Der Hafis des Kapitals

Weltpoet Der türkische Dichter Nazm Hikmet durchwanderte "Menschenlandschaften" von Anatolien bis Moskau

Auf dem Höhepunkt seines Ruhms musste er als Kronzeuge für eine linke Gesinnungsästhetik herhalten. Der bekennende Kommunist Nazm Hikmet (1902-1963), ein Weltpoet, der die besten Jahre seines Lebens in türkischen Gefängnissen verbringen musste, ist bis in die sechziger Jahre hinein als lyrischer Repräsentant einer globalisierten Menschenfreundlichkeit und Imperialismuskritik vereinnahmt worden. Bevor eine nur annähernd akzeptable Übersetzung seiner Werke vorlag, hatte man in BRD wie DDR schon dem Mythos des unerschrockenen Dissidenten Nâzm gehuldigt. Es gibt durchaus gute Gründe, den aus der türkischen Bildungselite stammenden Dichter für seine ästhetische und politische Widerstandsbereitschaft zu bewundern. Nach anfänglicher Sympathie für den Republikgründer Kemal Atatürk, die Hikmet zu einem legendären Fußmarsch durch das türkische Kernland bewog, wo er mit dem Elend der anatolischen Landbevölkerung konfrontiert wurde, entwickelte sich der poetische Stürmer und Dränger rasch zum glühenden Jungkommunisten.

An Sendungsbewusstsein hat es schon dem jungen Hikmet nicht gefehlt. Bereits mit 21 Jahren verkündet er, soviel Gedichte geschrieben zu haben, "wie die Regenmenge eines Jahres". Um sein "eigentliches Hauptwerk" zu beginnen, kokettierte der Jungdichter nicht ohne Eitelkeit, müsse er erst noch "der Hafis des Kapitals werden". In dieser Randbemerkung ist schon die kühne Poetik enthalten, mit der Hikmet die radikale Erneuerung der türkischen Dichtung anging. Werden hier doch zwei sehr gegensätzliche Energien in einer programmatischen Gedichtzeile zusammengeführt: Der persische Dichter Hafis (1320-1369) steht für die Tradition orientalischer Mystik und das Marxsche "Kapital" für den radikal gesellschaftskritischen Impetus der poetischen Imagination. Kommunismus und Mystik, Volkstümlichkeit und Avantgardismus: Die Gratwanderung zwischen den Extremen zeigt sich auch später in dem Versuch, tradierte türkische Sprachmelodien und Lied-Elemente mit avantgardistischen Vers-Techniken zu verbinden. Hikmet war der erste türkische Dichter, der den freien Vers propagierte - sehr zum Verdruss seiner kulturkonservativ gestimmten Dichterkollegen.

Dank seiner ungewöhnlichen Weltoffenheit ist Nazm Hikmet dann auch tatsächlich zum "Hafis des Kapitals" geworden. Dabei hat er sehr von seinem geistigen Familienerbe profitiert. Sein Großvater war ein polnischer Adliger, der aus seiner christlichen Heimat nach Istanbul geflohen war und dort zum Pascha aufstieg. Nâzms Vater wiederum war ein Beamter des osmanischen Außenministeriums, der zeitweise als Konsul in Hamburg arbeitete, seine Mutter eine der ersten emanzipierten Frauen in der Türkei, die ihre Begeisterung für französische Kunst und Literatur in einem privaten literarischen Salon auslebte. Der Dichter selbst, von Atatürk enttäuscht, ging nach Moskau, wo ihn die Dichtung der Avantgardisten Majakowski, Meyerhold und Jessenin zu wuchtigen Beschwörungen der neuen Kunstdynamik hinriss: "Wir haben schon in den 4. Gang der neuen Kunst geschaltet / Wir heben schon ab / Unser Gedicht heißt / Konstruktivismus."

In dieser avantgardistischen Emphase bedichtet Hikmet auch die "irren Pupillen" der Hungernden in den anatolischen Provinzen - ein pathetischer Aufschrei gegen die Versäumnisse des neuen politischen Türkentums. Die Reaktion der neuen Machthaber lässt nicht lange auf sich warten: Hikmet, seit 1924 Mitarbeiter linker Zeitungen und seit 1928 Mitglied der illegalen türkischen KP, wird vom kemalistischen Staat ausdauernd verfolgt und nach seiner Rückkehr aus Moskau verhaftet. Zwar folgt 1928, nach seiner Entlassung aus der Haft in Istanbul, eine Periode des Tauwetters, die Hikmet zur Publikation seiner ersten Bücher nutzt (abgefasst in der von Atatürk eingeführten lateinischen Schrift). Aber wenige Jahre später wird er wieder eingesperrt, wegen angeblicher "Anstiftung zum Aufruhr". Dort schreibt er bis 1950 seine wichtigsten Werke: das Epos vom Befreiungskrieg, das mystisch inspirierte Epos vom Scheich Bedreddin und das fünfbändige Werk Menschenlandschaften. Während seiner zweiten Haftzeit von insgesamt dreizehn Jahren blieb unklar, auf welch verschlungenen Wegen Abschriften von Hikmets offiziell verbotenen Gedichten aus dem Gefängnis nach draußen gelangten. Der lange Zeit in Isolier- und Dunkelhaft gehaltene Dichter trat 1950 in den Hungerstreik, woraufhin endlich eine von Brecht und Sartre unterstützte Kampagne zu seiner Freilassung führte.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Hikmet in Moskau, wo man den renitenten Dichter zum Vorzeige-Kommunisten modellieren wollte und ihn auf Lesereisen durch ganz Europa schickte. Hikmet jedoch ließ sich seine kritische Neugier nicht austreiben, so dass schließlich Stalins Geheimdienstchef Berija darüber nachdachte, den Dichter per "Verkehrsunfall" zu liquidieren. In seinem späten Gedicht Lebenslauf lässt Nazm Hikmet noch einmal seine turbulente Biographie Revue passieren, wobei er an seiner grundsätzlichen Loyalität gegenüber dem kommunistischen Staat keinen Zweifel lässt: "mit dreißig sollte ich aufgehängt werden / mit achtundvierzig die Friedensmedaille verliehen bekommen und bekam sie verliehen / mit sechsunddreißig querte ich ein halbes Jahr lang vier Quadratmeter Beton / mit neunundfünfzig flog ich in achtzehn Stunden von Paris nach Havanna // Lenin hab ich verpaßt statt dessen hielt ich 1924 Wache an seinem Sarg / 1961 sind seine Bücher das Mausoleum das ich besuche / man trachtete mich meiner Partei zu entreißen / vergeblich/ ich wurde auch nicht von stürzenden Götzen erschlagen..."

Die Türkei hat sich mit ihrem Jahrhundertdichter bis in die unmittelbare Gegenwart schwer getan. Zwar erschien 2007 in Istanbul die erste Edition mit Sämtlichen Dichtungen Hikmets, ein Brocken von über 2000 Seiten Umfang. Aber im Vorfeld der Buchmesse stolperten die Verantwortlichen für den Frankfurter Auftritt über ihre eigenen kulturkonservativen Ressentiments. Auf Anweisung des türkischen Kulturministers Günay wurde das für die Eröffnungsfeier vorgesehene Oratorium über Nazm Hikmet abgesetzt. Auf welchen Umwegen die ersten deutschen Übersetzungen Hikmets entstanden, hat vor vielen Jahren Stephan Hermlin berichtet: Sein Freund Nazm las ihm die Gedichte im türkischen Original vor und kommentierte sie dann auf Französisch; diese Kommentare waren die Grundlage für Hermlins Nachdichtungen, die 1956 als Türkische Telegramme publiziert wurden. Wenn nun dank der Islamwissenschaftlerin und Schriftstellerin Gisela Kraft eine zweisprachige Auswahl aus den Sämtlichen Dichtungen Hikmets erscheint, dann kommen unvermeidlich auch die Schwächen des großen Dichters zum Vorschein. Denn obwohl Kraft sich in ihrer Auswahl auf die späten Gedichte Hikmets konzentriert, in denen der agitatorische Kitsch aus der Exil-Zeit weitgehend verschwunden ist, fällt doch an einigen Texten eine reizarme Schlichtheit und eine moralinsaure Metaphorik auf. Andererseits ist man dankbar und beglückt über jene bewegenden Lieder, in denen der in viele Frauen dauerverliebte Dichter die eigene Zerrissenheit besingt. So auch in seinem Gedicht Menschenfresser: "Mein Tisch, mein Papier, meine Schreibmaschine, / mein Kopf, die Luft über mir blutig, / blutig die Bürgersteige der Städte, die ich durchquerte, / die Spur meiner Hände an den Wänden blutig, / ich zerschnitt meine Brust, / wir essen mein Herz, ein Weibchen und ich. / Schreib einen Brief, telegrafiere, ruf an, / ich komme, ich komme, ich komme ja, / der Tod bringt mich zur Vernunft."

Nazm Hikmet Hasretlerin Adi. Die Namen der Sehnsucht. Gedichte. Türkisch und deutsch. Ausgewählt und nachgedichtet von Gisela Kraft. Ammann, Zürich 2008, 360 S., 29,90 EUR

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