Lebenszeichen eines Verschütteten

TEXTGALERIE konkret

»Klopfzeichen« sind bekanntlich die letzten Kommunikationsversuche und Hoffnungssignale von Verschütteten, die im Bergwerk oder unter einstürzenden Gebäuden bei lebendigem Leib begraben werden. Es hat mit ästhetischer und politischer Kompromißlosigkeit zu tun, daß auch der Schriftsteller Christian Geissler in eine Lage geraten ist, die dieser hoffnungslosen Isolation eines Verschütteten gleicht. Aus allen ideologischen Glaubensgemeinschaften, in denen er zeitweise Unterschlupf und geistige Heimat gefunden hatte, trat Geissler nach den unvermeidlichen Desillusionierungen wieder aus: aus der katholischen Kirche, der Ostermarsch-Bewegung, der KPD und schließlich aus den Unterstützerkomitees der RAF, in denen er zuletzt fast bis zur Selbstaufgabe engagiert war. Im Mai 1970 hatte Geissler die konkret-Kolumnistin Ulrike Meinhof kennengelernt - das war der Beginn einer langen Ideen-Freundschaft mit den Theoretikern des »bewaffneten Kampfes«, die erst mit der Thesenschrift Prozeß im Bruch (1992) endete. Als die RAF mit ihren mörderischen Aktionen schon längst jenseits politischer Diskutierbarkeit agierte, veröffentlichte Geissler 1988 kamalatta, ein romantisches fragment, in dem die Legitimität und Notwendigkeit der terroristischen Gewalt zumindest erwogen wird.

Seit der Aufregung um kamalatta wird Geissler allenfalls noch als politischer Sektierer wahrgenommen, seine Bücher werden in den Feuilletons ignoriert. Das war 1980 noch anders, als der Romancier Geissler überraschend das Genre wechselte und einen ersten Gedichtband vorlegte, dessen Titel auf die Ereignisse von Stammheim und Mogadischu verwies: Im Vorfeld einer Schußverletzung.

18 Jahre später ist Geissler bei Klopfzeichen angekommen, bei, wie es scheint, letzten Signalen eines heillos Marginalisierten. Auf dem Umschlag seines Buches sind in der Art eines poetischen Kassibers drei Wörter im Morsealphabet festgehalten: »Tanz«, »Hunger« und »nekume«, das polnische Wort für »Rache«. Die Gedichte selbst, die von biographischen Anlässen, wie dem Tod der Schwester oder einer Reise nach Polen ausgehen, präsentieren sich als verschlüsselte intime Mitteilungen, hermetische Botschaften in forcierter Verknappung. In seinem 16teiligen Textzyklus aus den klopfzeichen des kammersängers bildet das vorliegende Gedicht das Zentrum, den siebten Teil.

Im vorliegenden Fall arbeitet Geissler mit dem Prinzip extremer Reduktion: Wo einzelne Gedichte noch die Liedform aufnehmen oder Märchenmotive paraphrasieren, sie die Texte des klopfzeichen-Zyklus bis auf einzelne Wortpartikel skelettiert, ihre Sprache ist karg, dunkel, hieratisch. In diesen poetischen Engführungen klingt vieles an: neben den biographischen Traumata (»war ich katholisch«) die repressive Formierung des Einzelnen durch ideologische Codes (»das lied der eliten«, der »große gesang«) - wobei die Fügung vom »grosen gesang« nicht nur auf die Selbstlegitimationen der Macht verweist, sondern auch das Verführerische systemkritischer Weltbedeutungen konnotiert.

Von den »großen Gesängen« der Ideologien, so scheint es, hat sich der titelgebende »Kammersänger« zurückgezogen, denn die sinnversprechenden »lieder« haben sämtlich zu »kasernierung« geführt. Das Gedicht endet mit einem Bild von Gefangenschaft, der Figuration von »Leblosem« und einem unbestimmten Etwas, das in einem »draht« hängt.»wo wir ankommen«, hatte Christian Geissler vor ein paar Jahren geschrieben, »als revolutionäre kommunistinnen und kommunisten - genau dort werden wir auch wieder aufzubrechen haben«. Im vorliegenden Gedicht aus dem klopfzeichen-Zyklus ist keine Aufbruchsbewegung mehr denkbar. Der »revolutionäre kommunist« hat sich in einen einsamen »kammersänger« verwandelt, er ist geschrumpft zum kürzel »k«, das dem Dichternamen beziehungsreich angefügt wird.

Christian Geissler, 1928 in Hamburg geboren, lebt in Dollart (Rheideland). klopfzeichen ist im Rotbuch-Verlag erschienen.

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