Das streumende Gedicht

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Wenn ich schreibe, bin ich allein ... Ich bewege mich auf den Fokus meiner Sehnsucht zu. Ich müsste mich nicht bewegen, wenn ich schon da wäre, wo ich bin. Ich will also irgendwo hin. Wohin genau? ...Dieser Impuls, mein Gedicht überhaupt zu schreiben ... treibt mich zu einer Körperbewegung an, die mit dem Singen, dem Beten, Murmeln, dem Neinsagen, dem Träumen, dem Rennen und dem Streunen verwandt ist. Die schreibende Bewegung ist mit dem Ort, an dem ich mich befinde, identisch. Deswegen bilde ich Bewegung und Ort in einem Wort ab: Das nenne ich Streumen. Ich streume. ... Mein Gedicht streumt. Und damit geht es los".

So beginnen sie, die Suchbewegungen der jungen deutschen Lyrik: mit Sprachgesten des Aufbruchs, mit einem In-Bewegung-Setzen semantisch offener Sprachzeichen, mit lyrischen Impulsen, die sich nicht um eine feste Bedeutung gruppieren oder gar eine geschlossenen metaphorische Welt aufbauen wollen, sondern eher dem Vagabundieren gleichen - Sprachbewegungen also, die sich erst in das Reich der Zeichen hineintasten, bevor sie ihre Richtung finden. Die 1979 geborene Lyrikerin Ulrike Almut Sandig beschreibt in "Hermetisch offen", ­einer Sonderausgabe der Zeitschrift intendenzen (hrsg. von Ron Winkler, Berlin 2008) diese vagabundierende Bewegung mit ihrem Kunstwort "streumen", das zum einen eine Ortsbezeichnung ist, zum andern aber den Aufbruch ins Ungewisse meint. "Streumen" ist ein Dorf im ostelbischen Sachsen, in dem die Autorin aufgewachsen ist, und meint zugleich die vagabundierende Tätigkeit des lyrischen Subjekts. Ein Ich beginnt aus einer Verborgenheit heraus zu schreiben und beginnt zu "streumen" - und im günstigsten Fall lösen sich alle festen Bedeutungen aus ihren Verankerungen. Bei Ulrike Almut Sandig ist das Ich unterwegs ins Ungewisse, stets schwankend zwischen provisorischem Verweilen und nervösem Aufbruch - ein Ziel ist vorerst nicht in Sicht.

Diese Gedichte formulieren eine tastende Suche: das sanft fluktuierende Gedanken-Protokoll einer Selbstvergewisserung. Es ist zugleich ein in Gedichten imaginiertes Wechselspiel zwischen Verankert-Sein und Unverankert-Sein. Das Ich kann auf keinem festen Standort beharren, sondern stellt das einmal Erreichte sofort in Frage, um gleich einen neuen Ort, ein neues Ziel ins Auge zu fassen. Auch die Sprache selbst horcht in sich hinein, um die Verlässlichkeit der gefundenen Wörter zu prüfen. Diese skeptische Verhaltenheit des Sprechens, das sich ständig selbst in Frage stellende lyrische Erzählen macht den großen Reiz von Sandigs Poesie aus. Am Ausgangspunkt vieler Texte steht ein Kind in der Stille - ein Kind, das in die Muschel eines Telefonhörers spricht, sich mit dem Rauschen darin vermischt oder fremden Stimmen lauscht. Ein leises Reden dringt von außen in die fast hermetisch verschlossene, einsame Welt des Kindes hinein. Und dann kommt etwas Rätselhaftes, Bedrohliches hinzu, das unbestimmt bleibt, etwas Gewaltsames deutet sich an, eine Invasion des Unbekannten. Gegen solche Bedrohlichkeiten im Dunkel, gegen ein Alleinsein, das in Verlorenheit mündet, setzt die Dichterin die Hoffnung auf Magie - auf die Magie des Gedichts. Es geht, so betont Ulrike Almut Sandig im Gespräch, um Magie als "Gegenzauber".


kann sein, dass wir bleiben, wo wir sind. gegenüber
am tisch, in den händen die rinde vom brot eines vortags,
wir können nichts für uns behalten: die krumen treten sich fest
auf den fliesen, diese sage geht ihren eigenen pfad, es fehlt uns
an stoffen, keine frage, von unten her kühlt etwas aus und es gibt
keinen rückweg zu legen, wir kommen von nirgendwo her,
wir sind nie woanders gewesen. kann sein, dass wir hier
nicht mehr weggehen werden, die augen im lauf
aufeinander gerichtet, dass keiner als erster
den satz tut zum fenster, zur zugluft, zum südlichen wald.

Das vorliegende Gedicht ist Ulrike Almut Sandigs zweitem Gedichtband Streumen entnommen, der 2007 in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig erschienen ist.

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