Das Gedicht im Sprachquintenzirkel

TEXTGALERIE ...

    Katharina Höcker

    Préludes

    (aus einem Zyklus)

    spiel,

    zunächst fielen frühere

    träume dies sind die augen aber du gingst nicht noch

    heute verlassen bewegt sich die erde als kind geschlossen zur

    tür, es tötet

    jetzt täglich nicht einmal von

    oben im bettgrund verschüttet frühere träume dies sind die

    perlen ein berstendes

    grab, aber ich

    breche nur manchmal vollkommen verlassen die

    erde als augen noch heute geschlossen aber du

    gingst nicht tötet zur

    Es ist ein alter Traum der Dichter, die Formgesetze der Musik als der eigentlichen Ursprungskunst der Lyrik in die Sprachgestalt des Gedichts hinüberzuretten. Wer als Lyriker die formale Korrespondenz zur Musik sucht, der bevorzugt oft eine rigide Regelhaftigkeit, gewonnen aus den formalen Strukturen der musikalischen Werke selbst. Auch Katharina Höckers lyrischer Zyklus préludes orientiert sich streng an den Formprinzipien des von ihr ausgewählten Werks, ja, er zeigt deutlich eine Tendenz zur formalen Überbietung der musikalischen Vorlage. Der préludes-Zyklus, so verrät uns denn auch eine poetologische Notiz der Autorin, folgt im Aufbau und der "inneren Bedeutungsstruktur" den Préludes von Frédéric Chopin.

    Die 26 Präludien Chopins verwandelt Katharina Höcker in einem schöpferischen Prozess der permanenten Wörter- und Bedeutungsverschiebung, immer nach Maßgabe ihres "Sprachquintenzirkels", in einen sehr umfangreichen Zyklus, der nach Abschluss 78 Gedichte umfassen soll. Im ersten Teil von Höckers préludes, der bereits als Gedichtband vorliegt, bleiben die traditionellen Versstrukturen und metaphorischen Standards des Gedichts unangetastet. Im zweiten, noch unveröffentlichten Teil, aus dem der vorliegende Text stammt, wird die formale Geschlossenheit des Gedichts in mehrfacher Hinsicht aufgesprengt.

    Als vorherrschende Stilfigur wird schon im Motto des zweiten Teils das sogenannte Anakoluth aufgerufen. "Anakoluth" - das meint ja die grammatisch oder semantisch sinnwidrige Satzfortführung, die Perpetuierung der semantischen Brüche. So vollziehen die Gedichte dieses Zyklus die syntaktische Entkopplung von Sinneinheiten, bei gleichzeitiger Akkumulation von Sinn-Möglichkeiten. Das jeweils letzte Wort des Einzelgedichts greift über in das nächstfolgende Gedicht des Zyklus, das wiederum auf ein offenes Ende zuläuft. In einer Art Endlosschleife bewegt sich der zyklisch gebaute Text fort - ohne Rücksicht auf semantische Verluste.

    Es ist eine Sache, diesem Murmeln der Sprache, den immer wieder neu und immer wieder anders konstellierten Wortketten zu folgen - eine andere ist das nie zu unterdrückende Bedürfnis, in diesem Sprach-Kaleidoskop gegen jede Erwartung eben doch markante Sinn-Muster zu identifizieren.

    Das hier evozierte "Spiel", so scheint es, führt in den Erfahrungsgrund früher Kinderträume und -traumata hinab. Der zeitliche Bogen des Gedichts spannt sich jedenfalls zwischen Kinderzeit und Jetztzeit, zwischen "früheren träumen" und einem "heute". Wir betreten einen poetischen Raum, der polar gebaut ist: Man bewegt sich nicht nur temporal zwischen einem "Früheren" und einem "heute", sondern auch personal zwischen einem "Ich" und einem "Du". Den Schlüsselwörtern dieses Textes begegnet man immer zweimal: den Substantiven "träume", "erde" und "augen" ebenso den Epitheta "verlassen" und "geschlossen", nicht zuletzt dem drohenden Verb "tötet". In den "früheren träumen" sind offenbar Erfahrungen der Verlassenheit und Einsamkeit deponiert. Es sind mehr innere als äußere Bilder, die hier von den "augen" gesehen werden. Als furchtbare Drohung und verstörendes Schockmoment wird jeweils ans Ende einer Sequenz die Ankündigung des "Tötens" gesetzt. Im Zentrum des Gedichts, zwischen der dritten und vierten Sequenz, wird dann auch noch mit einer paradoxen Fügung "ein berstendes/grab" beschworen - dieses düstere Bild erscheint als Drehachse des gesamten Textes. Alles drängt in diesem Gedicht auf die Erfahrung des Verlassenseins und auf die Todesdrohung zu. Ein "Spiel" mit tödlichem Ausgang.n

    Katharina Höcker, geboren 1960, lebt in Hamburg. 1998 erschien ihr Debütband préludes in der Edition Postscriptum des Zu Klampen Verlags. Der vorliegende Ausschnitt aus dem "préludes"-Zyklus ist noch unveröffentlicht.

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