Aufstand der Zeichen

Naturwunder Zum 70. Geburtstag der Lyrikerin Elke Erb am 18. Februar

Das Weltende war für diese Dichterin einst fast mit Händen zu greifen. In Elke Erbs Kinderzimmer in dem weltverlorenen Eifeldorf Scherbach war nämlich das Fenster so hoch angebracht, dass man nur noch den Himmel sah. In diesem fernen Oben müsse die Welt zu Ende sein, glaubte das Mädchen, für das die Welt nur aus den Wiesen und Wäldern rund um die drei Bauernhäuser ihres Dorffleckens bestand. Durch dieses magische Fenster konnte man alle entbehrlichen Alltagsgegenstände hinauswerfen, denn am Weltende, so das Phantasma des Mädchens, können tote Dinge problemlos entsorgt werden. Eines Tages schien aber die reale Apokalypse in der Dorfidylle heraufzudämmern, als plötzlich ein abgestürztes Flugzeug auf den Feldern lag und kurz darauf amerikanische Panzer über die Dorfstraße rollten. Der Kindheitstraum der Elke Erb, der um ihre "Königin Mamma" und deren verlockenden Hagebuttenkonfekt kreiste, war zu Ende.

Es gibt nur wenige Texte, in denen Elke Erb so eindringlich, in erzählerischen Sentenzen, die Urszenen ihrer Kindheit geschildert hat. In den 1970 entstandenen Eifel-Erinnerungen hat sie diese Bilder des Anfangs aufgezeichnet und einen Satz darin untergebracht, der einen Vorblick auf ihre poetische Praxis erlaubt. "Ein Kind, das weit in die Welt hineingeht, erwartet das Wunder", heißt es hier an einer Stelle - und tatsächlich ist die Dichterin, die am kommenden Montag 70 Jahre alt wird, noch immer unterwegs auf diesem Weg, auf dem sie mit nicht nachlassender Neugier nach dem "Wunder" Ausschau hält.

Dieses Wunder erwartet Elke Erb, seit sie in den sechziger Jahren zur Dichterin wurde, von immer neu zu gewinnenden, sich fast auto-poetisch generierenden Konstellationen der Sprache. Im Vorwort zu ihrem neuen Buch Sonanz, das auf stattlichen 320 Seiten ein Archiv von "5-Minuten-Notaten" angelegt hat, spricht sie im Vorwort vom Schreiben als einem physiologischen Prozess, der ohne Zutun des Autors seine eigenen poetischen Kombinatoriken hervorbringt. Die Sprachverknüpfungen begreift sie als "Inschriften unter der Haut", die ihr eigendynamisches Possen-Spiel treiben: "Ich sah den Poesien zu, die sie hervorbrachten, und dachte, ich hätte das schwerlich zuwege gebracht."

Dabei hat sie doch erwiesenermaßen eine ganze Menge an produktiven Sprach-Spielen und Sprach-Entfesselungen zuwege gebracht, seit sie 1966 nach Berlin kam und als Dichterin die DDR-Poesie aufzumischen begann. Als Elfjährige war sie 1949 mit ihrer Familie nach Halle an der Saale übergesiedelt, wo sie nach einigen Jahren der tastenden Selbstsuche und eines Studiums der Germanistik und Pädagogik als Lektorin im Mitteldeutschen Verlag zu arbeiten begann. Nach Begegnungen mit Sarah und Rainer Kirsch, Adolf Endler und Heinz Czechowski wurde sie bald zu einer Art Novizin der "Sächsischen Dichterschule". In ihren gemeinsamen Ehejahren mit Adolf Endler entdeckte sie das sorbische Dorf Wuischke als primäres Inspirationszentrum - und als Ruhepunkt fernab der Turbulenzen am Prenzlauer Berg.

Seit ihrem ersten Gedichtband Gutachten von 1975 ist das Schreiben für Elke Erb zu einer elementaren Lebensäußerung geworden: "Dichten ist wie Ein- und Ausatmen", heißt es im Band Die Crux (2003) - und diese existenziale Produktion hat auch Konsequenzen für die literarische Form. Elke Erb liebt das "prozessuale Schreiben", das auf der Vorläufigkeit der Textgestalt, auf Offenheit und Revidierbarkeit der Form und auf der permanenten Selbstreflexion des Autors beharrt. Der poetische Rohstoff, die Arbeitsskizze und das in Druckform übergegangene Gedicht kommentieren sich hier gegenseitig in einem fortlaufenden Dialog: ein "work in progress", das kein Risiko scheut.

Das neue Buch Sonanz nennt als Quelle dieses unendlichen, sich immer wieder korrigierenden Schreibens die "ohne-Ziel-hier-Passion" - eine Passion, die sich in Elke Erbs berühmtestem Buch, dem mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichneten Band Kastanienallee von 1987, als poetische Symbiose von Gedicht und Kommentar manifestiert. Hier geschieht es nicht selten, dass ein dreizeiliges Gedicht von einem assoziativ wuchernden Kommentar von 20 Seiten flankiert wird. So wird das Gedicht auf seine vokabulären Quellen und semantischen Hintergrundstrahlungen hin durchsichtig gemacht - ein Verfahren, das niemand in so rigider Konsequenz durchexerziert hat wie eben Elke Erb.

Drei Jahre vor dem poetischen Coup mit der Kastanienallee hatte die Dichterin gemeinsam mit dem später als begabten Doppelagenten enttarnten Sascha Anderson eine aufsehenerregende Lyrik-Anthologie auf den Weg gebracht: Berührung ist nur eine Randerscheinung. Diese Textsammlung ist einer der wichtigsten Markierungspunkte in der Lyrikgeschichte der DDR - mit ihr waren jene lyrischen Exzentriker und nicht-offiziellen Literaten, die einen "Aufstand der Zeichen" gegen die ideologischen Sprachregelungen des SED-Staates entfesseln wollten, endgültig durchgesetzt.

Ohne die literarischen Offensiven Elke Erbs hätte dieser Akt der Überschreitung von Sprachgrenzen und der Auflösung von Konventionen in der DDR-Lyrik wohl nie die ihm eigene Dynamik erreicht. Die einstige Mentorin der später unsanft entzauberten "Prenzlauer Berg Connection" ist ihren Weg der Sprach-Erkundung mithilfe einer offenen Poetik seither immer weiter gegangen; eine Sprachsucht, die ihr mitunter auch spöttische Kommentare eintrug. Wo Erb-Fans das in der Kastanienallee beschworene "Naturwunder Wortspiel" feiern, da sehen Skeptiker oft nur die "kommunikationsunfreudige Gestalt" ihrer Gedichte (Christa Wolf) und eine hoffnungslos inkohärente Struktur.

Richtig ist: Elke Erbs Spracherkundung, die auf Abwehr von Klischees bedacht ist, funktioniert nicht als gemütliches, kumpaneihaftes Parlando. Ihre Aufzeichnungen verstehen sich eben als Bewusstseins-Inventur, als Situierung eines ungefestigten Ich in wechselnder Topographie und Sprachlandschaft. In den "5-Minuten-Notaten" der "Sonanz" stehen sehr skizzenhafte Texte neben wunderbar sprachbesessenen Wort-Meditationen, die um eine bestimmte Vokabel oder eine Lautstruktur kreisen. Die Fähigkeit zum Staunen über das Rätsel der Sprache wird dieser Dichterin so schnell nicht abhanden kommen: "Ich will nicht über eine Brücke gehen, die pons heißt. / Ein Widerstreben, Sich-Sträuben, chaotisch rundum, jäh / zur Figur verkrampft, Skulptur, ein erstarrter Aufruhr, / verschreckt alle Bewegung zurück in sich! / So? Nein, pons kann nicht sein als Brücke! / Ein Ufer, das andere, darunter Wasser. / Bridge vielleicht?"

Elke ErbSonanz. 5-Minuten-Notate. Urs Engeler Editor, Basel /Weil am Rhein 2008, 320 S., 21 EUR

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