinen hier zu bersten, auch die in endlose Spiralen verschraubten Satzkonstrukte, die Wallace analog zur Überkomplexität einer aus den Fugen geratenen Informationsgesellschaft geschaffen hat. Nach über sieben Jahren Übersetzungs-Arbeit soll im Herbst 2009 die deutsche Fassung dieses epischen Gewitters vorliegen.

In Deutschland bekannt wurde Wallace 2001 mit seinem Erzählband Kleines Mädchen mit komischen Haaren. Es waren böse, kalte Geschichten von den Verwüstungen in unseren Seelen und von der elektronischen Belagerung unserer Sinne. Diese Stories waren Teil einer profunden Schockästhetik, die als Attentate auf das moralische Sensorium der Leser angelegt sind. Wenn sich beispielsweise in der Titelerzählung Kleines Mädchen mit komischen Haaren fünf vergnügungshungrige und gewaltverliebte Jugendliche aus der Punk-Szene um einen unkonventionellen Rechtsanwalt aus Los Angeles gruppieren und ihn als Bündnispartner für ihre perversen sexuellen Bedürfnisse gewinnen, dann werden alle Normen zivilisierten Verhaltens außer Kraft gesetzt. Wallace lässt seine Helden ein Konzert des Pianisten Keith Jarrett besuchen, wo sie sogleich einer wahnhaften, LSD-gestützten Obsession verfallen und das Haar eines kleinen blonden Mädchens zu absonderlichen sexuellen Selbststimulationen nutzen wollen. Der schwarze Realismus von Wallace wird nicht nur hier von einem pessimistischen Menschenbild getragen, das nur noch wölfische Existenzen kennt.

Man hatte bei der Lektüre der Stories von Wallace oft den Eindruck, als sei das Interesse des Autors an der kalten Schilderung seelischer Verkrüppelungen und psychischer Abnormitäten zu einer zynischen Leidenschaft geworden. Seine Leser konnten sich mit der Illusion trösten, der Autor habe mit der grausamen Schilderung von psychischen Höllenfahrten die ihn quälenden Depressionen domestiziert. Wie einer seiner Protagonisten in Infinite Jest war Wallace ein Tennis-Genie, der schon während seines Studiums ein Buch über "die Entdeckung des Unendlichen" schrieb. Aus dem Tennis-Genie wurde dann ein literarischer Chronist unserer von Medien-Müll verstopften Wahrnehmung. Nur wenige haben geahnt, dass David Wallace eine seiner Geschichten aus den Kurzen Interviews mit fiesen Männern so rasch in die Tat umsetzen würde. Die Geschichte trägt den Titel: Selbstmord als eine Art Geschenk.

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